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BLOG vom 09.02.2015


Biografien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
In einer einzigen Woche konnte ich 2 Filme sehen, die zeigen, wie das Leben so spielt und was man daraus machen kann oder auch nicht.
 
Der eine Film, den ich im Kino sah, ist ein autobiographischer Film und handelt vom Leben des Astrophysikers Stephen Hawking und seiner Familie. Der deutsche Titel lautet: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (im Original „The Theory of Everything“); der andere wurde auf dem Fernsehsender arte ausgestrahlt; der Titel wurde nicht verändert: „Requiem for a dream“.
 
Wenn Sie beide Filme kennen, werden Sie vielleicht einwenden, dass man sie nicht vergleichen kann, so unterschiedlich sind sie. Und doch: Beide Filme zeigen Lebensabläufe. Der erste beruht auf den Memoiren von Jane, der ersten Frau des Physikers, mit dem Titel: „Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking“.
 
Die Filmmusik des anderen Films kannte ich schon seit einigen Jahren. Sie wurde von Clint Mansell komponiert und hat mich immer fasziniert. Der Film wurde nach einem Roman von Hubert Selby aus dem Jahre 1978 inszeniert. Der Romanautor hat auch am Drehbuch mitgewirkt.
 
Der Titel des ersten Films passt nur zu einem geringen Teil zum Inhalt. Er weist auf die Forschungsarbeiten Hawkings hin, der sich mit Kosmologie beschäftigt, mit „Schwarzen Löchern“, „Singularität“ und mit dem Phänomen der Zeit, und so heisst auch sein bekanntestes Buch: „Eine kurze Geschichte der Zeit“.
 
Hauptsächlich dreht sich die Geschichte des Films um die Liebe. Das ist an und für sich nichts Besonderes, wenn nicht die Lebensumstände des Physikers so aussergewöhnlich wären.
 
Hawking erkrankte während seiner Studienzeit, nachdem er seine Frau Jane bereits kennen gelernt hatte (auch im Film so zu sehen), an der Motoneuron-Erkrankung, und die Ärzte prognostizierten ihm noch 2 Jahre Lebenszeit. Er und Jane heiraten trotzdem und bekommen im Laufe ihrer Ehe 3 Kinder. Jane hält an der Ehe fest, auch nachdem sich der Gesundheitszustand immer mehr verschlechtert, und zwar so, dass Hawking am Ende nur noch völlig gelähmt mit seiner Umwelt über Augenklimpern und, begünstigt durch die technische Entwicklung, mit einem (Sprach-)Computer mittels seiner Fingerkuppen kommunizieren kann. Jane opfert sich bis zur eigenen Erschöpfung auf, bis ihr geraten wird, mehr Hilfe anzunehmen. Die Hilfe findet sich im Chorleiter Jonathan, in dessen Chor Jane singt, der aber mehr oder weniger ein Teil der Familie Hawking wird, solange, bis gegenseitige Zuneigung entsteht, und es zum Abbruch kommt. Auch der kranke Physiker selbst bekommt persönliche Unterstützung durch eine Frau, Elaine Mason. Im Laufe der Zeit kommt es zur Trennung und Scheidung, und der Physiker heiratet Elaine und geht mit ihr in die USA. Jane wiederum heiratet Jonathan. Entgegen aller ärztlicher Prognosen lebt und forscht der Physiker und ist bereits 73 Jahre alt.
 
Der Film zeigt nicht zuletzt, dass die Liebe zwischen 2 Menschen lebenswichtig ist, ja in diesem Fall sogar lebensrettend, denn während einer Verschlimmerung der Krankheit weist die Ehefrau das Angebot, die Beatmung während eines Komas, in das der Physiker gefallen ist, abzustellen, vehement von sich. Das positive Festhalten am Leben, gegen alle Widrigkeiten, führt zum Erfolg, nicht nur privat, sondern auch beruflich. Die weitere Botschaft ist aber auch, dass eine Liebe nicht so lange „bis der Tod euch scheidet“ halten muss, sondern sich auch verändern kann.
 
Über weite Teile des Filmes kann man die Inszenierung als ein Melodrama ansehen, die Absicht des Regisseurs, auf die berühmte „Tränendrüse“ der Zuschauer einzuwirken, ist offensichtlich, natürlich mit dem bekannten Happy-End, das anders ist als erwartet.
 
Es ist nicht klar, was in dieser Verfilmung Fiktion und Wirklichkeit ist, jedenfalls bezogen auf den Bereich der Beziehungsproblematik. Die grundlegenden Fakten entsprechen wohl der Realität.
 
Kann jeder sein Leben so gestalten, dass es erfüllend ist, der Sinn darin gefunden wird und sich dadurch so etwas wie Glück einstellt? Ist jeder „seines Glückes Schmied“, egal was für ein (körperliches) Schicksal man hat? Der Film über das Leben von Stephen Hawking suggeriert das. Warum scheitern dann Lebensabläufe?
 
