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BLOG vom 20.08.2014


Prof. Wigand Ritter: Volksverbundener, forschender Geograf
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
Wir sind mehrmals in der gleichen Gruppe durch arabische Länder gereist, haben uns durch sehr ähnliche Weltanschauungen und wegen unseres Reisestils mit den gleichen Prämissen persönlich schnell angefreundet. Umso mehr hat mich die Nachricht vom Hinschied von Prof. Dr. Wigand Ritter betrübt, die mich mit mehrmonatiger Verspätung erreicht hat. Raimund Gofferjé ist auf einige Textatelier.com-Texte von Wigand Ritter aufmerksam geworden, und hat mich über den Todesfall ins Bild gesetzt. Der forschende Geograf ist bereits am 04.11.2013 verstorben, wovon ich bisher nichts wusste. In meiner Welt der Erinnerungen lebt er weiter.
 
Da man in vielen Ländern als Journalist akkreditiert sein muss oder als journalistisch tätiger Tourist nur unter erschwerten Umständen in sie einreisen kann, konnte ich die Prozedur dadurch vereinfachen, dass ich mich dank einiger hilfreicher Beziehungen einer fachlichen Reisegruppe, bestehend aus Universitätslehrern aus Deutschland und Österreich, als „Geograf“ anschliessen durfte. Es handelte sich um Studienreisen, etwa in den Oman und in die Vereinigten Arabischen Emirate (1992/93) oder nach Namibia/Zimbabwe (1995). Die Hochschulgeografen behandelten mich als einen von ihnen, und manchmal gaben sie mir das Gefühl, dass sie zu dem fachlich dilettantischen Schweizer mit seinem kuriosen Blickwinkel eine besondere Zuneigung entwickelten.
 
Die Reisen wurden jeweils von einem von ihnen, der das betreffende Land oder den geografischen Raum wissenschaftlich erforscht hatte, geleitet (Oman-Reise: Prof. Konrad Schliephake von der Universität Würzburg; Namibia: Prof. Andreas Erhard von der Universität Wien). Die Teilnehmer waren in der Regel auf ein bestimmtes Gebiet ausgerichtet, forschten und lehrten an einer Universität und befanden sich auf dem aktuellen Wissensstand. Sie interessierten mich ebenso wie die Länder und Menschen der besuchten Länder – es waren erfüllte Tage. Reisen auf höchstem Niveau.
 
Die freien Stunden und auch die Mittagspausen verbrachte ich unterwegs in der Regel zusammen mit Wigand Ritter, der eher den Eindruck eines Naturburschen denn eines Professors machte. Er band sich in Arabien meistens ein Turban um, im Oman z. B. eine rotweiss gestreifte Kufiya, an der eine Kordel baumelte. Wenn vom Reiseunternehmen, über das wir gebucht hatten, ein Mittag- oder Abendessen organisiert (und im Preis eingeschlossen) war, kümmerte uns das wenig. Wir flüchteten sofort aus dem uns zugewiesenen Hotel, suchten kleine, ortstypische Verpflegungsstätten auf und bevorzugten die Strassenküchen, um uns dem lokalen Alltag möglichst weitgehend anzunähern. Mein Begleiter konnte sich fliessend in der arabischen Sprache unterhalten, was seinem Interesse an den gastronomischen Landesgerichten sehr zustatten kam und wovon auch ich profitieren durfte.
 
Mir taten es in arabischen Ländern vor allem fettgebackene Süssigkeit und Frittiertes oder am Spiess Gedrehtes an, die zwar meiner ganzen Ernährungsphilosophie zuwider liefen, aber auch Lammfleischbällchen oder abwechslungshalber einmal eine würzige, nach Koriander duftende Bohnensuppe mit Kichererbsen. Dann wieder liessen wir uns von Zimt-Hackfleisch mit Chili und Knoblauch betören, bereitgestellt auf Handkarren oder auf einem Stand mit flüchtig gezimmerten Dach. Hier sind uralte Zubereitungsmethoden erhalten geblieben, und alles war frisch zubereitet, wie man selber sah. Und das Essen mit den Fingern hat ohnehin seinen besonderen Reiz – warum soll man sich mit Metallgeräten herumplagen? Die Sitten des Landes hatten für uns eine eindeutig höhere Priorität als eine gesundheitliche Prinzipienreiterei, die uns bei der Entdeckung einer Region oder einer Stadt und unserem persönlichen Vergnügen nur hinderlich gewesen wäre. Die Menschen um uns wussten unsere Anpassungsbereitschaft zu schätzen. Wir waren am Puls des Volks; die Küche und das Essen verbinden.
 
