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BLOG vom 25.07.2014


In Mali abgestürzt: Schicksal einer Schweizer Idealistin
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU, über die in Mali abgestürzte junge Schweizerin Florie Esther Pingoud
 
 
Florie Esther Pingoud, im Schweizer Archiv für Volkskunde mit einer Abschlussarbeit zum Thema Medizin der Mayas auf der Halbinsel Yucatan (Mexiko) als junge Ethnologin verzeichnet, war eine engagierte Schweizer Drittwelt-Aktivistin mit weitverzweigten, vorab kulturellen Interessen. Nebst ihrer qualifizierten Arbeit über die Heilkräfte indianischer Ethnomedizin engagierte sie sich leidenschaftlich für den kubanischen und lateinamerikanischen Film. In Genf organisierte sie einige Jahre lang südamerikanische Filmtage, eine Gelegenheit für die ausgebildete Hispanistin, mit chilenischen, mexikanischen, bolivianischen, kolumbischen Migranten und Migrantinnen erwünschte Kontakte zu pflegen.
 
Mehrmals flog die weitgereiste Waadtländerin nach Kuba, Mittel- und Südamerika. Unter anderem publizierte sie aus Anlass einer Ausstellung in der Schweiz einen Essay über den Westschweizer Fotografen Luc Chessex. Dieser war 1961 aus Begeisterung für die Revolution von Fidel Castro nach Kuba ausgewandert. Zu dessen Bekannten gehörte in der Phase, da auch er für die tropische Revolution begeistert war, der Luzerner und Zürcher Schriftsteller Hugo Loetscher.
 
Florie Pingoud, die Schwester des provomierten Altphilologen Julien Pingoud, einer der besten Ovid-Kenner in der Schweiz, hat in Lausanne und Neuenburg Spanisch, Religionsgeschichte und Ethnologie studiert. Von 2011 bis 2013 war sie Kommunikationsbeauftragte des lateinamerikanischen Filmfestivals FILMAR, wofür sie sich begeistert einsetzte. Ausserdem engagierte sie sich bei Codap, einer Genfer NGO-Organisation für junge Menschenrechtsaktivisten mit Schwerpunkt auf Homosexuelle und Asylbewerber. Kurz nach Jahresbeginn 2014 verlor sie im Waadtländischen Ferreyres ihre 89-jährige Grossmutter. Kennzeichnend für ihr Leben scheint permanente Aus- und Weiterbildung gewesen zu sein. Da sie in ihrem Engagement für die Homosexuellen auch die Aids-Kranken von ihrer Solidarität nicht ausnehmen wollte, befasste sie sich in letzter Zeit verstärkt mit Afrika. Zu diesem Zweck waren überdies ihre Englischkenntnisse zu verbessern, was sie zu einem Studienaufenthalt von 16 Wochen in Südafrika veranlasste. Darüber schrieb sie im Netz:
 
„Ich heisse Florie Pingoud und kombinierte in Südafrika, genauer gesagt in Kapstadt, einen Sprachkurs mit einem Praktikum.
 
Während dem Praktikum hatte ich die Aufgabe, an einem Projekt teilzunehmen, um Flüchtlingen und Migranten bei der Verteidigung ihrer Rechte im Land zu helfen. Wir beschäftigten uns mit interessanten Themen wie etwa den Rechten von Homosexuellen und Lesben, HIV, der Gewalt gegen Frauen und den Rechten von Flüchtlingen. Ich lernte so vieles über Südafrika, was auch damit zu tun hatte, dass ich dort arbeitete und gleichzeitig Englisch lernte. Ich hatte viel Spass während meinem Aufenthalt und war dazu noch an einem wunderschönen Ort.
 
Und auch wenn Südafrika meiner Meinung nach noch einen langen Weg vor sich hat, um ein absolut sicheres Land mit einer Gesellschaft mit einem grösseren Kulturmix zu werden, gefiel es mir dennoch sehr gut, mehr über die betreffenden Themen zu lernen. Mein Ziel ist es letztendlich, einen Job bei einer NGO als Anthropologin zu finden.“
 
Ihr letzter Aufenthaltsort war die Hauptstadt von Burkina Faso, Ouagadougou, deren bedeutendster kultureller Anlass ein alle zwei Jahre (nächstes Mal 2015) stattfindendes panafrikanisches Filmfestival ist. Burkina Faso, ein Schwerpunktland des Hilfswerks Helvetas, wurde im Rahmen eines „Projektes“ von Florie Pingoud schon 2013 erstmals besucht. Von hier stieg sie am 24. Juli 2014 zusammen mit 117 weiteren Passagieren, oft Franzosen, in das nicht mehr ganz neue Flugzeug der Swiftair ein, das über Mali abstürzen würde und in seinen besten Tagen der Fussballmannschaft von Real Madrid als Privatmaschine gedient hatte.
 
Dass die eher klein gewachsene, bildhübsche, junge Frau, welche über viele Jahre mit Erfolg beste Bildungschancen wahrgenommen hat, mit 31 Jahren immer noch auf Stellensuche war, und zwar im Bereich NGO, wirkt einigermassen berührend. Der oben zitierte Text steht für eine junge Frau, die Solidarität zu ihrem Lebensinhalt gemacht hat. Was sie für richtig fand, wollte sie unbedingt auch beruflich umsetzen, wenn möglich im Angestelltenverhältnis.
 
Als privilegierte Idealistin erinnert die früh vollendete Florie Pingoud etwas an die Zürcher Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach. Diese ist ihrerseits nach Afrika gereist, hat ihre damaligen Vorstellungen von den unterprivilegierten Schwarzen zum Teil schriftlich zu Papier gebracht. Aus heutiger Sicht wirken die Texte Schwarzenbachs als kolonialer Humanismus. Soweit sich aber, was in einigen Interviews im Netz zu entnehmen ist, Florie Piroud ebenfalls mit den Verhältnissen in der sogenannten Dritten Welt befasst hat, fällt die Faszination durch die dortige Kultur auf. Andererseits war diesen Menschen kaum zuzutrauen, auch ohne professionelle Solidarität ihren Weg finden zu können.
 
Das Thema „Rechte der Homosexuellen und Lesben“ ist vergleichsweise zur Schweiz, wo Flories Bruder auf der Todesanzeige der Grossmutter seinen Lebenspartner mit einschliessen durfte, heute eher ein afrikanisches als vordringlich westeuropäisches Problem. Jedenfalls ist die Toleranz in den beiden Kontinenten extrem verschieden. Das Engagement für diese Rechte in Afrika ersetzt in vieler Hinsicht das frühere Engagement der Missionare, als ein erneuter Versuch, ein westliches Menschenbild zur Beglückung anderer zu exportieren. Gelingt dies nicht, soll den benachteiligten Homosexuellen Afrikas als Asylbewerber der Zugang zum mitteleuropäischen Sozialstaat möglich gemacht werden. Von wohl noch grösserer Bedeutung, das wird Florie Pingoud sehr gut gewusst haben, dürften in Afrika die Frauenrechte sein. In Sachen Mädchenbeschneidung gehört Mali, das Land des Flugzeugabsturzes vom 24. Juli, leider zu den fürchterlichen Landstrichen auf dieser Erde.
 
Wahrscheinlich hätten wir von dieser jungen Frau, auch jenseits ihres missionarischen guten Willens, einiges lernen können. Solidarität kann man aber nicht lernen. Florie Esther Pingoud hat sie auf ihre Weise gelebt. Das Leben einer Idealistin ist in der Regel nicht zur Nachahmung zu empfehlen. Ihr guter Wille erinnert uns jedoch an das, was wir alle sollten.
 
 
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