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BLOG vom 10.06.2014


Lebensbeichte – Fortsetzungsroman aus Nachlässen (7)
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Vor dem Blatt 10 war eine Seite, die aus einem Buch herausgetrennt war, angeheftet. Sie war mit der Zahl „88“ nummeriert. Als Quellenangabe war angegeben: Peter Esterházy, Die Hilfsverben des Herzens“.
 
Der Text war in Grossbuchstaben verfasst:
 
„DAS SCHREIBEN WAR NICHT, WIE ICH AM ANFANG NOCH GLAUBTE, EINE ERINNERUNG AN EINE ABGESCHLOSSENE PERIODE MEINES LEBENS, SONDERN NUR EIN STÄNDIGES GEHABE VON ERINNERUNG IN DER FORM VON SÄTZEN, DIE EIN ABSTANDNEHMEN BLOSS BEHAUPTETEN."
 
Ich behaupte, Geschehnisse, die zur Persönlichkeitsformung beitragen, lassen sich nicht aus dem Gedächtnis löschen. Möglicherweise werden sie verdrängt, quasi in eine Schublade unseres Gehirnschrankes gelegt und durch anderes überdeckt, aber in bestimmten Situationen und Momenten kommen sie wieder zum Vorschein, drängen sich in die Gedankenwelt und lösen Erinnerungen aus, die schmerzlich sein oder Angst auslösen können. Dem Autor der mir hier vorliegenden Lebensbeichte erging es ähnlich.
 
Blatt 10
Am nächsten Morgen ging ich wieder zu Elisabeths Haus. Ich war ein paar Minuten nach 9 Uhr da. Die Mutter fütterte ihren Bruder. Den Kaffee saugte er durch einen Strohhalm in seinen Mund aus der Tasse, die Elisabeths Mutter vor seinen Mund hielt. Schlucken konnte er wohl noch.
 
Die Mutter begrüsste mich und schickte mich nach oben, wo Elisabeths Zimmer war.
 
Die Tür stand offen, ich klopfte.
 
Elisabeth rief aus dem Badezimmer heraus:
‚Geh’ schon einmal rein, ich komme sofort.’
 
Ich setzte mich auf ihr Bett, denn der Stuhl im Zimmer war durch ihre Kleidung belegt. Dann kam sie durch die Tür. Sie war splitternackt; mit einem Handtuch rubbelte sie ihre langen dunklen nassen Haare, die teilweise vorn herunterhingen und eine Brust bedeckten.
 
Ich wandte mich zur Seite, ich wollte ihr Schamgefühl nicht verletzen.
 
‚Alles in Ordnung!’ rief sie fröhlich, ‚du wirst wissen, wie eine Frau aussieht!’
 
Ich blickte sie an. Sie war wunderschön, ihre festen Brüste hatten hübsche nach aussen gewölbte spitze Brustwarzen. An der Seite der rechten Brust hatte sie ein kleines dunkles Muttermal. Sie war schlank, ihre Scham von dichtgelockten Haaren bewachsen.
 
‚Wie schön du bist', murmelte ich.
 
‚Vielen Dank’, und schmunzelnd fügte sie hinzu, ‚ich weiss'.
 
‚Ganz schön selbstsicher’, stichelte ich ein wenig.
 
‚So bin ich eben!’ antwortete sie.
 
Ich stand auf und wollte sie küssen, aber sie wehrte ab.
 
‚Das Frühstück ist fertig, die Eltern und mein Onkel warten’, erklärte sie.
 
Ich sah ihr beim Anziehen zu. Dann war sie soweit, und wir gingen hinunter.
 
‚Na, ihr Turteltäubchen', betitelte uns die Mutter. Der Vater und der Onkel sassen schon um den Tisch herum. Elisabeth half der Mutter, noch einige Dinge aus der Küche zu holen, dann frühstückten wir.
 
Der Vater fragte mich nach meinem Beruf, meiner Arbeit, nach meinen Eltern und ob ich noch Geschwister hätte. Bereitwillig gab ich ihm Auskunft.
 
‚Und alles gesund bei Ihnen in der Familie?’, fragte er mich.
 
Ich bejahte.
 
‚Wir sind eine ganz normale Familie’, erwiderte ich.
 
Ich sah den Onkel an, erschrak und sagte:
‚Damit will ich nicht sagen, dass Ihre Familie nicht normal ist, Krankheiten gehören dazu und Unfälle kann man nicht vermeiden.’
 
‚Wir haben Sie schon richtig verstanden’, antwortete die Mutter.
 
Der Rest der Frühstückszeit verlief mehr oder weniger ruhig. Es kam kein richtiges Gespräch mehr zustande.
 
‚Irgendwelche Pläne?’ erkundigte sich die Mutter.
 
Ich sah Elisabeth fragend an.
‚Das Wetter ist gut, ich habe frei, also sollten wir schwimmen gehen’, meinte sie und sah mich an.
 
Ich nickte. ‚Eine gute Idee’, erwiderte ich.
 
‚Wir essen gegen 18 Uhr’ sagte die Mutter. ‚Sie sind natürlich eingeladen’, wandte sie sich an mich, ‚wir haben etwas mit Ihnen zu besprechen.’
 
Ich sah sie fragend an, aber mehr war nicht aus ihr heraus zu bekommen.
 
Elisabeth holte ihre Badesachen, und wir zogen los.
 
‚Was meint deine Mutter damit, wir haben etwas zu besprechen?’ fragte ich sie auf dem Weg zum Schwimmbad.
 
‚Alles zu seiner Zeit’, antwortete Elisabeth, ‚heute Abend wirst du es erfahren.’
 
Sie forderte mich zum Wettlauf auf, und wir rannten zum Campingplatz, um meine Badesachen zu holen.
 
Wir legten uns im Schwimmbad auf eine Wiese, knutschten ein wenig und schwammen lange Strecken im Bodensee. Sie war eine gute Schwimmerin; ich war einigermassen durchtrainiert und konnte mithalten.
 
Dann liessen wir uns ein wenig von der Sonne bescheinen und träumten vor uns hin.
 
Ich dachte, dass ich mir aus dem Verhalten in der Familie keinen rechten Reim machen konnte. Einerseits ungezwungen und locker, andererseits ernsthaft und rätselhaft zugleich. Ob es etwas mit der Situation und dem kranken Onkel zu tun hatte?
 
Ich wagte nicht, wieder auf das Thema einzugehen und wir unterhielten uns über alles Mögliche, Fotografie, Natur, Musik, Literatur und, sportliche Interessen.“
 
So endete Blatt 10. Mir kam in den Sinn, dass jede Familie ihre Geheimnisse hat, die sie entweder gar nicht oder nur mit engen Freunden teilt. Hier könnte das auch so zu sein, obwohl nichts darauf hinzuweisen schien. Dass Familien mit einem nicht gesunden oder einem mit einer Behinderung versehenen Mitglied leben, ist nicht ungewöhnlich.
 
Fortsetzung folgt.
 
 
Hinweis auf die vorangegangenen Lebensbeichte-Berichte
 
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