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BLOG vom 16.05.2014


Lebensbeichte – Fortsetzungsroman aus Nachlässen (5)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
In der Nacht nach der Lektüre des 7. Blattes hatte ich einen seltsamen Traum. Ich träumte von einem jungen Mann mit hagerem Gesicht, schwarzen Haaren und schlanker Figur, der sich nackt in einem riesigen, mit Wasser gefüllten Glaszylinder kopfüber befand und der versuchte, sich vom Grund des Glases abzustossen, um Auftrieb nach oben zu bekommen. Er starrte mit grossen Augen. Ich hatte nicht den Eindruck der Ängstlichkeit. Immer wieder sank er zurück und versuchte erneut, sich mit ausgestreckten Armen und seinen Händen abzustossen. Dann erwachte ich schweissgebadet.
 
Die Aufzeichnungen von Fjodor Michailowitsch Dostojewskij lagen neben meinem Bett auf der Konsole. Ich schaltete mein Nachtlicht an und blätterte darin. Wieder einschlafen würde ich nicht können, das wusste ich. Ein Passus war ebenso wie einige andere unterstrichen und lautete:
 
Im Augenblick zum Beispiel bedrückt mich ganz besonders die Erinnerung an ein weit zurückliegendes Ereignis. Vor einigen Tagen tauchte sie in mir auf und will seither nicht weichen, wie eine lästige Melodie, die einem nicht aus dem Sinn gehen will. Solche Erinnerungen gibt es bei mir zu Hunderten; von Zeit zu Zeit steigt eine von ihnen auf und quält mich.“
 
Waren es diese Erinnerungen gewesen, die den Schreiber der „Lebensbeichte“ bewogen haben, seine Erlebnisse aufzuschreiben? Verfolgten sie ihn? Verständlich gewesen wäre es. Schon die einfache Lektüre hatte mich innerlich aufgewühlt und dazu geführt, dass ich diesen Alptraum bekam. Es waren Erinnerungen gewesen, die an keinem Menschen spurlos vorbeigegangen wären. Er schrieb zwar sehr sachlich und fast emotionslos, aber was sagte das schon aus? Wer kann schon in das Innere eines Menschen hineinschauen? Gespannt nahm ich das Blatt in die Hand, das oben die Nummerierung „8“ aufwies.
 
„Die Tage darauf redete ich mir ein, dass ich ihn nicht hätte retten können. Der Aufprall mit dem Kopf auf das Geländer, das Eintauchen in das Wasser, das nur ein paar Grad über dem Gefrierpunkt war. Wäre ich hinterher gesprungen, hätte ich mich selbst in Gefahr begeben.
 
Ein Freund, jemand der mir nahe stand, mit dem ich das Bett geteilt hatte, war durch eine übermütige Tat, ausgeführt aufgrund einer plötzlichen Eingebung und ohne viel darüber nachzudenken, was für Konsequenzen sie haben könnte, tödlich verunglückt. Er würde nie wieder mit mir zusammen sein. Tod bedeutet Herausreissen aus dem Dasein, übrig bleiben nur ein paar Dinge, die er besessen hatte (und zu denen ich keinen Zugang erlangen konnte), und die Erinnerungen. Wenn ich darüber nachdachte, kam mir in den Sinn, dass er anders war als alle anderen Menschen, mit denen ich je in meinem Leben zu tun gehabt hatte. Er war etwas besonders, ein Aussenseiter, ein Unangepasster. Und mir kam in den Sinn, dass ich genau deshalb von ihm angezogen war, durch meine Suche nach dem Aussergewöhnlichen, nach der Ausnahme.
 
Diese Gedanken waren meine Art der Trauer, die ich empfand. Ich wanderte den Weg, den letzten Weg, den wir gemeinsam gewandelt waren, noch einmal, dieses Mal allein.
 
