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BLOG vom 09.03.2014


Kulturelles (2): Die bedeutende Abteikirche Ottmarsheim
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
 
Die heimatliche Vergangenheit ist opulenter als man denkt: Wie schon im 1. Teil erwähnt, besuchten wir das Oberrheinische Bäder- und Heimatmuseum Bad Bellingen und anschliessend die Abteikirche Ottmarsheim (Elsass) an einem Regentag anstelle einer Wanderung – kleine, aber eindrückliche Ausschnitte aus der Geschichte. Was wir am 26.02.2014 in Ottmarsheim zu Gesichte bekamen, wird in diesem Blog beschrieben.
 
Die Abteikirche Ottmarsheim
Von Toni wurden wir vorgängig mit einigen Details über die Abtei informiert: Das Benediktinerinnenkloster Ottmarsheim wurde 1030 durch Rudolf von Altenburg und seiner Gattin Kunigunde gegründet. Um diese Zeit erfolgte auch der Neubau der Abteikirche. Die Weihe der neuen Abteikirche auf den Namen Peter und Paul erfolgte 1049 durch Papst Leo IX. Er hiess mit Familiennamen Bruno von Egisheim, war Elsässer und hatte wohl denselben Grossvater wie Rudolf von Altenburg, nämlich Guntram den Reichen. Der Zentralbau  hat sein Vorbild im Aachener Dom mit demselben 8-eckigen Grundriss (Oktogon). Der Gründer Altenburg war Urahne der Habsburger. Da er kinderlos blieb, führte ein Neffe das Geschlecht weiter. Dieser nannte sich als erster „Habsburger“ – nach der Habichtsburg im Aargau (Bezirk Brugg).
 
Die Verehrung der Reliquie des heilig gesprochenen Quirinus begründete eine bedeutende Wallfahrt (Fest des Quirinus ursprünglich 30.04., heute 01.05.).
 
Nach Aufhebung des Damenstifts 1790‒1792 wurden einige Klostergebäude abgerissen. Die Abteikirche wurde von der Gemeinde erworben und somit vor der Vernichtung bewahrt.
 
Der Name Ottmarsheim stammt vom heilig gesprochenen Otmar, der im 8. Jahrhundert Abt des Klosters St. Gallen war. Dieses Kloster hatte Teile der Gegend in seinen Besitz gebracht. Später trat das Kloster St. Alban in Basel als Grundbesitzer auf. Damals gab es heftige Konflikte zwischen den Habsburgern und dem Bischof Heinrich von Basel. Im 13. und 15. Jahrhundert legten die Neuenburger und Basler sogar 2 Mal Brände im Klostergebäude. Im 30-jährigen Krieg folgte ein 3. Brand. Der 4. Brand 1991, der im Turm ausbrach, zerstörte Glocken (sie zersprangen), den Dachstuhl, die Kuppel des Oktogons und die Orgel. Wie ich mir sagen liess, machten sich die Ottmarsheimer mit grossem finanziellem Aufwand gleich an die Restauration. Heute präsentiert sich die Anlage wieder schöner denn je.
 
Wir waren alle gespannt, was uns erwartete. Wir parkierten auf einem grossen Parkplatz in der Nähe der Abtei. Und schon erblickten wir, von Südosten kommend, die Abteikirche. Dicht gedrängt präsentierte sich die Abteikirche, die wie eine Burganlage wirkt: Hinter dem Turm mit Satteldach sind das Oktogon mit Umgang, Kapelle der Äbtissin Ursula, Sakristei (mit Pultdach), Rechteckchor mit Walmdach und die Kapelle der Stiftsdamen zu sehen. Die Anlage gehört zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Romantik.
 
Toni führte uns nicht gleich in die Kirche, sondern in eine Kapelle, die sich etwas abseits der Abteikirche im Bereich des Klostergebäudes befindet. Wer sich hier nicht auskennt, wird nur die Abteikirche besichtigen und diese Kapelle wohl nicht erahnen. Ein Reiseteilnehmer war schon mehrmals in Ottmarsheim, von der Kapelle hatte er noch nichts gehört.
 
Soweit ich mich erinnern kann, war ich mit dem Schwarzwaldverein Wehr 1976 schon einmal dort. Die Besichtigung der Kapelle stand nicht auf dem Programm. Auch über den letzten Brand 1991 wurde überregional berichtet und zu Spenden aufgerufen.
 
Übrigens wurden die Nonnen im Zug der Säkularisierung vertrieben. Sie kamen 1848 wieder aus der Schweiz von der Helvetischen Konföderierung zurück, kauften mit Unterstützung von Wohltätern Gelände und liessen das Klostergebäude wieder aufbauen und eine neue Kapelle errichten. 1946 wurden die Nonnen von Ottmarsheim den Benediktinerinnen von Ostheim, ihrem neuen Mutterhaus, zugestellt. Seit 1991 ist hier die Bruderschaft „Diener Jesus und Maria“ zu Hause.
 
