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BLOG vom 06.04.2014


Die bussfertige Magdalena: Eigenartige Bewandtnis
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Er suchte seinen Ursprung
– und fand ihn am Ende.
EB
*
Mein Freund Heinz Gucht, dank seiner zielstrebigen Sachlichkeit wohlbestallt und angesehen, klopfte eines Abends unvermutet bei mir an. Das Leben hatte uns verschiedene Brillen angemessen, und wir verdankten es nur unserer langjährigen Schulfreundschaft, dass wir uns herzlich begrüssten, wenn wir uns zufällig auf der Strasse begegneten, ohne uns lang aufzuhalten. Etwas erstaunt bat ich ihn ins Haus. Er trug ein rechteckiges Paket, in Wellkarton gewickelt, unterm Arm. Ich bot ihm ein Gläschen Cognac an, das er unschlüssig in seinen Händen drehte. Ein Weilchen sass er in Gedanken versunken mir gegenüber und brachte ein trockenes Lächeln zuwege, ehe er ohne Umschweife den Beweggrund seines Besuches aufgriff.
 
„Ich habe hier ein Bild. Ich bitte dich, es bei dir aufzubewahren, bis ich wieder komme und es abhole. Du weisst, ich sammle als Kunsthändler Bilder”, wobei sein Blick über meine japanischen Farbdrucke glitt. „Das Preisschild ist mir wichtiger als das Bild an sich. Oder anders gesagt, ich investiere nur in preiswerte Bilder; und ist der Verkäufer unnachgiebig, so sehe ich vom Kauf ab”, winkte er mit lässiger Geste ab.
 
„Vor einem Jahr”, fuhr er mit belegter Stimme fort, „habe ich diese Regel einmal gebrochen, als ich in der Galerie Koller das Bild mit der ,bussfertigen Magdalena’ ersteigerte. Verblüfft hatten sich meine Händlerkollegen nach mir umgewandt, wie ich den angemessen Preis bei weitem überbot. Wohl konnte ich die unter der Menge eingesetzten Preistreiber heraushören, doch nannte ich besessen immer wieder den nächst höheren Betrag, bis mir endlich, in andächtiger Stille, das Bild zugeschlagen wurde. Bis heute hing das Bild in meinem Arbeitszimmer – das einzige Zimmer, in dem ich ungestört sein kann und niemand ohne meine ausdrückliche Erlaubnis eindringen darf. Stundenlang starrte ich dort auf dieses teuer erworbene Brustbild und hing wirren Gedanken nach, wie ich sie zuvor nie gekannt hatte. Du musst zugeben: Dies war für mich als nüchterner Kunsthändler ein absurdes Verhalten an Besessenheit grenzend.”
 
Ich nickte. Mein Freund sprach leise und zögernd weiter: „Ich will dir jetzt das Bild zeigen.” Dabei schob er behutsam das Gemälde aus der Hülle. Die Magdalena war gemäss dem damaligen Schönheitsideal füllig gemalt; ihre Augen waren gerötet, tränenvoll und reumütig zum Himmel hochblickend. Ihre halb geöffneten Lippen mochten um Vergebung bitten. Ihre gespreizten Finger lagen auf ihrer rechten Brust, und ihr dunkelbraunes Haar wellte über die Schultern. Weniger reumütig, mehr wehmütig, beurteilte ich sie. Dachte sie an ihre Liebhaber? ging mir durch den Sinn. „Nicht wahr, man erliegt rasch ihrem Liebreiz“, bemerkte mein Besucher, „man ist versucht, sie zu kosen ... und sie aus der Reue zu befreien.”
 
„Ja, sie kann durchaus solche Gedanken erwecken”, gab ich zu.
 
„Ja, solche Gedanken hatten sich in mir eingehakt. Ich fühlte mich wie ein geangelter Fisch, von ihr gekapert, je länger ich sie betrachtete.“ Mein Freund schwieg, sichtlich von ihr befangen. Ich füllte wiederum sein Glas nach, wohl ahnend, dass er mir mehr über seine Magdalena berichten wollte.
 
„Glaube mir, was ich dir jetzt erzähle, habe ich wahrhaftig erlebt. Hätte ich mich doch von diesem Spuk als Fabel der Fantasie lösen können … Zuviel getrunken hatte ich nicht an jenem Abend, als ich mein Studio nach einem erfolgreichen Geschäftsabschluss betrat. Ich knipste die Ständerlampe an und lenkte das Licht auf das mich fesselnde Gemälde, ehe ich meinen Sessel bezog und wohlig entspannt den Rauch meiner Zigarre gegen die Zimmerdecke blies. Noch hatte ich kaum die Hälfte geraucht, dessen entsinne ich mich, als ich einen hellen, halberstickten Seufzer vernahm. Eine streunende Katze? Nicht möglich. Das Fenster war geschlossen. Draussen wehte auch kein Wind, der sich im Kamin hätte verfangen können. Als ich den gleichen Seufzer zum 2. Mal hörte, sprang ich erschreckt hoch. Jäh erstarrte ich. Das Bild war wie aus dem Rahmen gefallen und bot mir Einblick wie durch ein Fenster.”
 
