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BLOG vom 09.06.2014


Vinzenz Thiel: Er malte sogar Leonardo da Vincis Mona Lisa
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim
 
Um einen begeisterten Liebhaber der Naturölmalerei handelte es sich bei Vinzenz Thiel, den ich 1962 in seinem Atelier in Donauwörth, Ried 89, besuchte. Als gelernter Porzellanmaler aus Karlsbad widmete er sich bereits 1906 der Edelmalerei. In den darauffolgenden Jahren fertigte er zahlreiche Kreidezeichnungen und Radierungen an. Im Ersten Weltkrieg, als er in italienischer Gefangenschaft war, begann er mit gutem Erfolg, Ölbilder für den Baron Zoko und für einige Hauptleute zu malen. Von diesem Zeitpunkt an betrieb er die Ölmalerei als Hobby. Bis 1962 schuf er über 30 Ölgemälde von 50×70 cm Grösse und zahlreiche Farbstift-Handzeichnungen und Aquarelle. Am liebsten malte er Portraits, Landschaften und Blumen, entweder von Postkarten oder er nahm sich in der Natur ein Vorbild. Seine schönsten Bilder hat er „Heimweh“ und „Meerespracht“ genannt, und eine Nachbildung der berühmten „Mona Lisa“ ist ihm ebenfalls gelungen.
 
Anmerkung: Leonardo da Vinci vollendete dieses Bild 1505. Modell stand Lisa del Giocondo, Ehefrau eines wohlhabenden Kaufmanns aus Florenz. Das wohl wertvollste Gemälde der Welt befindet sich im Pariser Louvre. Der Wert wird heute auf 400 Milliarden Euro und mehr geschätzt. 1962 war das Frauenbildnis angeblich nur 3.5 Millionen DM wert.
 
Anlässlich meines Klassentreffens in Donauwörth vom 24.05 bis 25.05.2014 traf ich mich mit meiner Schwester Ursula und meinem Schwager Dieter. Dabei kam unser Gespräch auch auf Vinzenz Thiel. Anfang der 60er-Jahre erhielt meine Mutter ein Landschaftsbild zum Thema „Toskana“ von diesem Liebhaber der Naturölmalerei. Das Bild hing jahrelang im Wohnzimmer. Nach unserem Wegzug sahen wir das Bild nur bei Besuchen. Einige Zeit nach dem Tod unserer Mutter war das Bild verschwunden. Wahrscheinlich hat mein Stiefvater das Bild verkauft oder verschenkt. Dies lässt sich heute nicht mehr feststellen, da er ebenfalls verstorben ist.
 
In der Serie „Steckenpferde unserer Mitbürger“ stellte ich damals als Berichterstatter der „Donauwörther Zeitung“ am 02.08.1962 Vinzenz Thiel vor. Bei ihm erfuhr ich sehr viel über die Maltechnik. Darüber werde ich jetzt berichten (man beachte meinen damaligen Stil. Meine Schreibversuche für Zeitungen begannen 1961; die Anmerkungen sind neu).
 
Die Kunst des Malens
In der Kunst des Malens nimmt die Ölmalerei über 500 Jahren den breitesten Raum unter den verschiedenen Techniken der Tafelmalerei ein. Bis dahin waren vorwiegend Leim, Ei oder Kasein als bindende Substanz für die Farbstoffe wie auch als Malmittel gebräuchlich gewesen. Man überzog solche Gemälde in den meisten Fällen am Schluss mit einer Firnisschicht; dadurch erhielten die etwas kreidig aussehenden Farben sattere und tiefere Wirkung. Später bemerkte man, dass Leimlösungen bei besonderer Handhabung fähig sind, Öle und Firnisse aufzunehmen, weiterhin, dass Ei diese Aufnahmefähigkeit begünstigt und man kam so zur „Tempera“ (von lat. temperare = „mischen“, „mässigen“).
 
Das Verarbeiten dieses Materials bietet jedoch gewisse Schwierigkeiten. Infolgedessen entstand daraus nach und nach ein Farbmaterial, welches von vornherein satte Tiefenwirkung der Töne und angenehmere Vermalbarkeit zeigte, die Ölfarbe. Dabei hatte diese neue Farbe den Vorteil, längere Zeit nass und vermalbar zu bleiben und vor allem ihren Farbwert beim Trocknen beizubehalten.
 