Auf der Brücke blieb ich stehen, sah eine Zeit lang in den Kanal auf das grünlich schimmernde Wasser und warf einen Strauss bunter Wiesenblumen, Löwenzahn, Butterblumen, Maiglöckchen, hinunter, dorthin, wo er auf das Wasser aufgeschlagen war. Ich entdeckte die Stelle am Brückengeländer, die sein Kopf berührt hatte. Die Polizei hatte einen roten Kreis darum gemacht, und es waren noch ein paar Blutspuren zu sehen. Dann ging ich zurück, zum zweiten Mal allein. Er würde mich nie wieder begleiten. Wie tragisch es auch war, fiel mir ein, es war ein rascher Tod, fast schmerzlos. Er hatte einmal erwähnt, er würde nicht so lange leiden wollen, wie es seine Mutter musste. Eher würde er selbst Hand an sich legen. So einen Tod hatte er sich gewünscht, wenn auch nicht so plötzlich, so unvorbereitet, in so jungen Jahren.
 
Der Vorfall bewirkte einen Schub in meinem Reifeprozess. Ich fühlte, dass ich erwachsener geworden war. Es war Zeit, dass ich mich vom Elternhaus abnabelte.
 
Meine Mutter wollte mich nicht ziehen lassen, prophezeite, dass ich in kürzester Frist mit einem Sack voll Wäsche wieder auftauchen würde und bäte, wieder zu Hause wohnen zu können. Das war aber genau das, was ich nicht wollte. Ich hatte meine Jugendzeit abgeschlossen. Ich konnte auf eigenen Füssen stehen.
 
Der Betriebsleiter bot mir eine Werkswohnung des Betriebes zur Miete an, nur einige hundert Meter davon entfernt liegend. Ich kaufte mir ein paar gebrauchte Möbel für wenig Geld im Stil der 1930er-Jahre. Aber das störte mich nicht. Ich hatte mein eigenes Reich, niemand würde mir sagen, wie ich zu leben hatte.
 
Ein paar Wochen später war im Ort der grösste Jahrmarkt des Landes. Ich beschloss, mir etwas hinzu zu verdienen und bewarb mich als Losverkäufer. Für 3 Zehnmarkscheine bekam ich einen Eimer mit Losen im Gesamtwert von 45 DM, die ich verkaufte. Jeder Eimer enthielt mindestens einen Hauptgewinn und einige kleinere Gewinne. Um die letzten Lose noch an die Kirmesbesucher verkaufen zu können, beteuerte ich immer, der Hauptgewinn sei noch nicht gezogen worden. Je später der Abend wurde, desto häufiger kamen angetrunkene Besucher und die glaubten mir. An 2 Abenden machte ich einen Reingewinn von 100 DM, was damals viel Geld war. Am letzten Kirmesabend kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Ich traf mich am folgenden Abend mit ihr. Wir tranken in einer Wirtschaft ein Bier. Sie gefiel mir, mehr aber auch nicht. Sie kam aus der Bodenseegegend, war zu Besuch bei ihrer Tante. Sie gab mir ihre Adresse und lud mich ein, sie zu besuchen. Aus einer Laune heraus hatte ich ihr nicht meinen richtigen Namen genannt, sondern einen, der mir gerade so eingefallen war. Sie wusste von mir nur, dass ich mir auf der Kirmes ein kleines Taschengeld nebenbei verdiente, sonst nur, dass ich Angestellter war. Meine Urlaubszeit stand schon fest und so verabredete ich mich mit der schönen Elisabeth 6 Wochen später in Konstanz am Bodensee.
 
Meine Reisekasse war nicht üppig, aber sie reichte, so dachte ich, für 2 Wochen für die Übernachtungen und die Verpflegung aus. Auch für kleinere Ausflüge war bestimmt noch etwas übrig. An einem Freitagabend war es soweit. Ich packte meinen Rucksack und nahm auch das kleine leichte Zelt, das für eine Person völlig ausreichte, und eine Isomatte mit. Ich fuhr mit dem Zug über Nacht. Die Fahrt dauerte ungefähr 8 Stunden, so dass ich am nächsten Morgen in Konstanz war.
 
