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BLOG vom 31.07.2014


Das Hochwasser, das einfach nicht richtig mitspielen wollte
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
Man darf nicht vergessen, dass im Moment gerade das mediale Sommerloch sein Unwesen treibt, das man auch Sauregurkenzeit nennt. Das appetitliche Wort stammt aus der Kaufmannssprache, weil zu dieser Zeit, in der ferienhalber nicht viel läuft, die Gurken reifen und eingelegt (konserviert) werden. Die grösste der sauersten Gurken ist heuer das 2004 eröffnete, berühmte, gurkenfömige Hochhaus in London („The Gherkin“ = Essiggurke), das nicht mehr rentiert und für rund 1 Milliarde CHF (650 Millionen Pfund) gekauft werden kann. Ich möchte mich damit altershalber nicht mehr belasten. Diese Monumentalzigarre steht übrigens dort, wo 1992 die Baltische Terminbörse durch eine IRA-Bombe zertrümmert worden war. Der elliptische, angeblich erotische Rundturm mit seinen 40 Stockwerken und den 46 000 m2 Bürofläche steckt in Finanznöten, eigentlich ein Notfall für Swiss Re (Schweizerische Rückversicherungsgesellschaft), für die er erbaut worden ist. Die Liaison scheint brüchig geworden zu sein.
 
Andere Füllerthemen sind immer zur Hand: An Raketenbeschüssen besteht auch zu dieser Sommerzeit 2014 keinerlei Mangel; mit Berichten und Bildern über die Kriege darüber kann man beliebig Platz füllen.
 
Die beliebteste schweizerische Gurke aber ist seit Tagen das Hochwasser, das sich nach ergiebigen Niederschlägen (5 Stunden Dauerregen in Napf-Gebiet) eingestellt hat und vor allem Dörfer wie Schangnau und Bumbach an der Grossen Emme am 24.07.2014 stark in Mitleidenschaft gezogen hat; das wäre ein gefundenes Motiv für Jeremias Gotthelf („Die Wassernot im Emmental“, 2. Teil) gewesen.
 
Abgesehen von den beiden erwähnten Dörfern kam es dann halt doch nicht so schlimm wie erwartet: Die Emme blieb weiter unten in den neuen Hochwasser-Dämmen, etwa in Biberist. Die Aare, welche das Emmen-Wasser bis zum letzten Tropfen zu konsumieren hat, trat in den Kantonen Solothurn und Aargau ebenfalls knapp nicht über die Ufer, ein Schlag für die Medien, denen nur noch etwas Schwemmholz und ein paar Hangrutschungen bis zu kleineren Bergstürzen blieben. Immerhin eignete sich Altstätten im St. Galler Rheintal mit dem engen Dorfbachkanal noch für ein paar Katastrophenmeldungen, und in den Gebieten Entlebuch, Willisau und Sempachersee waren 22 Feuerwehren mit total 700 Personen im Einsatz. Sie rückten in 150 Fällen aus; dabei ging es mehrheitlich um überschwemmte Keller und Strassen, was journalistisch auch nicht gerade besonders ergiebig ist. Jahresgangereignisse.
 
Für naturbelebende Hochwassersituationen und Überschwemmungen dessen, was Menschen am falschen Ort gebaut haben, entwickelte ich schon immer Verständnis. Die unschuldig schwer Betroffenen, die es immer wieder gibt und die unwiederbringliches Hab und Gut (das meiste ist versichert) verloren haben, mögen mir das verzeihen. So nutzte ich die momentanen Sauregurken-Niederschläge für 2 Exkursionen. Am 24.07.2014 reiste ich von Biberstein AG aus aareabwärts bis zum sogenannten Wasserschloss, wo Aare, Reuss und Limmat fusionieren und darauf hin via Klingnauer Stausee dem Rhein zustreben (Blog vom 26.07.2014: Wie der Aargau das Emme-Hochwasser locker verdaut hat).
 
