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BLOG vom 13.10.2014


Ausflug ohne zu fliegen. Reise mit Bahn und Postauto
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
 
Wir befanden uns im Zug Richtung Chur. Ein junges Paar hatte sich neben uns gesetzt. Die Frau wollte sofort wissen, ob sich der Platz auf der Seeseite befinde. Sie kenne den Zürichsee noch nicht, freue sich, ihn heute zu sehen. Einen Augenblick lang dachte ich, ihr meinen Fensterplatz anzubieten. Ich bemerkte aber schnell, dass ihr Freund keine Freude gehabt hätte. Ihre Frage beantwortete er mit einer bejahenden Geste, knapp und unmissverständlich uninteressiert. Er wollte nicht gestört werden, war mit dem iPhone im Gespräch. Er beschäftigte sich mit Zahlen, Bahnstrecken und Kilometern, die er der Frau von Zeit zu Zeit erläuterte. Es tönte dann, wie wenn er Reiseangebote testen wollte. Vielleicht machten die beiden an diesem Tag „Blauen“, fuhren los und entschieden unterwegs, wie die Reise weiterführen soll. Aber Reisefreude strahlte dieser Mann nicht aus.
 
Das Regenwetter und der graue Himmel verwehrten der jungen Frau den Kontakt mit dem See. Im Bereich zwischen Wädenswil und Horgen ZH wies ich darauf hin, dass wir hier dem Wasser nahe seien. Es sind Lieblingsorte, in die ich selber immer wieder gerne hineinschaue. Bei heiterem Wetter zeigen sich hier prächtige Bilder, sowohl Richtung Zürich als auch gegen den Obersee hin. Die junge Frau freute sie an diesem kurzen Einblick. Das war's dann.
 
Ab Ziegelbrücke erschien die Sonne. Wie wenn ein Lichtschalter bedient worden wäre. Einige Sekunden lang schauten auch unsere Mitreisenden auf und hinaus. Das Licht des Südens strahlte durch das Glarnerland. Ab da schien die Sonne auch auf unsere Schienen. In Chur erwartete uns ein blauer Himmel. Und weisse, flockige Wolken, die sich ständig in lustige Fratzen verwandelten. Grosser Andrang dann vor dem Postauto. Auch wir konnten noch zusteigen und letzte Plätze besetzen.
 
Der ¾ Stunden dauernden Fahrt mit Höhendifferenz von ungefähr 480 Metern verdankten wir eine beeindruckende Sicht in die Berglandschaft. Auf der Hinfahrt bediente der Postautokurs auch den Ort Trin GR und führte uns eine kleine Weile durch den Ortskern, entlang historischen Häusern. Eine Augenweide. Und vor der Ankunft in Flims-Dorf GR bemerkte ich kurz aber eindeutig im Flimser Wald den Caumasee.
 
Nach der Ankunft meldete sich ein Problem. Meine Uhr konnte die exakte Zeit nicht mehr angeben. Sie ging hintennach. Die Batterie war erschöpft. Auskunft, wo wir einen Uhrmacher finden könnten, erhielten wir dann vom Kellner im Hotel-Restaurant Bellevue. Hier wurde uns ein feines Mittagessen serviert. Mit uns in der schönen Täferstube tafelten auch andere Gäste. Alle zusammen befanden wir uns in Gesellschaft mit Tieren. Genau gesagt mit Tierpräparaten (Kopf und Geweih) von Steinbock, Gemse, Hirsch, Reh mit Kitz und einem Jungfuchs. Sie beobachteten uns von den Wänden herab. Eine illustre Versammlung. Verstanden habe ich sie als Anlehnung an das Steinbock-Wappentier des Kantons Graubünden.
 
Der Besuch beim Uhrmacher in Flims-Waldhaus empfanden wir schlussendlich als Zugabe an Übersicht. Auf dem Rückweg fühlten wir uns auf einem Balkon, schauten von Flims-Waldhaus nach Flims-Dorf hinüber und auch an die Felswand des Flimsersteins. In einem gigantischen, unvorstellbaren Bergsturz verlor er vor ungefähr 9500 Jahren einen wuchtigen Teil seiner Gestalt. Dieser Stein zerbrach, kollerte hinunter in den Rhein und gestaltete mit ihm in unzählbaren Jahren schliesslich die Ruinaultaschlucht.
 
