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BLOG vom 11.09.2014


Hügellabyrinth: die grandiose Erosionslandschaft Emmental
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Würde einer nach einem Besuch in den tiefsten Innereien des Emmentals von einer heilen Welt erzählen, müsste man sein Urteilsvermögen anzweifeln. Man findet nämlich auch dort Dörfer und Landschaften, die von den Begleiterscheinungen der Zivilisation mit der dominanten Verkehrsinfrastruktur gekennzeichnet sind, wie sie der Automobilismus erfordert. Gerade in abgelegenen Gebieten ist ein eigenes Motorfahrzeug schon fast eine Lebensgrundlage. Die Bauer fahren mit Traktoren herum. Lastwagen verschieben Baumstämme und Heuballen. Krane und Bagger lassen auf fortgesetzte Veränderungen der Landschaftsbilder schliessen. Und man findet Neubauten, die sich vom herkömmlichen Stil losgesagt haben, bei dem einst Zimmerleute die Hauptarbeit leisteten.
 
Würde die Schilderung hier abgebrochen, wäre das unfair. Denn diese bernische Landschaft, der die Emme den Namen gab, zwischen Huttwil bis zur solothurnischen Kantonsgrenze und Burgdorf und im oberen, südlichen Teil von Oberdiessbach bis Schangnau und zum Hohgant mit Langnau im Zentrum des Emmentals, wo die Ilfis in die Emme mündet, hat noch heute viel Urtümliches an sich. Ein grosser Teil des Napfgebiets (Gemeinde Trub) gehört ebenfalls dazu.
 
Die streng arbeitenden Bäche
Durchs Emmental fliessen nicht allein die Emme und die Ilfis, sondern auch viele Bäche , die es zu unglaublichen Kraftentfaltungen bringen können, so der Rötenbach, der Diessbach und die Chise (Kiese, der Zusammenfluss von Dürrbach und Schwändibach bei Rünkhofen). Sie wenden sich mit ihren Gräben meistens dem Haupttal der Emme zu.
 
Der Dichter-Pfarrer Jeremias Gotthelf (1797‒1854), der das filigranste dichterische Bild des Emmentals zeichnete, stellte das Emmental in seiner Erzählung „Armennot“ so vor: „Eng begrenzt ist sein Horizont von waldigen Hügeln, an deren Fuss sich unzählige Täler ziehen, von rauschenden Bächen bewässert, die in stillem Murmeln ihre Geschiebe wälzen, bis sie den Schoss der Emme finden.“
 
Die Ansammlung von „struben“ (unzähmbaren) Bächen hat sich landschaftsgstalterisch fantastisch ausgewirkt. Sie schufen unter Bergen ein Hügellabyrinth, eine Erosionslandschaft, die wunderschön anzuschauen, aber landwirtschaftlich nicht einfach zu bearbeiten ist. Sie eignet sich am Besten für Kuhweiden (Graswirtschaft) und ist selber eine einzigartige Augenweide. In diesem stotzigen (steilen, abhaldigen) Gebiet klettern viele verstreute, währschafte Bauernhöfe herum, Holzbauten mit weit ausladenden Dächern, unter den feuerrote Geranienzeilen den Sinn für Ausschmückungen belegen. Unmittelbar neben den Bauernhöfen steht meistens der grosse Hausbaum, der die Persönlichkeit der Bauten noch betont, den Wechsel der Jahreszeiten mitlebt und als Freund sowie zusätzlicher Blickfang dient, dabei aber zusammen mit dem Haus als optische Einheit erlebt wird. Seit je hat man dem Hausbaum magische Kräfte zugesprochen, und wer all seine Funktionen als Windfang, Schattenspender, Lebensraum für Tiere und Blitzableiter zum Schutz gegen Unheil bedenkt, kommt zum Schluss, dass viel daran sein muss.
 
In den kleinen Dörfern und in den verstreuten Einzelgehöften leben auch andere Traditionen weiter, das Festhalten am Alten, Bewährten, das man nicht gegen Neumodisches austauscht, sondern es beides wird, wenn immer möglich, nebeneinander geführt. Und eben das macht die besondere Faszination des Emmentals aus, in dem man sich sofort daheim und geborgen fühlt. Und so sah ich denn 2 Gründe, um am 04.09.2014 wieder einmal eine Exkursion durch jene Gegend zu unternehmen: Die Zuneigung zu jener wohlgeformten Landschaft und das Verlangen nach einem Eindruck von den Schäden bzw. Veränderungen des Hochwassers im Emmental vom 24.07.2014, das ich nur aus Unterlieger-Sicht mehrfach beschrieben und kommentiert habe.
 
