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BLOG vom 01.12.2014


„Heimat wird immer weniger“: Fakten zur Region Baden AG
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU/CH
 
Die erste Volksmasse, die sich in den letzten 1000 Jahren in unserer Region Baden AG/CH einfand, eilte am 16. Dezember 1146 ins winterliche Birmenstorf AG (Bezirk Baden). Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat vor einer riesigen Menschenmenge auf. Wie heute ein plärrender Pop-Sänger wurde der lateinische Redner zwar verbal nicht verstanden, aber verehrt. Alle wollten ihn berühren. Zwei gelähmten Frauen half es.
 
Er zog dann nach Wettingen weiter. Dort sind eine Trotte und ein Pflegezentrum nach ihm benannt. Der Weg des Missionars der Limmat entlang führte über das Fahr nach Dietikon ZH, von Spreitenbach AG abgegrenzt durch ein „Eländ Chrüz“. Es gibt dort heute noch ein Haus „zum Eländer“: ein altes Wort für Ausländer. Wettingen, Spreitenbach und Dietikon gehörten zum unteren Linthgau, mit dem Kloster als feudalem Zentrum. Ab Gebenstorf (ebenfalls im Bezirk Baden) begann, nach dem alten Ortsteil „Turgi“, der alte Thurgau. So gesehen passt „Badener Tagblatt“ für eine Gazette dieser Region besser als „Aargauer Zeitung“.
 
Der Vater des Zeitungsgründers Joseph Zehnder, Johann Zehnder aus Birmenstorf, veranstaltete vor 175 Jahren an der Reuss bei Gebenstorf eine Volksversammlung mit 5000 Leuten. Seit St. Bernhard waren dort unten nie mehr so viele Leute zusammengekommen.
 
5000 Menschen gelten heute nicht als viel. Im Sport eher Challenge Ligue als Super Ligue. Der FC Wettingen musste für den historischen Match gegen Napoli nach Zürich. Auch dort hat St. Bernhard gepredigt.
 
Als „Endausbau“ von Wettingen wurde vor Jahrzehnten mal eine Planungsgrösse von 80 000 Einwohnern genannt. Dies geriet zur Zeit der Schwarzenbach-Initiative vielen in den falschen Hals. Und sähe St. Bernhard heute Spreitenbach, würde er es wiedererkennen? Heute denkt aber niemand mehr an 80 000 Wettinger. Eher aktuell scheint eine fusionierte Regionalstadt. Eine Vision des legendären Team 67. Badens Stadtammann, ein Mann mit Ideen, unterbrochen durch banale Zwischenfälle, gab mir mal zur Aufgabe: Denke darüber nach, wie sich Baden auch in Zukunft als Stadt bewähren kann. Früher wurde mal Dättwil eingemeindet. Ein verfluchter Ort, wo seit 700 Jahren Leichen einer Schlacht begraben sind.
 
Wie für gefährdete Vogelarten gibt es auch für Dörfer und Städte die nach unten kritische Masse. Die Substanz eines Orts hängt trotzdem nicht von seiner Grösse ab. Zürich ist global nicht weniger bedeutend als Mexico City. Aarau hat mit ein paar Eingemeindungen Baden wirtschaftlich und kulturell nicht überholt. Büchnerpreisträger Arnold Stadler mahnte vorletzten Sonntag am Bodensee: „Heimat wird immer weniger.“ Grösser werden ist gut. „Daheimbleiben“ ist besser. Das ist nicht mit Abschottung zu verwechseln. Bloss wäre schön, würde man, nach der Heimkehr von Melbourne oder San Franzisco oder wie Gottfried Kellers „Martin Salander“ von Brasilien, selbst nach jahrelanger Abwesenheit seine Heimat wiedererkennen.
 
Will man dies wirklich, muss man fähig sein, auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene besonnene Entscheidungen zu treffen.
 
 
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