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BLOG vom 09.09.2014


St. Gotthard als Seelenlandschaft: Strasse, Alp und Eigen
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH: Einige Gedanken als Ergänzung zum Kunstschaffen von Jürg und Thea Altherr zum Thema St. Gotthard mit einer anschliessenden Hommage an Winterthur, auch an den von Glarus nach Wülflingen (Stadtkreis von Winterthur) verzogenen Hutmacher Heinrich Hössli (1784– 1864). Der Vortrag wurde am 07.09.2014 im Kunstzentrum OXYD in Winterthur Wülflingen gehalten.
 
 
Was Jürg und Thea Altherr in ihrer Ausstellung im OXYD Wülflingen zum Thema St. Gotthard zu präsentieren haben, ist für mich eindrücklich. Ich habe in jener Passlandschaft 1967 einerseits meine Festungs-Rekrutenschule gemacht, andererseits mit „Landschaft der Pilger“ (2005) und meiner Neufassung des Romans „Der Schmied von Göschenen“ (2011) von Robert Schedler, 1920 gut geschrieben, aber historisch unhaltbar, meinerseits eine Hommage auf jene Passlandschaft verfasst. Dabei ist einerseits von Steinmysterien die Rede, wie sie auch bei Altweggs wichtig werden, andererseits von den Passheiligen, nicht bloss St. Niklaus, St. Wolfgang, St. Theodul, nach denen Pässe benannt wurden, primär von St. Gotthard. Obwohl es auch in Mailand zwei Gotthardkirchen gibt, betone ich den Walserischen Ursprung des Gotthard-Kultes, so den Simplon-Pass als den wahren und älteren St. Gotthard-Pass, worüber man sich auch bei einem Besuch des Gotteshauses auf dem Simplon überzeugen kann.
 
Es bleibt dabei, wie ich schon in „Landschaft der Pilger“ ausgeführt haben, dass das Wallis mit insgesamt mindestens fünf Gotthardheiligtümern in Fully, Nax, Crans-Montana, an der Gemmi und auf dem Simplon sich dafür dankbar zeigte, dass St. Gotthard, Bischof von Hildesheim, wesentlich dazu beitrug, den Kult der Walliser Thebäer, besonders Mauritius, reichsweit zu verbreiten. So wurde der Rompilger St. Gotthard, schon sehr denkwürdig bei Johann Jakob Scheuchzer dargestellt, über das Wallis zum wichtigsten Passheiligen der Schweiz nebst St. Nikolaus, dessen Kult bei allen Pässen, Strassen und Fähren eine Rolle spielt. Die unten stehenden Ausführungen illustrieren diesen Befund, wobei mein eigenes Forschungsgebiet im Vergleich zu demjenigen des Ehepaars Altherr weniger die Gegend um Lago di Lucendro ist als das Urserental mit seiner Walser Überlieferung. In diesem Sinne bitte ich, meine Ausführungen zum Thema „Strasse, Alp und Eigen“ zu beachten, die in meinen beiden genannten Büchern noch weit mehr ins Detail gehen. Überaus empfehlen möchte ich den SJW-Verlag, der neuerdings auch mit einer Studie über Horace Bénédict de Saussure und über Morgarten für die Vermittlung von Schweizer Geschichte einmal mehr Massstäbe gesetzt hat.
 
Die Strasse
Im Landbuch des Kantons Uri von 1823 lesen wir: „Es ist verboten, die schöne neue Strasse zu beschädigen.“ Wo und wann wäre ein amtliches Verbot liebevoller in Worte gefasst worden? Liebe ist die Freude am Schönen, und dass es so bleiben möge. „Pourvu que ça dure!“, wie es Napoleons Mutter Letizia mit ihrem korsischen Akzent auszudrücken pflegte. Die Haltung des Sorgetragens, womit der Bergler sein Heim, das Eigen, und seine Arbeitsstätte, die Alp, umgibt, sollte fortan auch der von Kriegen und Naturgewalten einst zerstörten Strasse gelten.
 
