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BLOG vom 13.11.2014


Goethes „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ hin und her übersetzt
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
Viele Deutsche, besonders die der älteren Generation, kennen das Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe: „Des Wandrers Nachtlied“. Nur wenige wissen, dass er dieses bekanntere Gedicht mit der Zahl 2 versehen hat und es „Ein Gleiches“ nannte. Es folgt dem ersten weniger bekannteren Nachtlied, das so lautet: 
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süsser Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
 
Ich habe mich heute der Nr. 2 gewidmet: 
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch. 
Gero von Wilpert (1933–2009, deutscher Autor und Literaturprofessor) interpretiert das Gedicht so:
 
Sein (des Gedichts) Blick gleitet von der Ferne zur Nähe, vom Dauernden zum Vergänglichen, vom Ruhigen zum Ruhelosen, von der unbelebten Natur (Gipfel) zur belebten Natur, über die Pflanzenwelt (Wipfel) zur Tierwelt und zum Menschen, der in den Rahmen der Naturrevolution gestellt wird.“
 
Ich habe einen Versuch gewagt. Ich wollte wissen, ob sich Lyrik übersetzen lässt, und zwar maschinell. Die Frage ist, ob das, was das Gedicht ausdrücken will, erhalten bleibt. Ich habe dieses Gedicht ein wenig verändert. Bei den dichterischen Varianten der Wörter, die Goethe verwendet hat, um das Gedicht lieblicher und einprägsamer zu gestalten, habe ich die gebräuchlicheren Formen genommen, um dem Übersetzungsprogramm Genüge zu tun. Ich habe aus „Ruh“ „Ruhe“; aus „spürest“ „spürst“, aus „Vögelein“ „Vöglein“, aus „balde“ „bald“ und aus „ruhest“ „ruhst“ gemacht. Damit habe ich dem Gedicht den Charme genommen, aber es ging nicht anders.
 
Dann hat der Computer, genauer gesagt das Übersetzungsprogramm von Google, diese deutsche Adaption in eine andere Sprache übersetzt. Anschliessend habe ich die Übersetzung wieder in die deutsche Sprache rückübersetzen lassen. Also zuerst immer das von mir leicht veränderte deutsche Gedicht, dann die Übersetzung und dann das, was die Software aus der Übersetzung erzeugt hat.
 
Ich habe nur indogermanische Sprachen genommen, um keine völlig andere Kultur einzubeziehen.
 
Rumänisch
Ich beginne mit der rumänischen Sprache. Das mag einige Leser wundern, hat aber seinen Grund. Ich kam nämlich während eines Unterrichtsgespräches mit meinen rumänischen Deutschlernenden auf die Idee dieses Experiments. Die Übersetzung von Deutsch ins Rumänische wurde von einer Rumänin in einer Hausaufgabe erbracht. Hier ist nur die Rückübersetzung aus dem Rumänischen ins Deutsche vom Übersetzungsprogramm erledigt worden.
 
(Deutsch) – rumänisch – deutsch: 
Peste vârfurile munților
Este liniște,
În vârfurile copacilor
Abia simți o adiere,
Pãsãretul tace in padure.
Așteaptã numai,
Curând te vei odihni și tu.
 
Über Berg
Es ist ruhig,
In den Baumkronen
Kaum fühle eine Brise,
Stille Vögel im Wald.
Betrachtet man nur
Bald werden Sie zu ruhen. 
Finden Sie nicht auch, dass sich das Gedicht in der rumänischen Übersetzung „malerisch-melodisch“ liest? (Sie werden später sehen, dass die Software das nicht kann!) Für mich unverständlich ist das deutsche „Sie“, denn in Rumänisch wird die Du-Form benutzt, ausserdem der unvollständige Infinitiv mit „zu“.
 
Englisch
Es folgt englisch, allerdings habe ich hier eine Übersetzung aus Wikipedia übernommen, die ich dann rückübersetzen liess. Interessant ist, dass die Software Probleme mit dem deutschen „Du“ bzw. der Höflichkeitsform „Sie“ hat, beide Formen sind bekanntlich englisch „you“.
 
(Deutsch) – englisch - deutsch 
Above all summits
it is calm.
In all the tree-tops
you feel
scarcely a breath;
The birds in the forest are silent,
just wait, soon
you will rest as well!
 
Vor allen Gipfeln
es ist ruhig.
In allen Wipfeln
Sie fühlen
Kaum einen Hauch;
Die Vögel im Wald schweigen,
Warte nur, bald
Sie werden aber auch Ruhe! 
Was ist mit „Sie“ gemeint, der Plural oder die Anrede? Und was werden Sie „auch Ruhe“? Es fehlt noch ein Verb!
 
