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BLOG vom 27.04.2014


Desenzano bis Bergamo und die Motive unserer Reise
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Über die Grösse des Wochenmarktes in Desenzano (Italien, am Gardasee) staunten wir. Wir schlenderten 1 ½ Stunden den Auslagen entlang, ohne das Ende des Markts zu erreichen. 2 Arten von Souvenirs habe ich mitgenommen. Ab einem Wühltisch eine Strickjacke und eine Bluse. Gesamtpreis: 5 Euro. Da war mehr Spass dabei als vernünftiger Einkauf. Und doch sind es Stücke, die ich tragen werde.
 
Das andere, mich weit mehr beeindruckende Souvenir ist eine Foto von einem Denkmal, das an den Krieg erinnert. An der Seepromenade, auf der Achse der Kirche platziert. 2 Frauen umarmen sich. Mitfühlend sind ihre Gebärden. Ihnen gegenüber 2 Männer mit einem starren Gürtel aneinander gekettet, unfrei, den militärischen Befehlen ausgeliefert und darin gefangen. Beide Paare stehen auf einer Art Schaukel, die im Kunstwerk aber fix dasteht. Als ich es sah, dachte ich: Wie Frauen auf den Krieg reagieren und wie Männer reagieren müssen.
 
Ich suchte nach weiteren Angaben zu diesem Denkmal, konnte sie nicht finden. Ich stiess aber im Internet auf den Ort Solferino, wo vor 155 Jahren jene erbitterte Schlacht stattfand, die den Schweizer Henri Dunant bewegte, das Rote Kreuz (heute zum Internationalen Rot-Kreuz-Hilfswerk geworden) zu erschaffen. Ohne es zu wissen, waren wir diesem geschichtsträchtigen Ort im Umfeld von Peschiera sehr nahe gekommen. Solche nicht gesuchte Informationen zu finden, das sind Geschenke.
 
Nach dem Marktbesuch wurden wir nach Bergamo geführt. Ein Freund hatte uns schon in Zürich einen dicken Reiseführer ausgeliehen, damit wir uns auf die darin aufgelistete Geschichte dieses Orts vorbereiten konnten. Ganz speziell wies er auf das in der Basilika Santa Maria Maggiore anzutreffende Intarsienwerk von Lorenzo Lotto hin.
 
Bergamo steht erhöht über dem Tal. Die Altstadt wird mit der Drahtseilbahn erreicht. Als wir dort ankamen und durch die engen Gassen schlenderten, sagte Primo plötzlich: Fühlst du dich hier auch sehr klein? Ja, bei so hohen Gebäudemauern. Da gingen wir gerade am Musikinstitut und dem Donizetti-Museum vorbei. Der Komponist Gaetano Donizetti wurde 1797 hier geboren.
 
Auch in dieser Stadt stoppte uns wieder die Mittagssiesta. Museen und Kirchen waren bereits geschlossen. Sofortigen Zugang fanden wir aber in der Curia. Und dort überraschte uns der Versammlungsraum, die Aula Picta. Ihre Schönheit verdankt sie der schwungvollen Bogenstütze, die das hölzerne Dach trägt. Und die Fresken aus dem 13. Jahrhundert füllen den Ort mit Geschichten. Mich hat ein Seelen wägender Engel besonders angesprochen.
 
Dieser Raum muss vor nicht langer Zeit achtsam renoviert worden sein. Es ist eine Frische zu verspüren, wie man sie selten findet.
 
Bis die Pforte der Basilika Santa Maria Maggiore wieder geöffnet wurde, schlenderten wir durch die Gassen, ohne wie andere Mitreisende auf der Piazza Kaffee zu trinken. Wir wollten auch die Aussicht aus Bergamo in die weite Landschaft erleben. Obwohl dieser Ort für uns den Eindruck erweckte, er sei eine einzige, nicht verletzbare Festung, zeigt ihre Geschichte auch schicksalshafte Züge. Bei unserem Besuch aber fühlten wir uns an einem sicheren Ort. In einer Welt zu Besuch, die ihre Kultur, ihre Schätze und Traditionen mit berechtigtem Stolz hütet. Das architektonische Zusammenspiel von Baudenkmälern, die Plätze schafften, überraschte uns.
 
14 Uhr. Wir durften in die Basilika eintreten und Lorenzo Lottos Intarsien finden. Sie zieren das Chorgestühl. Zu diesem ist der Zutritt aber verboten. Für Kunstinteressierte werden einige plakatgrosse fotografische Reproduktionen gezeigt.
 
Diese handwerklichen Arbeiten sind so vollendet geschaffen, dass sie Jahrhunderte überdauerten. Sie müssen auch entsprechend gepflegt worden sein, so dass sie heute noch intakt sind.
 
Lorenzo Lotto malte die Entwürfe. Ein genialer Möbelschreiner setzte sie in Bilder aus Holz um. Aussergewöhnlich ist, dass sie nicht nur eine Szene darstellen. Lotto versammelte verschiedene Kapitel einer Geschichte in einem einzigen Bild.
 
Dieser Bilderzyklus entstand 1471‒1500 in der Zeit, als die Reformation auch Venedig erfasste und sich dort Menschen aller sozialen Schichten darum bemühten, den direkten Zugang zur Bibel zu finden. Zur selben Zeit, als in Zürich religiöse Bilder vernichtet wurden, wurde Lotto beauftragt, Bildvorlagen für die biblische Geschichte im neuen Verständnis der Reformation darzustellen, weil die breite Bevölkerung Analphabeten waren.
 
