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BLOG vom 09.10.2013


Unterwegs in Bayern (2): Bad im heilsamen Moorschlamm
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Schwitzen beim Nichtstun – auch das kann gesund sein.
 
Wie schon im 1. Teil der Bayern-Serie erwähnt, habe ich mich entschlossen, ein entspannendes und gesundheitsförderndes Moorbad im Wellness- und Kurhotel „Waldruh“ der Familie Reindl zu nehmen. Am Montag, 23.09.2013 um 7 Uhr morgens, begann das Abenteuer. Der Medizinische Bademeister Christian Reindl hatte das Bad schon 2 Stunden vorher wie folgt vorbereitet: Etwa 200 kg Moor werden mit Wasser zu einem Brei angerührt, filtriert und dann in einem Edelstahlbehälter auf 41 C erhitzt. Dann kommt der Moorbrei in einen Holzzuber.
 
Für mich war das folgende Moorbad eine Premiere. Ich stieg unbekleidet in die Wanne, tauchte bis zum Hals in den Brei, klammerte mich an den Rändern des Zubers mit den Händen fest, da ich den Auftrieb spürte. Dann wurde auf die Herzgegend eine Kühlschlange, die mit kaltem Wasser durchströmt war, aufgelegt. Die Kühlung diente zur Kreislaufschonung. Herr Reindl legte noch ein Brett in der Fussgegend auf den Zuber, damit ich meine Füsse abkühlen konnte. Das tat ich einige Male. Bald darauf kam ich ins Schwitzen. Der sehr freundliche Medizinische Bademeister wischte mir den Schweiss einige Male von der Stirn. Das Bad dauerte 20 Minuten. Danach stieg ich mit etwas Mühe aus dem Zuber. Überall war ich mit Moorschlamm bedeckt. Was tun? Herr Reindl spitzte mich ab. Dann durfte ich mich kurz in eine mit Wasser gefüllte Badewanne legen, und endlich ging es ab in den Ruheraum. Dort wurde ich in Lacken und eine Decke gehüllt und konnte etwa 20 Minuten ruhen. Beim Herauswühlen aus den Laken bemerkte ich, dass diese vom Schwitzen nass waren. Das Moorbad war auch eine Schwitzkur, die mir sehr gut tat.
 
Nach der Prozedur fühlte ich mich völlig entspannt und ruhig. Da dachte ich, ein solches Moorbad wäre für Ruhelose und Gestresste das richtige Mittel. Auch hatte das Moorbad eine gute Wirkung auf meine strapazierten Wanderknochen. Es wurde mir empfohlen, an diesem Tag keine anstrengende Tour zu machen. Aus diesem Grunde verzichtete ich auf einen anstrengenden Aufstieg (500 Höhenmeter) zum Hörnle. Mit einem Sessellift wurde ich in die Höhe getragen. Toni fuhr ebenfalls mit nach oben, während die anderen den anstrengenden Höhenweg absolvierten.
 
Heilmittel Moor
Moor ist ein jahrtausendealtes Heilmittel. So berichtete beispielsweise Plinius über die Germanen, die in Tümpeln der dortigen Sümpfe badeten, um ihre kranken Glieder zu heilen. Moorbäder galten im Volk seit eh und je als ausgezeichnete Mittel bei chronischen Gelenkerkrankungen. Auch Paracelsus befasste sich mit dem Heilstoff Moor. Er wusste bereits, dass Moorbäder bei Unfallverletzungen und Vernarbungen sehr gut wirkten. Auch beschrieb er die entzündungshemmende Wirkung von Moor. Hufeland, Kröning und von Siebold behandelten später Frauenleiden mit Moor. Die Moortherapie in Bad Kohlgrub begründete 1872 Prof. Dr. Eduard Reichardt mit einem Gutachten. Er wies schon damals darauf hin, dass Moor ein stark wirksames Therapeutikum sei und die Moorbäder deshalb nur alle 2 oder 3 Tage angewandt werden sollten. Nach diesem Rhythmus wird auch heute noch in Bad Kohlgrub und Bad Bayersoien „gebadet“.
 