„Die beste Lehrerin und Erzieherin der Völker ist zuletzt immer die Noth.“ So beginnt der Volkserzieher und frühere helvetische Kommissar Johann Daniel Heinrich Zschokke (1771–1848) seine Kapitel mit dem Titel „Die Gotthard-Strasse“ in seinem Buch „Die klassischen Stellen der Schweiz“, abgeschlossen im Kloster Muri AG am 9. April 1834. Abgebildet ist darin nicht etwa die pittoreske Teufelsbrücke. Zschokke wollte auf den 1821 fertiggestellten Neubau aufmerksam machen, das Werk des Ingenieurs und späteren Urner Politikers Carl Emanuel Müller (1804–1869). 600 Jahre vorher gilt, erzählt Lehrer Hans Ziegler 1936 in der Dorfgeschichte von Göschenen: Der Herr von Rapperswil liess den Saumweg mit Steinplatten versehen, damit die Saumtiere besseren Stand hätten.
 
Die Strasse, die Alp und das Eigen – drei elementare Gegebenheiten. Der Mensch steht da als Erhalter seiner Welt, bedroht von der Härte und Macht der Natur und ihrer Kräfte; aber es gibt Zeichen die Gefahr zu bannen, solange er nicht frevelt.
 
Wer ins Urnerland gelangt oder gar in die ehemals freie Republik Urseren, kommt nicht zu den Urnern, gehört nicht zu den Urschnern. Der Pagus Helvetiae Uriensis und Ursaria sind das fremde Herz der Schweiz. Keiner soll, gelangt er hier vorbei, so tun, als gehöre er dazu.
 
Dies gilt auch für Eingebürgerte. „Der Bürger des Kantons Uri hing gleich hinter der Tür“, übersetzt abermals wie in früheren Ausgaben anderer Svetlana Geier, die beste Übersetzerin Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs, meine verstorbene Verlagskollegin bei Ammann. Selbstverständlich falsch. Nikolai Stavrogin, Held des Romans „Böse Geister“ oder „Die Dämonen“, hat mit Wilhelm Tell gemeinsam, dass er nur in der Dichtung, dafür ewig, existiert. Nur war Tell niemals „Bürger“ von Bürglen. Auch nicht „Bürger des Kantons Uri“. Er war, wie alle anderen „getriwen Mitlandliit“, Landmann des Landes Uri.
 
Bürger gibt es, wenn schon, vielleicht seit der Verfassung von 1984. Der Bürger oder Burger war in der Schweiz traditionell Städter. Zwar sprach man auch auf dem Lande, wenigstens da und dort, von „burglichem Einsitz“, aber sicher nicht in den Ländern Uri und Ursern.
 
Ein Urner Landmann ist kein Urschner; und im Gemeindebann des heutigen Andermatt lebten lange zwei bis drei Kulturen nebeneinander: die Romanischen um die alte Kirche und die alemannischen Walser. Und die Russi sind, wie mir ein eindrucksvoll gebildeter alt Talschreiber mit diesem Namen mitgeteilt hat, italienischen Ursprungs und im Gegensatz zu den Walsern erst ab etwa 1430 im Land. Hoschpidaal ist romanisch, wie Rivalpa, Realp; An der Matt alemannisch. An beiden Orten, was geht da lang? Die Strasse. Die Säumer. Die Viehtreiber. Die Töff-Fahrer; manchmal sitzt eine Frau hintendrauf. Einst die Fuhrleute mit Gespannen. Heute Lastwagenfahrer.
 
Schöllenen. Von Scalae, Treppen. Da geht’s zwar bergauf, bergab nach Mailand; aber das ist nicht mit der Scala von Milano zu verwechseln, die im langen Abendkleid zu beschreiten wäre. Nein, die Trittligass ist’s. Wer glaubt, hier sei man so einfach durchgekommen, irrt. Von den vier Brücken ab Göschenen ging’s hinauf über die Schellinenmättelibrücke, die Häderlisbrücke, die Tanzenbeinbrücke, die Stiebende Brücke, die unerhört gefährliche Twärrenbrücke, ab 1708 das Urnerloch, wie heute der NEAT-Tunnel damals der längste Tunnel im Alpenraum.
 
Von diesen Brücken war sehr oft eine oder auch mehr als eine nicht passierbar. Wie kommt man da durch? Eben die Trittligass hinauf: Ja, wo’s nanig durs Loch durrä händ chonnä, sinds halt oben üss ggangä! So erklärte es ein sogenannter „Einheimischer“, wie die Deutschen zu sagen pflegen, vor hundert Jahren einem Offizier der Festung Bäzberg, einem Zürcher. Diesselben haben hier oben regiert, als die Frau Äbtissin vom Fraumünster hier noch das Sagen hatte. Ist sie wohl auch selber mal hier heraufgekommen oder hat sie alles ihren berüchtigten Vögten überlassen?
 
