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BLOG vom 13.04.2014


Karlheinz Deschner (1924–2014): Der Zeit die Stirn geboten
Autor: Der Historiker Pirmin Meier, Beromünster LU, zum Tode eines herausragenden deutschen Intellektuellen mit persönlichen Reminiszenzen, Kritik und Hommage
 
 
Karlheinz Deschner, Dr. phil., begnadeter Literat und historisch-philosophischer Essayist, auch geschätzter Aphoristiker, geboren am 23. Mai 1924 in Bamberg, der Stadt eines apokalyptischen Reiters, verstorben am 8. April 2014 in Hassfurt, war, wenn es ihm behaglich zumute war, ein fränkischer Heimatschriftsteller. Das war er aber mit einigen schönen Porträts, die von seinem vielschichtigen Horizont Kunde geben, nur nebenbei. Als ethisch engagierter Publizist war Deschner ein glaubwürdig argumentierender Anwalt der „Kreatur“, sofern dieser Begriff einem Agnostiker und skeptischen Atheisten gegenüber angemessen sein kann.
 
Meine erste Begegnung mit Karlheinz Deschner war ein heftiger verbaler Zusammenstoss. Der Autor referierte vor einem vollen Saal im Spyrgarten von Zürich-Altstetten. Damals muss sich seine im Herbst 2013 von Michael Schmidt-Salomon ergänzte „Politik der Päpste im 19. Und 20. Jahrhundert“, gelinde gesagt, noch auf einem ziemlich unausgereiften Niveau bewegt haben. Im mündlichen Vortrag vor einem Publikum, das wie bei Karl Kraus und Niklaus Meienberg mehrheitlich geil war nach der Vernichtung des Gegners, neigte der Referent dazu, die eine oder andere gewagte These, zum Teil nach dem Kleist-Motto „Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, vor einer in der Regel gleichgesinnten Meute auszuprobieren.
 
Beim Thema Finanzen des Vatikans kam der Referent dann auch noch ins Extemporieren über das Kloster Einsiedeln. Die Rede war von einer Million täglich, die der Abt, Ehrenbürger von Zürich, einsacke – aufgrund des enormen Reichtums und der Verflechtung des Klosters mit den Gnomen von Zürich an der Bahnhofstrasse. Meine damalige Rückfrage über die Rolle der Juden dortselbst, der Freimaurer, der Jesuiten und natürlich auch des Klosters Einsiedeln ging in die folgende Richtung: „Sage mir, wem die Bahnhofstrasse gehört, und ich sage dir, was für ein Feindbild du hast.“ Dieser Einspruch der Gegenaufklärung war für Deschner damals nicht vorgesehen.
 
Eine Alternative zu Marcel Reich-Ranicki?
Wie auch immer, seiner Schweizer Vertrauensperson Robert Mächler (1909–1996), meinem langjährigen publizistischen Weggefährten, soll Deschner anvertraut haben, es sei ihm auf seinen Tourneen noch fast nie jemand so heftig entgegengetreten.
 
Der im Saal wie viele andere aufblühende Referent wäre für mich als Demagoge erledigt gewesen, hätte mich Robert Mächler nicht umgehend in seine Geisteswelt eingeführt, darunter in keineswegs polemische Publikationen wie „Das Christentum im Urteil seiner Gegner“, die mir, wie „Abermals krähte der Hahn“, einen nicht auf Einverständnis beruhenden nachhaltigen Eindruck zu vermitteln vermochten. Wegen meinem Engagement für die Trennung von Kirche und Staat im aargauischen Verfassungsrat, hauptsächlich als Kritiker des für mich damals Leibeigenschaft repräsentierenden Kirchensteuerprivilegs, war ich mit dem in dieser Sache regelmässig publizierenden Mächler verbunden. An Deschner, mit dem ich mich allmählich näher befasste, wenngleich skeptisch, beeindruckten mich seine literaturkritischen Werke „Kitsch, Konvention und Kunst“ (1957) sowie „Talente, Dichter, Dilettanten“ (1964). Zum Brechen der Macht des Geistestyrannen Marcel Reich-Ranicki, der die Literaturszene zugleich befruchtete und vergiftete, schien mir Deschner eine veritable Alternative.
 
Über die jeweils zum Teil mildernden und vermittelnden Interpretationen der Schriften des Kirchenkritikers durch Robert Mächler, der sich einst nach Karl Barth orientiert hatte, kam ich dazu, in Karlheinz Deschner dauerhaft einen interessanten Autor zu sehen. Karl Barth, auf den ich in meinem einzigen, fast nur von Mächler geschätzten Lyrikband „Gsottniger Werwolf“ mehrere Gedichte verfasste, war für mich bei zunehmender Distanz zu katholischer Ideologie eine Zeitlang – im Sinne Kierkegaards – eine letzte christliche Orientierungsgrösse. Seine kirchliche Dogmatik mit seinem im Vergleich zum Katholischen weit radikaleren Puritanismus („Erotische Liebe ist Verleugnung der Humanität“) kam mir zunehmend absurd vor. In einer persönlichen Begegnung mit Geistesgrösse Karl Popper, der mir intellektuell sowohl Barth als auch Deschner überlegen erschien, zu schweigen von Küng und Ratzinger, hörte ich den für mich schwer zu vergessenden Satz: „Die Theologie ist ein Fehler.“ Das Gegenteil konnte bis jetzt nicht bewiesen werden.
 
Nicht als Kritiker der Theologie, eher als skandalisierender historiographischer Erzähler wurde Deschner einer der bedeutenden Intellektuellen Deutschlands im 20. Jahrhundert sowie der wohl bestbeachtete und von einigen meistgefürchtete Kritiker des Christentums und der Kirchen in den letzten 50 Jahren. Nicht zuletzt bewährte sich der Verstorbene als herausragender Literaturkritiker, an polemischer Schärfe Marcel Reich Ranicki unbedingt ebenbürtig, aber wegen vernichtender Kritik an angesehenen Autoren wie Hermann Hesse, Hans Carossa, Gerd Gaiser, Heinrich Böll und Max Frisch nicht öffentlichkeitskompatibel. Dass er sich für Autoren wie Hermann Broch, Hans Henny Jahnn und den 1942 im Schweizer Exil verstorbenen Robert Musil stark machte, charakterisiert Deschner als sprachbewussten Förderer der literarischen Moderne. Der Platz, den er gerne eingenommen hätte, war aber schon früh durch einen Geschwätzigeren besetzt; und bei Deschners Hass auf Päpste hätte seine Installation zum „Literaturpapst“ wohl nicht seiner wahren Berufung entsprechen können.
 
