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BLOG vom 14.01.2014


Vom Elend der Auslandskorrespondenten und Kameraleute
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Auf einer Bergwanderung schläft der Starmoderator in einer Berghütte. Der Zuschauer erlebt am TV-Schirm den Sonnenaufgang und dann, im Hütteninnern, das Aufwachen des Identität-stiftenden Stars, der sich die Augen reibt und verschlafen aus der Wäsche blickt. Bei solchen Erlebnissen denke ich jeweils an den Kameramann oder die Kamerafrau, die schon den anbrechenden Tag gefilmt und ihr Gerät vor dem Lager des Stars positioniert haben. Ähnlich ist es auf winterlichen oder sommerlichen Bergtouren. Eine Mediengrösse stapft, schwitzt, gibt alles. Doch an den Kameramann und seine Ausrüstung, der hinten, auf der Seite und vorne filmen muss und eine wahre Herkulesarbeit leistet, denkt niemand (ausser ich). Sie müssen zu guten Bildern kommen, koste es, was es wolle und werden für ihr unflätiges, paparazzohaftes Getue bestenfalls noch heruntergemacht.
 
Bei Berichterstattungen für Zeitungen habe ich, wenn immer möglich, einen Fotografen mitgenommen, um von dieser aufwändigen Aufgabe befreit zu sein und mich dem Sammeln von Informationen, dem exakten Beobachten, Hinterfragen und Fragen sowie Notieren zuwenden zu können. Ich weiss seither, dass man sich vollkommen dem Recherchieren oder Fotografieren zuwenden muss, soll einigermassen Gewähr bestehen, dass man das wesentliche Motiv nicht verpasst, man also im entscheidenden Moment am richtigen Ort ist.
 
Die Medienarbeit ist nur selten ein reines Honiglecken, und sie ist oft bei beschränkten, ja ungenügenden Ressourcen zu tun. Das spüren gerade Journalisten, die ihr Leben in Krisengebieten in aller Welt aufs Spiel setzen und oft dort dauerhaft ansässig sind, um mit einer Region verbunden zu werden, ihre Probleme von Grund auf zu erspüren. Das ist etwas ganz anderes, als etwa die konstruierten Amtslügen aus dem Weissen Haus zu verbreiten und wie ein kleiner König gehalten und verwöhnt zu werden. Wer das Thema Korruption im Journalismus behandelt, müsste bei den Hofberichterstattern genauer hinschauen.
 
Die Brisanz solcher Themen ist mir wieder bewusst geworden, als Ulrich Tilgner, der ausgezeichnete Beobachter aus den nahöstlichen Brennpunkten, in einem von Radio DRS1 am 05.01.2014 wiederholten Interview ankündigte, seinen Beruf ab seinem 66. Geburtstag (16.01.2014) an den Nagel hängen zu wollen. Seine aufsehenerregendste Zeit hatte er als Kriegsberichterstatter aus Bagdad, als die USA mit ihren Bombardements den Irak zerstörten. Zwischen 1986 und 2001 hatte Tilgner seinen Fixpunkt in Amman (Jordanien), und dann leitete er das ZDF-Büro in Teheran, als die USA den Iran im Visier hatten. Fürs Schweizer Fernsehen SRF berichtete er seit 2008 (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Tilgner) über nahöstliche Brennpunkte. Wenn Tilgner auf dem Bildschirm erschien, verstummte in unserem Haus jedes Gespräch. Man hatte ihm zuzuhören.
 
Ich bedaure diesen medialen Verlust ausgesprochen. Denn die publizistische Aufbereitung einer derart explosiven Grossregion brauchte genau die Erfahrung, die Tilgner besitzt. Seine Berichte und seine Urteile hatten Gewicht, ähnlich jenen des unverwüstlichen Peter Scholl-Latour, der es sich noch im Alter von 90 Jahren nicht nehmen lässt, an den Unruheherden seine gehaltvollen Suppen zu kochen. Er kann sich dies wahrscheinlich auch finanziell leisten.
 
Tilgner ist eine ebenso kraftvolle Persönlichkeit, und es gab wohl kaum gesundheitliche Gründe, die von ihm ein doch relativ frühzeitiges Berufsende erzwungen hätten. Sie lagen, wie ich vermute, eher in einer Kapitulation vor den Zuständen, wie sich heute im Medienbetrieb auszumachen sind. So hat sich Tilgner, wie Berichten zu entnehmen ist (ich konnte noch nie mit ihm sprechen), um 2008 mit dem ZDF überworfen. Er wetterte begründet über die Arbeitsbedingungen, insbesondere über Eingriffe in die Pressefreiheit und nannte expressis verbis die „Bündnisrücksichten“, welche die Systemmedien gegenüber den USA zu nehmen haben. Diese lähmen Deutschland ja noch heute, wie sich gerade wieder im NSA-Abhörskandal zeigte ... selbst bei diesem US-Verbrechen musste sich das gedemütigte Deutschland unterwürfig zeigen, vor dem Grossen Bruder herumkriechen. Die Abhängigkeit erstreckt sich auch auf den Journalismus; es gebe einen „Hang zum eingebetteten Journalismus“, sagte Tilgner einmal. Er ist ein kritischer Geist, hält ebenso wenig von Verschwörungstheorien wie von dem, was in den angepassten Zeitungen steht.
 
Bei seinem Radio-Interview zeigten sich auch andere Unzulänglichkeiten, wie sie das journalistische Schaffen mit sich bringt, wenn auch nur antönungsweise. Auf die Frage des Interviewers, ob er den Beruf des Journalisten noch einmal wählen würde, antwortete Tilgner, es sei zunehmend schwerer, sich in diesem Beruf durchzuschlagen – er sprach damit die Ertragslage an. Er wies darauf hin, dass es aus diesem Grund immer weniger fix positionierte Journalisten gibt, weil sich das kein Medium mehr leisten will. Als Beobachter spürt man die Folgen, staunt aber immer wieder, dass für Spiele und Unterhaltungsklamauk jede Menge Geld zur Verfügung steht.
 
Mir kam bei dieser Gelegenheit auch Werner van Gent in den Sinn, der sympathische, 1953 geborene Holländer (aus Utrecht), der sich zum Südeuropakenner und -berichterstatter perfektionierte, aber sich selbst während der Blüte der Griechenland-Krise kaum noch über Wasser halten konnte.
 
Die Medienhäuser betreiben einen ausgesprochenen Sparkurs am falschen Ort und füttern keine fest stationierte Berichterstatter mehr durch, besonders dann, wenn in der jeweiligen Region nur wenig Weltbewegendes läuft. Wie Tilgner ausführte, schickt man einfach gerade freie Allroundjournalisten zu einem Kurzeinsatz an aktuelle Brennpunkte, auch wenn sie mit den örtlichen Verhältnissen und Gebräuchen kaum vertraut sind, und bald einmal verschwinden sie wieder in einen anderen Erdteil, wo gerade etwas läuft. „Die Medien verändern sich heute ganz radikal. Ich würde den Beruf nicht mehr wählen, weil es ungewiss ist, ob ich mich davon ernähren könnte“, kommentierte Tilgner die Lage. Die Zeit werde etwas brauchen, „in das ich nicht mehr hineinpasse“. Es tönte, auch wenn es mit starke Stimme gesagt wurde, resigniert.
 
Die Berichte werden immer oberflächlicher, unverbindlicher. Die Zeit erhält die Medien, die sie braucht. Oder eben: in dieser Form nicht mehr brauchen kann. Inzwischen geniesst Tilgner an seinem Wohnort Hamburg den einen oder anderen guten Tropfen, wie er sie verdient hat.
 
 
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