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BLOG vom 19.08.2014


Stiftung Schloss Biberstein 125: Vollwertige Bildungsbürger
 
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
„Was wäre Biberstein ohne das Schloss?“. Diese Frage stellte Gemeindeammann Peter Frei am offiziellen Jubiläumsakt „125 Jahre Stiftung Schloss Biberstein 18892014“. Er beantwortete sie gleich selber: „Ohne dieses prächtige Schloss gäbe es das Dorf wohl nicht“. Dieses Dorf habe früher immer im Schatten der Nachbargemeinden gestanden, und es war dort üblich, sich darüber verächtlich zu äussern, etwa im Stil „Gohsch uf Bibädai, chunnsch nüme hei“, eine Anspielung auf die schwach begabten Kinder, die hier ihr Heim und ihre Förderung bekamen.
 
Das alles hat sich geändert: Die „Dörfler“ und die „Schlössler“ hätten zu einem ungezwungenem Umgang gefunden, sagte der Ammann. Und was das heutige Ansehen von Biberstein anbelangt, konnte er das Offensichtliche für sich sprechen lassen. Die Südlage dieser attraktiven, sonnigen Wohngemeinde wird durch viel mehr Licht als Schatten akzentuiert, entwickelte eine grosse Anziehungskraft. Die Finanzkraft der Gemeinde und ihr Wille zur Bewahrung der Eigenständigkeit sind beneidenswert, wie man beifügen möchte. Wer nach Biberstein geht, bleibt dort.
 
Aus den Ansprachen am Jubiläumsanlass, der am Freitagnachmittag und -abend, 15.08.2014, von 215 Personen, worunter rund 120 auswärtigen Gästen, besucht war, ging hervor, dass dieses lange verkannte Biberstein in Aspekten der Allgemeinbildung eine wegweisende Rolle spielte – später (ab 1889) mit Einbezug von geistig und/oder anderweitig Behinderten. Der Blick war nicht nur auf die zu Überschwemmung neigenden Aare, sondern auch auf geistige Werte ausgerichtet.
 
Der Stiftungsratspräsident Kurt Vogt, der dieses Amt seit 2012 innehat, konnte aus heutiger Sicht die Existenz des Schlossheims mit besten Gründen rechtfertigen. Es betreut und fördert seine speziellen Bewohner als vollwertige Menschen und nimmt dadurch eine humane Aufgabe wahr. Erkennbar wird die damit einhergehende Vitalität auch aus anstehenden baulichen Erneuerungsprojekten wie der Bäckerei mit ihren berühmten Holzofenbroten, Crèmeschnitten usf. und des Schlossladens, die als funktionelle Einheit wichtige Kontakte zwischen Schloss- und Dorfbewohnern herstellen und unterhalten. Auch vonseiten der Behörden werden Gemeinde/Dorf und Schloss als unzertrennliche Einheit empfunden.
 
Der Anlass fand unter der leitenden Obhut von Geschäftsführer André Hug statt; er ist seit Juli 2013 im Amt: eine Ruhe, Besonnenheit und Bescheidenheit ausstrahlende väterliche Persönlichkeit, die für ihre im weitesten Sinne familiäre Aufgabe beste Eigenschaften aufweist.
 