Kulturkatholik
Ich ertappe mich dabei, in meinem inneren Gespräch mit dem Toten, Begriffe wie „Kreatur“ und „Berufung“ verwendet zu haben. Da kommt offenbar die „Category : Swiss Roman Catholic“ zum Vorschein, als der ich neben Hitler-Attentäter Maurice Bavaud, Bischof Felix Gmür, Roger Federer undRousseau-Geliebter Françoise-Louise de Warens zu meinem Erstaunen bei Wikipedia aufgeführt werde. Übrigens sogar die sozialdemokratische internationalistisch orientierte Eid-Verweigererin Micheline Calmy Rey. Insofern scheint auch Karlheinz Deschner, katholisch getauft, Carmeliter- und Franziskanerzögling, aus der Kirche wegen Heirat mit einer Geschiedenen 1951 exkommuniziert, ein „Roman Catholic“ zu sein.
 
Mich hätte weniger – wie Deschner - eine Exkommunikation gestört als der Zwang der Verbindung des Ehesakramentes mit der Zivilehe, einschliesslich eines inquisitorischen Fragenkataloges für den Fall, dass man eine nichtkatholische Partnerin heiraten wollte. Wie Deschner, dem die Geschichte um seine Heirat offensichtlich zugesetzt hat, hielten meine Frau und ich die Ehe noch 20 Jahre nach Deschner für etwas unbedingt Heiliges. Vor allem aber war und ist sie, wie Karl Kraus ziemlich banal festgestellt hat, „ein Eingriff ins Privatleben“. So mag Deschner seine Exkommunikation empfunden haben. An den Zölibatsdiskussionen im Umfeld der katholischen Kirche störte mich am stärksten, wie sehr dabei vergessen geht, dass die sogenannte christliche Ehe unter den Bedingungen des Individualismus und der Moderne klar noch weniger praktikabel bleibt und oft noch mehr Lügen mit sich bringt als der Zölibat. Ein weites Feld.
 
So wie Thomas Mann nach eigenem Eingeständnis ein Kulturprotestant war, blieb Deschner als Kulturkatholik geprägt. Rechnete er mit Päpsten, Prälaten, Beichtvätern, katholischen Königinnen und Königen, Heiligen ab: ohne katholische Sozialisation wäre Deschners Intimität von Abneigung und Gegnerschaft nicht hinzukriegen. Demgegenüber war seine Wut auf Calvin auf einem auch katholisch bedingtem Unverständnis für Konsequenz und Rigorismus beruhend; umso stärker wohl deshalb, weil man bei einem Protestanten naiverweise mehr Nähe zur Bergpredigt erwarten würde; nichts dergleichen.
 
Schreibender „Anti-Christ“
Zudem wollte Deschner nicht unter den Tisch gewischt haben, dass Jesus von Beruf Exorzist war, bei allzu vielen Gelegenheiten mit der Hölle drohte, was auch kirchennahe Bibelkritiker mit ihrer Neigung zum Eliminieren alles Unpässlichen schwerlich als nichtauthentisch hinstellen können. Argumentierte da Sokrates nicht auf einem ganz anderen, ethisch vernünftigeren Niveau?
 
Ein quellenmässig derart krass bezeugtes Ausmass an Aberglauben wollte Deschner dem umstrittenen Stifter der christlichen Religion niemals durchgehen lassen. Die historische Relativierung von Handlungen, die er als unvernünftig einschätzte, hatte bei Deschner relativ enge Grenzen, auch unter Berücksichtigung des zur Zeit der griechisch-römischen Zivilisation nicht zu unterschätzenden Grades an Aufklärung wenigstens bei den Gebildeten.
 
Der schreibende „Anti-Christ“ hatte die Gnade, ob er an eine solche nun glaubte oder nicht, sein zehnbändiges Grosspamphlet „Kriminalgeschichte des Christentums“, begonnen 1986, vor Jahresfrist (März 2013) noch rechtzeitig abzuschliessen. Das Leben des kämpferischen Privatgelehrten war zum grössten Teil Arbeit. Als Produkt intellektueller Redlichkeit ist sie selbst in ihren unvollkommenen Ergebnissen vielfach reichhaltiger und fruchtbringender geraten als was in manchen Bereichen von Geschichte und Theologie oft schon in der Fragestellung an eine dem jeweiligen Zeitgeist-Klüngel verhaftete „Konsens-Objektivität“ gebunden bleibt.
 
Die Krux der Nachrufe
Gerne hätte ich diese Zeilen Deschner zum 90. Geburtstag gewidmet. Es hat nicht mehr sollen sein. Wer aus dem Umfeld des Verstorbenen eine persönliche Todesnachricht empfing, erhielt die Mahnung, mit dem Schreiben eines Nekrologs noch zuzuwarten. Daran hielten sich die Profis nicht. Michael Meier, Herbert-Haag-Preisträger für kritische Katholiken, titelte im Tagesanzeiger „Der grosse Kirchenkritiker ist verstummt“. Treffend hielt er fest: „Keiner nahm die Doppelmoral von Helden und Heiligen so gnadenlos aufs Korn wie er, beschrieb die Projektionen und Schattenkämpfe von besonders frommen Menschen so akkurat und lotete die Fallhöhe zwischen Erhabenem und Niedrigem, zwischen Anspruch und Wirklichkeit so schonungslos aus.“
 
Es sind eine Menge weiterer Nachrufe erschienen, snobistisch-überheblich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ als Echo systemstabilisierender Kirchenkritik von Hans Küng. Am schlimmsten sind freilich beim Tod eines Selber-Denkers die Schalmeien der eigenen Anhänger. „Grösster Kirchenkritiker aller Zeiten“ erinnert unfreiwillig daran, dass der historisch etwas weiter zurückliegende Teil von Deschners Kirchenkritik ganz gewiss auch zur Zeit des Nationalsozialismus, mit Vorwort des versierten Spezialisten Johann von Leers, mindestens bis 1939 so problemlos hätte erscheinen können wie das nach Prozessakten recherchierte Pamphlet „Mönche vor Gericht“ (1939) von Franz Rose. Zur Kriegszeit wurde für diesen Bestseller freilich kein Papier mehr zur Verfügung gestellt, so wie auch Stalin in höchster Not die atheistische Propaganda einstellte. Davon wird in einem späteren Abschnitt noch ausführlicher die Rede sein.
 