Die Strasse ist, wie der Tunnel, ein Bereich männlicher Arbeit. Wird sie zum Eigen, herrscht letztinstanzlich die Frau. Dagegen protestiert, wie wir noch hören werden, das Männerchorlied. Eine unbestrittene Königin ist die Muttergottes im Heiligenhüsli. Die heilige Barbara herrscht im Innersten, wo die NEAT gebohrt wird. Als es die Strasse noch nicht gab, sind mythische Gegebenheiten wie das Wilde Heer, der Fürig Mann, der Strassenhund hier schon längst durchgekommen. Vielleicht wird das so bleiben, wenn es die Strasse mal nicht mehr gibt.
 
Zu den Wächtern der Strasse gehören die Passheiligen. Allen voran Sankt Gotthard, der Walserfreund. Auch in Mailand sind ihm zwei Kirchen geweiht. Und fast unzählige im Tessin und im Wallis, wo der Simplon als erster Pass der Schweiz dem Segen des heiligen Gotthard gewidmet wurde.
 
Die Passheiligen bekämpfen das Böse mit dem Kreuz. Die Urnersage erzählt, wie der Teufel das Werk des Sankt Gotthard mit einem riesigen Stein, noch jetzt bei Göschenen zu besichtigen, vernichten will: Doch Sankt Gotthard trat ihm entgegen und hielt ihm das Kreuz vor die Nase.
 
Das war in Göschenen. Zu Deutsch: Sennhütte, geringes Gemach, Hundestall. Hier schliefen sie, die Läufer. Die ganz schnellen hatten, wie der Bub Bäni in meiner Erzählung „St. Gotthard und der Schmied von Göschenen“, nach uralter Überzeugung keine Milz. Ohne Seitenstechen kamen sie schneller ans Ziel.
 
Zu den Figuren der Strasse gehörten neben den Viehtreibern, den Säumern und den Soldaten die Zigeuner und die Pilger. Aus Seite 13 von St. Gotthard und der Schmied von Göschenen:
 
Lesung von Textauszug: „St. Gotthard u. d. Schmied v. Göschenen mit dem Hinweis auf die handwerkliche Tüchtigkeit der ersten über den Pass gelangten Einwanderer aus Ägypten, der ,Zigeiner’, wie sie Paracelsus nannte; die dann nach dem ältesten Anti-Zigeuner-Erlass der Stadt Luzern (um 1470) vor allem im Entlebuch ein Asyl von maximal sieben Jahren fanden; nachher wurden sie mittels der Rute ausgeschafft.“ Quelle: „Paracelsus, Wundarzneibuch Bertheonea“, vgl. Meier, Pirmin: „Paracelsus, Arzt und Prophet“, 6. Auflage 2013, S. 54.
 
Unter den Pilgern, die hier durchkamen, war für mich Joseph Benedict Labre aus Arras im Norden von Frankreich der bedeutendste. Über meine Heimatgemeinde Würenlingen (Aargau) kam er via die Freien Ämter nach Einsiedeln; dann über den Haggen (Haggenegg) nach Schwyz und Altdorf, wo er Ratschläge gab in Vorausschau auf den baldigen Fleckenbrand. Sein weiterer Weg führte über Göschenen und Andermatt. Wir stellen uns den von Flöhen übersäten Warner vor den Vier Letzten Dingen (Himmel, Hölle, Tod, Gericht) vor, wie er sich weigert, im Pfarrhaus zu übernachten. Lieber macht er es sich in einer Hundehütte behaglich. Aus meinem Heiligkreuzoratorium, vertont von Meister Carl Rütti, lege ich ihm das Lied eines wachenden Einsiedlers in den Mund: 
LIED EINES WACHENDEN EINSIEDLERS
Der Fürig Mann, das Wilde Heer,
Soll dich am Weg nicht necken.
Kein Gottesfreund und Bruder wär'
Wen solche Zauber schrecken.
 
Habt liebe Brüder euren Schlummer,
Getrost bis an den Morgen!
Vergesst den Teufel und den Kummer,
Mich trifft's, für euch zu sorgen.
 
