Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     23. Januar 2018, 01:20 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 25.10.2014


Von reifen Samenständen und flugunfähigen Seevögeln
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
Es stürmte. Herbstwinde schüttelten Laub von den Bäumen. Ganz besonders hatten sie es auf das Hagebuchen-Wäldchen in meiner Umgebung abgesehen. Zeitweise sah es aus, als ob es schneie. Aber die Sonne schien und der Himmel sorgte für ein heiteres Blau. Mit im Spiel auch weisse Wolkenfrachten. Im Mittelpunkt die Früchte der Hagebuchen.
 
Als Letizia anrief, hatte ich schon eine Weile zugeschaut, wie auseinander gefallene Samenstände zur Erde fielen. Ich erzählte, was ich sah. Wie diese blattartigen Flügel zwirbelnd herunterfielen. Wie leicht sie seien und wie behutsam sie auf der Wiese landeten.
 
Etwas später rief Letizia erneut an. Offenbar hatte ich so begeistert rapportiert, dass sie in ihrem Umfeld ebenfalls nach fliegenden Samen ausschaute und mir darüber berichten wollte.
 
Inzwischen war es mir gelungen, Hagebuchen-Flügel als fliegende Objekte zu fotografieren. Dank der Windböen wurde es möglich, sie sogar am Himmel abzubilden.
 
Ich dachte an Helikopter, als ich sie fliegen sah. Auch an Segelflugzeuge, als sie der Wind süd- und nordwärts zwang. Dieser Sturm, der an verschieden Orten Bäume umfallen liess und grosser Schaden anrichtete, zeigte sich in meinem Umfeld gnädig. Ich sah keine Schäden. Und ich lernte viel von ihm.
 
Eine kleine Zahl solcher Fruchtstände landeten auf meinem Fenstersims und mehrere auch auf dem Balkon. Für sie war die Reise dort zu Ende. Ich holte eine Hand voll von ihnen zu mir ins Büro. Hier konnte ich sie ruhig anschauen. Alle trugen noch den Samen auf sich. Keiner ist verloren gegangen. Ihre Formen sind klar als dreilappige Flügel von den Hagebuchen-Samenständen erkennbar. Und doch ist jedes Blatt ein Original. Keines ist mit einem anderen deckungsgleich. Auf den ersten Blick könnte man ihre Form mit einem Kleid vergleichen. Oder als Symbol für Geborgenheit erklären, denn der Same, auch Nüsschen genannt, ist in einer kleinen Mulde festgewachsen. Diese Blätter sind nicht flach. Sie sind Gebilde. Wenn ich sie wende, erscheinen sie mir als Teil einer Glocke.
 
An jenem Nachmittag vollzogen sich Samenflüge etappenweise. Je nach Wind wurden sie nord- oder südwärts und auch im Kreis herum getrieben. Es müssen Millionen abgefallen sein. Die grüne Wiese ist nun braun gesprenkelt. Welcher Same wird keimen, wo darf ein neuer Baum wachsen? Interessant auch, dass die Samen am Flügelblatt haften und sich erst am Boden, vielleicht erst nach Regen oder Schnee, vom Blatt lösen. Sie brauchen das Blatt als Flugobjekt, damit die Samen in ein weites Umfeld verfrachtet werden können.
 
Die Blätter, die auf dem Fenstersims landeten, habe ich fotografiert und später auf meinen Schreibtisch gelegt. Da konnte ich sie in aller Ruhe betrachten. Sie waren von einem Geheimnis umgeben. An wen erinnerten sie mich? Plötzlich wusste ich es: An Pinguine, schwimmende Pinguine, wenn sich diese ins Wasser werfen und dort übermütig tauchen. Um schnell zu sein, strecken sie ihre Körper und die Form entspricht, wenn auch vielfach vergrössert, den Formen eines Blattes aus dem Hagebuch-Samenstand.
 
Ich sandte Letizia eine entsprechende Foto. Sie schrieb zurück
 
Ja Wahnsinn !
Ich seh die Pinguine schwimmen !!!
Sensationell.
 
Sie war dabei, als wir vor wenigen Tagen den Zürcher Zoo besuchten und auch bei den Pinguinen landeten. Wir beobachteten diese beim Anmarsch ins überdeckte, durchsichtige Bassin aus Glas. Ihr wackelnder Gang, ihr ganz eigener Charme, veränderten sich blitzschnell, als sie ins Wasser sprangen. Wie Kinder, die zu allerlei Lumpereien aufgelegt sind. Die Vitalität, die sie tauchend vorführten, verblüffte uns. Das war Energie pur. Und wir konnten zuschauen, wie sie ihre Körper vollständig veränderten. Die ausgezogene, neue Form, die fand ich dann ein paar Tage später, vielfach verkleinert, in den abgefallenen Hagebuchen-Flügeln
                                                                                              *
Pinguine werden übrigens als flugunfähige Seevögel bezeichnet.
 
Und die Samenstände reihe ich bei fliegenden Wesen ein, auch wenn sie vom Wind abhängig sind und sich nicht selber steuern können.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Bäume von Rita Lorenzetti
Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier