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BLOG vom 11.01.2015


Das Mya-Meer, seine Geschichte und die Meerjungfrau
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Am Rand des Meeres türmten sich Eisbrocken, im Winter kein ungewöhnliches Bild, denn der Salzgehalt des Wassers ist nicht besonders hoch. Brackwasser nennt man das.
 
Der Himmel zeigte sich von seiner schönsten Seite. Er war wolkenlos, und die Sonne sandte ihre nicht besonders warmen Strahlen auf die Erde und auf das Wasser, das in einem dunklen Blau leuchtete. Ich schlenderte langsam am Ufer entlang. Nur wenige Menschen, dick in Jacken eingepackt und Wollmützen auf dem Kopf, hatten sich durch die Kälte nicht abschrecken lassen und betrachteten das eisige Naturschauspiel.
 
Plötzlich sah ich, wie zwischen den dünnen Eisschollen, die auf dem Wasser dümpelten, etwas auftauchte. Es war ein junges Mädchen mit leuchtenden grün-blauen Haaren, die bis auf die Schulter fielen. Mit seinen starken Armen robbte es ans Ufer, und ich sah, dass es einen schuppigen breiten Fischschwanz hatte.
 
„Wer bist du denn?“, fragte ich erstaunt, „und woher kommst du?“
 
„Ich bin Mya Viridis, in eurer Sprache die grüne Mya und ich komme aus dem Mya Meer, so nennen nicht nur wir Meeresbewohner unser blaues Element. Du siehst es vor dir!“
 
Mya?“, fragte ich.
 
„Ich wurde von meinen Eltern nach der Mya arenaria genannt, einer Muschel mit einer schönen weissen Schale, die du gewiss schon oft am Strand gefunden hast!“
 
„Du meinst die Sandklaffmuschel?“
 
„Richtig, so nennt ihr sie! Und für unsereins ist sie die liebste Nahrung, die wir kennen! Meine Eltern haben mich eben ‚zum Fressen gern’!“
Ihr Lächeln war ganz entzückend.
 
Ich betrachte das Meeresfräulein. Sie war sehr hübsch, hatte kleine, allerliebste Brüste mit Warzen, die wie Edelsteinchen funkelten, und ihre Haare umflossen ein wohlgeformtes Gesicht. Auch die Schuppen an ihrem Fischschwanz leuchteten grünbläulich in der Sonne.
 
„Frierst du nicht? Wenn ich dich so sehe, zittere ich!“, erklärte ich.
 
„Nein, meine Haut ist dicker als deine und hält die Kälte ab. Ich bin das gewöhnt!“, beschwichtigte sie.
 
„Und du wohnst in der Tiefe der See?“, fragte ich neugierig.
 
Sie nickte: „Ja, ich bin schon 100 Jahre alt, und wurde geboren, als das Meer Mya ungefähr 400 Jahre alt war!“
 
„Gab es das nicht schon länger? Und wenn ja, wie hiess es denn vorher?“, wollte ich wissen.
 
„Weisst du das denn nicht?“, fragte sie erstaunt. „Meine Geschwister haben es oft erzählt, dass sich der Name des Meeres im Laufe der vielen Jahrhunderte immer wieder geändert hat. Der war immer abgeleitet von der Muschel oder der Schnecke, die zu der Zeit am häufigsten vorkam!“
 
„Und welche waren das?“
 
„Du hast aber auch wirklich keine Ahnung!“, rügte sie mich mit einem schelmischen Grinsen. „Vielleicht liegt das ja daran, dass ich schon viel länger lebe als du!“
 
„Ich lerne gerne dazu!“, beeilte ich mich zu sagen, „ich freue mich immer, wenn ich mein Wissen erweitern kann.“
 
„Kennst du denn die Geschichte dieses Meeres?“, fragte sie mich.
 
„Ich weiss nur, dass es in der Eiszeit entstanden ist!“, antwortete ich.
 
„So ganz stimmt das nicht“, erklärte sie mir. „Als das Eis vor 10 000 Jahren schmolz, erhöhte sich der Meeresspiegel und das von Westen einströmende Meerwasser vereinte die Seen, die vorher schon da waren.“
 
„Aber die See war noch nicht so gross wie heute, stimmt’s?“
 
„Ja, viel kleiner. Die See hiess damals Yoldia-Meer.“
 
„Habe ich noch nie gehört!“, wunderte ich mich.
 
„Mit Muscheln kennst du dich nicht aus, sehe ich das richtig?“, fragte sie schelmisch.
 
„Das stimmt“, antwortete ich, „ein paar kenne ich natürlich, und Miesmuscheln esse ich wirklich gern!“
 
„Igitt, die schmecken doch nicht“, meinte sie und verzog ihr Gesicht, „die Yoldia ist eine dickschalige Muschel, sie hat jetzt einen anderen Namen, ihr sagt Portlandia arctica. Übrigens, das was ihr Dänemark nennt, die Inseln, die waren damals noch ein gesamtes Festland.“
 
„Was du so alles weisst, alle Achtung! Gibt es bei euch in der Tiefe eine Meerjungfrauenschule?“, fragte ich sie.
 
„Alles von Papa gelernt, der kannte sich aus!“, sagte sie stolz.
 
„War der auch halb und halb, du weisst schon was ich meine.“ Ich schaute auf sie herunter.
 