Nach den Reisen blieben wir, Wigand Ritter und ich, in einem regen, schriftlichen Kontakt, der vor allem aus einem Austausch von Infoformationen bestand. Und es freute ich sehr, dass mein unvergesslicher Reisebegleiter einige originelle Beiträge fürs Textatelier verfasste, die ich aus Überzeugung als geistreiche und unterhaltende Lektüre empfehle:
 
Im Textatelier.com publizierte Texte von Wigand Ritter
 
Die Vorstellung von Wigand Ritter in unserem Impressum
In unserem Impressum (Vorstellung der Autoren) wurde der nunmehr leider Verstorbene wie folgt vorgestellt:
 
„Wigand Ritter (1933) hatte früher den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeografie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg D inne und betätigte sich vor allem in der Orientforschung. Prof. Dr. Ritter lebt heute an der Landsbergerstrasse 26/10, A 3100 Sankt Pölten (Österreich). Er ist ein exzellenter Arabien-Experte. Von ihm stammen unter anderem das Buch „Allgemeine Wirtschaftsgeographie. Eine systemtheoretisch orientierte Einführung“ (1998). Er ist für das Textatelier.com ein kompetenter Berater in kultur- und wirtschaftsgeografischen Fragen.“
 
Das muss leider nun in die Vergangenheitsform gesetzt werden.
 
Der Nachruf aus der FAU Erlangen-Nürnberg
Die nachfolgende Würdigung der Persönlichkeit und des Schaffens von Wigand Ritter, wie sie mir Raimund Gofferjé (E-Mai: raimund_gofferje@hotmail.com) von der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg zugestellt hat, verfasste Frau Sabine Donner, die im Zentralsekretariat der Geschäftsstelle am Institut für Geographie an der erwähnten Universität tätig ist. Ihr Text hat den folgenden Wortlaut:
 
„Die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät sowie das Institut für Geographie der FAU Erlangen-Nürnberg trauern um Wigand Ritter ‒ er ist am 4. November 2013 an seinem Wohnort in Österreich gestorben. Der Wirtschaftsgeograph Ritter wurde in Scheibbs/Österreich geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Welthandel in Wien, wo er 1968 die Lehrbefugnis für Wirtschaftsgeographie und Raumordnung erhielt. Von 1968 bis 1973 war er Privatdozent und Oberassistent am dortigen Institut für Wirtschaftsgeographie und Dozent an der Österreichischen Diplomatischen Akademie. Anschliessend lehrte und forschte er als ausserordentlicher Professor für Geographie an der TH Darmstadt.
 
Von 1976 bis 1998 hatte Ritter den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie in der damaligen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Nürnberg inne und bildete in Lehre und Forschung eine Brücke zwischen den Wirtschaftswissenschaften, der Regionalforschung sowie der Geographie, die durch zahlreiche Publikationen weit über den Standort Erlangen-Nürnberg hinaus sichtbar war. Nach dem Weggang seines Nachfolgers 2004 wurde der Lehrstuhl leider nicht wieder besetzt.
 
Von 1977 bis 1978 sowie von 1983 bis 1985 war Prof. Ritter Prodekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Die Arbeitsbereiche von Prof. Ritter umfassten die Allgemeine Wirtschaftsgeographie sowie Fragen der Standortlehre und Tourismus. Seine regionalen Schwerpunkte lagen in der Arabischen Welt und in Europa.“
 
Soweit der Bericht aus Erlangen. Ich muss mich von einem lieben, unkomplizierten, offenherzigen Freund verabschieden, von dem ich vieles lernen durfte: Lebenskunst, Reisestil, geographisches Wissen, eingebettet in und zugeschnitten auf die vielen Lebensräume, die ihren starken Einfluss auf die Kulturgeschichte ausüben. Und falls es einen Himmel oder ein Paradies für die Zeit nach dem irdischen Leben geben sollte, nähme Wigand Ritter die Gelegenheit wahr, diese auf seine tiefgründige Art auszukundschaften, angetrieben vom Bemühen, das Unerklärliche zu verstehen.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Kunst des Reisens
 
Ausführliche Berichte in der Zeitschrift „Natürlich“ zu den im Text erwähnten Exkursionen
1994-3: „Oman – Traum aus ‚1001 Nacht’ – das war einmal“.
1996-2: „Natursensationen in Namib
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