Das Wetter war schön, und so holte ich mir im Laden zwei Brötchen, 2 Scheiben Käse sowie eine Flasche Orangensaft und legte mich auf eine Wiese an den Bodensee. Ich frühstückte, dann bettete ich meinen Kopf auf meinen Rucksack und schlief ein. Gegen Mittag wachte ich gestärkt und nicht mehr so schläfrig auf und suchte die Strasse und das Haus, in der Elisabeth mit ihrem Bruder und ihren Eltern wohnte. Sie sassen noch am Tisch. Spontan lud mich die Mutter ein, am Mittagessen teilzunehmen, es sei genug da. Mit am Tisch war der Onkel der jungen Frau. Er sass in einem Rollstuhl und musste gefüttert werden. Er hatte mit dem Motorrad einen Unfall erlitten und war querschnittsgelähmt. Er konnte nur noch den Kopf bewegen. Geistig war er voll da. Ich zeigte Interesse an Motorrädern, er erzählte mir von seinem Hobby, das so tragisch beendet worden war. Ein Autofahrer hatte ihn angeblich nicht gesehen und über den Haufen gefahren.
 
Natürlich wollten die Eltern wissen, mit welchen Männern ihre Tochter umging. Ich versuchte mich in höflicher, aber zurückhaltender Konversation. Nach dem Essen bekam ich noch einen Kaffee, den ich trank, während Mutter und Tochter den Abwasch erledigten.
 
Es war eine gutbürgerliche Familie, der Vater verdiente sein Geld als Postbote. Die Wohnung war sauber und unauffällig. Das Zimmer von Elisabeth sah aus, wie eben Zimmer von  jungen Damen in dieser Zeit aussahen, ein paar Poster von Schauspielern und den Beatles an der Wand, ein paar Mädchenromane im Regal. Also eher langweilig, nichts war aufregend oder für mich von grösserem Interesse. Elisabeth legte eine Platte der Beatles auf.
 
Sollte es eine Ermutigung für mich sein, der Song: ‚I want to hold your hand,’?
 
Ich nahm ihre Hand und hauchte ihr spasseshalber einen Kuss auf den Handrücken. Sie lachte. Sie schob den kleinen Tisch zur Seite und forderte mich auf, zu tanzen. Ich zögerte, Tanzen war nicht meine starke Seite. Ich bewegte mich, ohne sie zu berühren ein wenig nach der Melodie. Den Refrain sangen wir mit: ‚I wanna hold your Hand, I wanna hold your Hand!’ Dann kam die Zeile: ‚And when I touch you, I feel happy inside, it’s such a feeling that my love I can’t hide.’ Sie nahm meinen Kopf und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Dabei wurde sie rot.
 
Es war offensichtlich, so dachte ich, sie hatte sich in mich verliebt, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben in einen Mann verliebt. Wahrscheinlich war sie noch Jungfrau. Mein Interesse an ihr erlahmte im selben Augenblick. Ich hatte mir im Zug ausgemalt, mit ihr zu schlafen, aber jetzt erkannte ich, dass das wohl nicht möglich war.
 
Sie fühlte die Veränderung in mir und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahte, gab vor, dass ich gern die Stadt besichtigen möchte, und ob sie sie mir zeigen könne. Das wollte sie.
 
Wir gingen los, irgendwie kam ich auf ihren Vater zu sprechen. Ich wollte wissen, wie viel Einfluss er noch auf sie ausübte. Ich wollte ihr einreden, dass er sie nicht so einfach mit einem Mann gehen lassen würde. Das hatte ich aus seinen Blicken und seinen kritischen Reden herausgelesen.“
*
Damit endete das 8. Blatt der „Lebensbeichte“. Dieses Blatt würde ich nicht als „Beichte“ betrachten. Die Schilderung war nichts anderes als die Anbahnung einer Beziehung, wie sie überall hätte passieren können. Ich fragte mich, was es bei der Fortsetzung noch „zu beichten“ geben würde.
 
Fortsetzung folgt.
 
 
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