Niederländisch
Es folgt die niederländische Sprache, auch hier gibt es Probleme mit der Anrede, aber anders als beim Englischen, denn die Niederländer kennen durchaus einen Unterschied, nämlich „jij“ oder „je“ und das förmliche „u“. Mit „jij/je“ werden alle Arbeitskollegen bis hin zum Chef mit Ausnahme des obersten Geschäftsführers angesprochen, ebenso Gleichaltrige, in Supermärkten und anderen Läden Kunden und Verkäufer, bei Talk- und Quizshows im Fernsehen. Personen höheren Ranges als man selbst, auch die Polizei, Richter, Beamte und Personen, die deutlich älter sind als man selbst, verlangen ein „u“. Das Siezen der eigenen Eltern ist nicht mehr so üblich wie noch vor einigen Jahrzehnten.
 
(Deutsch) – niederländisch – deutsch: 
Bovenal toppen is kalm
In alle boomtoppen je voelt
nauwelijks een hint
de vogels zijn stil in het bos
gewoon wachten binnenkort
u goed rusten
 
Vor allen Gipfeln ist ruhig
In allen Wipfeln Sie sich fühlen
kaum ein Hauch
Die Vögel schweigen im Walde
nur warten bald
Sie gut ruhen 
Beachten Sie, dass das „je“ in der 2. Zeile in der Übersetzung (ebenso wie in der letzten) ein falsches „Sie“ wird. Sie haben es gelesen, die niederländische Beugung „voelt“ wird mit „fühlen“ übersetzt, die Übersetzungssoftware hat aber das deutsche Verb wie ein reflexives Verb gespeichert!
 
Französisch 
(Deutsch)- französisch – deutsch 
Au-dessus de tous les sommets
Est calme,
Dans tous les sommets
vous sentez-vous
A peine un souffle;
Les oiseaux dans les arbres.
Juste attendre, bientôt
Avez-vous vous reposez bien.
 
Vor allen Ecken
Ist ruhig
In allen Ecken
Sie fühlen
Kaum ein Hauch;
Die Vögel in den Bäumen.
Warte nur, bald
Hast du gut ausruhen. 
Hier kennt das Programm „Gipfel“ und „Wipfel“ nicht und übersetzt beide Begriffe mit „sommets“ bzw. „Ecken“.
 
Am Ende möchte ich noch einen Versuch wagen. Wenn ich meinen rumänischen Deutschlernenden etwas erklären will, verwende ich bei den Anfängern öfters die englische Sprache, da ich des Rumänischen nicht mächtig bin. Sie hören also zuerst die deutsche, dann die englische Version, und diese wird dann häufig im Kopf der Lernenden in ihre Muttersprache übersetzt, und das deutsche Wort oder der deutsche Satz werden dem gegenübergestellt.
 
Es gilt also: deutsch – englisch – rumänisch – deutsch
 
Hier bemühe ich die Übersetzungssoftware in allen Fällen: 
Über allen Gipfeln
Ist Ruhe,
In allen Wipfeln
Spürst du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, bald
Ruhst du auch.
 
Above all summits
Is calm,
In all tops
Do you feel
Hardly a breath;
The birds in the trees.
Just wait, soon
Do you rest well.
 
Mai presus de toate summit-
Este calm,
In toate topuri
Te simți
Cu greu o respirație;
Pãsãrile din copaci.
Așteaptã, în curând
Tu va odihni bine.
 
Vor allen Gipfeln
Es ist ruhig,
In allen Charts
Gefühl
Kaum ein Hauch;
Vögel in den Bäumen.
Warte, bald
Sie werden gut ausruhen. 
Hier ist es interessant, dass die Google-Software für das rumänische Wort „topuri“ kein deutsches Wort findet, sondern „Charts“ ausweist. Wenn ich das Wort einzeln eingebe, wird daraus „tops“; lasse ich „Wipfel“ übersetzen, wird daraus „topuri“; das deutsche Wort „Baumspitze“ wird rumänisch zu „copac top“.
 
Lernfähig
Was zeigt uns das kleine Experiment? Eine maschinelle Übersetzung eines Gedichtes kann das menschliche Gehirn nicht ersetzen. Der Computer arbeitet mit Algorithmen, die für diesen Zweck nicht programmiert sind. Ich habe aber festgestellt, dass das Programm lernfähig ist. Nach wiederholten Versuchen erscheint dann beispielsweise plötzlich doch das Wort „Wipfel“ statt „tops“ oder „Charts“. Dennoch, wenn menschliche Hirne ein Gedicht erfassen, spielt sich in ihnen meist viel mehr ab, als eine Maschine je „errechnen“ kann!
 
 
Quellen
Gero von Wilpert: „Goethe-Lexikon“, Stuttgart 1998, S. 1148 f.
 
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Goethe – Humanist, Menschenhändler und Jäger
http://www.textatelier.com/index.php?id=3&link=352
 
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