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BLOG vom 19.10.2013


Unterwegs in Bayern (5): Das Oktoberfest hautnah erlebt
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
An den beiden letzten Tagen unseres Wanderurlaubs in Bayern regnete es stark, so dass wir uns entschlossen, das 180. Münchner Oktoberfest und das Freilichtmuseum Glentleiten zu besuchen.
 
Am 26.09.2013 fuhren wir mit der Bahn von Murnau zum Hauptbahnhof in München. Dort wanderten wir innerhalb von 20 Minuten zur Wiesn. Die meisten meiner Freunde kannten das grösste Volksfest und die grösste Biersause der Welt noch nicht. Sie waren über den Rummel, der an diesem Regentag nicht so ausgeprägt war, überrascht. Um 11.30 Uhr gingen wir ins Bierzelt des Hofbräuhauses und setzten uns an einen Tisch mit dem Schild „Bis 16 Uhr keine Reservierung.“
 
Aloisius im Bierzelt
Kaum sassen wir, kam schon eine Bedienung im Dirndl dahergerauscht und nahm unsere Bierbestellung auf. Natürlich wurde zunächst eine Mass Helles für 9,75 Euro bestellt, später kamen weitere dazu. Den Gerstensaft tranken wir genüsslich.
 
Ich sah mich im Zelt näher um. An der Stirnseite und am Ende waren Emporen. Hier waren die Tische mit blauweissen Tüchern geschmückt. Wie ich hörte, treffen sich dort Prominente aller Art, aber auch Firmenchefs, die dort für ihre Mitarbeiter Tische reservieren.
 
An der Decke hingen viele Kränze aus Hopfen. In der Mitte des Zeltes hing die Figur „Aloisius“, der auf das bierselige Volk herunterblickte. Es ist eine Figur des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma. Er schuf eine humoristische Satire, die man auch im Internet anschauen kann.
 
Hier kurz der Inhalt: Aloisius ist im Himmel und bekommt dort kein Bier. Er beklagt sich bei Petrus und betont, dass er hier zu nichts zu gebrauchen sei. Er wird auf die Erde geschickt mit dem Auftrag, er solle der bayerischen Regierung göttliche Ratschläge übermitteln. Er fliegt ab, lässt sich im Hofbräuhaus nieder, geniesst das Bier und vergisst den Auftrag. Er sitzt bis zum heutigen Tag dort. Schlusssatz der Satire: „Derweil wartet die bayerische Regierung immer noch auf die göttlichen Ratschläge (bzw. auf die göttliche Eingebung).“
 
Eine solche Eingebung bräuchten die heutigen Politiker besonders, um die besten Entscheidungen treffen zu können. Infos unter http://de.wikipedia.org
 
Das Festzelt füllte sich langsam. Wie ich von der Bedienung hörte, finden in solch einem Zelt 7500 Menschen Platz, und hier hat die Langeweile keine Chance. Es setzten sich wildfremde Leute an unseren Tisch, worunter auch ein freundlicher Russe aus Petersburg. Toni kam mit ihm ins Gespräch und gab ihm seinen Hut zum Anprobieren. Der Hut passte und machte den Russen trachtenmässig attraktiver. Toni schenkte dem Gast seinen Hut. „Er hatte Tränen in den Augen“, sagte Toni über die Reaktion des Beschenkten. Toni bekam dann eine Einladung nach Petersburg. Wir sind alle neugierig, ob die Einladung zustande kommt oder ob sie in der Bierseligkeit verschwunden ist.
 
Die Kapelle in der Mitte des Zelts brachte Stimmungsmusik, dass so mancher im Überschwang schunkelte und mitsang. Ab und zu tönte es von der Bühne „Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit, ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit.“  Da konnte sich unser Tenor Toni nicht mehr zurückhalten und sang mit Leibeskräften mit. Seine kräftige Stimme hob sich aus der Menge hervor.
 