Mein Freund barg jetzt sein Gesicht in seinen Händen und schwieg, wie er um Fassung rang, ehe er weiter erzählen konnte. „Verschwommen, wie durch einen Dunstschleier, sah ich ein fassungslos weinendes Antlitz, von einer Haube beschattet – eine Haube, wie sie die Beginen tragen. Sie betete auf Flämisch ,Onze lieve vrouw, im selben Tonfall, wie er heute noch breit und urchig rund um Brügge zu hören ist.”
 
Ich erinnerte mich, dass mein Freund ein Jahr in Gent verbracht hatte. Das war kurz nach unserer Schulzeit gewesen.
 
„Nachdem sie ihr Gebet verrichtet hatte, folgte ihrem Erscheinen im Fenster eine kunterbunt wechselnde Szenenfolge, die den Hintergrund ihres Lebens zeigte, begleitet von Stimmen und Geräuschen. Regungslos stand ich da und lauschte gebannt. Sie war die Tochter Mijnheer van Delfts, der so etwas wie ein Landjunker gewesen sein mochte – ein Witwer und Sausebraus, der nach alter Flamenart tobend und hitzig sich in alle für den Mann geschaffenen Vergnüglichkeiten stürzte: Rausch, Kirmes, Jagd – und alles, ausser der Kirche, bereitete dem breughelschen Prasser Spass. Wie jeder echte Zecher hatte er Kumpane nach seinem Geschmack. Mehrmals in der Woche, kurz vor Mittag, rasselte sein Gefährt, von 2 wuchtigen Gäulen gezogen, durch die Einfahrt zu seinem Landsitz. Der Kutscher zog die knarrenden Bremsklötze und half dem Schmerbauch aus dem Gefährt. Bald war die ganze Zechgemeinde im Haus, und vom Genever befeuert, dröhnte ihr Gelächter durch die Flur. Und wurde ihr Spektakel in der hintersten Kammer vernommen, wusste das Gesinde: Jetzt brechen sie auf zum Markt, und bei ihrer Rückkehr, spät nach Mitternacht, wird ihr Radau noch lauter schallen …“.
 
Diesmal schenkte mein Freund das Glas eigenhändig mit Cognac nach. Was er so lebendig und anschaulich geschildert hatte, musste stimmen, schloss ich. Plötzlich erhob sich mein Besucher: „Ich wusste nicht, dass es so spät geworden ist”, entschuldigte er sich. Ich beteuerte nochmals, dass ich die Magdalene sicher bei mir aufzubewahren werde. Er könne sie jederzeit abholen. Warum hatte er mir so viel Persönliches offenbart? wunderte ich mich. Er liess mich noch wissen, dass er einige Monate in Belgien verbringen werde, geschäftlich, wie er betonte.
*
 
Nach seiner Rückkehr aus Belgien, 4 Monate später, telefonierte er mir und sagte, er sei jetzt „frisch verheiratet”. In 3 Monaten würden er und seine Frau nach Amsterdam übersiedeln. Wir vereinbarten das 2. Treffen. Er werde dann die „Magdalena“ bei mir abholen. Übrigens habe er in Belgien seine Vorahnen entdeckt … Das werde vieles erklären und das absonderlich merkwürdige Kapitel mit der Magdalena abrunden. Seine Stimme war wieder frisch und bestimmt, wie einst.
 
So geschah es. „Ich muss noch nachfassen, damit du verstehst, dass ich nicht ganz verrückt geworden bin”, flocht er einleitend ein.
 
Der Kutscher des Landjunkers hiess Jan und war in Symphorosa verliebt. Er machte ihr artig den Hof. Wie viele Flamen war er spanischer Herkunft. Sein Vater kehrte nach Spanien zurück und liess schlicht und einfach Frau und Kind sitzen. Jan wuchs in einem Waisenhaus auf. Im Frühjahr 1769 wurde die Tochter des Mijneers schwanger. Sie verschwieg und verbarg ihren Zustand solange als möglich. Symphorosa hoffte, dass Gott sich ihrer erbarme und ging tagtäglich in die Kirche und betete viel. „Nanu”, brummte Mijnheer van Delft, „wenn sie das Kirchenlaster bekommt, gleicht sie ihrer Mutter selig”, und er zerkrümelte Tabak, stopfte ihn in seine langstielige Tonpfeife.
 