Eine wegweisende Geschichte
Auf die Geschichte der jubilierenden Stiftung darf mit Stolz hingewiesen werden; die Jubiläumsfeier war der gegebene Anlass dafür. In diesem Zusammenhang ist zuerst einmal auf Heinrich Zschokke (1771‒1848), den deutscher Schriftsteller und Pädagogen, hinzuweisen, der sich 1802 ins Schloss Biberstein einmietete und hier bis 1821 wohnte. Zschokke war mit Johann Heinrich Pestalozzi (1746‒1827) bekannt, also mit dem Begründer der Pädagogik, der Bildung für alle anstrebte und die damals vorherrschenden feudalistischen Strukturen überwinden wollte. 1768/69 liess er auf dem Birrfeld ein Landgut, den Neuhof, erbauen, und 1773/80 wurde die Armenanstalt beim Neuhof bei Birr (Bezirk Brugg) gebaut. Pestalozzi und Zschokke lag es gleichermassen daran, dass jedes Kind das Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen konnte, und so schufen sie die Grundlagen für die Allgemeinbildung. Alle sollten vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sein. Darauf konnten die Gründer der Stiftung Schloss Biberstein (der Arzt Gottlieb Schenker, Hans Hässig, späterer Stadtammann von Aarau, sodann der Kaufmann Julius Henz, der Verleger Remigius Sauerländer und Pfarrer Rudolf Wernly, alle aus Aarau) aufbauen, als sie die Stiftung 1889 innert 9 Monaten auf die Beine stellten, eine unternehmerische Leistung. Ihr erstrangiges Anliegen war, dass eine bildende Förderung auch den bisher an den Rand abgedrängten geistig Schwachen zuteil wurde. Sie sammelten dafür innert kurzer Zeit 48 000 Franken, wovon sie 28 000 Franken für den Kauf des Schlosses einsetzten, in dem die sogenannte „Anstalt für schwachsinnige Kinder im Aargau“ eingerichtet werden konnte. Knapp 100 Jahre später, als nur noch etwa 20 Kinder zu betreuen waren, wurde das Kinderheim zu einem Wohn- und Arbeitsort für geistig behinderte Jugendliche und Erwachsene. Heute werden rund 70 Bewohner betreut.
 
Die Schule von einst
Peter Voellmy hatte mit Geschick und Einfühlsamkeit einen Theaterrundgang inszeniert, bei dem die in Gruppen eingeteilten Gäste 4 Stationen ansteuern konnten: Schulunterricht, Bauernüberfall auf reiche Herren, Bäckerei und Weinbau. Er arbeitete gewissermassen mit dem vorhandenen schauspielerischen Potenzial, das er mit Geschick in den vorgegebenen Rahmen einfügte. Besonders gemütvoll war der Einblick in den Schulunterricht vor über 100 Jahren bei der Lehrerin und Betreuerin Käthi Baumann, die als Respektperson einen langen, geflickten Rock trug und neben Bildung auch für Zucht und Ordnung sorgte.
 
Zu Beginn der Lektion wurden die Hände der Schüler auf ihre Sauberkeit hin kontrolliert, zumal es schon ein Anliegen Heinrich Pestalozzis gewesen war, die Menschen zu einem sittlichen (und auch religiösen) Leben hinzuführen, auch durch einen „erziehenden Unterricht“, um den sich neben der Schule insbesondere auch die Mutter zu kümmern hatte; ein intaktes Elternhaus wurde also vorausgesetzt. Ein Schüler rechtfertigte den Schmutz an seinen Händen mit der Mithilfe im elterlichen Bauernbetrieb; er musste sie waschen gehen, und die Sache war erledigt. Alsdann galt es, den Buchstaben B zu erlernen und zu üben: 1 Strich und 2 Bäuche. Dazu wurden holzgerahmte Schiefertafeln (sozusagen solche „alter Schule“) und Kreiden verteilt, die dann, als die Bäuche in die richtige Richtung wiesen und das B insgesamt auch in seiner sprachlichen Anwendung beherrscht wurde (Biberstein beginnt mit B), wieder abgegeben werden mussten. Auch mit Schulmaterial wurde sparsam umgegangen. Und auch ich habe dank dieser sprachlichen Lektion einen neuen Zugang zum B (wie Behinderte) gefunden.
 
