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BLOG vom 27.03.2015


Alt Stadtpfarrer Willi Fischer: von Leichtigkeit und Ausgleich
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Liest man in der Zeitung eine Todesanzeige mit einem bekannten Namen, ist man erschüttert. Die verstorbene Person aufersteht bei solchen vor seinem geistigen Auge. Erinnerungen an Stunden des Beisammenseins. Und der an sich selbst gerichtete Vorwurf, den Kontakt in der letzten Zeit vernachlässigt zu haben. Die Zeit rast. Die Jahre werden nur noch als kurze Episoden empfunden, steht man selber im letzten Abschnitt des Lebens.
 
Die Todesanzeige in der AZ: „Nach einem glücklichen und reich erfüllten Leben ist mein lieber Gatte, unser gütiger Vater und Grossvater Willi Fischer-Zimmerli, alt Stadtpfarrer, in seinem 97. Lebensjahr zu Hause friedlich eingeschlafen“ (gez. Madeleine Fischer-Zimmerli und Familienangehörige).
 
Zusammen mit anderen Freunden hatten wir Madeleine und Willi Fischer mehrmals während Jahren zu netten Abenden getroffen, einfach, weil wir uns gut mochten. Wir tafelten liebevoll Zubereitetes aus der Küche der jeweiligen Gastgeber, diskutierten, spassten, tauschten besinnliche Gedanken aus. Willi Fischer liess keine Bemerkung, und mochte sie in seinen Augen vielleicht noch so abstrus sein, unbeachtet. Er überdrehte sie schalkhaft, amüsierte sich, und niemals hatte ich den Eindruck, mit einem Pfarrer – und das war er mit Leib und Seele – am gleichen Tisch zu sitzen. Selbst Spuren von missionarischen Bemühungen waren ihm fremd. Und wenn ich wieder einmal eine gewagte, religionskritische Bemerkung von mir gab, die den Atheisten erkennen liessen, und meinen Kirchaustritt bei Volljährigkeit nicht verhehlte, schien es, als ob der reformierte Pfarrer eine Idee aus einer anderen Denkwelt empfangen und entgegengenommen hätte, die ihn belustigte. Und ich glaubte zu spüren, dass es ihm gefallen würde, eine solche personifizierte Kuriosität neben sich zu haben. Er war, so vermute ich, weise genug, um auch das Religionsgeschehen kritisch zu hinterfragen. Menschenwerk, das hinzunehmen ist. Was soll’s?
 
Diese Eigenschaft, Menschen und ihr Kulturverständnis genauso zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind, hob auch der Aarauer Stadtpfarrer Ursus Waldmeier bei der Abschiedsfeier nach traditionellem Ritual in der überfüllten Abdankungshalle beim Friedhof Rosengarten hervor. Willi Fischer habe wegen seines weiten Horizonts keinerlei Angst vor irgendwelchen Grenzen gehabt, und dementsprechend gab es für ihn keinerlei Gründe für Streit oder gar Kriege. Er fand immer den Ausgleich, wie ein Politiker, den man sich wünschen würde. Seine gesellige Art half ihm dabei.
 
Seine liebenswürdige Frau, Madeleine Zimmerli, heiratete er im Oktober 1957.Das Berufs- beziehungsweise Berufungsleben von Willi Fischer, dessen glücklicher Ehe 3 Nachkommen (die 2 Söhne Daniel und Matthias und die Tochter Sabine) entsprangen, bot ihm reichlich Gelegenheit, seine Offenheit für die Eigenschaften jedes Individuums und auch seine Weltoffenheit zu festigen, in tiefere Dimensionen vordringend, zu denen der Zugang normalerweise erschwert bis verschlossen ist.
 
Er wurde an einem hellen Tag, am 13.12.1918, am Fusse des Kirchhübels in Meisterschwanden im Aargauer Seetal geboren. Nach der Schulzeit absolvierte er das Theologiestudium in Zürich und Basel, das durch den 2. Weltkrieg (ab 1939) unterbrochen wurde. Seine erste Pfarrstelle versah er ab 1945 in Muhen AG. 1955 versah er ein halbes Jahr lang seinen Dienst als Feldprediger beim Uno-Überwachungsteam nach Nordkorea, an dem die Schweiz beteiligt war; es ging um die Überwachung des Waffenstillstands. In der Strafanstalt Lenzburg wirkte er als Gefängnispfarrer, und 18 Jahre lang amtete er als populärer und beliebter Stadtpfarrer von Aarau, nach der Pensionierung oft als Pfarrer-Stellvertreter in den umliegenden Gemeinden. Zudem war er Mitglied des Aarauer Einwohnerrats (Legislative), wo er gern Wogen glättete.
 
Der Verstorbene sei ein regelrechter Pastor = Hirte gewesen, sagte Pfarrer Waldmeier. Und dementsprechend stand der Psalm 23 mit dem Bezug zur Aue, den auch Willi Fischer gemocht hatte, als Leitmotiv über der Abschiedsfeier: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele (…).“ Und Stefan Müller sang mit seinem Chor „So nimm denn meine Hände…“.
 
Auf mich machte Willi Fischer nie den Eindruck eines Geführten oder Führers. Auch laut seinem Berufskollegen Waldmeier war sein Leben ganzheitlich und dadurch einfach vorbildlich, von einer gewissen Leichtigkeit und einem freundlichen Lächeln getragen. Als sich die Beschwerden des Alters einstellten und in der Garage manchmal ein grosser und dann wieder ein kleiner Service fällig wurde, war das hinzunehmen, bis dann der Garagist überfordert war. Am Abend des 16.03.2015 schlief Willi Fischer ein, und am Morgen des 17.03.2015 erwachte er nicht mehr. Es war ein schöner Tod nach einem schönen Leben.
 
Kraftvoll sangen Freunde und Bekannte der Familie Fischer in der mit Orchideen und Rosen dekorierten, schlichten Abdankungshalle das afroamerikanische Spiritual „Go Tell It on the Mountain“.
 
Und meine Mission ist damit erfüllt. Ich erzählte vom Lebensstil Willi Fischers, von seiner Art, seinem Wirken, seiner Menschlichkeit, seiner unbedingten Zugänglichkeit – „Over the hills and everywhere“ … weit über die Hügel des Hombergs und des Juras hinaus. Das geschah mit leiser Wehmut.
 
Doch mir ist, als sei er immer noch da.
 
 
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