Süsser Halt in Trubschachen
Ich reiste über Huttwil – Sumiswald – Ramsei – Lauperswil – Langnau an und kam dann dummerweise um etwa 10.30 Uhr Mittags am Fabrikladen der Firma Kambly in Trubschachen vorbei. Weil ich um die Wertschätzung meiner Familienangehörigen für die dort fabrizierten Bretzeli weiss, musste ich wohl oder übel einen Einkauf tätigen. Beim Gang durch die langen Gestellreihen im grossen Laden luden Biberli, Bireweggli, Vogelnestli, Knäckebrot, Salzgebäck usf. zur Degustation ein. Und da an Hunger im Vorfeld des Mittags kein Mangel war, wurde ich unversehens in dieses Schlemmerparadies des süssen und salzigen Dauergebäcks verwickelt, probierte hier, probierte dort. Dabei habe einmal mehr festgestellt, dass die Biscuits offenbar aus besten Zutaten mit geschickten Rezepturen gebacken werden. Also packte ich einige Zellophanbeutel voll von diesem Emmentaler Gebäck ein, hatte allerdings dafür meinen Appetit eingetauscht.
 
Via Marbach LU nach Schangnau BE
Meine Reise setzte ich der Ilfis entlang über Wiggen bis Marbach fort und war im 2008 gegründeten Biosphärenreservat Entlebuch gelandet, also im Kanton Solothurn. In Marbach besuchte ich das Tourismusbüro bei der Talstation der Goldelbahn zum Berghaus „Eigerblick“, um mich mit Informationsmaterial einzudecken. Die nette Betreuerin gab mit Tips für gute Restaurants auf den Weg, der mich nach Schangnau führte. Von dort stammt die mir sehr gut bekannte Entwicklungshelferin Elizabeth Neuenschwander (geb.1929), die sich bis nach Afghanistan (Kabul) und Pakistan vorwagt, um die Frauen das Nähen zu lernen und sie mit einfachen Nähmaschinen einzudecken und in Quetta (Pakistan) eine Schule begründete.
 
Von der Zufahrtsstrasse aus sieht man tiefer unten den mit roten Geranien einheitlich geschmückten Friedhof neben der bescheidenen, reformierten, spätgotischen Kirche mit dem geknicktem Satteldach, auf dem ein Dachreiter sitzt, vor der Kulisse des Hohgant, an den sich die „Sieben Hengste“ anschliessen. Der Gasthof „Löwen“ im Ortskern, ein Ständerbau (Ständer von der Schwelle bis zum Dach sind das tragende System) mit der geschweiften Ründe (Rundung unter dem Dach), feierte am Donnerstag meiner Reise den Wirtesonntag. Hier besuchte ich die Metzgerei H. P. Bieri. Der Inhaber, der mir Geissen- und Wasserbüffelwurst verkaufte, sagte, am kürzlichen Überschwemmungstag sei das Regenwasser die Hänge heruntergelaufen und in sein Haus eingedrungen, obschon es am Hang liegt, was er noch nie erlebt habe. Seine „Wasserschaden-Versicherung Plus“ habe er immer als Möglichkeit für eine Spende an die Versicherer empfunden ... – nun habe er sie erstmals gebraucht. In seinem 8-Mann-Betrieb metzge er alles selber, sagte er, und alle Tiere stammten aus der Region, einschliesslich der Wasserbüffel, auch wenn diese ihren Ursprung eher in Asien denn in Schangnau haben. Dies ist mein Erfahrungswissen: In Thailand hat mir ein Bauer einmal einen Wasserbüffel zum Pflügen in einem Nassreisfeld überlassen, und ich spürte die ungeheure Kraft dieser bis 1000 kg schweren Tiere, wurde einfach mitgerissen und war erleichtert, als mich der Reisbauer von dieser Arbeit, die mich überfordert hatte, erlöste.
 
Notlinderungen in Bumbach
Anschliessend war es angezeigt, hinunter nach Bumbach, einem Gemeindeteil von Schangnau, zu fahren; am Hang flickte ein geländegängiger Bagger eine Abrutschung, den Strassenkörper stabilisierend. Unten, wo die Emme gewütet hat, befindet sich die von der Armee erstellte, metallene Notbrücke neben einem grossen Treibholzberg; sie ersetzt die weggespülte Roseggbrücke und eine weitere von der Emmenflut mitgerissene Brücke.
 
Ganz in der Nähe ist der Gasthof „Alpenrose“, wo ich ein kleines Mittagsmahl bestellte, um nicht aus dem Essrhythmus zu kommen: Gemspfeffer, Spätzli, Rosenkohl, dazu ein alkoholfreier Saurer Most aus Ramsei. Die Spätzli hätten noch etwas mehr Kochzeit, dafür weniger Salz ertragen, doch insgesamt war ich mit dieser Verpflegung zufrieden.
 