Wo sich sonst nichts halten lässt,
Nicht Weib, nicht Geld und Gut:
So halten wir am Kreuze fest,
Getränkt in Christi Blut. 
Die Alp
Die Alp ist, schreibt Land- und Militärarzt Eduard Renner in seiner bekannten Mentalitätsgeschichte seiner Heimat, „Goldener Ring über Uri“ (3. Auflage, Ammann 1991), für den Bergler, was das Meer für den Seemann. Das Reich des Uristiers. Der König des Grossviehs. Hinaufgetrieben von Jungen, Handbueb, Handchnab, manchmal auch Schneebueb genannt. So dürfen wir uns auch Heini und Bäni vorstellen, die beiden Helden der Erzählung von St. Gotthard und dem Schmied von Göschenen. Träumt der eine vom Schmiedeberuf, eilt der andere als Läufer ohne Milz über den Bäzberg. Gealpt muss sein. Zur Belohnung aus der Hand des Grafen von Rapperswil gehört Heini am Ende eine Alp. Ich erwähne die Rossmettlen, eine breite Geländeterrasse, galt als ertragreichste Alp.
 
Auf den Urschner und Urner Alpen war es zeitweilig, bei der mittelalterlichen Klimaerwärmung, ähnlich warm, wie heute geklagt wird. Bei den Älplern lagen die Sorgen umgekehrt. Gebetet wurde gegen die Ausdehnung des Gletschers, für welche zum Beispiel der bösen Katri Simmen die Schuld in die Schuhe geschoben wurde; für die Gletscherschmelze wurde Gott gedankt. An Gletscherwallfahrten erinnern Hauszeichen und Runen am Hübschen Stein in der Göscheneralp.
 
Und als es wärmer wurde, nach Hans Stadler-Planzers Kantonsgeschichte mit einer bis 300 Meter höheren Baumgrenze, begann es von Schlangen und Kröten nur so zu wimmeln. Eine der eindrucksvollsten „Strassenfiguren“ der alpinen Mythologie ist der „Fahrende Schüler“, der jedoch aus den mittelalterlichen Universitätsakten etwa von Padua, einer Hochburg des Medizinstudiums, durchaus nachweisbar ist.
 
Da habe sich ein Fahrender Schüler anerboten, das Ungeziefer zu vertreiben, wenn er von jeder Haushaltung eine Geiss bekomme. In Göschenen, Abfrutt und Wyggen nahm er jeweils sein silbernes Pfeiflein aus der Tasche, tat dreimal einen Pfiff, und alle Schlangen, Krönten, Ratten, Maulwürfe und Schnecken kamen hervor und folgten seinen Schritten bis weit zur St. Niklausenkapelle. Hier hielt er still und verbannte sie in die „Wuurägänd“ hinauf, ein sumpfiges unwirtliches Gelände, und sie kehrten nie mehr zurück (nach Josef Müller).
 
Überall wo das Rind hinkommt, schreibt Renner, muss das Schmalvieh weichen. Ein Sennten, schreibt das Landbuch, seien 25 Kuh-Essen. Eine alte Urschner Bestimmung spricht von 75 Stück. Dazu gehörten auch die Alppferde. Schweine nicht zu vergessen. Der Hund war früher zeitweilig verboten. In der Clarydensage, 1705 von Scheuchzer erstmals erzählt, kommt er wieder vor. „Ich und Hüar Katri und Trichelchuä Brändi und Hund Parysi miänt immer im Klaridä sy“, schreibt Sagensammler und Spitalpfarrer Josef Müller von Altdorf.
 
Die Gründe für die Verfluchung sind unterschiedlich. Nach den Gewährsleuten von Sagensammler Müller habe eine Mutter ihren Dreckbuob in der puren ganzen Milch gewaschen oder gar gebadet.
 
Diese schändliche Verschwendung ist, wie eine Hundetaufe oder eben das Basteln von einem Tuntsch, dem dann Niidel und Anke eingegeben werden, dasselbe, was dem Sännetuntschi seine verfluchte Unheimlichkeit gibt.
 
Schriftsteller aus dem Unterland und auch Filmemacher, die sich die zehn oder zwölf Jahre nicht nehmen können, die es braucht um das Alpvolk fürs erste etwas zu begreifen, sind vor ein paar Jahren auf das Thema „Perverse Älpler“ gestossen. Das Sännetuntschi hat manchmal mit sexuellen Phantasien zu tun. In neun von zehn Geschichten aber geht es um die Verschwendung. Das kann man sich heute, wo viele Speisen in den Güsel kommen, kaum mehr vorstellen.
 