Böfflamott, Hendl, Schweinshaxn
Nach dem ersten Biergenuss machte sich der Hunger bemerkbar. Ich war sehr erstaunt, als ich die Karte mit den Angeboten studierte. Es gab Mittagspezialitäten aus der HB-Küche (Kalbsrahmbraten, Böfflamott, knuspriger Schweinrollbraten, Rinderroulade „Hausfrauen Art“, Seelachs für je 8.50 Euro), Hendl- und Enten-Gröstl (ausgelöstes Hendl- und Entenfleisch mit Gemüse, Speck und Kartoffeln für 9.50 Euro), Leberknödelsuppe, Salate, Weisswürste (bis 13 Uhr), Leberkäs, Oktoberfest Schmankerl (Schweinshaxn, Spanferkelbrüstchen, Schweinekrustenbraten, Bauernente, Rindersteak), Gerichte ohne Fleisch, Mehlspeisen (Dampfnudel, Apfelstrudel, Kaiserschmarrn).
 
Biere: Oktoberfestbier (Export Hell), alkoholfreies Bier (Schankbier) und „Radler Mass“. Ich hielt mich nach dem Hellen an eine Mass Schankbier.
 
An unseren Tisch flanierten einige Verkäuferinnen vorbei, die Parfüm, Blumen, Donats, Bretzeln anboten. Am Nachmittag kamen 2 reizende junge Frauen mit je einem Alkoholmessgerät an unseren Tisch. Diejenigen, die schon mehr getrunken hatten, bliesen in die Geräte und konnten dann die Promillezahl ablesen (die Werte schwankten von 0,96 bis 1,16). Alle fühlten sich noch relativ nüchtern ...
 
Da das Bier in den Masskrügen nicht immer bis zur Marke gefüllt ist, wurden Kontrollen eingeführt. Mit einem Massstab wird geprüft. Der Bierpegel darf höchstens 1,5 cm unterhalb der Marke sein.
 
Als die Stimmung auf einen Höhepunkt war, kamen die Kampftrinker. Diese stellten sich abwechselnd mit einer Mass Bier auf den Tisch und tranken den Gerstensaft in vielleicht 20 Sekunden aus. Es waren ungefähr 10 Burschen und eine Frau, die sich bei einer solchen Aktion feiern liessen. Ein Bayer, der schon 23 Jahre Dauergast auf dem Oktoberfest ist, betonte, er sei kein Kampftrinker, trinke jedoch 5 Mass am Tag. „Als echter Münchner muss man das schon vertragen.“ Manchmal schummelt er insofern, als er ein alkoholfreies Bier trinkt.
 
Am Nebentisch sassen einige Japaner, die sich vorbildlich benahmen und sich mit dem Trinken zurückhielten. Eine vielleicht 25-jährige, hübsche Japanerin stand bei den Kampftrinkeraktionen auf, lachte und klatschte, dass es eine wahre Freude war. Kurz darauf verliessen die Japaner das Zelt.
 
Um 15.15 Uhr tauchten kräftige Security-Burschen auf und machten uns darauf aufmerksam, dass wir den Platz verlassen sollten. Um 16 Uhr beginne eine neue Schicht mit Reservierung; vorher muss alles gereinigt werden.
 
Wir verliessen das Zelt gehorsam und bummelten über die Wiesn. Der Regen hatte nachgelassen, so dass wir ohne Schirm umherlaufen konnten. Es gab viele Stände mit Essbarem, Lebkuchenherzen, gebrannten Nüssen, Hendlbratereien und weitere Bierzelte. Für Lustbarkeiten war ebenfalls gesorgt: Achterbahnen, ein altes zauberhaftes Kettenkarussell, Rutschbahnen, Schiessstände usw. Zum Glück hielt sich an diesem regnerischen Tag das Gedränge in Grenzen.
 