Ein „Juwel der Aufklärung“ rühmt Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung „seinen“ Deschner. Diese Anerkennung könnte man gelten lassen, hätte dieser nicht gemäss dem ausufernden Laudator Schmidt-Salomon „in seiner Sprachgewalt selbst Nietzsche in den Schatten gestellt“. Ein peinliches Lob für einen Prosaschriftsteller, der nebst guten Aphorismen wie vielleicht Marx und Engels ein ansprechendes Zeitungsdeutsch schrieb. Er war sich dieses seines Mangels sehr wohl bewusst und gestand ihn mehr als einmal öffentlich ein.
 
Anhänger: Gefahr des Sektierertums
Das Schaffen von Karlheinz Deschner wird im Sinn von Unterstützung und Nachfolge von der Giordano-Bruno-Stiftung begleitet. Schmidt-Salomon, der im Gegensatz zu dem für Deschner wegleitenden Schopenhauer an den Menschen und die Menschheit glaubt, also die Ideologie mit der insgesamt höchsten Opferzahl, muss sich in Acht nehmen, das Erbe Deschners nicht auf Sektenniveau hinunterzufahren. „Keine Macht den Doofen“ heisst ein Buchtitel des Deschner-Nachfolgers. Ob er sich schon damit befasst hat, etwa bei der Arbeit über „Die Politik der Päpste“, dass der Kirchenstaat nach 1851, als der berüchtigte § 143 des preussischen Strafgesetzbuches in Kraft trat, zu einem der begehrtesten Exilländer für deutsche Homosexuelle wurde? Dass man in Rom „nur“ in die Hölle kam, wofür in Deutschland später der § 175 Zuchthaus offerierte, war auch für den Humanisten Karl Heinrich Ulrichs, den Befreier der Mannliebenden, eine Wohltat.
 
Giordano Bruno, Klaus von Flüe und Erasmus (Exkurs)
Die Hinrichtung aber von Giordano Bruno (1548–1600) war in Rom, 47 Jahre nach Miguel de Serveto in Genf, nebst vielen anderen Schandtaten konkret die wohl grausamste Tat in der Geschichte der Philosophie. Im Gegensatz zu Jesus konnte übrigens Bruno, aufgrund einer technischen Vorrichtung in Mund und Kehle, seine Qualen nicht hinausschreien. Solche Details, die zu erzählen sind, bringen tatsächlich für die Kirchengeschichte mehr als logisch-dialektische Ableitungen von Dogmen oder kirchenrechtliche Erörterungen. Das Erzählprinzip Deschners ist insofern auch wissenschaftlich ergiebiger als die mehrheitlich langweiligen Bücher von Theologen. Dies gilt heute, wo die formalen Anforderungen nicht besser geworden sind, erst recht.
 
Der geniale Giordano Bruno, verbrannt am 17. Februar 1600 auf dem Campo dei fiori in Rom, dessen Religionskritik von Paracelsus mitgeprägt ist, hielt sich auch mal in der Nähe des Greifensees unweit Uster auf. Dort fand ziemlich genau 480 Jahre vor der Geburt Deschners, im Mai 1444, die blutigste Schandtat in der Geschichte der Schweiz statt, das Massaker an der 44-köpfigen Besatzung. Die Täter waren damals dem Interdikt unterstellt, also dem Verbot des Sakramentenempfangs. Papst und Bischof standen diesmal auf der Seite der Opfer, denen dies aber nichts nützte. Interessant bei dieser Geschichte ist die Rolle des Schweizer Landesheiligen Klaus von Flüe, damals Hauptmann der Unterwaldner, bekannt für seinen dem Frieden und der Milde dienenden Einfluss: An der Kriegerversammlung stimmten die Urner und Schwyzer für Verbrennen, die Unterwaldner und Luzerner aber für Köpfen. Es galt schliesslich Köpfen. Damit wird klar, was man 1444 unter „Milde“ verstand. Der Ekel vor solchen Entscheidungen liess Klaus von Flüe die Abgeschiedenheit des Einsiedlers suchen. Er wurde ein lebenslänglicher Beter und Schweiger.
 
Deschner, der wie Klaus von Flüe freiwillig drei Jahre Kriegsdienst leistete, in einem schlimmeren Krieg, schwieg nicht. Er wurde Ankläger. Sowohl beim Ersten wie beim Zweiten Weltkrieg waren für Deschner Päpste und Bischöfe Haupttäter, im Machtgefüge gleich hinter den Kaisern, Hitler und Stalin, so wie es bei den meisten früheren Kriegen schon gewesen sein soll. Die Rolle der Religion in Kriegen ist bekannt. Sie wurde von Erasmus von Rotterdam, Sebastian Franck, Paracelsus, Giordano Bruno, Voltaire im Prinzip schon gebrandmarkt. Was Deschner diesbezüglich zu sagen hat, war diesen Humanisten ohne die heute zugänglichen Details, aber doch im Prinzip und zum Teil aus eigener Anschauung, längst bekannt. Zwar wussten sie weniger als Deschner, aber als überragende Schriftsteller wirkten die meisten nachhaltiger als dies einem mittelmässigen Schriftsteller – es gibt heute fast nur solche – möglich ist. Die Werke und Briefe von Erasmus von Rotterdam etwa, „Das Lob der Torheit“ (statt „Keine Macht den Doofen“) und seine Satire auf Papst Julius II., der verkotzt vor die Himmelstür kommt, sind als Kirchenkritik eigentlich heute noch unerreicht. Trotzdem bleibt Deschner ein respektabler Sachbuchautor.
 
„Wer nicht eine Million Leser erwartet…“
Deschner ist bekanntlich, trotz Rechtbehaltens in den meisten Fällen, als Literaturkritiker wie auch als spätexpressionistischer Romanautor grandios gescheitert. Immerhin hat sein früher Roman „Die Nacht steht um mein Haus“ einige exquisite Leser gefunden, die in diesem Werk eine Pionierleistung eines modernen, sich von Rousseau abgrenzenden Naturverständnisses und darüber hinaus eine grossartige Ouvertüre zu seinem nachfolgenden Gesamtwerk sahen, sowohl was den Habitus der  Anklage, die geistesgeschichtlichen Bezüge und die ethische Bilanz betraf. Erfolg beschieden war ihm „nur“ auf dem Gebiet der Religions- und Kirchenkritik. Hier ging bei ihm die Losung des verehrten Goethe in Erfüllung: „Wer nicht eine Million Leser erwartet, soll keine Zeile schreiben.“
Nicht gelungen ist ihm ein vergleichbarer Erfolg bei seinen ethischen Traktaten im Bereich der Tierrechte, wo man aber nichtsdestoweniger von ihm noch hören wird.
 