Van Delft erkaufte sich jedes Jahr seine Kirchendispens – auch im Jahr 1769 hatte er seine Dispens erneuert und damit, wie er sagte, „sein Gewissen entlastet”. Der Pfarrer, immer willens dem alten Sünder eines auszuwischen, hatte den Kirchenrat bewogen, zu Ehren des langjährigen Spenders, auf dessen Kosten ein Gemälde für die neue Kapelle „Zur Dreieinigkeit” zu stiften. Es soll die Magdalene sein, wurde bestimmt und des Heiden Tochter darstellen.
 
Eines Tages betrat der ergraute Maler des Kirchensprengels mit Staffelei und tiefem Knix die tabakgebeizte Wohnstube, wo in bester Sonntagsstaat das Fräulein bereit sass. Der Meister malte rasch, denn er hatte noch 3 weitere Bilder im Auftrag auf ihn warten. Immer öfters hielt zögernd inne und blickte neugierig auf das gedankenverlorene Fräulein, wischte gar den Kneifer zum 2. Mal und begann zu seiner eigenen Überraschung mit gewichtigen Pinselstrichen ihren von Reue und Hoffnung gemischten Ausdruck zu konterfeien. Der Maler wusste um seine künstlerischen Mängel, die ihn bloss niedliche und nichtssagende Heiligenbilder schaffen liessen.
 
Wenigstens ein gutes Bild wollte er hinterlassen, und hier war seine Gelegenheit. Selbst den Duft der leckeren Suppe lenkte ihn nicht von seinem Vorhaben ab. Plötzlich sank das Mädchen bleich in den Sessel zurück. Erschrocken beugte sich der Alte über das bewusstlose Geschöpf, lockerte ihren Mieder und sah den Grund ihrer Ohnmacht. Doch schon sprang er jünglingshaft hinter seine Staffelei, ganz und gar Künstler, nur da, die verwirrte, verzagte und noch immer von Hoffnung durchtränkte Miene der Ohnmächtigen auf die Leinwand zu bannen. Symphorosa erwachte. Der Druck auf ihrem Bauch war gewichen. Beschämt versuchte sie den Gurt zu straffen. „Lass das”, sprach der Maler, „du schadest damit dir und dem Kind.“ Sie gehorchte seiner gütigen Zusprache. „Geh' jetzt hinauf. Ich werde mit deinem Vater sprechen”, gebot er, nachdem sie ihm alles gestanden hatte.
 
Der hitzige, aufwallende Zorn der Flamen ist gefährlich, jedoch weit weniger andauernd und heimtückisch als der schwelende Grimm, der über Zeit und Ewigkeit nachgetragen wird. Er brachte seine Tochter in ein entlegenes Landgut zu ihrer verschwiegenen Niederkunft. Einige Monate später blieb ihm der Gang zum Pfarrer nicht erspart. Ihr ganzes Leben verbrachte Symphorosa in der Beginage in Kortrijk. Der kurze Frühling ihres Lebens verwelkte rasch. Der Vater des Kinds, Jan van Gucht, suchte vergeblich nach seiner Geliebten. Das Kind wurde in ein Waisenhaus abgeschoben. Eine Nonne wusste, dank dem Maler, um diese Vaterschaft und gab ihm seinen Namen van Gucht, Karel van Gucht.
*
 
Dieser Name wurde erst im Jahr 1772 im Register eines Weilers, unweit von Brügge, vermerkt und von der Nonne veranlasst, die um den Hintergrund der Geburt dieses Waisenkinds Bescheid wusste.
 
Ein Kunsthändler wie mein Freund ist es gewohnt, der Authentizität von Gemälden nachzuspüren. Es gelang ihm, nach langwierigen Recherchen, den unbekannten Maler ausfindig zu machen. Es hiess, Albert Krafft, sei von seinem Geburtsort Dresden nach Belgien ausgewandert und in Brügge sesshaft geworden, wo er sein einziges Meisterwerk im Jahr 1769 schuf.
 
Es hatte seinen guten Grund, weshalb meine Freund – Erich Gucht – so erpicht und mit einzigartigem Gespür nach seinen Vorahnen forschte. Im Jahr 1809 erwarb Karel van Gucht nachweisbar ein Häuschen im Stadlahn von Antwerpen. Er war verheiratet und hatte 2 Söhne und 2 Töchter. Einer seiner Söhne wurde ein Rheinschiffer, der sich ebenfalls verheiratete und sich mit seiner Familie im Jahr 1875 in Basel niederliess. Der Familienname ist heute einfach Gucht.
 
 
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