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BLOG vom 09.07.2014


Dilemmas im Alltagsleben: Gute Miene zum bösen Spiel
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Die oft zitierte Redensart „Das eine tun und das andere nicht lassen” kommt dem Dilemma allenfalls behelfsmässig bei. Das Angenehme hat gemeinhin den Vorrang auf Kosten der Pflicht. Wird eine dringende Pflicht aufgeschoben, beklemmt das die Freude am Angenehmen, die dann wie die Sonne im Gewölk verschwindet. Krass gesagt, liebkost uns das Angenehme, indes die Pflicht uns zwickt und kneift.
 
In der Primarschule verpflichten uns Hausaufgaben. Später überhäufen uns mehr und mehr Pflichten – berufliche, familiäre, gesellschaftliche unter vielen anderen. Dem Lebenskünstler gelingt es, etliche Pflichten in Freuden umzukrempeln. Wie oft werden diese nicht vorgetäuscht? Der französische Ausdruck „faire une bonne mine à une mauvaise situation” (eine gute Miene zum bösen Spiel machen) trifft den wahren Sachverhalt. Das ist tapfer und lobenswert und kaschiert das Dilemma.
 
Der deutsche Philosoph Hans Reiner (1896‒1991) hat in seiner Wertethik „Gut und Böse – Ursprung und Wesen der sittlichen Grundunterscheidungen” festgehalten: „Wenn wir in unserem Leben bedürfniserfüllenden Werten begegnen, sei es in der Wirklichkeit, sei es in Gedanken, so wecken sie aufgrund ihrer Erfreulichkeit leicht unser Verlangen nach ihrem Besitz oder Genuss, so dass wir sich bietende Gelegenheiten zu ihrer Erlangung meist gern ergreifen, ja sogar solche Gelegenheiten suchen.” Damit hat er eine Scheidelinie zwischen nur subjektiv bedeutsamen und objektiv bedeutsamen Werten in ihren mannigfaltigen Spielarten gezogen.
 
Welche wir persönlich bevorzugen, liegt auf der Hand. Erst die Einsicht zwischen Verzicht oder Erfüllung hilft uns, die ausgewogene Mischung zu bestimmen und bietet uns einen gangbaren Ausweg aus dem Dilemma. Lebenserfahrungen verhelfen uns zu dieser Einsicht. Gewohnheiten festigen sie.
*
 
Theorie beiseite. Können wir die eingangs erwähnte Redensart: „Das eine tun und das andere nicht lassen” als unabdingbaren Leitsatz anerkennen? Dabei stellt sich die Frage: Sollen wir uns zuerst den Pflichten widmen, ehe wir uns dem Angenehmen zuwenden? Nachdem wir unsere täglichen beruflichen Pflichten erfüllt haben, sollten wir sie am Feierabend, Ausnahmen vorbehalten, von uns abschütteln und uns entspannen.
 
Aber diese Gepflogenheit ist heute sehr gefährdet und mehr und mehr begrenzt. Unsere hochgezüchtete Leistungsgesellschaft verlangt, dass wir den Feierabend aufschieben, Überstunden leisten und Wochenende opfern. Die uns einst zugestandenen „kleinen Freiheiten” sind beschnitten. Der Mensch wird in eine Form gepresst und muss sich, in anderen Worten, „uniform” verhalten, sich in ein Team einfügen und im „Multitasking” versiert sein. „Ist das nicht immer so gewesen?” werden Sie sich fragen und auf den Charlie-Chaplin-Film „Modern Times” von 1936 hinweisen. Frondienste damals, Frondienste heute.
 
Wir sind im Sog der Technologie mit seinen „Gadgets”, die uns eigentlich entlasten sollten. Wer nicht mithalten will, wird geächtet. Da bleibt wohl nicht anderes übrig als “faire une bonne mine à une mauvaise situation ...”.
 
 
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