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BLOG vom 28.12.2013


Aromen nicht nur in Schokolade: Künstlich oder natürlich?
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Die „Stiftung Warentest“ liess kürzlich den Aromastoff in Nussschokolade der Marke Ritter Sport untersuchen. Für diese Schokolade wurde der von der Firma Symrise produzierte Aromastoff Piperonal verwendet. Die Stiftung Warentest behauptete, das nach Vanille duftende Piperonal werde chemisch hergestellt. Die Firma Ritter erwirkte beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung gegen diese Behauptung. Die Schokoladenfirma ist der Ansicht, der Aromastoff werde aus natürlichen Produkten hergestellt, und es liege kein synthetischer Stoff vor. Die Firma Symrise gab auch eine eidesstattliche Erklärung ab, dass das Aroma pflanzlichen Ursprungs sei. Piperonal komme auch in Pfeffer und in Blütenölen von Echtem Mädesüss und der Gewöhnlichen Robinie vor. Ein Vergleich wurde kürzlich abgelehnt. Nun geht es in die nächste Runde beim Landgericht München.
 
Aromen aus dem Labor
Für den Verbraucher sind die Kennzeichnungen verwirrend. Schon in meinem Buch „Richtig gut einkaufen. Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag“, das im Verlag Textatelier.com GmbH 2005 erschienen ist, wies ich auf die Aromen aus dem Labor hin. Heute sind unglaublich viele Aromen für fast alle Geschmacksrichtungen lieferbar.
 
Beispiele: Hamburger-Aroma-, Pasta-Aroma, Hühnerbrühe-Aroma, Geschmack von Fleisch mit Champignon, Gulasch-Aroma, Ananasgeschmack Typ „Dosenfrucht“. Die Firma Dragoco in Holzminden D ist auf ihre Duftspezialisten stolz. Sie kann über 7000 verschiedene Geschmacks- und Aromamischungen liefern.
 
Die meisten Verbraucher wünschen offenbar Farb- und Aromastoffe in Nahrungsmitteln. Der Verkaufsleiter einer deutsch-schweizerischen Früchteverarbeitungs-Firma in Konstanz erklärte zum aromatisierten Joghurt: „Wenn da kein Aroma hineinkommt, dann schmeckt das wie eingeschlafene Füsse.“
 
Hat der Mann eine Ahnung! Es gibt nämlich ausgezeichnete Bio-Früchtejoghurts mit natürlichen oder gar keinen Aromen.
 
Beispiel 1: Frucht Pur, Selektion von Edeka (35 % Frucht im Joghurt). Deklaration: frisch-fruchtiger Geschmack, ohne Aromastoffe, ohne Bindemittel (endlich ein Joghurt ohne Farb- und Aromastoffe!).
 
Beispiel 2: Bio-Fruchtquark mit Heidelbeeren von der Firma „Berchtesgadener Land“, Deklaration (Auszug): Verdickungsmittel Pektin mit Johannisbrotkernmehl, natürliches Aroma.
 
Natürlich, naturidentisch, künstlich
Wie die Farbstoffe, so sind auch die Aromastoffe deklariert:
 
Natürliche Aromastoffe: Oft nicht aus der Frucht gewonnen, sondern mittels Schimmelpilz- und Bakterienkulturen produziert. Manche werden aus pflanzlichen Ausgangsprodukten hergestellt (z. B. Vanillin aus der Vanilleschote).
 
Naturidentische Aromastoffe: In der Natur vorkommenden Aromastoffe, die im Labor synthetisiert werden (z. B. Vanillin).
 
Künstliche Aromen: Chemische Verbindungen, die in der Natur nicht vorkommen (z. B. Ethylvanillin).
 
Laut EU-Aromenverordnung wird nur noch zwischen „natürlichen Aromastoffen“ und „Aromastoffen“ unterschieden. Wenn Vanillin aus Lignin gewonnen wird, handelt es sich um einen „natürlichen Aromastoff“. Das finde ich nicht in Ordnung. Hier wird der Verbraucher getäuscht. Wenn ich bei manchen Produkten in der Zutatenliste nur die Bezeichnung „Aroma“ finde, handelt es sich wohl nicht um einen natürlichen Stoff.
 
Betrachten wir einmal die Aromastoffbezeichnung auf verschiedenen Schokoladen und einer Nuss-Schoko-Creme näher:
 
Nougat-Schokolade von Rapunzel (in Reformhäusern und Bioläden erhältlich): Enthält „Bourbon Vanille“ (das ist eine eindeutige Kennzeichnung, also ein natürlicher Zusatz!); alle Zutaten sind aus 100 % kontrolliert biologischem Anbau.
 
Samba Haselnuss-Schoko-Creme von Rapunzel: Enthält „Bourbon Vanille“ (Kennzeichnung ist eindeutig): Alle Zutaten aus 100 % kontrolliert biologischem Anbau.
 
Kakao-Mandeln von Brandt (bei Aldi gekauft): Inhaltsstoff: natürliches Aroma.
 
Ovomaltine-Milchschokolade: Auf der Ovomaltine-Packung ist das Aroma Vanillin und auf der Schokolade-Umhüllung natürliches Aroma aufgeführt.
 
Moser Roth Edel Bitter 70 % Kakao (bei Aldi gekauft): Vanilleextrakt.
 
Milka Noisette: Aroma: Vanillin.
 
Wer blickt da noch durch? Ich finde, man sollte die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe eindeutiger machen. Leider sind die Zutaten in winziger Schrift auf der Rückseite der Packungen aufgedruckt. Man braucht schon gute Augen oder eine Superbrille, um hier das Gedruckte lesen zu können. Unser Frischmarkt Hieber in Schopfheim D hat seine Einkaufswägen vorbildlich mit Lupen ausgerüstet.
 
Herrlich duftende Wurst
Kürzlich machte mich ein Kunde auf die gut schmeckenden, geräucherten Wiener Würstchen in Gläsern aufmerksam. Er war so überzeugt von diesem Produkt, dass mir schier das Wasser im Munde zusammenlief. Ich studierte die Zutatenliste und konnte die Zutat „Rauch“ sehen. Da dachte ich mir, die guten Würste würden im Rauch „heranreifen“. Falsch gedacht, ein Bericht im „Spiegel Online“ öffnete mir die Augen. In der Regel werden die Würste mit industriellem Flüssigrauch besprüht. Es wird argumentiert, dass Flüssigrauch nicht gesundheitsschädlich sei und die Würste besser aromatisiert werden können, auch sollen sie haltbarer sein.
 
Ich ziehe jedoch eine natürliche Räucherung, zum Beispiel beim Schinken, vor. Es ist nicht geklärt, ob das künstliche Raucharoma Allergien erzeugt.
 
Eindeutige Bezeichnungen bei folgenden Nahrungsmitteln: Debrecziner Würste: über Buchenholz geräuchert. Schwarzwälder Schinken (der beliebteste und meistgekaufte geräucherte Rohschinken Europas): über Tannenholz geräuchert.
 
Bei den Geschmacksverstärkern wird auch Schmu getrieben. So las ich kürzlich auf einer Fertigpackung „Ohne Zusatz von geschmacksverstärkenden Zusatzstoffen, künstlichen Aromen und Farbstoffen“. Bei der Zutatenliste tauchten dann u. a. auf: Gewürze, Gewürzextrakt. Bei anderen Produkten kommt Hefe in die faden Produkte.
 
Vegetarier und Veganer werden ebenfalls hinters Licht geführt. So enthalten viele Produkte tierische Bestandteile, die nicht deklariert werden müssen. Beispiele: Gelatine als Verdickungsmittel in Frischkäse, Gelatine als Trägerstoff für Vitamine in Fruchtsäften, das aus tierischen Produkten gewonnene L-Cystein in Backwaren.
 
Viele der Zusatzstoffe sind nicht deklarationspflichtig (Lösungsmittel, Trägerstoffe, Trennmittel, Schaumverhüter, Enzyme, Emulgatoren). Zusatzstoffe aus gentechnisch veränderten Organismen müssen auch nicht deklariert werden. Hier müsste der Gesetzgeber für klare Verhältnisse sorgen und auch für diese Produkte eine Deklarationspflicht einführen.
 
Nun hoffen wir Schokoladenesser, dass der Streit um die Zusatzstoffe in der Schokolade beigelegt wird. Ich plädiere auf jeden Fall für eine eindeutigere Bezeichnung dieser Stoffe.
 
 
Internet
www.stuttgarter-zeitung.de („Aroma-Proben bei Symrise genommen“)
www.spiegel.de („Lebensmittelzusätze: Natürlich künstlich“)
 
Literatur
Scholz, Heinz: „Richtig gut einkaufen. Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag“, Verlag Textatelier.com, Biberstein 2005.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Zusatzstoffe
 
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