Verschiedenfarbige Hölzer lieferten das Material für die Bildgestaltung. Der ausführende Möbelschreiner muss aber auch Chemikalien benützt haben, um sie um Nuancen zu verändern. Er wird mit Salzsäure, Kupfervitriol, Arsen experimentiert haben. Er musste auch Leime herstellen. Die sich entwickelnden giftigen Dämpfe griffen seine Gesundheit an. Er sei kurze Zeit nach Vollendung seines Werkes an einer Vergiftung gestorben.
 
Nach diesem Besuch schlenderten wir nochmals durch die Gassen und entdeckten eine alte, vornehme Bäckerei-Konditorei. Wir konnten nicht widerstehen, kauften Gebäcke, damit wir den Laden von innen sehen konnten. Sehr gepflegt. Und die Frau an der Kasse, vielleicht die Ladenbesitzerin, lobte mich, dass ich den Preis in Münzen richtig gezählt hatte. Bene! rief sie freundlich, molto bene! (Gut, sehr gut.)
 
Im Rucksack lagen bereits ein paar Schätze. Eine Colomba artiginale für unser Osterfest in Zürich, ebenso die Schrift Bilder der Bibel von Lorenzo Lotto aus dem Verlag Ferrri Editrice und auch ein beachtlicher Stadtführer zur Geschichte und Kunst in Bergamo. Die Aula Picta ist darin abgebildet. Ihretwegen haben wir das Buch gekauft.
 
Die Heimreise nach Zürich verlief zügig. Mit vorgeschriebenen Zwischenhalten und Stärkung. Bessere Bedingungen konnten wir uns nicht vorstellen. Frühlingshaftes Wetter, wenig Strassenverkehr, zufriedene Stimmung unter den Reisenden. Und eine beeindruckende Fahrt über den San-Bernardino-Pass.
 
Beim Abschied in St. Gallen dankte ich dem Chauffeur für seine einmalig sichere Fahrweise. Er verwies auf 2 Jahre Postautodienst im alpinen Bereich. Da lerne man subtil chauffieren.
 
Ich komme nochmals auf das Motiv unserer Reise zurück, habe es im Blog mit dem Thema Reisefüdli erwähnt. Ich wollte nach Peschiera kommen, möglichst nahe an diesen Ort, wo Rico, die Hauptperson aus der Geschichte Heimatlos, seinen Geburtsort wiederfand. An jenem Reisetag, als wir den Gardasee umrundeten, kamen wir auf der Heimfahrt – für mich – unerwartet durch Peschiera. Der Bus überquerte gerade den Fluss Minico, als uns der Chauffeur über den Ort informierte. Grosse Überraschung! Für einen Augenblick schien die Sonne strahlender. Ich war in Johanna Spyris Geschichte angekommen, sah den Hafen, den Ausfluss und dahinter den See.
 
Das 2. Thema unserer Reise: Den Lebensraum von Primos Urgrosseltern kennen lernen. Sie stammen aus der Provinz Trentino. Sie haben eine besondere Geschichte, die dokumentiert ist.
 
Der Urgrossvater sei schon als Bub mehrmals in der Schweiz gewesen. Er habe seinen Vater, einen Holzfäller, begleitet. Später sei der Jüngling in die Schweiz gekommen, um beim Bau des Gotthardtunnels mitzuarbeiten. Baubeginn 1872.
 
Wieder später, so die Legende, die mir eine seiner Enkelinnen erzählte, habe dieser Junge mit seinem Vater einen Bilderhandel aufgezogen. Die beiden wanderten als Hausierer Richtung Schweiz und boten überall Kunstdrucke an. Ihr Ziel war, später dorthin auszuwandern, wo sie die Bilder am teuersten verkaufen konnten. Diesen Ort fanden sie in Landquart (Kanton Graubünden, Schweiz). Da bauten sie ihr Geschäft auf. Eine Art Warenhaus. Bei ihm deckten sich die Hausierer mit geeigneten Waren ein. Landquart war ein guter Ausgangsort für sie. Der Ort gilt als Tor zu 150 Alpentälern.
 
Seine Frau suchte er noch im Südtirol, ebenso heuerte er später Mitarbeitende für seinen Betrieb aus dem Trentino an. Im Buch Streifzug in Wort und Bild durch die Geschichte von Igis-Landquart, herausgegeben 1996 von Reto Hartmann, CH-7206 Igis, ist er abgebildet. Es wird von ihm berichtet: Michaele Manega (1853-1929) kam im Schulbubenalter als Hausierer nach Landquart; er baute als erster Kaufmann am Ort seine Geschäftshäuser am Marktplatz. Seine Gattin gebar ihm 16 Kinder.
 
Unsere Reise hat uns über die immensen Strecken, die von den Vorfahren begangen worden sind, aufgeklärt. Ob sie immer nur zu Fuss, mit einem Pferd und Wagen oder ein Stück weit in der Postkutsche reisten? Wir wissen es nicht. Es müssen mühsame Wege gewesen sein, vielfach über die Berge. In Johanna Spyris Geschichte ist eine solche Reise mitzuerleben.
 
 
Hinweis
Die Geschichte Heimatlos von Johanna Spyri erschien 1878.
Neuauflage bei dearbooks 2012. ISBN-978-3-95-455-151-4.
 
Die vorangegangenen Blogs über die Gardasee-Reise
 
Ein Blog übers Reisen von Rita Lorenzetti
 
... und ein Blog über Intarsien
 
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