Gute Aargauer Bildungsvoraussetzungen
Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler schaltete in seiner Rede im Schlosshof ebenfalls einen historischen Exkurs ein. Wegen der Klosteraufhebung 1841 und leerstehender Schlösser bestanden gute Gelegenheiten für die Einrichtung von Bildungsanstalten (im Schloss Kasteln, im Kapuzinerkloster Bremgarten, im Kloster Hermetschwil usw.). Die Verwendung dieser Kulturgüter sicherte gleichzeitig auch deren Erhaltung. Der Regierungsrat lobte das Heim im Schloss Biberstein auch deshalb, weil es während der ersten 70 Jahre seines Bestehens ohne Staatsbeiträge auskam, auskommen musste. Das änderte sich, als 1960 die schweizerische Invalidenversicherung IV in Kraft gesetzt und die Schulung der Behinderten zu einer Staatsaufgabe wurde. 1987 wurden Erwachsene ins Bibersteiner Bildungsangebot einbezogen. Es war offensichtlich, dass der Kantonsvertreter mit der Bibersteiner Evolution zufrieden ist.
 
Die Schlossgeschichte
Nach einem Apéro im Schlossinnenhof und im Schloss wechselte die Festgesellschaft in die originell dekorierte Turnhalle, deren Dach den Regengüssen standhielt. Der Festvortrag war die Aufgabe von Urban Zehnder, der bis vor etwa 4 Jahren im Schloss Biberstein Ausbildungsleiter war und ein Faible für geschichtliche Fakten hat: „Wenn man weiss, wie es früher war, versteht man besser, was jetzt ist“, hielt er fest. Als roter Faden diente ihm bei seinem Exkurs in die Vergangenheit ein langgezogenes Teppich-Rechteck, in dessen Mittelteil gewoben, geknüpft und auch ein „Gnusch“ (Unordnung) mit Fäden und Schüren angerichtet war. Im Verlaufe der Jahrhunderte und Jahre wurde und wird an diesem textilen Konstrukt immer weitergewoben; alle irgendwie an der Schlossstiftung Beteiligten und die Bewohner tragen ein paar Fäden dazu bei.
 
Die Schloss-Geschichte geht mindestens auf 1280 zurück; es war eine „Vesti“, also eine Burg zur Verteidigung (Festung) und Mehrung des Besitzstands der von Grossmachträumen beseelten Habsburger, die von vorbeifahrenden Aareschiffen ihren Obolus einforderten. Als Gründer des Schlosses wird Graf Johann I. von Habsburg-Laufenburg genannt. Um dieses Bauwerk herum gruppierte sich allmählich ein Städtchen. Aber der erwartete Aufschwung hielt sich in bescheidenem Rahmen, so dass Johann I. das gesamte Bibersteiner Besitztum 1335 an die Johanniter („St. Johans Orden des Spitals zu Jerusalem“) verkaufte, welche diesen während 200 Jahren behielten. Die Johanniter waren eine Mischung von Kriegern (Kreuzfahrern) und Mönchen, die sich auch in der Krankenpflege verdient machten, das Schloss also schon früh als soziale Institution erscheinen liessen.
 
Während des Schwabenkriegs (1499) diente das Schloss als Unterkunft für einige Soldaten, die für den Eidgenössischen Bund kämpften. Es handelte sich im einen kriegerischen Konflikt zwischen diesem Bund und dem Hause Habsburg-Österreich und dessen Verbündeten, dem Schwäbischen Bund, um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet. Dieser Krieg (auch „Schweizerkrieg“ genannt) wird in der Geschichtsschreibung als Ausgangspunkt zur Abspaltung der heutigen Schweiz vom Reich deutscher Nationen dargestellt und ist damit mehr als eine geschichtliche Marginalie. Die Berner sind geblieben und kauften den Johannitern 1535 das Schloss ab, und sie erstellten 1627 das noch heute bestehende Schlosstor mit dem Biber-Wappen und malten 1643 ihr Wappen an die Südfassade, das den behäbigen Bau noch heute verziert.
 
1587 wütete im Schloss ein Feuer, und die Schuld für den Brand wurde Elsa Schiblerin in die Schuhe geschoben, möglicherweise eine unberechtigte Sündenbock-Rolle. Die arme Frau wurde auf dem Scheiterhaufen grausam umgebracht.
 