Es war der grösste alpine Bergsturz, der in der Schweiz stattfand. Für alle Lebewesen in seinem weiteren Umfeld muss es der Weltuntergang gewesen sein.
 
Jetzt steht der Flimserstein ruhig und auch majestätisch da. Alle Abbruchstellen und Schrunden zeigten an diesem heiteren Tag ihre von Wind und Wetter geschliffenen Oberflächen. Erstaunlich die Partien, auf denen Tannen wachsen können. Woher ernähren sich diese aufrechten, gesunden Bäume? Wie schafften sie es, sich in diesem Gestein zu verwurzeln? Dieses Geheimnis gaben sie uns nicht preis. Primo konnte sich kaum von ihnen trennen.
 
Auf dem Rückweg nach Flims-Dorf kam eine gebeugt gehende Frau auf uns zu und fragte, ob wir bereit wären, ihr zu helfen. Ich dachte zuerst, dass sie um Geld bitten wolle. Nein, so war es nicht. Sie fragte nur, ob wir den für sie zu schwer beladenen Abfallsack zur öffentlichen Abfalltonne tragen könnten. Es fehle ihr die Kraft dazu. Primo übernahm diese Aufgabe sofort. Und ich erkundigte mich, was ihr fehle. Sie war von einem rasenden Automobilisten angefahren und unverschuldet schwer verletzt worden. Sie kann kaum mehr aufrecht gehen und das Gleichgewicht halten. Sachte fragte ich nach, ob sie noch hoffen und glauben könne, dass sich etwas zum Guten ändere. Eigentlich nicht, antwortete sie traurig. Aber solche Hilfe, wie sie jetzt gerade von uns erfahren habe, die gebe ihr Kraft.
 
Nach Flims gekommen waren wir wegen der gegenwärtigen Plakatausstellung. Dass diese im viel besprochenen Gelben Haus gezeigt wird, freute uns sehr. Ein ursprünglich altes Haus (Gelbes Haus genannt) wurde vor Jahren schon vom Bündner Architekten Valerio Olgiati ausgekernt und zum Museum gestaltet. Immer, wenn ich eine Abbildung von ihm sah, wünschte ich mir, es einmal zu sehen, vielleicht sogar zu betreten. Das Haus, wie es dasteht: Eine Wucht. Da bin ICH. Schaut nur hin. Lasst euch von meinen Proportionen einnehmen. Schaut auf meine Fenster, auf ihre Zahl und Anordnung. Beachtet den weissen, rauen Verputz. Schaut auf das Ganze.
 
Dieses Haus verkörpert das Wesentliche.
 
Die Ausstellung war denn auch ergreifend. Weil es sich grösstenteils um ein Wiedersehen handelte. Noch immer betrachten wir die Plakatgrafik von einst als Kunst, zu der alle Menschen Zugang hatten. Grösstenteils unter dem Einfluss der Hochkonjunktur entstanden, strahlen diese eine Stilsicherheit aus, die seinesgleichen sucht. Sie strahlen auch Lebensfreude aus. Das ist unsere persönliche Sicht. Wir sind mit solchen Bildern erwachsen geworden. Auch andere Museumsbesucher reagierten ähnlich, empfanden die Bilder wie gute, alte Freunde. Lange verweilten wir in diesem Haus in Gesellschaft mit 140 sorgsam gehüteten Plakaten. Ganz besonders erinnerten wir uns an jenes, das für Flims gestaltet worden war. Der Titel: Die Springerin über dem Flimser Caumasee. Das Bild einer schönen Frau, die in den Bergsee springt. Vielleicht ist es das berühmteste Plakat der gesamten Ausstellung. Ich kannte es schon, als ich noch lange nichts von Flims oder vom Caumasee gehört hatte.
 
Die Rückreise nach Chur dann im Eiltempo, ohne Fahrt durch Trin. In der Postautohalle erwarteten uns 2 meiner Nichten. Mit ihnen und den Eltern durften wir noch den Abend verbringen. Die Mädchen servierten uns ein feines Nachtessen wie im Grand Hotel.
 
Und auf meine Uhr kann ich mich wieder verlassen. Ich nenne ihre Zeit jetzt Flimserzeit. Im besten Fall solange, bis die erwähnte neue Batterie auch wieder den Geist aufgibt. Möglich ist auch, dass sich noch vorher eine andere, neue Geschichte obenauf schwingt, die ich nicht rasch vergessen möchte.
 
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