Ich fuhr dann emmeaufwärts bis zum Kemmeribodenbad (976 m), einer hübschen, rechtwinklig angeordneten, gut unterhaltenen Baugruppe. Ich kehrte im Garten des stark belebten Restaurants ein, wo Kellner lufterfüllte Berge aus Merängge (Meringues) und Schlagrahm herumtrugen. Man mag sich darüber streiten, ob die Merängge hier oder in Meiringen BE erfunden worden sei. Ich entschied mich aus einsichtigen Gründen fürs „Emmenlauf-Dessert“ (Rahmglacé, hausgemachter Zwetschgenkompott mit Zimt und „Chäserei Nidle“ (Käserei-Rahm = Sahne). Das schmeckte, und hätten die hauchdünnen Apfelscheiben nach Apfel geschmeckt, wäre daran überhaupt nichts auszusetzen gewesen.
 
Im Quellegebiet der Emme
Weniger süss erschien mir der Emmenlauf bei der Weiterfahrt zum Hinter Hübeli auf 1068 Höhenmetern. Die einspurige, an nassen Felsen vorbeiführende Strasse ist stark steinschlaggefährdet; doch blieb das Solardach meines Prius unbeschädigt. Durch den ganzen Wald schmiegt sich die Strasse eng an den Berghang an, tiefer unten von der jungen Emme begleitet. Ich fuhr zum Hinter (Hinders) Hübeli (1068 Höhenmeter). Hier ist das schluchtartige Quellgebiet der Emme, deren Bett zeigt, dass es darin gelegentlich wild zu und her geht. Das Strässchen führt dann an der Rückseite der Hohgantkette weiter, hinauf zum Schärpfenberg, eine sonnigen Alpweide. Zum Panorama gehört der Brienzergrat mit dem Tannhorn.
 
Der Bauernkrieg 1653
Die Rückfahrt verlief problemlos. Im Kemmeribodenbad studierte ich eine Orientierungstafel über den Bauernkrieg von 1653, als sich die luzernischen und bernischen Untertanen gegen die städtischen Herrschaften wehrten, die Steuern, Bussen und Gebühren erhöht hatten, um militärisch aufzurüsten. Die Mitsprachemöglichkeiten des Volks waren abgeschafft worden, weil es nicht stärker zur Kasse gebracht werden wollte. Die Demokratie ist für die Herrschenden eine lästige Staatsform. Einige Bauernführer, die mehr Mitbestimmung und Freiheiten erkämpfen wollten, bezahlten das mit dem Leben: Ueli Galli aus Eggiwil, Christian Schybi aus Escholzmatt LU, Johann Emmenegger aus Schüpfheim LU und Niklaus Leuenberger aus Rüderswil BE. Ich verneige mich vor ihnen in Ehrfurcht. Ähnliche Anti-Demokratie-Bestrebungen wie in der Zeit des Absolutismus sind auch heute wieder im Gange.
 
Eggiwil
Es war Zeit für die Rückfahrt nach Schangnau und weiter über Siehen („Sieche“) nach Eggiwil (die erste Strasse zwischen den beiden Orten Schangnau und Eggiwil wurde 1878 gebaut). In Eggiwyl (alte Schreibweise) fand 1837 jene Hochwasserkatastrophe statt, die Jeremias Gotthelf sprachgewaltig beschrieben hat. Bei der Gemeindekanzlei liegt ein Prospekt über den „Eggiwiler Haus- und Brückenweg“ (www.eggiwil.ch/tourismus) auf, der viel Wissen über die Bautechnik im oberen Emmental vermittelt. Im Emmental und Oberaargau gibt es noch 29 Holzbrücken. 4 Emmentaler Brücken (in Hasle, Schüpbach, Horben und Brunnmatt) orientieren sich an der Bauweise der legendären Baumeisterfamilie Grubenmann aus Teufen AR.
 
Die jüngste Überschwemmung liess Eggiwil mehr oder weniger unbehelligt, obschon die Emme um 60 cm anschwoll. Man hatte wegen der stark durchnässten Böden Angst vor Murgängen.
 
Im grossen Dorfladen beschaffte ich milden Emmentalerkäse aus der einheimischen Käserei („Heidibühl Chäsi“) und ein Stück Halbhartkäse namens „Hagu-Hans, der Alte“ aus der Käserei Vorderinderbach in Rüegsbach. Der Laden habe „fei echli än Uuswahl“ (eine stattliche Auswahl), sagte mir eine ältere Anwohnerin, die ihren gedeckten Hauseingangsbereich pflegte.
 
Und so war es denn mit der Auswahl auch. Das Regionalbewusstsein manifestierte sich in diesem Verkaufsgeschäft. Hier füllte ich die letzten Lücken auf, um den Emmentalertag abzurunden.
 
Die Heimfahrt über Burgdorf – die Landschaft weitet sich zunehmend ‒ erlebte ich am Abend wie eine Rückkehr in die zivilisatorische Hetze. Nervöser Feierabendverkehr. Ich hatte mich innert weniger Stunden an gemächlichere Zustände gewöhnt. Das ist einfacher und schmerzloser als umgekehrt.
 
 
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