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BLOG vom 07.01.2014


Film „The Bucket List“: Die Wochen vor der Löffel-Abgabe
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
2 ältere Herren lernen einander in einem Krebsspital kennen. Als der Neue ankommt, sagt er angesichts des hier liegenden Patienten, er komme sich wie in einem Leichenschauhaus vor. Sie teilen fortan das Zimmer, fluchen, spotten und spassen. Sie versuchen, mit ihrem Schicksal einigermassen klar zu kommen. Es hält ihnen noch einige wenige Monate Lebenszeit bereit, während der sie schulmedizinische Krebsbehandlungen (Operationen und Chemotherapie) zu erdulden haben.
 
Solche Zukunftsaussichten behagen den beiden gar nicht. Der eine, Edward Cole, ist Milliardär und Besitzer des Spitals, der andere, Carter Chambers, ein ausserordentlich gebildeter schwarzer Automechaniker. Statt schicksalsergeben auf das letzte Stündchen zu warten und Trübsal zu blasen, fertigt Chambers eine Liste an. Er hält darauf Dinge fest, die er in den verbleibenden wenigen Monaten noch tun will ... die sogenannte „Löffelliste“ (Aktionen, die vor der Löffelabgabe zu erledigen sind). Die beiden, welche die gegenseitige Direktheit schätzen und sich zunehmend intensiver anfreunden, sind für den Zeitvertreib dankbar und arbeiten eine gemeinsame Liste aus, eben die „Bucket List“, die dem Film den Originaltitel gab: eine Art Kübelliste (Eimerliste).
 
Sie reissen sich die Schläuche aus dem Leib – „Ich hasse Schläuche“, sagt Cole –, und sie beginnen ein neues Leben, gemäss Liste aus folgenden Delikatessen bestehend: Fallschirmabsprung, Shelby Mustangs fahren mit seitlichen Zusammenstössen, Reisen zu Sehenswürdigkeiten in aller Welt, nachdem sie einen Organisator angestellt haben: Safari in Kenya, Ägypten, Taj Mahal in Indien, eine Portion Mount Everest und das schönste Mädchen der Welt küssen. Coles Privatjet, wie er zu Hollywoods Gedankenwelt gehört, setzt ihnen keine Grenzen. Das meiste gelingt, zwar nicht alles perfekt, aber immerhin. In einem Hotel in Hongkong schickt Cole seinem Freunde Chambers ein junges schwarzes Callgirl an den Tisch, um ihn zu verführen. Doch Chambers weicht aus, spürt, dass er seine Frau noch liebt. Der Punkt wird von der Liste abgehakt, ohne erfüllt zu sein.
 
Carters Brustwunde, durch die Schläuche in die Lunge führten, bricht blutend auf; der nahe Tod liefert Hinweise auf seine Bereitschaft. Edward seinerseits erholt sich beim Abarbeiten der Liste recht gut. Carter aber wird mit 81 sterben gelassen; nicht einmal ein Schluck Wasser, um den er bettelte, wird ihm noch gewährt. Er verabschiedet sich auf dem Schlauchwagen, von einer Spitalcrew umgeben.
 
Und Cole darf die besinnlichen Worte bei einer Art Abdankung sprechen, ohne zu wissen, wie das genau geht. Er lobt den neuen Freund, der sich für immer verabschiedet hat; dieser habe Gutes getan. Man weiss nicht genau, ob der Milliardär jetzt vom Krebs geheilt ist oder einfach durch den Verzicht auf die Behandlungen der Tod hinausgeschoben wurde. Wahrscheinlich wollten sich die Filmemacher in sicherer Distanz vor der Krebsindustrie und Schadenersatzforderungen halten.
 
Der Film (deutscher Titel: „Das Beste kommt zuletzt“) wurde 2007 in bewährter Hollywood-Manier (WB) gedreht. Und die beiden Hauptdarsteller (Jack Nicholson als Cole und Morgan Freeman als Chambers) erledigen ihre Aufgabe unter der Regie von Rob Reiner mit Einfühlungsvermögen, auch wenn diese bewährten Schauspieler-Occasionen in gewissen Klischees gefangen sind und eigentlich kaum gefordert werden. Obschon der Reiseteil den Eindruck zusammengestückelter Oberflächlichkeit hinterlässt, darf sich Justin Zackhams Drehbuch sehen lassen. Es ist, nimmt man alles nur in allem, rund, nachvollziehbar, enthält auch Bezüge zur familiären Herkunft der beiden Protagonisten, Hinweise, die gewisse Verhaltensmerkmale zu begründen haben.
 
Angenehm ist, dass die Auseinandersetzung mit der Todesnähe auf beschwingte, gelöste Art geschieht, begleitet vom Galgenhumor, wie er bei Menschen aufkeimt, die nichts mehr zu verlieren haben, weil das Leben sozusagen verloren ist, ein Umstand, der wieder neue Freiheiten eröffnet. Und irgendwie wohltuend ist auch die Aufrichtigkeit bei Gesprächen unter dem Freundespaar; man wahrt zwar die Höflichkeit, verbirgt aber gegebenenfalls ein Missfallen nicht. Und wenn ein Freund zum anderen 5 Minuten vor dessen Tod sagt, er sehe verschissen aus, dann wirkt das befreiender als ein geheucheltes Kompliment, von dem alle wissen, dass es nicht stimmt. Am besten wäre auf Rührseligkeiten überhaupt verzichtet worden.
 
Ich bin zu später Stunde am Freitag, 03.01.2014, beim Fernsehen SRF-1 zufällig auf diesen Film gestossen, weil ich meinte, die „Arena“ werde vom Stapel gelassen. Dass diese dann durch ein Krebsbehandlungszentrum ersetzt wurde, irritierte mich anfänglich, und irgendwie mag es für den Film sprechen, dass ich an ihm hängen blieb. Denn im höheren Alter kommt man nicht um ein Nachdenken über die letzten Stündchen herum: Wie stellt man das an? Wohin mit der Asche? Was passiert mit der Nachkommenschaft, mit alledem, was man zurücklässt, das keinen Knochen mehr interessiert und niemand haben will?
 
In Philosophie, Literatur, Film, Alltagsgesprächen ist das Alter ein bedeutendes, häufiges, immerwährendes Thema. Die erlösende Antwort bringt nur der Tod. Was hinterbleibt, hat sich zu arrangieren. Trauer wäre in solchen Normalfällen fehl am Platze. Der Abgang ist der ordentliche Abschluss einer Amphitheater-Aufführung, wie sie Zuschauer schon immer gern mochten. Auch als Leinwand-Tragikomödie.
 
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