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BLOG vom 05.03.2015


Sprachkundliche Ansichtssachen: Die Sicht steht im Visier
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Beim Wort „Aussicht“ fallen mir zwei mediale Bezüge ein:
 
Es ist schon einige Jahre her, dass ich „Zimmer mit Aussicht“ gesehen habe, ein britischer Film aus dem Jahre 1985, basiert auf einer Novelle von E.M. Forster („A Room with a view“), der in Florenz im Jahr 1900 spielt und von den verkrusteten Konventionen britischer Urlauber handelt. Natürlich dreht es sich um eine Liebesgeschichte, und sowohl die Hauptdarstellerin, Helena Bonhem-Carter, die die junge Lucy Honeychurch spielt, als auch die Musik des Films vor der Kulisse der italienischen Stadt, für die der Regisseur James Ivory unter anderem Giacomo Puccinis „O mio babbino caro“ aus der Oper „Gianni Schicci“ entlehnt hat (gesungen von der von mir sehr verehrten Kiri Te Kanawa), haben mich so fasziniert, dass ich diesen Film nachher noch mehrmals angeschaut habe.
 
Der 2. Bezug ist trivialer, aber trotz des Titels „Mord mit Aussicht“ eine amüsante Tatort-Krimi-Serie. Sie spielt in dem beschaulichen fiktiven deutschen Eifel-Dorf „Hengasch“, in dem sich die aus Köln abgeordnete Kommissarin Sophie Haas (dargestellt von Karoline Peters) immer freut, wenn wieder einmal ein Mord passiert, denn das ist endlich wieder eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei des Ortes, und sie löst den Fall meistens auf unkonventionelle Art und Weise.
 
Es ist verständlich, dass es in den deutschsprachigen Ländern und Gebieten unzählige gastliche Häuser gibt, die den Begriff „schöne Aussicht“ im Titel haben. Nicht immer ist die Sichtweise der Eigentümer einsichtig, aber das Ziel, Geld zu verdienen, durchsichtig.
 
Der Überbegriff ist „Sicht“, von mittel- und althochdeutsch „siht“, mit den Bedeutungen
a) das, was man von einem Punkt aus sehen kann,
b) Perspektive, persönliche Wahrnehmung,
c) eine kürzere oder längere Zeitspanne.
 
Hinter diesem Wort steckt „sehen“ und damit einer unserer Sinne, für den wir in der Regel das (Augen-)Licht benötigen. Eine Ausnahme ist das Traumgesicht. Das Auge arbeitet aber nicht selbstständig, sondern ist von unserem Gehirn abhängig, so wie auch unsere Sprache, in der das Lexem „Sicht“ sehr vielfältig in die unterschiedlichsten Wörter eingebettet werden kann.
 
Ich habe mir überlegt, ob es möglich ist, eine kleine Geschichte zu verfassen, in dem in jedem Satz mindestens einmal das Wort vorkommt.
 
Aussicht auf Fernsicht
Die Wetteraussichten waren gut, also beabsichtigte die Familie, keine Rücksicht mehr auf laufende Verfahren zu nehmen und sichtlich entspannt loszufahren.
 
Dem Familienvater sass zwar die Bankenaufsicht im Nacken, die noch am Tag zuvor unnachsichtlich mit Akteneinsicht gedroht hatte, weil er als Mitglied des Aufsichtsrats angeblich eine Klarsichthülle mit etlichen Dokumenten, allesamt ausgestattet mit einem Sichtvermerk, aus dem Sichtfeld der Beamten entfernt, also ausser Sichtweite, gebracht hatte. Aber der Mann war dabei so vorsichtig vorgegangen, dass er zuversichtlich war, hinsichtlich der Angelegenheit gute Erfolgsaussichten zu haben, sogar wenn er von Angesicht zu Angesicht aussagen müsste.
 
Die Familie nahm also im Auto Platz, der Vater setzte seine neue Gleitsichtbrille auf die Nase, prüfte, ob er damit seine Weitsichtigkeit überwinden und genug Fernsicht erhalten würde.
 
Er war von dem gesamten Gesichtsfeld, das die Brille ihm verschaffte, überrascht. Der Wagen bot ihm keinerlei Sichtbehinderung während der Fahrt, nur manchmal musste er  den Sichtschutz wegen der Sichtbeeinträchtigung durch die Sonne herunterklappen, er fuhr sehr umsichtig angesichts der Verantwortung für seine Familie.
 
Den ersten Halt machten sie aus Rücksicht auf die kleine Tochter, der es sichtlich gut tat, ihre Windeln gewechselt zu bekommen. Sie fuhren nicht durch den Tunnel, sondern genossen die guten Sichtverhältnisse auf der Serpentinenstrasse zum Gipfel. Die Rund- und Fernsicht oben auf dem Berg bot eine Aussicht auf die Bergspitzen der Alpen, wie sie ihnen selten zur Ansicht gekommen waren. Mit ihrem Fernglas konnten sie bei ausgezeichneter Rundsicht sogar Gemsböcke sichten.
 
Auf der abschüssigen Fahrt ins Tal fuhr ihnen ein Fahrer rücksichtslos mit so wenig sichtbarem Abstand hinterher, dass der Vater ihm wegen seiner Fahrweise fast Tötungsabsicht unterstellte, denn dem Rowdy fehlte die für einen Verkehrsteilnehmer notwendige Einsicht. Offensichtlich hatte er es sehr eilig. An einer unübersichtlichen Stelle musste der Verfolger bremsen und fuhr in einen Sichtbetonblock an der Seite der Strasse. Der Vater stieg aus, sah scharfsichtig, dass dem Fahrer nichts passiert war und besichtigte den Wagen, dessen Kotflügel eine gut sichtbare Beule aufwies. Vielleicht brachte das den Rowdy zukünftig zu einer umsichtigeren Fahrweise.
 
Alles war gut abgelaufen und die Familie schaute zuversichtlich auf den weiteren Teil der Reise. Die Voraussichten dafür waren offensichtlich sehr gut!
*
Es war meine Absicht, Ihnen eine Einsicht darin zu geben, wie oft wir „ein- oder mehr-sichtig“ sind und Sie haben eine kleine Übersicht über fast alle „Wörter mit Sicht“ bekommen! Ich hoffe, der kleine „Sichtflug“ hat Ihnen ein wenig Spass gemacht, falls nicht, bitte ich um Nachsicht! Mir hat es sichtlich gefallen, den Text zu schreiben, und jetzt mache ich mich bis zum nächsten Mal unsichtbar!
 
 
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