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BLOG vom 05.12.2014


Software als Derivate von Lebewesen – Maschine Mensch
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Mir passiert es immer wieder, dass ich bei der Lektüre eines Sachverhalts über einen Satz oder eine Aussage „stolpere“, die so nicht in mein Denkschema passen. Wenn ich diesen Satz erfassen will, muss ich mich in die Materie vertiefen, und zwar über den mir vorliegenden Artikel hinaus. Mithilfe des Internets ist das einfacher geworden. Allerdings muss ich darauf achten, Hintergrundwissen zu finden, das aus einer vertrauenswürdigen Quelle kommt. Es sind unter anderen Essays von Hochschulabsolventen und Fachartikel aus einschlägigen Zeitschriften.
 
Heute ist es einmal wieder so weit. Der Satz, der mich befremdete, lautet:
 
Computerprogramme sind von Menschen gemachte Anweisungen, die ‚zielgerichtete’ Prozesse ablaufen lassen, es sind Derivate von Lebewesen.“
 
Computerprogramme sind Derivate von Lebewesen? Das klingt seltsam unglaubwürdig.
 
Ich habe diesen Satz in einem Artikel zum Thema „Biologie“ auf der Website der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“, der deutschsprachigen Ausgabe von „Scientific America“, gefunden. Wie kommt der Autor Armin Kyrieleis zu dieser Behauptung? Im Kontext wird etwas zu Informationen in der belebten und unbelebten Natur ausgesagt:
 
„Ihrer Qualität nach ist die genetische Information eine Anweisung, eine Instruktion, die auf ein Ziel gerichtet ist – den Aufbau und die Erhaltung eines Individuums. Vorgänge oder Verhaltensweisen, die durch ein Programm gesteuert werden, das zielgerichtet ist, nennt man teleonomisch (Teleonomie). Nicht programmierte Prozesse, wie die Bildung von Schneekristallen, nennt man teleomatisch. Teleonomische Prozesse sind ein ausschliessliches Merkmal der Lebewesen; in der unbelebten Natur gibt es sie natürlicherweise nicht.“
 
Der Autor vergleicht die Erbinformation, die in der Basensequenz von DNA codiert ist, mit einem Computerprogramm.
 
Teleologie, so lerne ich, kommt von griechisch telos und ist die Lehre von den Zwecken, der Zweckmässigkeit und der Zielstrebigkeit.
 
Um den Vergleich richtig zu verstehen, muss ich mich um weitere Definitionen bemühen.
 
Ein Computerprogramm ist nach dem Deutschen Institut für Normung (DIN) „eine nach den Regeln der verwendeten Sprache festgelegte syntaktische Einheit aus Anweisungen und Vereinbarungen, welche die zur Lösung einer Aufgabe notwendigen Elemente umfasst.“
 
Beides, die genetische Information und das Computerprogramm, sind zielgerichtete Anweisungen in einem Programm. DNA oder DNS ist die Abkürzung von Desoxyribonukleinsäure, die als Träger der Gene in einer Doppelhelix organisiert ist. Die Nukleinsäuren sind aus 4 Bausteinen aufgebaut, den Nukletoiden. Jedes Nukleotid besteht aus einem Phosphat-Rest, dem Zucker Desoxyribose und einer von 4 organischen Basen (Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin, oft abgekürzt mit A, T, G und C). Sie bilden doppelsträngig die DNA.
 
Mithilfe von Enzymen kann sich die doppelte Helix der DNA in 2 auseinanderlaufende Stränge teilen und wieder neu verdoppeln. Die Verdoppelung verläuft nach dem semikonservativen Prinzip: ein Teil wird verdoppelt und ein weiterer Teil neu gebildet. Das Replizieren erfolgt nach einem genauen Programm.
 