Manchmal droht Kolportage
Da Deschner in der Religions- und Kirchenkritik Generalist war mit konsequentem Fokus auf das Negative (so wie ich es einst mit Kommunismus und Nationalsozialismus gehalten hatte), fiel und fällt es mir immer dort leicht, Kritik anzubringen, wo ich mehr gearbeitet habe als er, als Paracelsusforscher etwa über die Johanniter und Deutschritter. Die Kurzfassung von deren Geschichte bei Deschner, auch schon mal von Walter Hess in einer seinen Blog-Kolumnen zitiert, lautet wie folgt:
 
„Wie denn nur beispielhalber die Ritter des Deutschen Ordens, verpflichtet, ein Leben ,allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria’ zu führen, alles vögelten, was eine Vagina hatte, Ehefrauen, Jungfrauen, kleine Mädchen und, wie wir nicht ohne Grund vermuten dürfen, weibliche Tiere. Wie es ja auch im Vatikan, lange, sehr lange, recht locker zuging, etwa – einer für viele – Papst Sixtus IV., Erbauer der Sixtinischen Kapelle und eines Bordells, noch seine Schwester und Kinder besprang, sein Neffe, Kardinal Pietro Riario, sich buchstäblich zu Tode koitierte und auch noch, Ehre wem Ehre gebührt, eines der schönsten Grabdenkmäler der Welt bekam.“
 
Das Beispiel ist einigermassen reizvoll für polemische Sprache, wenngleich nicht mit erläuternder Quellenkritik angereichert. Eine analoge Darstellung der US-Präsidenten John F. Kennedy und Bill Clinton sowie Mao und Benito Mussolini, Nicolas Sarkozy und François Hollande, allenfalls Willy Brandt, wäre in Sachen Verifikation wohl zuverlässiger zu bestimmen als die Kolportage über die Deutschritter und den von Heinrich Federer, einem grossen Autor, wohlrecherchiert dargestellten Papst Sixtus.
 
Der Einspruch Jacob Burckhardts
Über die Spitalgründungspolitik der Deutschritter und Johanniter, eine vierstellige Zahl von dauerhaften Institutionen, ihre unglaubliche chirurgische Technik bis hin zur Erstellung eines künstlichen Afters, die Pflegegrundsätze, die Logistik wäre indes auch noch das eine oder andere zu forschen, vor allem aber über ihre Kunst, ein Spitalwesen auf die Beine zu bringen, das der Nachwelt keine Schulden hinterlassen hat. Dazu der Basler Historiker Jacob Burckhardt in einem gewissen Sinn als vorweggenommene Antwort an Deschner: „Ohnhin sollten wir gegen das Mittelalter schon deshalb den Mund halten, weil jene Zeiten ihren Nachkommen keine Staatschulden hinterlassen haben.“
 
Der geistvolle Satz von Burckhardt, hier aus Henk Hübschers Buch „Und niemand stellt Fragen“ (2013) zitiert, hätte Deschner indes gewiss nicht zu entwaffnen vermocht. Dass er über das Negative, und zwar nicht bloss über das Koitieren der Potentaten, den Mund gerade nicht halten wollte, war und blieb seine unerbittliche Spezialität: Die Aufarbeitung von Geschichte in polemisch-didaktischer Absicht.
 
Eine ehrliche ungeheuchelte Würdigung, auch im Sinne von Robert Mächler, muss sich nicht in Superlativen ergehen. Deschner war ein authentischer Unzeitgemässer unserer Zeit. Wie er als Literat notfalls mit prominenten Autoren abzurechnen wusste, war Reich-Ranicki ebenbürtig, wiewohl wie dieser nicht immer gerecht. Max Frisch war, obschon alle von Deschner aufgelisteten lektorialen Beanstandungen im Details zutreffen, selten bloss ein Kitschautor, in seinen besseren Werken literarisch ausdrucksstärker als Deschner; desgleichen der ihm besonders verhasste Ernst Jünger. Ein bisschen tiefer hängen schadet aber selten. Dies gilt am meisten wohl für theologische Autoren mit Ausnahme von Meister Eckhart, Blaise Pascal, Schelling und Kierkegaard.
 
Darum wird der Name Deschner meines Erachtens in der Geschichte von Religion und Kirche länger halten als vielleicht Namen wie Küng, Rahner und Drewermann.
 
Zorn gegen kirchliches Pfründenwesen
Hans Küng, dem gemäss Memoiren in seiner Jugend (im Gegensatz zu seinem Lehrer Josef Vital Kopp) der Antisemitismus in seiner eigenen Heimatgemeinde Sursee nicht aufgefallen ist, glaubte sich gemäss Robert Mächler über „die ewige Fortschreibung der kirchlichen Skandalchronik“ bei Deschner lustig machen zu können. Als Begründer einer Mainstream-Ethik politischer Korrektheit, auf der Basis eines staatlichen statt kirchlichen Instituts, ist Küng sowohl vom Lehrstil wie auch vom Auftreten das akkurate Gegenteil von Karlheinz Deschner. Derselbe hat sich stets auch mit massivem Zorn gegen das kirchliche Pfründenwesen und die staatsgarantierte Kirchensteuer gewandt, ein von den Mitprofiteuren nie kritisiertes Relikt aus der Zeit der Leibeigenschaft. (In der Schweiz wurde das System freilich demokratisiert, weswegen es noch schwerer aufzuheben ist.) Dass Deschner nicht nur an Dogmen Kritik übte, was heute zur Selbstimmunisierung eines korrumpierten Apparats bei Theologen längst selbstverständlich geworden ist, sondern am System Kirche selbst keinen guten Faden lässt, erregte den wahren, eine Integration Deschners in den innerkirchlichen Dialog kaum mehr ermöglichenden Anstoss.
 
