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BLOG vom 07.01.2015


Momentaufnahme: Wiederaufgebautes Warschau besucht
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Eine Städtereise ist auch immer eine Reise in die Vergangenheit der Stadt. Das gilt besonders für alle europäischen Städte, ob Rom, Athen, Paris, London und andere. Je wechselhafter die Geschichte mit all den Eroberungen durch unterschiedliche Volksstämme und mit verschiedenen Herrschern, desto umfangreicher der Städtebau. Sie formen das Bild der Stadt mit ihren weltlichen und sakralen Bauten, seien es Schlösser und Burgen, Kirchen und Klöster, Manufakturen, Kulturgebäude, Läden oder einfach mit ihren Wohnhäusern.
 
Ein Besuch ist immer eine Momentaufnahme, in der diese Gestalt der Stadt gerade verharrt. Morgen kann sie schon wieder anders sein: ein Brückenbau, ein Abriss eines Hauses, ein neues Theater oder Hochhaus, eine Umgestaltung von Strassen. Und schon ist das Gesicht der Stadt verändert.
 
Der Besucher, der nicht sehr vertraut ist mit der Geschichte der Stadt, kann nichts anderes tun, als die Ausstrahlung der Stadt auf sich wirken zu lassen. Das eine oder andere Gebäude kann er in einen Zeitraum einordnen, vor allem bei sakralen Bauten, wie bei Kirchen aus der Romanik, dem Barock oder dem Klassizismus, bei Burgen und Schlössern. Bei historischen Gebäuden findet sich meist ein Schild an der Hauswand, hier hat ein bedeutender Künstler eine Zeitlang gewohnt, dort war vor einigen hundert Jahren ein Waisenhaus untergebracht, usw.
 
Wir waren zum Jahreswechsel in Warschau. Ist es richtig, den deutschen Namen zu benutzen? Sollte ich nicht besser Warszawa schreiben? Nur wenige Stadtbewohner, mit denen wir sprechen, reden auf Deutsch mit uns, das Englisch ist ihnen geläufiger. Liegt es an der Vergangenheit? Liegt es an den Touristen, die aus vielen Ländern kommen?
 
Welches Wissen über die Stadt bringe ich mit? Warschau ist die Hauptstadt von Polen. Wie das Land, hat auch die Stadt über die Jahrhunderte hinweg eine sehr wechselhafte Geschichte. Es war mehrmals ein Herzogtum, eine Adelsrepublik, war Republik und kommunistische Volksrepublik. Polen wurde immer wieder erobert und aufgeteilt, zerstört und wieder aufgebaut. Warschau war in den letzten 100 Jahren Schauplatz von Schlachten und Besetzungen mit Deutschen und Russen. Die Deutschen unter nationalsozialistischer Herrschaft begannen in Polen den Zweiten Weltkrieg, nahmen die Stadt ein und ermordeten Tausende. Im Bewusstsein geblieben sind das Warschauer Ghetto und der Aufstand vor allem der jüdischen Bevölkerung und die fast vollständige Zerstörung der Stadt. Nach 1945 wurde Polen eine kommunistische  Volksrepublik bis zur Wende 1989.
 
Danach hat es einen grossen Bauboom mit vielen modernen Hochhäusern gegeben. All das und mehr hat Spuren hinterlassen und ist ins Gedächtnis der Bevölkerung eingegraben, wie ein Monument zum berühmten Kniefall von Willy Brandt, mit dem er das polnische Volk um Vergebung für die Nazi-Gräuel bat, und Bilder vom polnischen Papst Johannes Paul II. zeigen. Auf Frédérik Chopin und Madam Curie sind die Bewohner der Stadt besonders stolz.
 
Ich hatte vorher gelesen, dass die meisten historischen Gebäude nach dem Krieg wiederaufgebaut worden seien, wenig ist original und echt. Einen kleinen Einblick von damals kann man im Warschau Fotoplastikon an einem über 100 Jahre alten runden Gerät erahnen. Man setzt sich davor, schaut durch 2 Linsen, und eine grosse Zahl von jeweils 2 Schwarzweissfotos der Stadt und seiner Bewohner aus der Zeit um die Wende zum 20. Jahrhunderts ergeben immer ein dreidimensionales Bild, das ruckweise an den Augen des Betrachters vorbeiläuft. Das Gerät ist alt, manchmal sind die Bilder nicht synchron. Dennoch sind es interessante Aufnahmen von belebten Plätzen und Gebäuden, auf denen Versammlungen, Umzüge oder einfach nur Märkte stattgefunden haben.
 