Moor ist das Endprodukt eines natürlichen Pflanzenabbaus unter Luftabschluss. Das in Bad Kohlgrub und Bad Bayersoien verwendete Moor ist ein Bergkiefer-Hochmoor der Ammergauer Alpen. Es ist in der letzten Eiszeit vor 10 000 bis 8 000 v. u. Z. entstanden. Dieses Moor gilt derzeit als eine der wissenschaftlich am Besten untersuchten Moorarten weltweit.
 
Das Moor enthält wertvolle Inhaltsstoffe, wie Huminsäuren, Flavonoide, Saponine, Gerbstoffe, Mineralstoffe, Spurenelemente. Diese Inhaltsstoffe verbessern die Durchblutung, wirken schmerzlindernd, immunstärkend, entgiftend im Magen-Darm-Trakt und entzündungshemmend. Ausserdem regulieren sie den Hormonhaushalt im Körper. Das dickbreiige Moorbad (in dieser Form ist es am besten wirksam!) entlastet die Gelenke bis zu 90 Prozent, fördert die Wärmeübertragung, die wesentlich besser ist als bei einem Wasserbad. Sogar der Körperkern wird erwärmt. Die tiefer liegende Organ- und Körperregionen werden intensiv durchwärmt und der Stoffwechsel in diesen Bezirken angekurbelt. Die Zellen werden besser mit Sauerstoff versorgt. Fremd- und Giftstoffe werden ausgeschieden, der Körper entschlackt.
 
Die ganzheitliche Wirkungsweise ist natürlich und ohne jegliche unerwünschte Nebenwirkung. Man kann die Moortherapie durch physikalische Therapien wie z. B. die Massagetherapie und Krankengymnastik ergänzen.
 
Wie wird das Moor gewonnen? Das entnommene Moor wird von grösseren Ästen und Wurzeln befreit, in Moorbadebetrieben, wie schon eingangs erwähnt, zerkleinert, mit heissem Wasser und Dampf auf 40 bis 43 °C erwärmt. Der aus den Torfstichen entnommene Badetorf wird nach Gebrauch wieder dorthin zurückgebracht, wo sich Torfmoose und andere Pflanzen erneut ansiedeln. Es kommt zu erneuten Vertorfung und damit Renaturierung. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum Naturschutz.
 
Moorbäder, Moorpackungen: Das Moorbad hat eine hohe Wärmekapazität. Es ist bis zu 43 °C gut verträglich. Es wird nicht wärmer empfunden als ein Wasserbad von 37 °C. Ein Moorbad dauert ca. 15 bis maximal 20 Minuten. Das Moorbad wird (im Rahmen einer Moortherapie) nur nach ärztlicher Verordnung verabreicht.
 
Moorbäder und Moorpackungen haben sich besonders bewährt bei rheumatischen Erkrankungen, chronisch entzündlichen Veränderungen an Muskeln, Gelenken und Nerven, bei gutartigen Prostataleiden, Unfall- und Verletzungsfolgeerscheinungen. Moor ist auch wirksam bei Frauenleiden (chronisch entzündliche Erkrankungen, Zyklusunregelmässigkeiten, Beschwerden in den Wechseljahren). Moorbäder wirken durchblutungsfördernd auf die Unterleibsorgane der Frau. Nach Mooranwendungen wurde auch eine vermehrte Ausschüttung von Östrogen beobachtet. Die Bäder helfen auch beim Stressabbau. Anwender fühlten sich nach dem Bad wohl und entspannt. Eine Kur sollte mindestens 3 Wochen dauern.
 
Eine Moorpackung wird direkt auf die betreffenden Körperpartien je nach Indikation entweder warm oder kalt aufgetragen.
 
Ein hoher Blutdruck ist kein Hindernis für eine Moortherapie, zumal er durch die Kur positiv beeinflusst wird.
 