Deschner wie Kurt Flasch nicht bloss biographisch „erklären“
Die Werke Deschners werden wohl auch deswegen gerne gelesen, weil Millionen Menschen durch ihre kirchliche Sozialisierung nebst allfälliger Orientierung und kultureller Prägung (letztere ist auch beim katholischen Internatsschüler Deschner unauslöschlich) vielfach bleibende seelische Verletzungen eingefangen haben. Dies war auch der Fall bei Deschner, der 1951 durch seine Heirat mit einer geschiedenen Frau aus der Kirche exkommuniziert wurde. Aber ähnlich wie Mystik-Kenner Kurt Flasch, dessen im Geiste unserer Thematik aktuelles Buch „Warum ich kein Christ bin“ (C.H. Beck 2013) den besten Texten Deschners und Mächlers ebenbürtig, wenn nicht überlegen scheint, bestreitet Deschner, persönlich nur negative Erfahrungen mit gläubigen Katholiken, auch Klerikern, gemacht zu haben.
 
Bildungsgeschichtlich macht die Bilanz bei Deschner und Flasch über dem Strich sogar einen positiven Eindruck. In einem heutigen, mehr laizistischen Gymnasium hätte der Kirchenkritiker und der Mystikkenner – wie die Autoren Arnold Stadler, Niklaus Meienberg, Thomas Hürlimann u. a. – schlechtere Bildungsgrundlagen für ihre spätere Arbeit mitbekommen. Es bliebe, wie bei Kurt Flasch, dem Eckhart-Kenner, falsch, das Engagement Deschners auf eine persönliche Abrechnung zu reduzieren. Erst recht nicht war dies beim früheren Karl-Barth-Anhänger und Deschner-Promotor in der Schweiz, Robert Mächler, der Fall. „Die hasserfüllten Augen von Herrn Deschner“ sind zwar Titel eines Fernsehfilms von Ricarda Hinz mit einem montierten Streitgespräch, aber keine Realität für irgendjemanden, der mit Karlheinz Deschner selber im Dialog war.
 
Solidarität mit Widersprüchen
Wenn schon, bedrücken bei Deschner eher die traurigen Augen eines Menschen, in dessen Werk selbst auch Witze über Glaube und Kirche eine nur geringe Rolle spielen. Dass er es allerdings mit den Tierrechten eher noch radikaler nimmt als der heilige Franz von Assisi, hier kritisch über Peter Singer hinausgehend, ist beeindruckend. Mit Ausnahme des menschlichen Embryos, der für Deschner nach katholischer Zwangsmoral ausgetragen werden muss, damit die geborenen Kinder dann als Kanonenfutter verheizt werden könnten, scheint die Solidarität des Vegetariers mit allem Lebendigen fast unbegrenzt.
 
Ehrlich gesagt macht fast jeder und auch jede Ideologie beim Lebensschutz Ausnahmen. Deschner wollte jedoch mit seinen Ausführungen, das von ihm verteidigte Recht auf Abtreibung betreffend, weniger die Heiligkeit des Lebens in Frage stellen als die klerikale Doppelmoral anprangern. 
 
„Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Die Charakterisierung von Conrad Ferdinand Meyer, den streitbaren Polemiker und Ritter Ulrich von Hutten betreffend, gilt auch für Karlheinz Deschner. Polemiker sind regelmässig Gescheiterte, was aber noch lange nicht heissen muss, ihre Anklage sei nicht ernst zu nehmen. Zumal Deschner sich als einen radikalen Aufklärer versteht, mit maximal verurteilendem moralischem Impetus, darf nicht übersehen werden, wie er nach vielfachen Irrungen und Wirrungen zu seiner Lebensaufgabe gefunden hat. Mit Relativierung derselben hat dies nichts zu tun, so wenig wie der Befund, dass Indianerbefreier und Kolumbus-Weggefährte Bartlomé de Las Casas (1484–1566) ursprünglich selber ein Kolonist war, der übrigens wie später Deschner keine Mühe bekundete, persönliche Schwächen einzugestehen. 99 Prozent der Verbrechen an den Indios, die Las Casas schilderte, kannte er nur vom Hörensagen. Bei wohl mindestens einem Prozent war er als Zeuge dabei. Bei Deschner stammen, von allfälligen Kriegserlebnissen abgesehen, fast 100 Prozent des von ihm vermittelten Wissens aus gedruckten Quellen, nicht immer Primärliteratur.
 
Kirchenkritik bei Nationalsozialisten und Kommunisten
Die meisten Bände seiner Kriminalgeschichte des Christentums, die mit dem frühen 18. Jahrhundert enden, hätte Deschner – jenseits von Anspielungen an die Gegenwart – auch zur Zeit des Nationalsozialismus veröffentlichen können. Die Abrechnung mit dem Christentum und den Kirchen, speziell der katholischen, entsprach einem Ideologien übergreifenden säkularen Bedürfnis, in dem sich Radikal-Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus und auch progressive, mit einer langfristigen Revolution liebäugelnde Nationalsozialisten einig waren.
 
Deswegen recherchierten Heinrich Himmler und Martin Bormann für die Zeit nach dem Krieg über Hexenprozesse und – im Hinblick auf eine Abrechnung mit der katholischen Kirche nach dem „Endsieg“ ‒ über pädophile Priester, liessen dann und wann zur Bekämpfung des christlichen Widerstandes auch Beichtväter aushorchen.
 
Eine der bemerkenswertesten Publikationen des Jahres 1939, in mindestens 3 Auflagen erschienen, trägt den Titel: „Mönche vor Gericht. Eine Darstellung entarteten Mönchslebens nach Dokumenten und Akten. Klösterlicher Sittenzerfall. Devisenschiebungen im Nonnenkleid. Die Untaten des Priesters Leo Vigill. Aktfotos im Beichtstuhl. Über den Zwang des Zölibats. Der Staat wird die Sexualpest ausrotten.“ Usw. Für diesen sensationellen Bestseller gab es aber dann zur Zeit des Krieges keine Papierzuteilungen mehr, eher schon für Russland-Novellen des dem Widerstand nahestehenden katholischen Dichters Reinhold Schneider oder Bauerngeschichten von Hebelpreisträger Alfred Huggenberger aus dem Thurgau.
 