„Nein, er nicht, aber er war nicht mein richtiger Vater. Er hat mir erzählt, als er mit Mutter unter der Wasseroberfläche geschmust hat, muss wohl der Samen eines Menschenmannes zwischen die beiden gekommen sein. Vielleicht hat sich ein Matrose an Deck so Erleichterung verschafft. Ich habe wahrscheinlich einen menschlichen Vater.“
 
„Davon habe ich auch noch nie gehört, dass Fisch und Mensch sich paaren können!“
 
„Nach eurer Einteilung gehören wir zu den Säugetieren, so wie ihr auch! Aber es ist so! Übrigens, das Yoldia-Meer hat es nur ungefähr 1000 Jahre gegeben. Das Land hob sich, das Süsswasser der Gletscher floss hinzu und das Meer wurde nicht mehr so salzig. Ich mag es nicht, wenn es so salzig ist, es ist so rau auf der Haut!“ Sie strich sich mit der Hand über ihren Arm.
 
„Und wie hiess das Meer dann?“ Ich staunte immer mehr über das grosse Wissen, das sie über das Element besass, in dem sie lebte.
 
„Es wurde nach einer Schnecke benannt. Sie ist übrigens nicht besonders hübsch und heisst Ancylus fluviatilis, eine Napfschneckenart. Die mag, so wie ich, weniger salziges Wasser, das, was ihr Menschen Brackwasser nennt.“ Das Ende ihres Schwanzes bewegte sich im Wasser hin und her.
 
„Also das Ancylus-Meer?“
 
„Richtig, du lernst schnell!“, sie grinste und klimperte mit ihren Äuglein.
 
Mir fiel eine Zeile aus einem Gedicht ein, ich glaube, es stammte vom Dichter Freiligrath und geht so: „Ich kann den Blick nicht von euch wenden, ich muss euch anschauen immerdar.“
 
Ich muss die Zeile laut gemurmelt haben, die kleine Meerjungfrau schaute mich fragend an.
 
„Du bist einfach schön!“, stammelte ich.
 
„Auch wenn wir wollten, ich kann dich nicht in die Tiefe mitnehmen und du mich auch nicht in dein Haus“, meinte sie und ein wenig errötete sie dabei.
 
„Wo waren wir stehen geblieben?“ Sie wurde wieder ganz sachlich. „Richtig, beim Ancylus-Meer. Nach weiteren 1000 Jahren veränderte sich wieder einiges. Zuerst strömte noch ganz viel Wasser von Westen herein, dann hob sich das Land und das hörte wieder auf. Die Ancylus wurde ganz selten. An seine Stelle kam eine andere Meeresschnecke, die Littorina littorea.“
 
„Also wurde das Meer zum Littorina-Meer!“, rief ich triumphierend.
 
„Gut, heute ist die Muschel ziemlich mickrig, es ist ihr zu süss bei uns!“, erwiderte die Nixe.
 
„Ich glaube, den Strand dieses Meers findet man noch im Landesinneren, dort wo es noch Strandwälle gibt, obwohl das Meer ganz weit weg ist.“ Ich war froh, auch etwas zu unserer kleinen Meereskunde beitragen zu können.
 
„Das wusste ich nicht, aber so weit komme ich ja auch nicht!“, rief sie aus. „Danach hat sich die Limenaea-ovata-Schnecke verbreitet, die mag es nicht so ganz salzig. Also, das Meer bekam den Namen Limenaea-Meer. So hiess es übrigens noch vor 1000 Jahren. Die Schnecke mag ich auch ab und zu ganz gern.“
 
„Und damit sind wir beim jetzigen Namen angekommen!“, sagte ich.
 
„Ja, und die letzten 1000 Jahre hat sich nicht mehr so viel verändert. Na ja, bis auf das, was ihr Menschen anrichtet!“ Sie schaute ein wenig streng, was gar nicht zu ihrem hübschen Gesicht passte.
 
„Ich weiss schon, was du meinst!“, rief ich aus. „Überfischung, zu viel Schmutz, Plastikmüll und was es sonst so alles Schlimmes gibt, was man dem Meer so aufbürdet!“
 
„Ja! Und gut, dass ich dich getroffen habe! Du musst unbedingt dafür kämpfen, dass es besser wird. Du willst doch nicht, dass ich dort unten in meiner Heimat jämmerlich sterbe?“, antwortete sie.
 
„Gewiss nicht! Die Ostsee, oder die Baltic Sea, wie andere sie nennen, - und es gibt noch einige andere Namen für dieses Naturkleinod -, darf nicht sterben! Wir müssen wirklich was tun, sie ist so empfindlich.“ Ich redete mich ein wenig in Rage.
 
„Dafür darfst du mich küssen!“, erwiderte sie. „Du bist so verständnisvoll!“, rief sie und machte einen Schmollmund.
 
Zärtlich küsste ich sie auf den Mund. Es schmeckte ein wenig salzig.
 
Ich hörte Schritte hinter mir, drehte mich kurz um. Und auf einmal war sie weg, in der Tiefe des Meeres verschwunden.
 
Hatte ich das nur geträumt oder war es Wirklichkeit? Auf den Eisstücken, die auf den Wellen schaukelten, standen nur ein paar Möwen und riefen sich etwas zu.
 
Mya Meer gefällt mir viel besser als Ostsee, dachte ich. Mich fröstelte, ich wandte mich dem Meer ab und langsam wanderte ich der warmen Wohnung zu.
 
In den folgenden Tagen lief ich etwa zur gleichen Zeit immer wieder am Strand entlang. „Mya“, rief ich leise. Aber sie tauchte nicht mehr auf. Ich war richtig verliebt!
 
 
Quelle
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über die Ostsee
04.11.2011: Sanddorn: Die „Zitrone des Nordens“ und die „Ostseeliebe“
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