Allerdings treten bei der Ölfarbe andere Nachteile wie das Gilben, Schwärzen und auch das zu langsame Trocknen in Erscheinung. Deshalb verwendet man heute (1962) wieder häufig alte Tempera-Techniken, und zwar vorzugsweise in Verbindung mit der Ölfarbenmalerei.
 
Von der Maltechnik und den Farben sowie von der Präparation und den Werkstoffen wusste Vinzenz Thiel Interessantes zu berichten. Als Malgrund dienten ihm Leinwand, Holz, Pappe oder Papier. Zu „Malleinen“ werden verschiedene Gewebe verwendet; so gibt es Flachsgarn-, Segeltuch- und Hanfleinen. Gewebe zum Malen sollen möglichst dicht sein und keine dicken Knoten enthalten.
 
Von ihm erfuhr ich auch etwas über die Präparation der Leinwand. Würde man auf unpräparierte Leinwand oder Pappe malen, würde man bemerken, dass die Farben in den Grund eindringen. Dabei verdunkelt das aus der Farbe abgesaugte Öl. Das Grundmaterial und die Farbtöne verlieren oft schon nach wenigen Stunden oder Tagen ihre Schönheit. Ausserdem zerstört das abgesaugte Öl allmählich die Leinenfaser. Deshalb rieb Vinzenz Thiel die Leinwand mit Kreide ein, um die Poren zu verschliessen. Anschliessend brachte er eine isolierte Leimschicht auf, dann folgte eine Grundierung. Für bessere und feinere Arbeiten diente ihm als Grundierfarbe Bleiweiss oder Kremserweiss.
 
Wem es auf Leuchtkraft der Bilder ankommt, der muss sowohl auf einen guten Malgrund als auch auf ein gutes Weiss bedacht sein, da mit diesem die meisten andren Farben im Bild vermischt werden.
 
Nach der Grundierung zeichnete Vinzenz Thiel die Umrisse des Motivs mit Blaustift oder Zeichenkreide auf die Malfläche. Korrekturen wurden mit Knetgummi oder frischer Brotkrume vorgenommen. Anschliessend nahm er die Malerpalette, die 14 bis 20 verschiedene Farben enthielt, und begann mit dem Untermalen. Eine Untermalung kann einfarbig sein oder auch aus mehreren Farben bestehen, wobei aber der Charakter einer Vorbereitung erhalten bleiben soll. Die Untermalung muss immer „mager“, das heisst ärmer an Gehalt fetter Öle sein. Die Ölfarbe wird zu diesem Zweck mit Terpentinöl und einem Zusatz von Dammar- oder Mastixlösung dünn vermalt.
 
Über getrockneter Untermalung jeder Art nimmt die Arbeit ihren Fortgang im Übermalen mit lebendigeren oder sogar grellen Farben. Schatten werden verstärkt und helle Stellen, die beim Übermalen zu stark zurückgedrängt wurden, werden wieder herausgeholt, die grossen Licht- und Schattenkomplexe entsprechend zusammengezogen. Die Lasur ist dann der Überzug einer vollkommen fertigen Malerei mit einer durchsichtigen Farbe, um dem betreffenden Teil des Gemäldes eine veränderte Färbung oder grössere Dunkelheit zu geben. Der lasierte Hintergrund erscheint dunstig oder dunkler und weiter weg. Als letzte Arbeit nach den Korrekturen am Gemälde ist der Überzug mit einer Harzlösung erforderlich.
 
Vinzenz Thiel berichtete mir, dass die naturgetreue Farbennachahmung auf dem Gemälde und die Perspektive wohl die schwierigsten Voraussetzungen für das Gelingen eines guten Bildes sind. Je nach der Trocknung der Untermalung kann er ein Bild in 3 bis 8 Tagen anfertigen.
 
Hatten alte Meister bessere Farben?
„Man hört oft die Behauptung von den ‚besseren‘ Farben der alten Meister“, meinte Vinzenz Thiel. Das sei nicht richtig; man arbeitet zum grossen Teil heute (1962) noch mit den gleichen Farbstoffen. Die alten Maler haben nicht nur Erdfarben gekannt, wurden doch viele unserer heutigen chemischen Farbstoffe damals schon gebraucht oder in den Alchemistenküchen bei den Versuchen, Gold zu machen, durch Zufall entdeckt. Bis 1962 gab es schon über 1000 verschiedene Namen für Künstlerfarben. Vinzenz Thiel verwendete unter anderem Kremser-, Blei- und Zinkweiss, Brillantgelb, Chromgelb, Ocker, Zinnober, Saturnrot, Krapplack, Carmin, Umbra, Kobaltblau, Ultramarinblau, gebrannte grüne Erde und Elfenbeinschwarz.
 