Wir laufen in der Altstadt über den Schlossplatz zum Königsschloss, das leider an den Tagen des Jahreswechsels geschlossen ist, besuchen die Kirche am Rand des Platzes, die nachmittags bei einer Andacht von Gläubigen überfüllt ist. Wir finden ein Restaurant. Das Essen ist lecker und, verglichen mit deutschen Lokalen, preiswert, und wir bummeln an den kleinen und grösseren Läden vorbei.
 
Am folgenden Tag benutzen wir die Metro, die Strassenbahn und den Bus bei unseren Fahrten durch die Stadt. Wir nahmen den Bus und fuhren über die Weichsel in den Stadtteil Praga, in dem es noch ältere Gebäude gibt, einen eher unbedeutenden Basar und ein sehr imposantes Gebäude, die einzige russisch-orthodoxe Kirche in Warschau. Auch sie ist nur sonntags geöffnet.
 
Wir verzichten wegen der Kälte auf einen Besuch des Schlossplatzes zum Jahreswechsel. Feuerwerkskörper sind zwar zu hören, aber streng begrenzt auf die Zeit von 23–1 Uhr.
 
Am nächsten Morgen besuchen wir die grossen Friedhöfe der Stadt, erst den alten christlichen, mit vielen kleinen Grabmonumenten, Darstellungen von Engeln aus Stein und alten verfallenen Gruften, und dann den jüdischen Friedhof, auf dem viele Grabsteine scheinbar ungeordnet eng aufeinander stehen, neben Massengräbern aus der Zeit des Warschauer Ghettos. Ein Grabstein fällt mir auf, auf dem eine Spardose zu sehen ist, darüber eine Hand mit Geldstücken, die in den Schlitz gesteckt werden. Seine Bedeutung ist nicht erkennbar.
 
Der letzte Tag führt uns ins Nationalmuseum, das bedeutendste von vielen in der Stadt. Wir bestaunen eine Reihe von Landschaftsbildern niederländischer Maler und ein riesengrosses, realistisch gemaltes Bild, das die Schlacht bei Tannenberg im Jahr 1410 zeigt, in der die Krieger des Deutschritterordens durch eine Armee aus Polen, Litauern, Russen und Tataren geschlagen worden sind. Ganz drastisch bohren sich die Lanzen und Zweispitze in die Körper der Ritter.
 
Seit 1954 besteht ein mit modernster Technik ausgestattetes Museum, das Frédérik Chopin gewidmet ist und anhand vieler Bilder, Zeichnungen, Notenblättern und in gerne von Verliebten besetzten Sitzmuscheln mit darin zu lauschender Musik sein Leben und dessen Schaffen präsentiert.
 
Danach entdecken wir ein geschmackvoll mit alten Radio- und Schallplattengeräten eingerichtetes Restaurant, in dem uns ein gutes Mittagessen serviert wird. Der Kellner demonstriert mir stolz ein uraltes Grammophon, auf der eine Schellackplatte läuft. Auch hier in der Gaststätte ertönt Musik der 60er- und 70er-Jahre, Swing, Jazz, Blues und Beat, ebenso wie in anderen Lokalen, als ob die Restaurantbesitzer der Zeit nachtrauern würden, die sie wegen der kommunistischen Ideologie damals nicht so ausgiebig geniessen konnten.
 
Neben dem Hauptbahnhof gibt es eine der modern gestalteten Malls, hier ein Einkaufszentrum mit einem beeindruckenden schwungvollen Glasdach, das zwischen dem Bahnhofsgebäude und dem benachbarten Hochhaus eingeschmiegt worden ist.
 
Direkt daneben erhebt sich der Kulturpalast im sozialistischen Baustil, ein „Geschenk Josef Stalins“, von dem erwähnt wird, dass ihn die Warschauer nicht besonders mögen, aber die Aussicht auf der Plattform im 30. Stockwerk bei gutem Wetter fantastisch sein soll. Aber heute bei diesigem Wetter wäre nicht viel davon zu geniessen gewesen.
 
Im Sommer wäre die Besichtigung anders ausgefallen. In der Stadt gibt es nämlich mehrere wunderschöne Parks, die bei gutem Wetter zu Spaziergängen einladen, ebenso wie eine Wanderung entlang der Weichsel von der einen Brücke zur nächsten und übernächsten sehr unterhaltsam sein kann, aber eben nicht an nasskalten Wintertagen.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs mit Bezug zu Polen
27.02.2005: Polnische Ente im „Chinatown“ im kapitalen Aarau
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