Mit dem Hinweis auf nationalsozialistische oder sonstwie ideologisch motivierte Kirchenkritiker soll die Tätigkeit Deschners nicht via Nazikeule relativiert, bloss wertungsfrei ein geistesgeschichtlicher Zusammenhang erstellt werden. Der nicht habilitierte Professor Johann von Leers, Herausgeber eines repräsentativen, durchaus recherchierten kirchenkritischen Werks aus der Zeit des Dritten Reiches, wurde später ein Weggefährte des ungefähr gleichzeitig zum Islam mitkonvertierten Schweizer Publizisten Ahmed Huber und arbeitete bis zu seinem Tod 1965 unter Gamal Abdel Nasser als erwünschter „Experte“ für antizionistische Propaganda. Leers, in Kairo 1965 verstorben, war schon zur Nazizeit vor allem als konsequenter Antisemit ein rabiater Gegner des Christentums gewesen, wurde in Ägypten wie der Schweizer Protestant Albert, später Ahmed Huber, Muslim.
 
Letzterer, mit dem ich für Fragen des Islam einen in der Regel ergiebigen Kontakt pflegte, bekannte sich mir gegenüber wiederholt als Deschner-Leser. Er kannte als langjähriger Ringier-Journalist auch Robert Mächler und den kommunistischen Intellektuellen Konrad Farner. Mit Leers hatte er in der Zeit seiner Konversion in Ägypten gute Bekanntschaft gepflegt, auch als „Fan“ von Wüstenfuchs Rommel. Insgesamt hielt Huber den Islam für die humanste aller Religionen, worüber ich mich mit ihm aber so wenig einigen konnte wie mit Mächlers später Fundamentalkritik an allem Christlichen. Bei telefonischen Diskussionen mit Huber, die selten unter einer Stunde zu bestreiten waren, schloss ich nie aus, dass wir vom Staatsschutz abgehört wurden.
 
Keine Kriminalgeschichte des Islam
Huber, zu Lebzeiten der unverfrorenste Kenner des Islam in der Schweiz, mit einem Verhältnis zu Adolf Hitler wie etwa dasjenige Wladimir Putins zu Josef Stalin, war entgegen seines fürchterlichen Rufs als Terroristenfreund, intellektuell fast jedem Linken und besonders Theologen bzw. Theologinnen ebenbürtig. Im Gegensatz zu Religionswissenschaftlern und Religionswissenschaftlerinnen wusste er, wie die Dinge sich konkret verhalten. Analog zum keineswegs gemässigteren, von Maos Kulturrevolution begeisterten Konrad Farner – in der Schweiz von öffentlichen Diskussionen unter Gebildeten in der Regel ausgeschlossen. Sein Berufsverbot als Ringier-Journalist war milde, bestand aus Frühpensionierung, der Ausschluss aus der Sozialdemokratischen Partei legitim. Der Leser von Deschner zeigte Verständnis für die Volksinitiative betr. ein Minarettverbot, schätzte mir gegenüber das Gedankengut von Klaus von Flüe als mit dem Islam kompatibel ein. Zum Islam war er, Huber, als Unterstützer der algerischen Unabhängigkeitsbewegung gekommen. Wie Mächler und Farner gehörte er zu den Aussenseitern, gewissermassen den „Spinnern“ im schweizerischen Geistesleben. Auf Originale dieser Art, die Randfiguren des Diskurses, hat Deschner immer wieder mal Einfluss ausgeübt. Letztendlich wurde er aber auch bei Einflussreichen, etwa Redakteuren im Bereich von Theologie und Kirche, nicht zuletzt zweifelnden Kirchenmitgliedern und Halt suchenden Ausgetretenen, mehr gelesen als manche Werke von Theologen oder gar päpstliche Enzykliken.
 
Deschner hat die Kriterien seiner Kritik am Christentum auf den Islam nicht angewandt, hält sich jedoch in seinen religionskritischen Werken an ausschweifender Zitierung brutalster Stellen aus dem Alten Testament, in Volksbibeln regelmässig geschönt, nicht zurück. Eine Kriminalgeschichte des Islam hätte sich Deschner wohl auch bei 120 Jahren Lebenszeit nicht angetan, dafür fehlte ihm der für die gewaltige Arbeit ausreichende Wut-Impetus. Bei zehn Bänden Kriminalgeschichte des Christentums wäre jedoch ein Band über das Judentum eigentlich „normal“ gewesen, zumindest theoretisch zulässig. Damit hätte er sich aber für seine Hauptaufgabe, die Kritik am Christentum und an den christlichen Denominationen, unmöglich gemacht. Überdies wäre eine Kriminalgeschichte des Islam, der letzten noch voll virulenten monotheistischen Religion, in der Art von Deschner als Publikation bei einem Spitzenverlag mit Übersetzungen in viele Sprachen nach wie vor nicht praktikabel und für den Autor lebensgefährlich.
 
Wenn schon ein islamkritisches Zitat von Papst Benedikt XVI. weltweit Tote forderte, was wäre dann wohl bei einer Kritik auf der Grundlage der bei Deschner jeweils üblichen Diktion zu erwarten gewesen?
 
Tradition der Aufklärung
Für eine einigermassen problemlose, den Bedürfnissen des Feuilletons und des heutigen Buchhandels entsprechende Rezeption blieb also fast nur die Kriminalgeschichte des Christentums übrig. Deschner hat sie geleistet, wenngleich nur als ewiges Fragment. Sein Kritikanliegen war im Prinzip schon seit der Aufklärung thematisierbar, etwa beim schweizerisch-niederländischen Aufklärer Jean Barbeyrac, der schon um 1720 die Aufarbeitung des Justizmordes an Miguel de Serveto durch Calvin und die Schweizer Protestanten (mussten sich mit der Hinrichtung solidarisieren) im Jahre 1553 verlangte. Zu den grossartigsten Durchbrüchen kirchenkritischer Aufklärung gehört Voltaire mit seinem Aufgreifen des Falles Calas in Ferney, wobei freilich Arouet als Autor, Philosoph und religiöser Mensch in seiner eigenen Liga spielte wie nachmals im 20. Jahrhundert vielleicht Friedrich Dürrenmatt. Dessen theologischer Hintergrund war weder mit demjenigen Deschners noch anderer zeitgenössischer Autoren zu vergleichen, erinnerte eher an Albrecht von Haller und Jeremias Gotthelf.
 
Deschner musste weder Voltaire noch Dürrenmatt sein. Er war dafür fleissiger, obwohl man seine Arbeit normalerweise nicht als Recherche bezeichnen darf. Eine solche betrieb zum Beispiel der Theologe Carsten Peter Thiede (1952–2004) als Archäologe und Papyrologe in Israel, oder betreibt heute der in Zürich von der Condrau-Clique ausgebootete Medizinhistoriker Urs Leo Gantenbein als Handschriftenerforscher der revolutionären, radikal kirchenkritischen Theologie von Paracelsus, welcher den herrschenden Kirchen wie später Deschner die Arbeitsdevise „Henk, würg, verprenn, ertränk“ unterstellte.
 
