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BLOG vom 19.09.2014


Falkirk, nicht Stirling: Warum es in Schottland nicht reichte
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 
 
„Wenn ich verliere, bin ich Schotte, gewinne ich, dann Brite“, soll Tennis-Star Andy Murray gesagt haben, als er sich kurz vor der Abstimmung als Befürworter der Unabhängigkeit von Schottland outete. Zum Zeitpunkt der Abstimmung befand sich auch meine Tochter S. in Edinburgh. Sie berichtete mir von „grossen Besorgnissen“, welche viele Menschen dort ergriffen hätten. Es handelte sich um ein durchaus achtenswertes Milieu, von Menschen, die zur Vorsicht verpflichtet sind: Bankangestellte. Damit sind Unsicherheiten angesprochen, nicht nur die Währung betreffend.
 
Um auf Andy Murray zurückzukommen: Dem Tennishelden, und nicht nur diesem, war aufgefallen, dass die Eliten, die gesamte etablierte Presse, alle Parteien ausser den schottischen Nationalisten, zuletzt die Königin und sogar der amerikanische Präsident, die Einheit Grossbritanniens beschworen hatten. Die ersten Resultate, etwa aus kleinen Inseln, in denen es kaum eine Unabhängigkeitstradition zu geben scheint, stimmten wenig zuversichtlich für ein „Aye aye Scotland“. Andererseits hat man in Glasgow und in Dundee, wo die Anhänger der Unabhängigkeit in der Mehrheit sind, diese Frage wohl etwas zu stark parteipolitisch gesehen in Richtung „Nie mehr Tories“, also vor allem als Absage an die Konservativen. Ein weiterer Faktor ist der völlig uncharismatische Charakter des Führers der schottischen Unabhängigkeitsbewegung, Alex Salmond, eines 60-jährigen Ökonomieprofessors. Sein Auftreten erinnert an den ebenfalls vollständig uncharismatischen Vorsitzenden der Alternative für Deutschland, Bernd Lucke.
 
Die Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit ist nur sehr bedingt mit dem Votum der Schweiz gegen den Europäischen Wirtschaftsraum EWR im Dezember 1992 zu vergleichen. Es gibt einige Gemeinsamkeiten, vor allem aber nicht unwesentliche Unterschiede. Die Gemeinsamkeit: eine enorme Angstkampagne. Die angebliche wirtschaftliche Vernunft, wie auch die Meinung der Presse, fast das gesamte Establishment sowie die meisten Parteien, die Parlamentsmehrheit und der Bundesrat mobilisierten gegen den Freiheitsinstinkt aus dem Geiste von 1315 und 1848. Wie nie zuvor wurde vor dem wirtschaftlichen Abstieg der Schweiz gewarnt. Darum war das Bekenntnis zu einer im Vergleich zum schottischen Konzept noch viel weitergehenden Unabhängigkeit denn auch nur hauchdünn, während nun aber Schottland für wohl mindestens eine Generation Nein zum Risiko der Eigenständigkeit gesagt hat. Kurz nach dem EWR-Nein der Schweiz nahm Liechtenstein, wirtschaftlich wenig mehr als sein Finanzplatz, den EWR-Beitritt an, auch auf Empfehlung eines in der Schweiz nicht vorhandenen Fürsten. Das Wagnis der Unabhängigkeit scheint für Schottland, das immerhin über 300 Jahre lang mit England verbunden war, denn auch im Ungewissheitsfaktor proportional grösser zu sein als der Unabhängigkeitstrotz der Schweiz, wie er sich in den Abstimmungen vom 6. Dezember 1992 und dem 9. Februar 2014 manifestierte. Dies gegenüber einem Bundesrat, der sich bis anhin nicht einmal zum Rückzug seines Gesuches zum Beitritt in die Europäische Union aufraffen konnte.
 
Zurück zu Schottland. Die gut 45 Prozent Ja-Stimmen für das Risiko von Freiheit und Unabhängigkeit, die Absage an Grossbritanniens Machtpolitik und das von den USA bestimmte Globalsystem bleiben angesichts der totalen Aussenseiterposition der Unabhängigkeitsbefürworter beeindruckend. Wie die Freiheitstradition der Eidgenossenschaft, die zwar historisch zum Teil falsch verstanden wird, vom Volk ebenso wie von nicht immer quellenorientierten Geschichtsprofessoren, geht die Freiheitstradition Schottlands auf das Mittelalter zurück. Auch die Grundstrukturen etwa Serbiens, Kataloniens, Polens, der baltischen Staaten, Islands usw. sind durch und durch mittelalterlich. Man denke an die isländische Graugansverfassung und das dortige Feuerwehrwesen, u. a. die älteste Gebäudeversicherung der Welt auf demokratisch-genossenschaftlicher Grundlage. Solche Traditionen vermögen ein Land durchaus zu prägen. Auch in der Schweiz hat genossenschaftliches Denken eine grosse Tradition, was man von England und Schottland etwas weniger behaupten kann.
 