Dass aber das Sännetuntschi zu regieren beginnt, führt uns in das „Eigen“. Das ist der Bereich, wo nicht immer, aber nicht selten die Frau regiert. Sogar dann, wenn sie wie die Frau vom Schmied Heini in der Neufassung von Der Schmied von Göschenen eine Leibeigene ist.
 
Sie können es in meinem Buch nachlesen: Heini bekommt für seine Leistung für seine Alp ein Gütchen mit zwei Kühen, Bluomi und Bruni, einen Stier namens Falb, das sind Kuhnamen, die schon im 15. Jahrhundert belegt sind. Und beim Gütchen war neben dem Rindvieh und dem Schmalvieh die dem Eigen zugehörige Frau, eine Leibeigene im engsten Sinne, auch noch gleich inbegriffen. Sie mit einer Sklavin zu verwechseln, musste wohl mehr als einer büssen. Nicht nur das Sännetuntschi verbat sich, dass man mit ihm machen könne, was man wolle. Wer vorher da ist, und wer immer da ist, im Eigen, hat das Sagen. Von Anne Bäbi Jowäger, der Diktatorin im Berner Bauernhaus, schrieb Jeremias Gotthelf: Es meinte es gut, aber uf sy Gattig. Die Freiheit fand auf dem Landsgemeindeplatz statt, sofern man zu den freien Walsern gehörte. Zu Hause herrschte oft Despotismus. Nicht immer nur der väterliche.
 
Das Eigen
Das Eigä ist umgrenzt durch einen Zaun. Man soll diesen, warnt Bruder Klaus, nicht zu weit machen. Noch ganz wichtig ist die Dachrinne. Manchmal wird das Eigä auch durch Nägel, Masken, Kuhhörner, Kuh- und Stierenköpfe geschützt. Gang usä usem Eige – Chumm mer nit ids’Eigä – Hiä fat’s Eigän a, sind Ausdrucke, die Renner dokumentiert.
 
Es gibt Bestimmungen im Urner Landbuch, die erinnern mich an die Losung der Brüder Grimm „Von der Poesie im Recht“. Da lesen wir zum Beispiel: Jeder soll sein Eigen einhagen oder einschlagen, womöglich wenigstens einmarchen lassen.
 
Wer ein Türlein oder Lücke lasst offen stehen, soll 2 Gulden 2 Schilling 20 Buss verfallen sein und den dadurch verursachten Schaden abtragen.
 
Wenn von einem Baum Holz oder Obst in eines anderen Eigen fällt, soll es dessen seyn, auf dessen Eigen es gefallen. Es soll aber keiner auf des anderen Baum steigen, um die Frucht abzunehmen oder schüttlen, obschon die Äste in das Seinige hangen.
 
Im Eigä steht auch der Hausaltar, Kräuter wie das Siebnerlei. Rabiater als mancher Haushund ist die Hausfrau. Kann sie es sich leisten, nicht stark zu sein? Hier ist der Punkt, wo das burleske alpine Männervolkslied, vom Muotatal bis Andermatt, ansetzt.
 
Es ist keine Kleinigkeit, um eine Frau zu werben, die im Eigä sitzt. Davon handeln die Innerschweizer Chilterliedli, wie sie der Luzerner Alfred Leonz Gassmann gesammelt hat: 
Wän i chume bis zu de Stäge (Jodel)
Und sett d’r Jumpfere eppis säge
Wän i chome bis zum Schopf
Dänk i: o du arme Tropf!
Wän i chome bis zu de Tiire
Sind die Rigeli alli fiire
Wän i chome bis zum Gang
Sind die Jumpfere is Bett scho lang
Wän i chome bis i d’Stobe
Sind si under der Dechi blobe. 
Auf die Kilterbräuche ‒ man sagt auch zur Stobe ga, z’Liecht ga ‒ spielt sogar der schweizerhochdeutsch gesungene „Alt Englisch Gruoss“ an, wo die Muttergottes nach dem „Gegrüsst seist du Maria“ durch den Engel Gabriel zur Antwort gibt: 
Was sind das für Reden?
Was soll denn dies sein?
Wer ist denn gekommen
Ins Schlafzimmer ein? 
Das Lied endet mit Ermahnung an die Jumpfere vo hüt:
Nun höret ihr Jungfrauen
Und merket’s euch dann:
Ihr sollet nicht haben
Vorhere einen Mann, 
 
bis der Herr Pfarrer euch gebe
mit geistlicher Hand
den Segen zum Leben
Im ehelichen Stand. 
Im Mittelalter war sehr wohl eine wilde Ehe möglich. Ein Eheversprechen ohne Pfarrer konnte als gültige Ehe anerkannt sein. Denn die Ehe war nie bloss der Segen; die Ehe war der Vollzug, verbunden mit einem Versprechen.
 