Weil es aber durchaus ein Bedürfnis nach Gesamtdarstellungen gibt, sogar nach solchen, die einen „einseitigen“ Gesichtspunkt fokussieren, gibt es an der Lebensaufgabe von Karlheinz Deschner wenigstens grundsätzlich nichts zu mäkeln. Ein Engagement seiner Art war, wenigstens gegen die katholische Kirche, auch Schweizer Liberalen nicht fremd, etwa dem Aargauer Klosteraufheber, Regierungsrat und Pädagogikpionier Augustin Keller (1805–1883). Desgleichen hatte Religionskritik stets auch eine feste Tradition in kommunistischen Ländern, bis hin zur Legitimation „atheistischer Propaganda“. Diese Tendenzen wurden aber sowohl von Hitler wie auch von Stalin während der Zeit des 2. Weltkrieges weitgehend eingestellt, Stalin selber soll in der kritischsten Phase des Krieges 1942/43 regelmässig in einer Kapelle des Kremls gebetet haben. Noch Michail Gorbatschow, der mit seiner Perestroika ursprünglich den Sowjetkommunismus retten wollten, forderte in seiner epochalen Rede von 1985 hoffnungsvoll die Erneuerung der „atheistischen Propaganda“, vermutlich nicht zum Kampf gegen die Orthodoxie (KGB-Agent Putin war getauft und liess seine Kinder taufen), sondern wohl eher als zwar nutzlose Massnahme gegen den heraufdämmernden Islamismus auch in damaligen Sowjetrepubliken.
 
Abgeschlossen wurde das Magnus Opum einer „Kriminalgeschichte des Christentums“ im Jahre 2013 mit dem 10. Band, den Untaten eines protestantischen schwedischen Königs zu Beginn des 18. Jahrhunderts gewidmet, auch mit einem Kapitel über die russisch-orthodoxe Kirche, nicht gerade einem Spezialgebiet des Nichtslawisten Deschner. Hier würde es sich lohnen, sich mit Franz von Baader (1765–1841) auseinanderzusetzen. Wie schon ausgeführt, war Deschner aber nicht Spezialist, sondern Generalist, vor allem selektiver Verwerter von Sekundärliteratur, was ihn mit den prominenteren unter den Theologieprofessoren verbindet. Weil er immer etwas zu erzählen hat, und zwar dasjenige, was man neben Theologischem unbedingt auch noch wissen möchte, die Macht-Intrigen, kleine, grössere und ganz grosse Schweinereien, ist fast jedes Kapitel von Deschner lesenswert, als Provokation des Spezialisten sogar der oben zitierte Aperçu über die Koitierungsgewohnheiten der Deutschritter und von Papst Sixtus.
 
Ausserdem behält sich bei einem „kriminalistischen Ansatz“ aus der Sicht des Anklägers, kaum je aus der des Verteidigers, die schärfstmögliche Unterstellung dem Leser gut im Gedächtnis. Mir ist das bei Recherchen um den Pädophilenprozess gegen den Priester und Schriftsteller Heinrich Federer in Stans aufgefallen. Die Anklageschrift war trotz letztendlicher Beweisnot und politisch einzuschätzendem Freispruch in 2. Instanz (die 1. Instanz war liberal, die 2. katholisch-konservativ beherrscht) so formuliert, dass der Angeklagte für die nächsten 120 Jahre erledigt war. Das Prinzip, nur die Anklageschriften zu zitieren, kann dann und wann eine Funktion haben, einerseits im Kampf gegen einen weltanschaulichen Gegner, andererseits aber doch auch, um eine Diskussion aufrechtzuerhalten. Die Regel, für die Feststellung historischer Wahrheit Gerichtsurteile als sakrosankt zu erklären, wie von Wladimir Putin in der Diskussion um den 2. Weltkrieg und den Stalinismus vorgeschlagen, führt zu einer Geschichtsschreibung der Herrschenden. Die Darstellung der Religions- und Kirchengeschichte war einer solchen Tendenz traditionell stark ausgesetzt. Hier wollte Deschner Gegensteuer geben.
 
Deschner überschätzte oftmals die Macht der Kirche 
Allerdings schätzte Deschner die Macht von Kirche und Religion regelmässig falsch ein. Das weiss ich unter denjenigen Themen, die ich etwas näher kenne, so die Hexenprozesse in der Zentralschweiz und im Uechtland, allenfalls die Geschichte des Hauses Habsburg einschliesslich der auch von Enzensberger behandelten Geschichte des Dominikanermönchs Bartolomé de Las Casas, dem Chronisten des Völkermordes an den Indianern. Las Casas war, abgesehen davon, dass er diverse Verbrechen der Spanier unmittelbar gesehen hat, so etwas wie ein Deschner des 16. Jahrhunderts und deswegen in der spanischen Geschichtsschreibung, zum Teil auch in der Kirchengeschichtsschreibung, ähnlich verhasst. Seine „Brevissima relaçiòn“ ist die wohl fürchterlichste Anklageschrift in der Geschichte der Christenheit, historisch unzuverlässig, trotzdem eindrucksvoll, wurde von der Inquisition weitgehend ernst genommen mit Konsequenzen in Richtung einer fatalen Indianerbefreiung mit „Negern" als Ersatzsklaven.
 
In der Innerschweiz zum Beispiel hatte die Inquisition zurzeit von Klaus von Flüe so gut wie nichts zu gebenedeien. Die Hexenprozesse beruhten auf damaliger Demokratie, und wenn die Kirche gegen den von der Inquisition verdächtigten Klaus hätte vorgehen wollen, wäre der Inquisitor, der Weihbischof von Konstanz, von den Eidgenossen totgeschlagen worden.
 
