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BLOG vom 21.05.2014


Kaiserstuhl: Eichelspitze, Lothar-Schneise, Blutströpfchen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Haben Sie schon einmal von der Schmetterlingshaft, dem Blutströpfchen und der Eichelspitze gehört? Nun, die Begriffe waren mir ebenfalls fremd. Die Rätsel wurden gelöst, als wir am 15.05.2014 wieder einmal im Kaiserstuhl wanderten. Aber es gab noch ganz andere Begegnungen. So konnte ein Wanderfreund mit der Badischen Weinprinzessin aus Schelingen D posieren, dann wurden wir mit einem Spruch über Frauen und Reben und mit der Lothar-Schneise konfrontiert.
 
Vor 16 bis 19 Millionen Jahren setzte der Vulkanismus am Kaiserstuhl mit dem zuvor erfolgten Einbruch des Rheingrabens ein. Damals gab es Verschiebungen einzelner Teilschollen. Aus dem Vulkan wurden abwechselnd Lava und Tuffe herausgeschleudert. Der Kaiserstuhl gilt als Stratovulkan (= gemischter Vulkan). Heute sind 85 % der Oberfläche mit Löss bedeckt. Mächtigkeiten von 30 m sind keine Seltenheit. Durch Erosion wurden mehrere 100 m des ursprünglichen Vulkans abgetragen. Markante Erhebungen sind der Totenkopf (557 m ü. NN), die Eichelspitze (520 m ü. NN) und der Katharinenberg (490 m ü. NN).
 
Das Vulkangebirge Kaiserstuhl liegt in der Region Breisach unweit von Freiburg. Der Name stammt von einem Gerichtstag, den Otto III. im Alter von 14 Jahren am 22.12.994 bei Leiselheim abgehalten hatte. Er war damals König, wurde später zum Kaiser gekrönt. Das Weinbaugebiet hiess ursprünglich Königsstuhl. In einer Urkunde aus dem frühen 14. Jahrhundert tauchte der Name Kaiserstuhl erstmalig auf. Der Name Kaiserstuhl war eben prestigeträchtiger.
 
In den 1970er-Jahren erfolgte durch die Rebflurbereinigung eine erhebliche Terrassierung. Die so umgestalteten Hänge steigerten die Ertragkraft (rund 4500 ha Weinbaufläche) und optimierten die maschinelle Bearbeitung bei der Lese. Es waren gewaltige Eingriffe in die Natur, wie Peter H. Untucht bemerkte. Der Autor dazu: „Doch die massiven Eingriffe beim Umbau des Gebirges schossen auch übers Ziel hinaus: Manche einst prächtige Sonnenlage erhielt einen Hang gen Norden, neigte sich also in die falsche Richtung und wurde dadurch so kühl, dass auch die jährlich mehr als 1800 Sonnenstunden am Kaiserstuhl ihre Wirkung verfehlten. Teilweise wurde später zurückgebaut, der optische Eindruck der Rebflurbereinigung ist dennoch nicht zu übersehen.“ Später sahen wir vom Badberg aus diese Terrassen besonders gut.
 
Die Weine am Kaiserstuhl haben international einen guten Ruf. Rebsorten am Kaiserstuhl sind Müller-Thurgau, Riesling, Silvaner, Ruländer, Blauer Spätburgunder, Weisser Burgunder und Gewürztraminer.
 
Auf zum Eichelspitzturm
Nach den einführenden Bemerkungen kommen wir zu unserer Wanderung. Wir fuhren zu siebt über Bahlingen in Richtung Schelingen, parkierten am Bahlinger Eck (435 m ü.NN), oberhalb des zuletzt genannten Ortes und begannen dort unsere Wanderung. Wir orientierten uns an einer Karte, die unser Wanderführer Toni von Lörrach dabei hatte. Die Etappenziele waren auch auf den Wanderschildern mit Kilometerangaben aufgeführt. Diesmal lustwandelten wir nicht auf dem Kaiserstuhlkammweg (7 Stunden Wanderzeit), den wir vor etlichen Jahren in abgespeckter Form erkundeten, sondern die Strecke zur Eichelspitze und zum Badberg.
 