Anmerkung: Einige der erwähnten Farben sind giftig. So darf das Kremserweiss oder Bleiweiss (= basisches Bleicarbonat) in Deutschland nur für die Erhaltung und Wiederherstellung von Kunstwerken eingesetzt werden.
 
Farbstoffe nicht immer mischen
Ein Maler muss über die Farben allerhand wissen. So dürfen gewisse Farbstoffe nicht miteinander gemischt werden. Obwohl diese an sich haltbar sind, wird der gemischte Ton durch chemische Umsetzungen zerstört. Schwefelverbindungen üben auf Metalloxide eine verfärbende Wirkung aus. Kremserweiss darf man nicht mit Cadmiumfarbstoff, Ultramarin oder dem giftigen Zinnober mischen und Cadmiumfarbstoff (Kadmiumgelb = Schwefelcadmium) nicht mit den Eisenoxidfarben und Pariserblau.
 
Seltsamerweise erweisen sich aber in diesen Fällen, soweit man es mit guten Qualitäten von Ölfarben zu tun hat, oft theoretisch berechtigte Bedenken des Chemikers für die Malpraxis als bedeutungslos. Vinzenz Thiel schaltete alle gefährlichen Farben beim Zusammenstellen seiner Farbenskala auf der Palette von vornherein aus.
 
Er befasste sich aus Liebhaberei auch mit der interessanten Polimentvergoldung. Nach einem alten Rezept vergoldete er Gipsfiguren, Holzschnitzereien und alle möglichen Dinge mit Blattgold. So hat er in 3-wöchiger Arbeitszeit die Muttergottesfigur in der Kapelle des Donauwörther Altersheims vergoldet.
 
Gold ist ziemlich weich und dehnbar und lässt sich zu papierdünnen Blättchen auswalzen. Mit 20 g Blattgold soll man Gegenstände in der Grösse eines Reiters samt Pferd vergolden können.
 
Vinzenz Thiel wusste, dass die Polimentvergoldung viel dauerhafter ist, als die Technik mit Goldauflösungen, da die Farbe bei letzterer nach einiger Zeit bereits nachdunkelt.
 
Anmerkung: Mit 1 g Gold (Blattgold) von einer Dicke von 1/10 000stel Millimeter kann man eine Fläche von einem halben Quadratmeter vergolden. Die Angaben von Thiel stimmen also. Heute stehen verschiedene Dicken von Blattgold zur Verfügung.
 
Vinzenz Thiel hatte so manche Pläne für die Zukunft. Er möchte sich vor allem mit Landschafts- und Blumenmotiven beschäftigen. Jedenfalls hat dieser Donauwörther ein Steckenpferd gewählt, das Mühe, Geduld und Geschicklichkeit erfordert, ihm aber viele Freude und schöne Stunden bereitet.
 
Neueste Nachforschungen
Nach diesem Bericht über Vinzenz Thiel, wollte ich die Lebensdaten des Malers in Erfahrung bringen. Ich schrieb an das Stadtarchiv von Donauwörth.
 
Deniz Landgraf antwortete mir in einer E-Mail vom 02.06.2014 das Folgende: „Aus unseren Meldeunterlagen und dem Sterberegister des Standesamtes Donauwörth konnte ich die Lebensdaten ermitteln. Er wurde am 08.09.1888 in Sittmersgrün, Kreis Karlsbad, geboren und starb am 02.10.1965 in Donauwörth.“
 
Dann erfuhr ich noch, dass Vinzenz Thiel mit seiner Frau Anna, geb. Lugert, aus einem Lager bei Monheim, Kreis Donauwörth in seinen Wohnort zog. Wahrscheinlich hat meine Mutter die Familie Thiel damals kennengelernt. Nach unserer Vertreibung aus dem Sudetenland kamen wir auch in dieses Lager. Dann wurden die Heimatvertriebenen in verschiedene Wohnorte verteilt.
 
Ich erkundigte mich auch nach allfälligen Nachfahren. Es war ein Stiefsohn des Verstorbenen, der den Tod des Malers angezeigt hatte. Der Stiefsohn verstarb jedoch schon 1986. Über direkte Nachfahren ist aus den Unterlagen nichts bekannt.
 
Für die Auskunft bedanke ich mich recht herzlich bei Deniz Landgraf.
 
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