Deschner übersieht bei den Hexenprozessen, wie dabei eine modernisierte, im Prinzip „aufgeklärte“ Justiz beginnt, mit Diktatur der Experten und ersten Ansätzen eines neuzeitlichen Umweltrechts. Dass der Mensch Einfluss auf Wetter und Klima hat, und die dafür Verantwortlichen bestraft werden müssen, bleibt eine nachhaltige Errungenschaft der Hexenprozesse. Und wie hätte man, zum Beispiel in Obwalden, ohne Kantonschemiker, bei Lebensmittelvergiftungen anders vorgehen wollen als mit einem Hexenprozess der Barockzeit gegen zwei Frauen aus der herrschaftsfähigen Schicht, Katharina und Margaretha von Flüe? Es gab nämlich, nach dem Verursacherprinzip, keine andere Möglichkeit, die verantwortlichen Spezereihändlerinnen zur Rechenschaft zu ziehen. Zu einer Zeit, da bei frühen Thermometern von „Geisterchen im Glas“ gesprochen wurde, konnten auch manche Vergiftungen schwerlich anders erklärt werden als mit „geistigen Ursachen“. Zu deren Feststellung diente der Hexenprozess.
 
Um zu solchen, die Katastrophe der Hexenprozesse keineswegs relativierenden Ergebnissen zu kommen, genügt es indes nicht, wie Deschner zu Hause morgens um vier Uhr aufzustehen und den ganzen Tag niederzuschreiben, was man einer auch noch so kritischen Bibliothek entnommen hat. Die Arbeit in den Archiven ist mühsamer, die Öffnungszeiten sind schikanös, Fotokopieren und gelegentlich sogar Fotografieren vielfach verboten und die Handschriften liest man schnell mal falsch. Was in Überblickswerken steht, kann selten zum Nennwert genommen werden, eher zum Anlass, es noch genauer wissen zu wollen.
 
Von der Deschner-Lektüre profitieren
Trotz dieser Einwände bleibt die monomanische Arbeitsaskese Deschners zu bewundern und überhaupt seine Suche nach einer polemischen Synthese, wenn es das gibt. Wann immer ich mich wieder an eine neue Aufgabe machte, ein kirchennahes Thema literarisch zu verarbeiten, etwa einen Oratoriumstext zu schreiben über die Kaiserin Helena, ihren Sohn Konstantin und die Kreuzauffindung, las ich Deschner. Es genügte in keinem einzigen Fall. Hätte ich aber Deschner nicht gelesen, die Gefahr, es idyllisch, verkitscht oder schlicht verlogen zu machen, wäre grösser geworden als sie es ohnehin ist.
 
Bei allem, was Quellenkenner daran beanstanden können, waren seine Publikationen über alles gesehen doch notwendiger und wohl auch in der Wirkung nachhaltiger als was die meisten deutschsprachige Theologen in den vergangenen 50 Jahren in den Druck gegeben haben und was ich immer wieder zu lesen versuche. Deschners Rang als der eines Intellektuellen mit kritischem Hasspotential – etwas mehr Liebe blieb dem Heimatschriftsteller vorbehalten – wäre noch vorzüglicher gewesen, hätte er seine Aufgabe dann und wann auch ironisieren können. Dafür sind, nach Deschner, die Schweinereien viel zu empörend gewesen.
 
Selber lernte ich zwei weibliche Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz kennen, deren Erzählungen keineswegs frei von Schmunzeleinheiten waren. Die eine, später ausgebildete Sexologin und Porschefahrerin, erwies sich als wahre Meisterin in der Kunst, das Überleben zu geniessen. Sie wäre niemals ein weiblicher Karlheinz Deschner geworden, weder historisch noch vegetarisch noch mit vergleichbar traurigen Augen.
 
Verlegenheit bei kirchlicher Beisetzung
Zu den schönsten persönlichen Texten, die von Deschner sogar aus dem Netz zu lesen sind, gehören seine Erinnerungen an seinen Weggefährten Hans Wollschläger, der seinerseits auf das Verschwinden der christlichen Kirchen gehofft hatte und der dann am Ende doch kirchlich beerdigt wurde. Meine Bemühungen im aargauischen Verfassungsrat für die kantonsweite Garantie ziviler Abdankungsdienste mit der Ermöglichung würdiger Rituale wurden 1975 auch von Pfarrern aus der sozialdemokratischen Fraktion mit der Begründung ihrer Überflüssigkeit erfolgreich zurückgewiesen. Heute ist meine ehemalige Schülerin, die Basler Philosophin Martina Bernasconi, auf diesem Gebiet als veritable Konkurrenz des Klerus tätig. In Bayern ging es, bei der Verabschiedung von Deschner-Freund Wollschläger, keineswegs weltlich zu. Deschner schreibt:
 
„Gegen die Religionen, zumal gegen das Christentum, hat Hans Wollschläger jahrzehntelang geschrieben und gesprochen – und wurde am 1. Juni 2007 in Königsberg/Bayern durch einen christlichen Pfarrer beigesetzt unter wiederholtem Bimmeln der Kirchenglocke, wiederholtem Zitieren der Bibel, wiederholtem Beschwören des ‚Herrn‘ – bis hin zum ‚Vater unser‘ und dem Segnen der ‚Gemeinde‘. Und hätte ich nicht, als der Geistliche das Kreuz schlug, mich nicht beinahe selber bekreuzigt?“
 
Dem Vernehmen nach will Karlheinz Deschner, da die Kremation heute nicht mehr wie zur Zeit des Luzerner Erstkremierten Carl Spitteler als Leugnung der Auferstehung gilt, wie seine Mutter im biblischen Sinn von „Würmern zerfressen“ und also nicht in einem Krematorien verbrannt werden, wohl sogar im Sinne einer Hommage an die Leiblichkeit, als deren Anwalt er als Ethiker wiederholt aufgetreten ist.
 
Vorschlag für Epitaph
Ich werde Karlheinz Deschner, einem grundanständigen Menschen, einem der wenigen Ethiker, der seine Überzeugungen in seltener Konsequenz gelebt hat, für immer ein mich mahnendes Andenken bewahren. Den Menschen, denen er wegleitend wurde, entbiete ich mein herzhaftes Beileid. Die Menschen, mit denen ich Deschner begegnete, etwa Walter Hess, Woldemar Muischneek und Christoph Bopp, betrachte ich auch über das Andenken Robert Mächlers als meine Freunde und Weggefährten.
 
Eine Grabinschrift? Gotthold Ephraim Lessing schlug beim Tod von Voltaire, an die Adresse von dessen Gegner, ein Epigramm vor: 
„Hier ruht, wenn man euch glauben wollte,
Der Kerl, der längst hier liegen sollte.“  
 
Hinweis auf weitere Biografien von Pirmin Meier
 
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