Schottland hat seine Freiheit in der Schlacht bei der Brücke bei Stirling am 11. September 1297 früh erkämpft, aber schon im Jahre darauf bei der Schlacht von Falkirk wieder verloren. Der Nationalheld William Wallace (“Braveheart“) wurde dann zur Sicherheit gehängt, ausgeweidet und gevierteilt. Dagegen macht der Tod Winkelrieds bzw. des Luzerner Schultheissen Petermann von Gundeldingen bei Sempach den Eindruck einer Romanze. Auch im Hinblick auf die Zahl der Kämpfenden war Sempach im Vergleich zu den schottisch-englischen Schlachten von Stirling und Falkirk ein nicht gerade weltbewegendes Scharmützel.
 
Erfreulich bleibt, dass im 21. Jahrhundert anstelle von Schlachten Abstimmungen getreten sind, ein klarer Fortschritt in der politischen Kultur, auch im Rückblick auf die Weltkriege, wiewohl sich dieser Fortschritt weltweit noch überhaupt nicht durchgesetzt hat.
 
Selber habe ich mich im September 1968 bei meiner damaligen Schottlandreise erstmals mit der Unabhängigkeit dieses Landes auseinandergesetzt. „We cannot build an Opera House when Westminster doesn’t agree“, sagte mir damals eine tantenhafte Befürworterin der schottischen Unabhängigkeit; nicht mal ein Opernhaus könnten sie bauen, ohne London zu fragen. Das war also, trotz eigener Fussballnationalmannschaft, weit weniger Selbstbestimmung als für einen schweizerischen Kanton selbstverständlich - oder für eine schweizerische Stadt. Diese Verhältnisse haben sich unterdessen gebessert, und mittlerweile sind, noch kurz vor der Abstimmung, weitere Mitbestimmungsschwüre der britischen Regierung dazugekommen.
 
Überlege ich mir aber, wie total aussenseiterisch die schottische Unabhängigkeitsbewegung noch vor 46 Jahren einher kam, so war die Abstimmung vom 18. September 2014 doch ein gewaltiger Schritt in die Richtung eines Kleinstaates, wo der Bürger nun mal über mehr Mitbestimmung verfügt als in grösseren, monarchisch-zentral geführten Systemen. Es genügt aber nicht, dass der Gedanke an Freiheit, hier freedom als Land, weniger liberty, in den Köpfen ist. Der Gedanke muss auch in den Gemeinden verankert sein, in Richtung eines praktizierten Subsidiaritätsprinzips. Dies ist in Schottland, wo „labour“ traditionell stark ist, weit weniger der Fall als etwa noch in der Schweiz, wiewohl sogar auch bei uns die Solidarität des Bürgers mit seiner Gemeinde im Begriffe ist, abzunehmen.
 
Über alles gesehen ist also das Nein zur Unabhängigkeit keine Überraschung, eher die hohe, vor 50 Jahren noch fast undenkbare Zahl derjenigen, die „Aye“ gestimmt haben, wie der „wahre Schotte“ für Yes sagt, wiewohl zur legalen Stimmabgabe „Yes“ geschrieben werden musste.
 
Wie man in Wirtschaftskreisen der Europäischen Union, dem vielgerühmten Friedensprojekt, die Prioritäten setzt, charakterisiert das erleichterte Statement von Volker Treier, dem Chefvolkswirt der Deutschen Industrie- und Handelskammer: „Es stand mehr auf dem Spiel als der Freiheitswille der Schotten." Die Aussage darf zum Nennwert akzeptiert und soll Herrn Treier keineswegs übelgenommen werden. Es ist aber eine andere Prioritätenordnung, welche die Europäische Union und jenen Teil ihrer Völker, für welche der „Freiheitswille“ wichtig ist, hoffentlich nicht ein für allemal trennt. Mit einiger Gewissheit ist es aber wohl angebracht, gegenüber den sogenannten Idealen der Europäischen Union Skepsis walten zu lassen, solange man selber dem „Freiheitswillen“ einen hohen Rang einräumt.
 
Gerne hätte ich mal einen Artikel geschrieben über die schweizerisch-schottischen Beziehungen. Im Kloster St. Gallen gibt es zahlreiche Bücher „scottice scripti“, wie altkeltische Dokumente genannt werden. Im Mittelalter gehörten Schotten zu den ersten Überquerern des St. Gotthard, kamen sie doch selber von einem Bergland. Die Landschaft war aber wider Erwarten fürchterlich, so dass sich ein schottischer Rom-Pilger bei jener Reise von einer Sänfte tragen liess und sich dabei die Augen verband. Das war nun aber doch kein typischer Schotte, sondern einer, der für Ängste anfällig war. Er hätte am 18. September mutmasslich Nein gestimmt.
 
 
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