Ein Volkslied von Andermatt aus dem Jahre 1934, gesungen von Fritz Kelten, Andermatt, erinnert an den Basler Totentanz und ist zugleich die beliebte, heute kaum mehr nachvollziehbare Klage, mit einer tyrannischen Alten verheiratet zu sein. In Männerchören war dieses Motiv früher beliebt. Der in Andermatt vorgetragene Text hat als Ausgangspunkt den bekannten Tod von Basel. Den ersten Vers der Andermatter Version, welcher von einem jungen Ehemann und einer steinalten Gattin spricht, hält der Basler Historiker Stefan Hess für sinnentstellend. Beim „Sänger“ handelte es sich ursprünglich um einen Handwerksgesellen, der eine (ältere) Meisterwitwe heiratet. Bei A. L. Gassmann, „Als ich ein jung Geselle war“, steht die Klage über die häusliche Diktatur im Vordergrund. Nicht nur in Andermatt wurde die Gattin, welche keineswegs älter sein musste, in salopper Ausdrucksweise „meine Alte“ genannt. Eine Frau macht einen umso mächtigeren Eindruck, je mehr sie „des Teufels Grossmutter“ gleicht, einem böswilligen Ausdruck für eine Matriarchin. Welchen Text hat Fritz Kelten vor 80 Jahren in der „Sonne“ Andermatt gesungen? 
Als ich ein jung Geselle war, nahm ich ein steinalt Weib;
Die quälte alle Tage mich ja nur zum Zeitvertreib:
Da ging ich auf den Kirchhof hin, an diesen Schreckensort
Und bat den „Tod von Basel“ mir: Nimm doch die Alte fort!
Und wie ich nun nach Hause kam, so war die Alte tot.
Ich spann die Ross an den Wagen an und fuhr die Alte fort.
Und als ich auf den Kirchhof kam, war schon das Grab gemacht:
Ihr Träger, traget sachte mir, damit sie nicht erwacht!
Und wie ich dann nach Hause kam, fehlt’s mir an Zeitvertreib.
Es währte kaum drei Tage lang, nahm ich ein junges Weib.
Bei meiner lieben, jungen Frau, da war die Freude gross.
Doch währt es kaum drei Tage lang, so ging der Teufel los.
Ja selten kommt was Besseres nach, wie drückt das neue Joch?
Ach, lieber Tod von Basel doch, hätt ich die Alte noch! 
Das bekannteste Beispiel einer volksliedhaft-unsentimentalen Darstellung einer rabiaten (und tüchtigen!) Ehefrau im Unterland ist „Wott es Fraueli z’Märit go“.Mit zu dieser Art Liedgut, wo die Männer, denen es im Eigen aber doch wohl sein konnte, über Gattin oder Mutter Dampf abliessen, gehörten auch Strophen wie diese von Gassmann überlieferten: 
Jetz wemmiär mi Muätar no äinisch so tuät,
so verschlone i deheime de Kafichrueg
Und do hed do die Muäter no äinisch so to
Aber i ha do nit trouät
De Chruäg z’verschlo
Und dä Chruäg ufem Buffert
Isch immer glich schwarz;
Er luägt i d’Stube usä
Wiä üsi schwarz Chatz. 
Gewiss können diese Lieder nicht als Zeugnisse von Zärtlichkeit gelten; so wie die mittelalterlichen Riesen der Sage lieber unter sich tanzen wollten; die Männer im früheren Männerchor männerbündisch unter sich geblieben sind; so wie die Frauen, selten genug, ihre Hebammenlandsgemeinde hatten.
 
Ich möchte nicht schliessen ohne einen abermaligen Hinweis auf die Strasse. Es muss lange her sein, seit man von Andermatt aus am Tag von St. Kolumban, dem Erinnerer an die Bekehrung der Alemannen, im November noch eine Wallfahrt auf das Gotthard-Hospiz gemacht hat. Ein Hauptverantwortlicher für diese Wallfahrt war Lehrer Kolumban Russi. Seine Grabschrift hier in Andermatt hat mir schon vor zehn Jahren, beim Abfassen des Buches „Landschaft der Pilger“, grossen Eindruck gemacht: 
GEDENKTAFEL
AN DEN HOCHVEREHRTEN
ALTSCHULMEISTER
KOLUMBAN RUSSI
GEB. 19. FEBR. 1805 – GEST. 5. MÄRZ 1907
IM 102 LEBENSJAHR
ER WAR 71 JAHRE LEHRER
Und 76 JAHRE ORGANIST
EIN BEISPIEL TREUESTER PFLICHTERFÜLLUNG
 
Lesung aus : St. Gotthard und der Schmied von Göschenen
Die Walliser, als Einwanderer in zum Teil weit entfernte Bergtäler Walser genannt, fielen als Migranten des Mittelalters viel stärker ins Gewicht als die Zigeuner. Sie stellten landwirtschaftliche Geräte her, mit denen man im Gebirge auch in sehr hohen und steilen Lagen heuen konnte. Auch waren sie Meister im Bewässern von Wiesen mittels hölzerner Wasserleitungen. Diese wurden technisch gekonnt in die Felsen hineingehängt. Ein Beispiel dafür sind die Leitern von Albinen. Weil nun aber im warmen Wallis die Kindersterblichkeit auch dank sauber zugreifender Hebammen abgenommen, die Volkszahl jedoch dafür stark zugenommen hatte, verliessen viele Talgenossen mit ihren Familien ihre Heimstätten. So zogen sie zum Beispiel ins Urserental, ins Bündnerland, ins Maggiatal im Tessin und in noch viel weiter entfernte Bergtäler bis nach Oberbayern. In allen neuen Siedlungsgebieten gewährte man ihnen ein hohes Mass an Freiheit und lockte sie mit Steuerfreiheit oder konkurrenzlos tiefen Steuern. Die Walser brachten auch ihre Heiligen in die neuen Ansiedlungen mit. Dazu gehörten Sankt Joder mit der vom Teufel über die Berge geschleppten Wetterglocke und der allzeit bewaffnete Märtyrer Mauritius, der Patron der Krieger und Schwertschmiede. Stets dankbar waren die Walser dem lieben Sankt Gotthard, dem Beschützer des Simplonpasses, von Crans-Montana und anderer Bergübergänge. Nicht extra mitnehmen mussten die alpinen Aussiedler ihren Lieblingsheiligen Sankt Nikolaus, den kraftvollen Stützer überhängender Felswände. Der bekannte Kinderfreund war nämlich im ganzen Berggebiet allgegenwärtig. (SJW-Verlag, Zürich 2013, Fr. 15.-.)
 
Abschliessend erlaube ich mir noch an die Adresse meiner hochgeschätzten Winterthurer Veranstalter im Wülflinger Oxyd noch auf zwei Befunde aufmerksam zu machen. Der heilige Gotthard wurde seinerseits vom heiligen Wolfgang zum Priester geweiht, welcher wiederum mit den Klöstern Reichenau und Einsiedeln in Verbindung stand. Reichenau wiederum war im Gegensatz zu Pfungen und dem Raum Töss eine erfolgreiche Klostergründung meines Namenheiligen St. Pirmin, über den es also eine Winterthurer Verbindung gibt zu dem, was ich „Landschaft der Pilger“ nenne, so wie die Gotthardstrasse ursprünglich eher ein Pilger und Söldnerweg war als ein wirklich wichtiger europäischer Handelsweg.
 