Auch ein Computerprogramm legt genau fest, welche Schritte hintereinander abgearbeitet werden. Wie sieht ein einfaches Programm aus? Nehmen Sie an, Sie teilen dem Programm mit, wie alt Sie sind. Das Programm „entscheidet“, ob Sie zu alt für etwas sind oder nicht. Die Altersgrenze soll 90 Jahre alt sein: 
printf („Geben Sie Ihr Alter ein“)
if (Alter > 90) {
printf („Sie sind leider zu alt für das Replizieren“)
}
else {
printf („Sie sind im perfekten Alter für das Replizieren“) 
Das Programm, geschrieben in einer speziellen Maschinensprache, stellt also fest, was für Ihr Alter zutrifft und teilt uns das Ergebnis in einer Aussage mit. Natürlich wäre es eine unzulässige Vereinfachung, würden wir diesen „Entscheidungsprozess“ auf die biologischen Abläufe im menschlichen Körper übertragen.
 
Es wird ein Ziel erreicht, beim Computerprogramm eine entsprechende Mitteilung, im Körper die Erneuerung von Zellen.
 
Ich gehe zurück zur anfänglichen Behauptung, Computerprogramme seien „Derivate von Lebewesen“. Es stellt sich die Frage, was denn „Derivate“ sind. In der organischen Chemie sind Derivate aus Natursubstanzen hergestellte Abkömmlinge, die in der Natur nicht vorkommen.
 
Aristoteles definiert in seiner „Theorie der animalischen Ortsbewegung“ Derivate als „aktuelle Wahrnehmungen, die zeitlich im Lebewesen persistieren (nach lateinisch: verharren) und sowohl dem Gehalt als auch der kausalen Wirkung nach die sich bewirkenden Wahrnehmungen überdauern.“
 
Computerprogramme werden auch „Software“ genannt, die ihre Wirkung nicht ohne einen festen Körper, eine „Hardware“, eine Maschine, umsetzen können, so wie die DNA ihre Funktion nicht ohne einen Körper entfalten kann, und seien sie noch so klein.
 
Es stimmt, Computerprogramme werden in ihrer Wirkung aktuell wahrgenommen. Nur, wenn ich mit dem Ergebnis der Software etwas tue, sei es, diesen Text zu schreiben (ihm liegt ein Textprogramm zugrunde), oder mich mit einem Computerspiel vergnüge, denke ich nicht daran, wie die Algorithmen aussehen, die mir das ermöglichen.
 
Ich lese im Buch „L’homme machine – Die Maschine Mensch“ von J.O. de La Mettrie (17091751). Er stellt fest:
 
„Der Mensch ist eine Maschine, derartig zusammengesetzt, dass es unmöglich ist, sich anfangs eine klare Vorstellung zu machen und folglich sie genau zu bestimmen.“
 
Ein paar Seiten später schreibt er: „... alles hängt davon ab, wie unsere Maschine zusammengesetzt ist.“
 
La Mettrie war seiner Zeit weit voraus. Seine These ist immer wieder diskutiert worden. Die Erkenntnisse der Wissenschaften der letzten Jahrzehnte sprechen nicht unbedingt dagegen, wissen wir doch, wie Prozesse im Körper ablaufen. La Mettrie verneint das Vorhandensein einer menschlichen Seele, spricht jedoch von der „erleuchteten Maschine“, erleuchtet durch den menschlichen Verstand. Ausserhalb des Verstands funktioniert der Körper nach einem durch die Natur eingerichteten zielgerichteten Programm, vieles, was das Programm ergibt, lässt sich nicht willentlich steuern.
 
Der Mensch ist natürlich mehr als ein Computerprogramm, aber Ähnlichkeiten sind unverkennbar. In Zukunft werden wir die Ähnlichkeiten immer mehr erleben, wenn es Roboter geben wird, deren Programme viele Fähigkeiten „erzeugen“ können, die wir heute noch dem Mensch allein zusprechen.
 
Und so ende ich mit einem Zitat der letzten Seite der Abhandlung von La Mettrie:
 
„Ziehen wir also die kühne Schlussfolgerung, dass der Mensch eine Maschine ist, und dass es im ganzen Universum nur eine einzige Substanz – in unterschiedlicher Gestalt – gibt. Die Erfahrung hat also zu mir für die Vernunft gesprochen; und so habe ich beide vereint.“
 
 
Quellen
De La Mettrie, Julien Offray: „L’homme machine – Die Maschine Mensch“, übersetzt und herausgegeben von Claudia Becker, Philosophische Bibliothek, Band 407, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1990.
 
 
 
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Computer
26.03.2005: Kater Samsi, das Gen-Männchen und der Computer
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