Über das Scheitern von 4 Personen handelt der andere Film. Schon der Titel „Requiem for a dream“ weist darauf hin: Ein Requiem bezeichnet ursprünglich die christliche Totenmesse, die nach dem Ableben eines Menschen gehalten wird, ist aber musikalisch auch unabhängig davon zu sehen. Ein „dream“, also ein (Lebens-)Traum, wird „zu Grabe“ getragen, er hat sich letztendlich nicht bewahrheitet. Vor diesem Ende steht die Phase, im Leben einen Sinn zu finden, „etwas daraus zu machen“.
 
Wie anders ist dies hier doch, verglichen mit dem zuerst beschriebenen Film!
 
Der Film des Regisseurs Darren Aronofsky zeigt in düsteren Farben mit interessanten Techniken den Lebensweg von 4 Personen, die auf der Suche nach Bestätigung und Erfolg am Ende in Drogenabhängigkeit scheitern. Er handelt von einer Witwe, ihrem Sohn und dessen Freundin und Freund. Die einsame Frau, die nur selten Besuch ihres Sohnes bekommt, wird durch ein Schreiben, in dem ihr die Chance vorgegaukelt wird, im Fernsehen auftreten zu können, durch einen skrupellosen Arzt tabletten- und amphetaminsüchtig, da sie glaubt, nur durch eine Gewichtsabnahme Erfolg zu haben, nachdem sie sich, angestachelt durch Fernsehen und Freundinnen, immer mehr in die Illusion hineinsteigert, im Fernsehen berühmt werden zu können.
 
Der Sohn, seine Freundin und der Freund handeln nicht nur mit Heroin, sondern konsumieren diese Droge auch. Sie träumen von einer sorgenlosen Zukunft. Alles läuft so lange gut, bis bei der Mutter durch den erhöhten Konsum und durch Nahrungsverweigerung Halluzinationen auftreten; bis die jungen Leute Ärger mit der Polizei bekommen, sie keinen Stoff mehr erhalten und immer stärker unter Entzugserscheinungen leiden. Dadurch geraten sie mehr und mehr in kriminelle Kreise; die Freundin muss sich prostituieren, um an Geld und Rauschgift zu kommen. Die Freunde kommen ins Gefängnis. Die Einstichwunden an einem Arm des Sohns sind so entzündet, dass am Ende nur die Amputation übrig bleibt. Die Mutter bekommt, um von der Sucht loszukommen, Elektroschocks. Ihre Lebensträume zerplatzen wie Seifenblasen, laut, schockierend und eindrucksvoll. Der Film besticht durch kurze, immer wieder wiederholte teilweise blitzartige Szenen mit einer ebensolchen, zeitweise stakkatoartigen Musikuntermalung durch die Musik Mansells mit dem Kronos Quartett.
 
Warum sind trotz aller Widrigkeiten die Lebensbiographien in dem einen Film als positiv zu bezeichnen und in dem anderen nicht?
 
In der Hawking-Biographie wird das Leben „gemeistert“, die Probleme werden soweit wie möglich gelöst. Die Beteiligten haben dabei günstige Voraussetzungen: sie kommen aus der begüterten Mittelschicht; sie kommen aus einem guten Bildungsmilieu; sie werden von vielen Seiten unterstützt oder nutzen Möglichkeiten der Unterstützung.
 
Im anderen Film fehlen alle diese Voraussetzungen: man lebt in der Unterschicht, hat wenig Bildung erfahren, keine Unterstützung, fehlende bzw. nicht in Anspruch genommene Beratung, Unvoreingenommenheit und Naivität bei negativen Einflüssen, z. B. durch das Fernsehen oder durch den Kurpfuscher; kein Unrechts- oder Problembewusstsein beim Umgang oder Handel mit illegalen Drogen.
 
Und doch ist die Ausgangslage vergleichbar: In beiden Filmen gibt es Hoffnungen, Lebensträume, Karriere-Vorstellungen, mit dem Ziel, ein „gutes“ Leben zu erreichen.
 
In allen gezeigten Lebensbiographien gibt es Szenen glücklicher Momente: die Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zu dem Sohn oder zu den Kindern, das gute Gefühl, bei positiv empfundenen Ereignissen.
 
Der Wunsch, Lebensziele umzusetzen, ist überall vorhanden: die Liebe zu erfahren, egal wie lebensfeindlich die Umstände auch sind, Erfolg bei den Unternehmungen zu geniessen.
 
Alle erfahren Glücksmomente: in dem einen Film in den Beziehungen, der Familie, im sozialen Umfeld und darin, eine Krankheit zu meistern; im anderen die jungen Leute im Hochgefühl des Rausches durch Heroin oder beim Sex; und die Mutter, wenn der Sohn sie besucht. Die Sehnsucht nach Selbstbestätigung findet sich im Leben aller Protagonisten.
 
Die Botschaften der Filme: Widrige Umstände hin oder her, das individuelle Schicksal ist davon abhängig, worauf Menschen aufbauen können: ein erfülltes Leben ist eher bei einer günstigen Ausgangslage zu schaffen, die in den Erbanlagen, in der Familienkonstellation und in der Bildung angelegt sind. Ist diese nicht vorhanden und kommen negative Einflüsse dazu, ist ein Scheitern programmiert.
 
 
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