Der zweite Gesichtspunkt, mit dem ich schliessen möchte, ist als abschliessende Hommage an Winterthur gedacht, welche reizvolle damalige Kleinstadt der Augenarzt und Pietist und hervorragende autobiographische Schriftsteller, Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), nach Nietzsche einer der besten Selberlebensbeschreiber der deutschsprachigen Literatur, einen „Vorhof des Himmels“ nannte. In meiner Doppelbiographie der beiden Homosexuellen des frühen 19. Jahrhunderts, Franz Desgouttes (gerädert 1817) und Heinrich Hössli (in Winterthur verstorben am 24. Dezember 1864) spielt dieser fromme und zum Teil auch der Geisterwelt zugewandte Autor eine Rolle. Was Hössli betrifft, eigentlich ein Hutmacher aus Glarus, lebte dieser 1863/64 im Pfarrhaus zu Wülflingen, ist dann etwas später in der Innenstadt verstorben, von mir aus gesehen ein bedeutender, querer Humanist und in dieser Eigenschaft einer der denkwürdigsten Repräsentanten Winterthurs aller Zeiten, wiewohl in Deutschland, Holland, New York bekannter als in Winterthur und im Übrigen nicht mit einer Street-Parade-Figur zu verwechseln, eher ist er eine „homosexuelle Variante“ von Gottfried Keller. Dem autodidaktisch einzigartig gelehrten Hutmacher Hössli aus Glarus, einem Zeitgenossen von Heinrich Zschokke, ging es weniger um sich selber als um das Schicksal seiner beiden homosexuellen Söhne, so wie sein Hauptanliegen im Vergleich zu heute weniger die sexuelle Emanzipation war als die Anerkennung des wertvollen Beitrages homosexueller Menschen für Politik, Kultur, Mode und gesellschaftliches Leben, was zum Zeitpunkt des Erscheinens seiner beiden unterdrückten Hauptwerke über die „Männerliebe der Griechen“ noch alles andere als ein selbstverständlicher Befund war. War der heilige Gotthard ein Passheiliger und in seiner Eigenschaft als Rompilger generell ein „Verkehrsheiliger“, ist der religionskritisch eingestellte Radikalliberale Heinrich Hössli noch heute einer der wichtigsten Ethik-Pioniere der Homosexualität, obschon seine Prioritäten nicht dieselben waren wie die der heutigen Schwulenbewegung, das heisst noch mehr idealistisch und weniger hedonistisch.
 
Hössli war u. a. auch einer der Pioniere der Glarner Kantonsverfassung von 1836, damals wohl die vielleicht freiheitlichste Kleinstaatverfassung der Welt, angenommen an einem völlig verregneten Sonntag im Herbst. Die Glarner Männer, deren Hüte und Kleider damals bei der Abstimmung gelitten hatten, konnten ihre Requisiten beim Hutmacher Hössli aus Dankbarkeit für ihr Ja zur Kantonsverfassung gratis wieder instand stellen lassen. Die Illusion Hösslis war allerdings, dass auch die freiheitlichste Verfassung der Welt die Befreiung der Homosexuellen damals noch nicht ins Auge fassen konnte. Wenn auch sein Anliegen ein ganz anderes war als das der christlichen Heiligen, von denen es zahlreiche gab, die „andersherum“ orientiert waren, hat Hössli mit nicht wenigen christlichen Heiligen gemeinsam, dass er sein Leben einer Idee gewidmet hat. Mein in einzelnen Detailforschungen schon wieder überholtes Buch mit dem Titel „Mord, Philosophie und die Liebe der Männer“ (Zürich 2001) über den geräderten Desgouttes und den Philosophen Hössli erreichte drei Auflagen, ist derzeit vergriffen, kann aber antiquarisch noch erstanden werden.
 
Soeben erschienen ist hingegen die 3. Auflage meines Hauptwerkes „Ich Bruder Klaus von Flüe“, welches unter zahlreichen Gesichtspunkten ein ganz anderes und neues Bild dieses sogenannten Schweizer Landesvaters bietet. Wie Hössli lebte er Jahrzehnte lang, wenngleich nur wenige Schritte von zu Hause entfernt, getrennt von seiner Frau, die er nichtsdestotrotz liebte und verehrte, sogar heilig hielt. Es ging ihr, sie hiess übrigens zeitlebens Dorothea Wyss, auch nach der räumlich geringfügigen Trennung von ihrem Mann (um 300 Meter und bei permanenter Möglichkeit der Kommunikation) besser als damaligen Landammanngattinnen, die neben Prügel (gerichtlich dokumentiert) auch zweistellige Zahlen unehelicher Kinder nun halt mal in Kauf zu nehmen hatten.
 
Wie Hössli gehört Klaus von Flüe zu den Schweizern mit den stärksten erotischen Phantasien, auch homoerotischen, was nicht allenthalben gerne gehört wurde. Beide, Klaus von Flüe und Heinrich Hössli, gehören zu den Schweizern mit dem höchsten geistigen und sittlichen Niveau, wiewohl beide keine Gelehrten waren. Ihre Namen sind nicht nur in Winterthur, St. Katharinenthal (das Klaus vor Plünderung bewahrte), Glarus und Unterwalden im Buch des Lebens eingetragen.
 
 
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