Als ich am „Weinzelt“ vorbeiwanderte, kam mir eine Sendung des Bayerischen Fernsehens am Vortag in den Sinn: Ein Millionär, der auf Mallorca eine grosse Villa sein Eigen nennt, wurde vorgestellt. Er spendierte für seine Mitarbeiter mehrere Champagner-Magnumflaschen. Eine Flasche kostete schlappe 2000 Euro. Das Dumme war nur, dass sie den Champagner nicht standesgemäss aus speziellen Gläsern, sondern aus Steingut-Bierkrügen soffen. An diesem Abend wurden 5 Magnumflaschen geleert.
 
Mehr Mass als Besucher.
Nach dem Oktoberfest wurden einige Zahlen bekannt: Diesmal waren 6,4 Millionen Besucher aus der ganzen Welt auf der Wiesn. Die Gäste tranken 6,7 Millionen Mass (Liter) Bier, verspeisten das Fleisch von 114 Ochsen und 58 Kälber. Es wurden auch weniger Bierleichen gesichtet.
 
Woher stammt das Wort „Bierleiche?“
 
„Bierleiche hiess der Student, der, seiner Sinne nicht mächtig, unter den Tisch getrunken wurde und dort röchelnd einschlief, denn Trinkfestigkeit galt unter deutschen Männern in dieser martialischen Epoche als Beweis von Männlichkeit“ („Kleine Kulturgeschichte“).
Wie ich auf Fotos in Zeitungen sehen konnte, lagen die Bierleichen in Krachlederhosen nicht unter den Tischen, sondern im Gras herum, hatten alle Viere von sich gestreckt und dösten.
 
Das Bayerische Rote Kreuz hatte viel zu tun. Die Polizei war 2031 Mal im Einsatz – exakt so häufig wie im vergangenen Jahr. Es gab auch eine Anlaufstelle für verschwundene Personen und nicht auffindbare Gegenstände. So verloren über 50 angesäuselte Frauen ihren Partner.
 
Wir bemerkten an diesem Donnerstag keine Menschen, die herumtorkelten oder sonst irgendwie auffielen. Auf dem Weg zur Toilette (diese bestand für die Männer aus 2 Blechrinnen mit fliessendem Wasser) konnte ich einige schwankende Gestalten ausmachen. Sie grölten jedoch nicht herum und fanden ohne Schwierigkeiten die Blechrinnen. Dass es so friedlich zuging, lag wohl an der Tageszeit. Da hatten die meisten Besucher noch nicht soviel Bier intus.
 
Oktoberfest-Witze
Ein US-Amerikaner sitzt im Hofbräuhauszelt, trinkt sein Bier und kaut dabei am Bierdeckel.
„Hats geschmeckt?“ fragt die Kellnerin im feschen Dirndl.
„Bier sehr gut, aber Kekse sehr hart.“
 
Die folgende Episode ist wirklich passiert (diese hörte ich in einer Sendung des Bayerischen Fernsehens):
 
Eine bayerische Komödiantin im Dirndl sitzt gegenüber dem Pater Anselm. Dieser schaute wie gebannt längere Zeit auf ihren Ausschnitt. Die Komödiantin: „Ein geistlicher Herr darf das doch nicht.“ Da antwortete der Pater: „Das hat Gott geschaffen, damit die Herren sich erfreuen können.“
 
Ein Mann kommt stark angeheitert vom Oktoberfest heim. Er ertappt seine Frau in flagranti mit einem Neger* im Bett. In seinem „Dampf“ macht ihm das überhaupt nichts aus und murmelt nur: „Jezat hob i´s schwarz auf weiss!“
 
*Der Dunkelhäutige bzw. Afrikaner wird in bayerischen Witzen nach wie vor als Neger bezeichnet. Dort pflegt man eben noch Traditionen.
 
 
Literatur
Döbler, Hanssferdinand: „Kochkünste und Tafelfreuden“ (Kleine Kulturgeschichte), Orbis Verlag, München 1972. 
 
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