Kontraindikationen (Anwendungsverbote bei): Tumorerkrankungen, akut entzündliche Erkrankungen.
 
Moortherapie und Kinderwunsch
In der kaiserlich-königlichen Monarchie reisten Frauen der höheren Gesellschaft in ein Moorheilbad, um ihre Kinderlosigkeit behandeln zu lassen. Inzwischen wurde die bewährte Therapie neu belebt, zumal positive Erfahrungswerte wissenschaftlich erklärbar gemacht wurden. Die Therapie kann sich aus folgenden Bestandteilen zusammensetzen: Vollbäder mit alpinen Bergkiefer-Hochmoor (9 Moorbäder innerhalb von 3 Wochen). Fundierte badeärztliche und/oder heilpraktische Behandlung, eventuelle psychologische Betreuung, Unterstützung der Behandlung mit ausgesuchten Heil- und Entspannungstees, Zeit für Entspannung und Erholung, um Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen.
 
Wie erklärt man sich die Wirkung? Der entscheidende Aspekt liegt im Zusammenwirken von Inhaltstoffen und Wärme. Erst die wärmebedingte Öffnung der Poren schafft die Voraussetzung, dass die im Folgenden genannten Inhaltsstoffe in hohem Mass durch die Haut in den Organismus gelangen. Erstens wirken die speziellen Inhaltsstoffe (Fulvin- und Ulminsäure) durch die Haut und entfalten hormonregulierende Eigenschaften (Prolaktinsenkung, Östrogenerhöhung, Verbesserung der Durchblutung). Zweitens bewirkt die Wärme eine Verbesserung der Durchblutung im Unterleibsbereich wie auch im Gesamtorganismus – mit allen positiven Vitalisierungs- und Entspannungseffekten (www.balneologie-dggg.de/heilmittel.php).
 
Wichtige Hinweise: Unter www.moorsymphonie.de können Sie Kur-Informationen, Infos zu Moor-Pauschalen, Hotels, Ferienwohnungen, Gästezimmer bekommen. Im Ärzte-Forum können Sie kostenlos persönliche Fragen an die Moorspezialisten stellen. Sie erfahren aber auch Fakten zu den stationären und ambulanten Vorsorgeleistungen der Krankenkasse und wie eine Kur beantragt wird.
 
Anhang
Wissen über Torf und Moor
Die Torfmoore bestehen aus zersetzten Pflanzen. Es dauert etwa 8000 Jahre bis ein Moor entsteht. Torf nutzten viele Bewohner als Heizmaterial und als Füll- und Dämmmaterial. Braunkohle entsteht übrigens auch aus Torf und ist dann 20 bis 30 Millionen Jahre alt. Es wurde sogar zum Einstreuen in Ställen und für Bettunterlagen verwendet. In Notzeiten stellte man sogar aus Torffaserwolle Pferdedecken her.
 
Der Torfabbau wird heute kaum noch betrieben, da er einen grossen Arbeitsaufwand erfordert. Die Familie Frühschütz-Grüning hat seit Generationen das Torfstechen beibehalten. Ihr Wissen haben sie an die Tochter und den Schwiegersohn Klöck weitergegeben.
 
In Bad Bayersoien gibt es für Gäste ein Schautorfstechen (Handwerkzeuge und vieles mehr sind im Museum des Ortes ausgestellt).
 
Birgit Klöck berichtete während einer Führung dies: Ein intakter Torfboden wächst sehr langsam, nämlich pro Jahr nur 1 mm.
 
Internet
 
Literatur
„Moor-Symphonie“ (Moor-Fibel; Moor erleben und geniessen), Herausgeber: Bad Bayersoien und Bad Kohlgrub (ohne Autorenangabe).
„Torfstechen“ (Altes Brauchtum – Handwerk), „ ´s Fenster zum Ammertal“, 24. Ausgabe Oktober/November 2013 (ohne Autoren-Angabe).
 
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