Zunächst ging es durch ein Buchenwäldchen. Das zarte Grün der Blätter, das sich an manchen Stellen leuchtend im Sonnenlicht abhob, war eine Wohltat für unsere Augen. Bald verliessen wir den Wald und erreichten nach einem Anstieg das Naturschutzgebiet Haselschacher Buck (431 m ü. NN). Dann erblickten wir schon den Totenkopf mit dem Neunlindenturm und die Hügelkette des Badbergs. Wir entschieden uns, nicht gleich den Badberg zu erklimmen, sondern einen Abstecher zur Eichelspitze zu machen. Das haben wir nicht bereut. Es ging an einer Schutzhütte vorbei durch ein Wäldchen steil bergauf.
 
Wir kamen an der „Lothar-Schneise“ vorbei. Eine Tafel informierte über den Sturm, der an Weihnachten 1999 über das Land gefegt war und grosse Schäden verursacht hatte. Die Schneise gab einen Anblick auf Eichstetten frei. Diesmal sahen wir jedoch von Eichstetten nichts mehr, da die Schneise zugewachsen war.
 
Die Eichelspitze ist Teil des Geopfads, der seinen Ausgangspunkt in Eichstetten hat. 13 Stationen geben Auskunft über geologische und geografische Besonderheiten. Auf der Eichelspitze befinden sich Überreste des Bruderhäusles und der 42.5 m hohe Eichelspitzenturm.
 
1491 stand hier noch ein kleiner Steinbau mit Kapelle (St. Erhard); das war ein Eremitensitz. Nach der Reformation, spätestens 1556, wurde die Einsiedelei abgebrochen. Der heute noch erhaltene Mauerrest gehörte zum Wohnhaus.
 
Vor dem Bau des Eichelspitzturmes wurden mehr als 500 Fundstücke geborgen, die eine Nutzung des Areals vom 14. bis zum 16. Jahrhundert belegen. Die Fundstücke sind im Dorfmuseum Eichstetten ausgestellt (www.eichstetten.de).
 
5 von 7 Wanderfreunden entschlossen sich dann, den Eichelspitzturm zu besteigen. Zunächst wollte ich nicht so recht. Aber die Kameraden wollten mich als Fotograf („Foto-Heinz“) dabei haben. Wir stiegen die 127 Stufen und 15 Zwischenpodeste des verzinkten Stahlturms schnaufend nach oben. Es mussten nicht die ganzen 42.5 m bewältigt werden, sondern nur 28 m zur Aussichtsplattform. Darüber befinden sich Telekommunikationseinrichtungen von O2. Der 2006 eingeweihte Turm ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kaiserstuhlgemeinden Eichstetten, Bötzingen, Vogtsburg und Bahlingen, des Fördervereins Eichelspitzturm e. V, der Firma O2 (Germany) und des Lands Baden-Württemberg. Die Baukosten betrugen 265 000 Euro.
 
Die Schnaufenden wurden auf der Aussichtsplattform mit einer herrlichen Rundumsicht belohnt. Wir hatten einen einmaligen Blick über den gesamten Kaiserstuhl mit den vielen Orten, auf die Breisgauer Bucht, den Schwarzwald und die Vogesen. Bei guter Sicht kann man sogar das Strassburger Münster, die Hornisgrinde und den Schweizer Jura erblicken.
 
Leider hielten wir uns hier oben nur kurz auf, weil ein kühler Wind uns um die Ohren pfiff. An diesem Wandertag, es war der letzte Tag der Eisheiligen (Sophia), kamen wir auf der ganzen Wanderung nicht ins Schwitzen. Zum Glück waren wir mit wetterfesten Anoraks ausgerüstet.
 
Schmetterlingshaft und Blutströpfchen
Nach dem Abstieg wanderten wir wieder zurück auf eine Bergkuppe und orientierten uns an einem Wegweiser, der uns die Richtung zum Badberg vorgab. Es ging zunächst bergab, dann steil bergauf. Der Badberg gilt als eigenartigster Berg des Kaiserstuhls mit seinem Trocken- und Halbtrockenrasen mediterraner Prägung. Es ist unmöglich, von dieser Erhebung auf die Schwarzwaldberge zu sehen. Man könne meinen, der Badberg befinde sich in einem riesigen Krater. In den kraterähnlichen Eintiefungen sind das Krottenbachtal mit den Orten Schelingen, Oberbergen und Oberrotweil zu erkennen. Etwas abseits, schräg hinter dem Badberg befindet sich Alt-Vogtsburg.
 