Das Schloss diente während der Helvetik (1798‒1803) eine Zeitlang als Schulhaus. Die Helvetischen Republik wählte Aarau als Hauptstadt bis September 1798, danach bis zum Mai 1799 Luzern, schliesslich bis zum März 1803 Bern. Dieser Zeit entsprangen viele revolutionäre Ideen, insbesondere auch zur Erziehung und Schulung der Bürger; zuvor hatte der fromme und sittenstrenge Christ im Zentrum der Erziehungsbemühungen gestanden, ein Tatbestand, der selbstverständlich nicht von einem Tag auf den anderen abzuschaffen war.
 
Die neue Auffassung ging dahin, dass nur jener ein vollwertiger Bürger sein konnte, der zu schreiben, zu lesen und zu rechnen verstand. Nur unter solchen Voraussetzungen stand eine politische Laufbahn offen. An der Spitze der Förderung dieses Gedankenguts stand der Politiker, Diplomat und Theologe Philipp Albert Stapfer (1766‒1840): „Es ist begreiflich, sogar klug, wenn in einem aristokratisch regierten Staate die Volksschule als etwas Nebensächliches betrachtet werde, sind doch in einem solchen nur wenige berufen, eine führende Stellung einzunehmen. Aber nicht so in einer Republik: hier müssen die Erziehung und Schulung des Volkes die wichtigste Angelegenheit des Staates sein, denn es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass einem beliebigen Bürger eines Tages die Führung des Vaterlands in die Hände gelegt werde. Auch darf in Zukunft jeder Bürger unterschiedslos an den Wahlen teilnehmen; deshalb ist eine gleichförmige Erziehung aller Bürger, die nur in der Volksschule gegeben werden kann, notwendig“.
 
Diese Weisheiten waren der fruchtbare Boden für die Erkenntnis, dass auch „Schwachsinnige, Geistesschwache, Arme im Geiste, Idioten“, wie sie bis damals noch verächtlich genannt wurden, als bedauernswerte Geschöpfe ein Anrecht auf Bildung und Förderung haben. Und der Einbezug der Schwächeren führte 1889 zur Gründung der Stiftung Schloss Biberstein als wegweisende Tat.
 
Als die Stiftung am 18.03.1889 gegründet wurde, wurde das Ereignis von strömendem Regen begleitet, wie das gelegentlich auch am Jubiläumsanlass 125 Jahre später wieder der Fall war, womit eine gewisse Kontinuität gegeben war. Selbst bei der Eröffnung des Wohnheims für Erwachsene (18.05.1987) war das Wetter regnerisch gewesen. Auch das gehört zum Weiterweben am historischen Teppich, der schliesslich auch einmal nass werden darf.
 
Ein festliches, schön serviertes Nachtessen, angeliefert vom M-Catering, schloss sich an: frischer Salat mit Lachsrouladen, gebratenes Rind- und Kalbfleisch, Röstirondelle und als Dessert Schwarzwälder- oder Fruchttorte schlossen sich an. Die opulenten Weine stammten aus schlosseigener Produktion.
 
Der Liestaler Zauberkünstler „Flipp-Flapp“ (Lukas Pfaff) verführte sei Publikum in die Sphäre der Tricks, Täuschungen und Illusionen. Ich empfand es einmal mehr als vorbildlich, wie die Schlossbewohner in ihrer ungezwungenen Art alles freiwillig mitmachen, ob bei Theatereinsätzen oder Zauberer-Assistenten. Überall sind sie mit Leib und Seele dabei und rechtfertigen so alles, was in ihrem Interesse vorgekehrt wurde. Und genau um sie geht es im Schloss seit langem.
 
Sie lehren uns auf ihre unaufdringliche Art Verständnis, Toleranz, Einfühlung in andere Handlungsweisen. Sie lehren uns überdies eine lockere Lebenskunst und finden einen unverkrampften Zugang zur Zauberei, wo Dinge verschwinden und irgendwo wieder auftauchen – vielleicht im geschichtlichen Dunkel, bis sie zum Verständnis des Geschehenen wieder ans Licht geholt werden. Ein Jubiläum ist die gegebene Gelegenheit dafür – und ein Protest gegen die Vergänglichkeit.
 
 
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