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BLOG vom 22.11.2013


Der letzte Stich, der in der Familie alles veränderte, alles
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
 
Oft genügt nur eine Sekunde. Und nichts wird wieder so sein wie vorher.
 
Im Nachhinein könnte man diesen schicksalshaften Tag als „Stichtag“ bezeichnen, wenn sich das nicht pietätlos anhören würde.
 
Das Vertrauen in ihren Ehemann hatte schon lange vorher einen Stich bekommen.
 
Vielleicht war es auch der Stich ins Ordinäre, der sie bei ihm immer häufiger störte.
 
Sie hatte sich dann so schwach gefühlt wie nach einem Sonnenstich.
 
Er hingegen freute sich über jeden Stich, den er beim Kartenspiel gewann.
 
Der letzte Stich veränderte alles in der Familie, radikal alles.
 
Die nachfolgende Geschichte beruht auf Begebenheiten, die sich Anfang November 2013 Jahres hier in einer Kleinstadt in Deutschland so oder so ähnlich zugetragen haben.
 
Wir blicken auf eine Familie, die in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt wohnt. Sie kommt nicht aus Deutschland; die Grossmutter, in Polen lebend, hat aber deutsche Wurzeln. Die Tochter sprach kaum Deutsch und kannte nur ein paar Worte, die ihr die Grossmutter beigebracht hatte. Als bekannt wurde, dass die Bundesrepublik sie aufnehmen würde, hatten beide vor vielen Jahren den Schritt gewagt und waren nach Deutschland gekommen. Die Tochter hatte schon in Polen geheiratet; das Paar bekam ein Kind und ihr Mann, ein Pole, durfte ebenso einreisen. Die Erwachsenen haben die deutsche Sprache ein wenig, der Sohn der beiden gut gelernt. Als der Junge 10 Jahre alt war, kam, schon in Deutschland, noch eine Tochter zur Welt.
 
Krzysztof und Ewa sind stolze Eltern. Beide Kinder, Karol und Karolina, entwickelten sich gut. Sie haben viele Freunde.
 
Die Sprachkenntnisse des Familienvaters reichten nicht aus, und so verlor er nach einiger Zeit seine Beschäftigung in einem Betrieb. Ewa muss, da die Familie mit dem wenigen Geld, das von der Agentur gezahlt wird, nicht auskommt, putzen gehen.
 
Karol lernte einen Beruf, und als er 18 Jahre alt war, zog er mit seiner Freundin in eine eigene Wohnung.
 
Karolina ist der Liebling der Grossmutter. Oft verbringt sie die Wochenende bei ihr, nicht weit von der elterlichen Wohnung entfernt. Sie hat dort auch ein Bettchen und Spielsachen.
 
In der Grundschule kam Karolina gut zurecht, die Lehrerin und auch die Betreuerinnen, die sich nach dem Unterricht zusätzlich um sie kümmerten, haben sie gern.
 
Krzysztof wollte in seinen 40. Geburtstag hineinfeiern. Er lud Freunde, Landsleute aus Polen und noch ein paar ehemalige Arbeitskollegen ein. Er kaufte Wodka und Bier. Ewa wollte der Männerrunde nicht beiwohnen. Sie ging mit Karolina zu ihrer Mutter. Erst spät am Abend wollte sie nach Hause gehen; das Mädchen sollte die Nacht bei ihrer Grossmutter schlafen.
 
Die Männer tranken Wodka und spielten Karten. Krzysztof hatte Glück, er machte einen Stich nach dem anderen und gewann. Sie begangen zu singen, alte Lieder aus der Heimat und Trinklieder. Krzysztof war glücklich, was brauchte er mehr; seine Freunde waren da. Er hatte Alkohol und etwas zu essen. Er mochte seine Freunde, und zusammen fühlten sie die Sehnsucht nach der Heimat, die so unerreichbar war.
 
Als Ewa nach Hause kam, hörte sie schon vor der Wohnungstür die Männer laut singen, nein, man konnte es nur noch grölen nennen, denn der Alkohol hatte seine Wirkung getan. Sie ging hinein, grüsste kurz und sagte, dass sie müde sei und ins Bett gehen wollte; es wäre schön, wenn die Männer etwas ruhiger sein würden. Sie hatte auch Bedenken, dass die Nachbarn sich beschweren oder sogar die Polizei holen würden.
 
Die Lautstärke wurde etwas gedämpft, Ewa ging ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen bekam sie noch mit, dass alle Krzysztof zum 40. Lebensjahr beglückwünschten.
 
Später erwachte Ewa wieder, die Männer machten sich auf, die Feier zu verlassen, was nicht sehr leise vonstatten ging. Kurz danach kam Krzysztof ins Bett und schlief schnell ein.
 
Am nächsten Morgen stand Ewa auf, der Atem ihres Mannes stank immer noch nach Wodka. Sie erinnerte sich daran, dass Krzysztof am Vormittag einen Termin bei der Jobagentur hatte. Würde er ihn nicht wahrnehmen, lief die Familie Gefahr, ihr Einkommen zu verlieren.
 
Also rüttelte sie ihn wach. Er fuhr sie an, sie solle ihn schlafen lassen, aber sie liess nicht nach. Endlich torkelte er aus dem Bett und wollte gleich wieder zur Wodkaflasche greifen. Das Wohnzimmer und die Küche zeigte die Spuren des Gelages der letzten Nacht.
 
In der Küche geriet das Ehepaar in Streit. Sie schrie ihn an, saufen könne er, aber er müsse auch an die Familie denken. Er brüllte zurück, wollte sie schlagen.
 
Plötzlich hatte er ein spitzes Wurstmesser in der Hand. Ewa stand vor ihm. Er schrie, sie gönne ihm gar nichts, und heute sei sein Geburtstag. Blind vor Wut stach er zu, einen kurzen, kräftigen Stich. Ewa krümmte sich und fiel zu Boden.
 
Ungläubig und erstarrt sah Krzysztof auf seine Frau, hob sie hoch, rief sie an. Es war zu spät, Ewa war tot. Langsam, ganz langsam drang es zu ihm durch, was er getan hatte. Er setzte sich auf einen Küchenstuhl und starrte auf seine Frau. Ihre Bluse war voller Blut. Ihre Augen waren weit geöffnet, sie starrte ungläubig.
 
Nach einer Weile stand Krzysztof auf, ging zum Telefon und rief die Polizei an.
 
 
Hinweis auf weitere Feuilletons von Gerd Bernardy
13.09.2013: Eine Lebensgeschichte, ein besonderer Leichenschmaus
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