Ein kleiner Spaziergang im Auengebiet, das sich am Hochwasser ebenfalls erfreute und sich gierig vollsog, tat mir an jenem Nachmittag gut. Der Eindruck, wie Wasser die Natur zum Aufblühen bringt, erfrischte auch mich. Aber von so etwas wie Überschwemmungen, was man landläufig darunter versteht, gab es dort nichts zu erkennen. Das Auengeschehen mit dem vielen Wasser war ebenso normal wie es jeweils die Phasen mit wenig Wasser sind. Der Wechsel gehört zur Auen-Dramatik.
 
Am Dienstagmorgen, 29.04.2014, mailte mir der Historiker Pirmin Meier: „Ich traue Dir einen guten Artikel über die gegenwärtigen Hochwasser zu. Es gibt auch die Sensation des Guten“. Dieser Impuls hat mir zu einem wohlgelungenen Ausflug verholfen, wofür ich keinen Taucheranzug brauchte. Die Aare führte zwar ziemlich viel braunes Wasser; bei Brugg waren es rund 700 m3/sec. (http://www.hydrodaten.admin.ch/lhg/az/tabellen/Q-Bulletin.html), was unter dem Mittelwert der Jahreshochwasser (835 m3/sec.) liegt, eigentlich nichts Besonderes.
 
Mein neuerlicher Ausflug führte mich diesmal aber aareaufwärts. Unter einem Himmel mit weissen und schwarzen Wolkengebilden, welchen die Sonne sporadisch markante Kontraste zufügte, fuhr ich auf der A1 bis zur Ausfahrt Luterbach im solothurnischen Wasseramt, um nachzuschauen, ob der Name weiterhin toleriert werden kann. Und als ich dann den Emmenspitz im Grenzgebiet Luterbach/Zuchwil (die Emme bildet dort die Gemeindegrenze) erreicht hatte, sah ich ein, dass der etablierte Name Wasseramt unter gewissen Einschränkungen noch beibehalten werden darf.
 
Meinen Prius stellte ich auf dem Areal der KEBAG ab, ein monotoner Betonkoloss, den ich zuerst als Kieswerk identifiziert hatte; aber es handelt sich um die Kehrichtverbrennungsanlage mit angegliederter Kläranlage (ARA); ich kenne den Kläranlagenduft aufgrund reichen Erfahrungen mit solch wichtigen Anlagen. Also umrundete ich diese für Normalsterbliche unzugängliche KEBAG, dem Wasserrauschen folgend und erreichte nach der Umgehung eines riesigen Baggers einen gepflegten Wanderweg mit dichtem Mergelbelag. Der Weg folgt den letzten Emme-Metern, die in ihrer Geradlinigkeit einen kanalisierten Eindruck macht.
 
Die Emme, milchkaffeebraun, hatte einen ausgewachsenen Baum mit Wurzeln und Ästen mitgebracht und quer ins Flussbett gelegt. Ebenso quer zum Fluss verläuft beidseitig auch eine etwa 40 cm dicke Mauer, die nur im Mittelteil fehlt. Ich vollzog auf der schmalen Mauerkrone einige Gleichgewichtsübungen, ansonsten ich dieses Blog nicht mehr hätte schreiben können, und stellte mit der Zeit fest, dass diese Mauer das heranströmende Wasser abzubremsen hat. Dann lagert sich das Geröll vor der Mauer ab und kann hier mit geringerem Aufwand herausgebaggert werden als wenn es in den aufgestauten Zusammenfluss gelangen würde. Das Herausfischen wäre dort erheblich aufwändiger.
 
Der Zusammenfluss von Aare (grün) und Emme (braun), der Emmenspitz (Gemeinde Zuchwil), ist besucherfreundlich, parkähnlich gestaltet. Steinbänke und -tische fordern zum Picknicken auf, und hinter einem Gitter ist ein alter Bunker, von dessen Wand ein aufgespraytes, laszives Damenantlitz mit verzücktem Blick verschönert ist.
 
