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BLOG vom 11.11.2013


Das Leben ist lebensgefährlich … Makabrer Leseabend
 
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
 
Etwa 35 Personen sitzen vor mir an Tischen. Ein junges Paar, um die 30 Jahre alt, ist dabei; die anderen leben im 4. bis 7. Lebensjahrzehnt. Wir befinden uns in einem kleinen Café, am Rande der kleinen Stadt, ein Stück hinter dem der Ortsmitte abgewandten Ausgang des Bahnhofs. Es ist ein besonderes Café, das Käffchen, eröffnet von der Lebenshilfe, eine Vereinigung auf Bundesebene, die sich dafür einsetzt, dass geistig behinderte Menschen so selbstständig wie möglich leben können und sie in ihrer Selbstständigkeit unterstützt.
 
Im Käffchen arbeiten Menschen mit einer geistigen Behinderung. Es geht nicht immer schnell mit der Ausführung der Bestellungen, manchmal vergessen sie auch etwas. Die Gäste nehmen das gelassen. Sie kommen, weil das Klima stimmt, wie mir ein älterer Mann sagte. Kommunikation ist eher als in einem der städtischen Cafés möglich. Es gibt keine Hektik.
 
Vor ein paar Monaten hatte die Leiterin des Cafés, Frau Rohr, in Zusammenarbeit mit einem Kollegen der Abteilung, die sich um Ehrenamtliche und Öffentlichkeitsarbeit kümmert, die Idee, zusätzlich zum Café-Betrieb Veranstaltungen anzubieten. Neben dem Café gibt es einen Vortragsraum, auch für Feiern geeignet, und bei gutem Wetter besteht auch die Möglichkeit, draussen zu tagen. Es fanden Ausstellungen mit Bildern und eine Lesung statt.
 
Ich bin immer für Herausforderungen zu haben. So dachte ich mir, ich könnte doch einige meiner Blog-Texte in einer Lesung einem realen Publikum vorstellen. Bisher sind die Blogs ausschliesslich im Internet erschienen, nicht gedruckt, sondern nur virtuell.
 
Die Leiterin des Cafés fand die Idee gut. Da ich viele Texte über das Thema Lebensende, Seelenwanderung und Tod geschrieben habe, bot sich der Monat November an. In diesem Monat wird in Deutschland Allerheiligen, Allerseelen, der Volkstrauertag und der Totensonntag begangen.
 
Ich schlug einige Texte vor. In einer Besprechung wurden davon 9 ausgewählt. Die Leiterin überlegte sich besondere lukullische Angebote, so etwa Stücke von Kuchen, die aussahen wie ein Grab mit einem Grabstein aus Marzipan, Gebäck in Fingerform, Tomatensuppe und anderes.
 
Ein zugkräftiges Thema wurde ausgewählt: „Das Leben ist lebensgefährlich.“ Der Text weist darauf hin, dass eine telefonische Anmeldung sinnvoll sei, da an den Tischen nur 30 Personen Platz haben. Auch sollte ich mich als Autor und meine Art des Textens kurz beschreiben: „Ich schreibe über Alltägliches – selbst erlebt, kreiert oder erzählt bekommen.“
 
Die Ankündigung erschien in verschiedenen Zeitungen, der regionalen und den kostenlosen Reklameblättern. Schon 2 Wochen vorher schnellten die Anmeldezahlen in die Höhe.
 
Jetzt ist es soweit. Ich stehe an der Theke, auf der ich meine Papiere gelegt habe und schaue auf das Publikum. Die Bedienung und ich tragen dunkle Kleidung, passend zum Anlass.
 
Bei meiner Einführung erwähne ich Epikur ...
 
„Der Tod berührt uns nicht, denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“
 
... und Erich Kästner mit: 
„Wird’s besser? Wird’s schlimmer?
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich;
Leben ist immer
lebensgefährlich.“ 
Ich berichte ein paar Einzelheiten über mein Leben, meine Besuche in Indien und wie ich zum Schreiben kam. Bei den fiktiven Texten will ich mich an E. A. Poe orientieren, der forderte, dass die short storyies von einem einzigartigen Effekt auszugehen haben, der die ganze Geschichte beherrschen müsse; dabei soll das Ungewöhnliche das Alltägliche erhellen.
 
Der Abend, angelegt auf zirka 90 Minuten – mit Verlängerungsoption ‒, ist eingeteilt in 3 Abschnitte; zwischen jeweils 2 oder 3 Texten gibt es eine Pause zur Konsumption.
 
Ich beginne mit einem allgemeinen Text, meine ersten Begegnungen mit Verstorbenen und Mumien:
 
 
Es folgt ein fiktiver Text über einen Anruf aus einem Sarg:
 
 
Auch der nächste Text ist fiktiv, der letzte Blick einer gerade Verstorbenen auf den Sonnenaufgang:
 
 
In der ersten Pause bestellen viele der Gäste Getränke und Speisen.
 
Nach dieser Stärkung entführe ich sie nach Indien. Im Hinduglauben können die Seelen nach dem Tod auch in Tiere übergehen:
 
 
Es gibt wieder eine Pause. Danach wird es ein bisschen gruselig. Die Texte gehen um einen Mord und die Konsequenzen sowie um die Totenhand, die aus dem Grab wächst:
 
 
Es ist sinnvoll, die gedrückte Stimmung wieder aufzulockern. Das geht gut mit lustigen Texten auf Grabsteinen:
 
 
Ein Ausklang muss sein! Er handelt vom Leben, das, von den Eltern gegeben, damit auch gleich dem Tode ausgeliefert wird, es ist lebensgefährlich, schon von der Zeit vor der Geburt an:
 
 
Im Anschluss ergeben sich noch ein paar Einzelgespräche. Die junge Dame berichtet, sie sei Altenpflegerin und habe so auch viel mit dem Tod zu tun. Mit anderen Gästen unterhalte ich mich über Indien, und ein Herr gesteht, dass er auch gern einmal dort hin fahren möchte. Viele bedanken sich bei mir.
 *
Der Abend dauerte knapp 2 Stunden. Wie viele eigene Gedanken die Texte in jedem einzelnen Zuhörer erzeugt haben, wage ich nicht zu ermessen. Es war ein interessantes Erlebnis, und ich glaube, nicht nur für mich!
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