Der grosse, prächtig ausgestattete Gebetsraum der Kapelle in der Klosteranlage ist heute durch ein Gitter von einem Vorraum abgetrennt. Aber wir sahen auch im Vorraum einige Besonderheiten. Auf einer Konsole eines kleinen Altars waren 3 Bilder von Verstorbenen aufgestellt. Das eine Bild zeigt einen 25-Jährigen, der bei einem Motorradunfall verunglückte (auf der Konsole lag eine von der Mutter verfasste Bittschrift), daneben ist eine ältere SW-Fotografie einer Frau und ganz rechts das Farbfoto einer jungen, hübschen Frau zu sehen. Beim Betrachten dieser Bilder wurde es mir etwas weh ums Herz. Ich dachte, warum solche jungen Menschen, die ihr Leben noch vor sich gehabt hätten, durch Krankheit oder einen Unglücksfall brutal aus dem Leben gerissen wurden. Vor dem kleinen Altar war noch eine Bank zum Knien aufgestellt. Hier konnten die Hinterbliebenen Gebete verrichten.
 
Danach verliessen wir die Kapelle, umrundeten die Abteikirche auf einem schmalen Weg und gelangten auf den neu gestalteten Vorplatz mit dem Rathaus und Infozentrum. Dann schritten wir durch den Haupteingang in die Abteikirche.
 
Wir waren alle überwältigt vom Inneren des achteckigen, kuppelüberwölbten Kirchenraums mit Arkaden sowie von der Nonnenempore mit ihrer gitterartigen Säulenstellung mit Würfelkapitellen. Der Innenraum wird so unter Wikipedia beschrieben (Auszug):
 
„Der Raum ist von einer Schlichtheit der Bauzier, der interessanten Lichtführung und der Ausgewogenheit der Massen geprägt. Zweigeschossige Umgänge öffnen sich zur Raummitte, unten durch niedrige Arkaden, oben durch hohe Bogenöffnungen mit doppelter Säulenordnung. Das Licht fällt über die Emporen ein, der Raum weitet sich dadurch.“
 
Besonders schön fand ich die teilweise modernen bunten Fenster und die vielen Wand- und Deckenfresken, die teilweise gut erhalten sind. Am eindrucksvollsten war für mich das Gewölbejoch des unteren Oktogonumgangs. Da konnte ich nicht umhin, meine Kamera zu zücken und die Darstellung der 4 Evangelisten-Symbole aufzunehmen. Diese wurden um 1460 geschaffen. Zu sehen sind der Engel (Matthäus), der Stier (Lukas), der Löwe (Markus) und der Adler (Johannes).
 
Vom Altarraum aus hatte man einen Blick auf die in den Jahren 1999−2000 erbaute Orgel. Sie wurde vom Orgelbauer Richard Dott geschaffen. Die durch den letzen Brand zerstörte Orgel, wurde von 1726‒1728 von Joseph Waltrin und Johann Georg Rohrer gebaut.
 
Mir wurde gesagt, dass die Akustik in der Abteikirche hervorragend sei und der Sprecher im Altarraum kein Mikrofon benötige. Wir wurden gleich überzeugt, dass dies stimmt. Toni, unser Sänger, stimmte ein Lied an, und wir waren überwältigt von seiner Sangesdarbietung.
 
Leider konnten wir nicht auf die Empore gehen, um alte Fresken zu bewundern. Der Aufgang war verschlossen. Aber bei Gruppenführungen durch die Abteikirche werden die Besucher dorthin geführt. Erwähnenswert sind Kostümführungen. Die jeweilige Führung dauert 1 Stunde. Die Anmeldungen sollten 3 Wochen vorher erfolgen (Preise und Anmeldeformular im Internet).
 
Es gab noch Vieles zu sehen. Aber jeder von uns war überwältigt von der Abteikirche.
 
Mit vielen Eindrücken versehen, verliessen wir den geschichtsträchtigen Ort und reisten nach Tannenkirch und speisten vorzüglich im „Landgasthof Tanne“. In dieser Wirtschaft waren wir erst kürzlich mit unserer Wandergruppe dort. Der Landgasthof mit seinem alten Weinkeller ist auch historisch (siehe Infos unter www.tanne-tannenkich.de Kapitel „Geschichte“). Die Wirtschaft wurde ab 1754 betrieben, seit 1820 ist diese im Besitz der Familie Senn.
 
 
Internet
 
Literatur
Wörner, Hans Jakob; Wörner-Hasler, Judith Ottilie: „Abteikirche Ottmarsheim“, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg, 8. Auflage 2012.
 
Hinweis auf das vorangegangene Blog über „Kulturelles“
 
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