Wenig aareabwärts säumt der verschachtelte, Baugeschichten erzählende Attisholz-Cellulose-Fabrikkoloss das Ufer, dessen älteste Bausubstanz noch von 1881 stammt, und seit 2008 träumt der Betrieb nur noch von den vergangenen, ehemals besseren Zeiten. Zellulose wird zur Papierherstellung, für Dämmstoffe und z. B. als Zusatz zu Nahrungs- und Futtermitteln gebraucht; sie ist ein Vielfachzucker (Polysaccahrid). Erst 1983 hatte das Attisholz-Unternehmen das deutsche WC-Papier-Unternehmen Hakle übernommen, worauf 1999 der Konzern Kimberly-Clark als Käufer auftrat, gefolgt von Christoph Blocher, der die Fabrik kaufte und 2002 an Borregaard weiterverkaufte. Umweltauflagen, Sanierungsbedarf und Marktverhältnisse setzten der Rendite ebenso wie die schwierigen Verhältnissen bei der Londoner Gurke zu. 2008 wurde Attisholz geschlossen. Aus.
 
Unter einer Fussgängerbrücke über die Aare ist noch das Dampfleitungsrohr zu sehen; die Kehrichtverbrennungsanlage hatte ihre Abwärme für die Cellulose-Herstellung verkauft, wie mir ein Passant erklärte, der seinen beiden Hunden zu Fitness verhalf; schwitzende Jogger keuchten vorbei. Ein Teil des Dampfs aus der Kehrichtverbrennung ging an die Papierfabrik Biberist, die 2011 vom südafrikanischen Papiermulti Sappi geschlossen wurde. Ob dieser Desindustrialisierung war das ganze Wasseramt in Aufruhr. Aus der Verbrennungswärme wird heute Strom erzeugt.
 
Der Emmenspitz ist also von einer lebhaften Industriegeschichte umgeben, aber auch die Natur hat ihren Stellenwert. Auf der östlichen (rechten) Emme-Seite (Luterbach) befindet sich seit 1949 ein rund 15 Hektaren grosses Naturschutzgebiet, der Emmenschachen, das zu den Auengebieten von nationaler Bedeutung gehört. Und Natur gibt es auch im Wasser, wo Enten ihre Schwimmübungen vollziehen. Im Emme-Wasser posierten 3 Gänsesäger im Ruhekleid mit ihrem roten Schnabel und den verlängerten Hinterkopffedern. Kurz vor dem Zusammenfluss angelte ein Mann in den besten Jahren nach Egli. Es sei fest unmöglich, hier nichts zu fangen, sagte er mir mit der begründeten Zuversicht auf ein Fischessen zu Abend. Man müsse nur aufpassen, dass nicht die bis 3 kg schweren Karpfen anbeissen, die sich gern in den gedrehten Kunststoffangelschnüren verhaspeln, kaum an Land gezogen werden können, um sie von ihrem Kampf zu erlösen. Man dürfe also den Angel nicht zu tief ins Wasser lassen, sondern nur oberflächlich fischen, sagte der Fischer.
 
Es war nach 18 Uhr, und auch ich hatte Hunger, aber keine frischen Fische. Ich ging unter dem dunkelgrau verhangenen Himmel zu den Kiesbergen zurück, fuhr los und fand in Zuchwil den Chäs-Egge, ein angenehmer Dorfladen bei einem Kreisel, der von einer älteren, kundenfreundlichen Frau sachkundig geleitet wurde. Ich kaufte 1 kg milden Emmentalerkäse (23 CHF) und reiste heimzu.
 
Dort erinnerte ich mich an die Farbe der Emme und der Aare weiter unten, nach der Einfärbung durch das Emmentaler Wasser – schön und kaffeebraun. Aus naheliegenden Gründen bereitete ich mir einen Milchkaffee zu, wie er nach meinem persönlichen Empfinden besonders gut zu einem der berühmten Schweizer Halbhartkäse passt. Ich badete noch einige Brocken Altbrot im Kaffee und durfte nach Herzenslust schlurzen (schlürfen), da meine Frau bereits gegessen hatte (obschon sie meine Marotten toleriert). Ein Stück abgeschliffenes Schwemmholz diente mir als Tischdekoration.
 
Ich dachte, vom Kaffeeduft zu höheren geistigen Leistungen inspiriert, dass man aus Hochwassersituationen schon einiges herausholen kann – und bleibe meiner positiven Beurteilung von derartigen Naturereignissen treu.
 
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