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BLOG vom 18.02.2014


Spuren im Gesicht: Zu Physiognomie, Mimik und Gestik
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Bin ich gut gelaunt, schneide ich hin und wieder vor dem Spiegel Grimassen. Dabei verwandle ich mich zum Komödianten. Heute bin ich betrübt und schlecht gelaunt. Seit Wochen schon peitscht der Sturmwind den Regen wie Trommelfeuer gegen die Fenster. Ist mir etwas zuwider, wie eben jetzt, mache ich einen „Lätsch“" (Schweizer Dialektausdruck für ein Gesicht, das Trübsal ausdrückt) - meine Mundecken fallen links und rechts tief und gleichen einem „accent circumflex“(Zirkumflex), etwa so: ˆ. Dabei wird bekräftigend die Unterlippe herausgestülpt.
 
Ausser Haus und unter Leuten zügle ich meine Mimik. Mein Gesicht ist kein öffentliches Bilderbuch. Natürlich gibt es Ausnahmen, besonders dann, wenn ich lachen muss. Es ist wichtig, dass man seine Lachmuskeln bewahrt. In südlichen Gefilden herrscht viel Sonnenschein und widerspiegelt im Gesicht ein sonniges Gemüt mit Lachfältchen um die Augenwinkel. Von Holland aufwärts über Skandinavien hinweg verwandeln sich Lachfalten leicht zu Gramfalten rund um den Mund. Dabei wird gelegentlich auch die Nase gerümpft.
 
Angenommen wir treffen mit dem Hammer den Finger statt den Nagel, verzerrt sich die Mimik augenblicklich zum Schmerzensbild. Gelingt eine Arbeit, strahlt unsere Freude im Gesicht.
 
Was wäre das Theater ohne kräftiges Mienenspiel? Eine langweilige Tirade! Dank den Karikaturisten, worunter besonders Honoré Daumier, erkennen wir die Vielfalt grotesk anmutenden Mimik im Theater der Menschen... Seine Karikaturen im Sammelband „Musée pour rire“, um1840 erschienen, ergötzen mich immer wieder. Daumier hat die Advokaten aufs Korn genommen, die Physiognomie des häuslichen Alltagslebens mit seinen Zwisten, die sich schlagartig von „petits malheurs“ zu „grands malheurs“ aufblähen. Die charmanten Kleinkinder, von den Eltern gepriesen und bewundert, benehmen sich garstig gegenüber Besuchern. Die von Hochmut gezeichneten Gesichtszüge der Snobs hat Daumier ebenfalls in seine Galerie aufgenommen. Auch die Steinmetze des Mittelalters haben ihre grotesken Fratzen, etwa als Wasserspeier, in den Stein der Kathedralen gemeisselt. Was bezweckten sie damit?
 
Die Stirne lässt sich waagrecht wellig runzeln, von den Augenbrauen hoch gehisst. Damit wird u. a. Überraschung ausgedrückt. Das Staunen bekundet sich mit offenem Mund. Wer viel nachdenkt, dem wachsen horizontale Denkfalten vom Nasenansatz hoch. Das trifft auch auf Grübler und Zweifler zu.
 
Mimik und Gestik können sich miteinander verbünden. Mit einer langen Nase (die Hand mit dem Daumen über die Nasespitze gespreizt) verhöhnen wir jemanden. Dabei lässt sich erst noch die Zunge herausstrecken. Damit wird mehr besagt, als Worte vermögen. Mit der wegwerfenden Handgebärde wird ein Thema weggefegt und sagt wortlos: „Hör' auf damit!“ Mit einer freundlichen Handgeste wird jemandem der Vortritt gewährt, also: „Bitte, nach Ihnen!“ Das Kopfschütteln bedarf keiner Erklärung, desgleichen, wer mit ausgestrecktem Zeigefinger an der Stirne jemanden zum Idioten macht. Die wortlose Mimik und Gestik wird, wenigstens in unseren Breitegraden, überall verstanden.
 
Ebenso wie mit zunehmendem Alter die Haut erschlafft, lässt sich aus den Falten des Gesichts ablesen, wie sich der Mensch in seinem Leben, wohl von seiner Veranlagung bestimmt, gewohnheitsmässig verhalten hat.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Gestik
17.01.2006: Rhetorik: Wie man wirksam gegen die Brandung anspricht
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