Am Fuss des Badbergs ist eine heilkräftige Quelle (Badloch). Sie enthält leicht radioaktives Wasser mit einer Temperatur von 21 °C.
 
Auf dem unter Naturschutz stehenden Badberg wachsen seltene, wärmeliebende Pflanzen und leben Tiere, die es sonst in Deutschland fast nicht mehr gibt. So kann man hier die Gottesanbeterin als Besonderheit aufstöbern. Wir begnügten uns mit dem Lesen der Infotafeln auf dem Lehrpfad. Besonderheiten waren für uns die Infos über das Blutströpfchen und die Schmetterlingshaft.
 
Die Blutströpfchen oder Widderchen (Zygaena-Arten) sind Falter, die den ungewöhnlichen Namen durch die auffallende Zeichnung auf den Flügeln erhielten. Die leuchtendroten Punkte auf dunklem Untergrund stellen eine Warnfarbe dar, die Feinde daraufhin weist, dass die Tiere giftig sind.
 
Die Libellen-Schmetterlingshaft (Libelloides coccajus) ist ein Netzflügler aus der Familie der Schmetterlingshafte (Ascalaphidae). Die Netzflügler sind scheu und fliegen an sonnigen Tagen von Mai bis Juni flink umher. Die rasanten Flieger ergreifen im Flug kleine Insekten.
 
Während unseres Aufstiegs zum Badberg identifizierte ich einige Kleearten, den Storchenschnabel, den Blauen Natternkopf und die Kartäuser-Nelke. Diese sonst seltene Nelke trifft man im Kaiserstuhl häufiger an. Der Name stammt von Kartäuser-Mönchen, die diese Nelke früher angepflanzt hatten. Auch die Echte Küchenschelle ist hier anzutreffen. Leider war diese schon verblüht.
 
Posieren mit der Weinprinzessin
Vom Badberg wanderten wir auf abenteuerlichen Wegen über Wiesenabhänge zurück nach Schelingen. Abenteuerlich deshalb, weil wir den offiziellen Wanderweg verliessen, eine Abkürzung suchten und diese nach Mühen fanden.
 
Am Ortseingang befand sich ein Schild mit einem schönen Foto von Marie-Luise Wolf (die mit einem Dirndl bekleidete Dame hielt mit der rechten Hand ein Weinglas mit Rotwein). Sie wurde 2013/2014 zur Badischen Weinprinzessin gekürt. Manfred aus Lörrach konnte nicht widerstehen und postierte sich lächelnd neben dem Schild und hielt die linke Hand zärtlich auf das robuste Gestell der Umrahmung. Ich zückte die Kamera und lichtete den Burschen mit der schönen Weinprinzessin ab.
 
Da Toni sein Auto am Bahlinger Eck parkiert hatte, wanderten 2 Wanderfreunde mit ihm weiter, um das Auto zu holen. 4 Wanderfreunde, darunter auch meine Wenigkeit, kehrten in der Zwischenzeit im „Gasthaus Sonne“ ein, um uns an einem Müller-Thurgau und anderen Getränken zu laben. In dieser urigen Wirtschaft entdeckte ich nicht nur ein Bild vom Küchenchef mit unserem Bundespräsidenten Joachim Gauck, sondern auch ein Holzschild mit dem folgenden sinnreichen Spruch: 
„Ohne Frauen wär das Leben wie ein Weinberg ohne Reben.
Ganz ohne Freud und Wonne, ja wie Schelingen ohne Sonne.“ 
Dann fuhren wir nach Hartheim-Feldkirch, kehrten dort im Bohrerhof ein (www.bohrerhof.de) und assen herrliche Spargelgerichte. Es waren feine Geschmackserlebnisse.
 
Es war wiederum ein ereignisreicher Wandertag. Unser Dank gilt unserem Wanderführer, der diese Tour minuziös ausgearbeitet hatte.
 
Internet
 
Literatur
Hanle, Adolf: „Südschwarzwald“, herausgegeben vom Geographisch-Kartographischen Institut Meyer, Meyers Lexikonverlag, Mannheim 1989.
Kröll, Rainer: „Kaiserstuhl und Markgräflerland“ (die 40 schönsten Touren), Bruckmann Verlag, München 2014.
Untucht, Peter H.: „Freiburg und die Regio“, Dumont Verlag, Köln 1999.
 
 
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