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BLOG vom 30.04.2015


Gerhard Ammann: Naturaufklärer und Auenschutz-Pionier
 
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Ende März 2015 habe ich ihn, Gerhard Ammann, letztmals telefonisch angerufen, um nach seinem Befinden zu fragen und ihn zu einem Abendessen nach Biberstein einzuladen. Er freute sich, sagte begeistert zu. Er wolle mir etwas später ein passendes Datum mitteilen. Ich schlug vor, ihn, den 81-Jährigen, in Aarau abzuholen. „Nein, nein“, wehrte er ab, er komme mit dem Bus, kein Problem. Sein eigenes (Führerausweis-)Billett habe er nach über 50 Jahren unfallfreien Fahrens freiwillig abgegeben; er wohne ja Mitten in Aarau (an der Laurenzenvorstadt 53) und habe im Übrigen ein GA (Generalabonnement). Er fühlte sich daheim. In Aarau ist er aufgewachsen. Alles in Butter. Zu Mittag esse er jeweils im Frey-Herosé-Altersheim, wo seine Frau Margrit gepflegt wird, sagte er noch. So sehe man sich also täglich, und das schätze er.
 
Der erwartete Telefonanruf kam nicht. Stattdessen fand ich in der Aargauer Zeitung („az“) vom 23.04.2015 die Todesanzeige: „Gerhard Ammann, als Kantonsschullehrer. 8. August 1934 bis 15. April 2015.“ Die Familie schrieb, er sei „nach kurzer, akuter Krankheit in die geistige Welt eingegangen“.
 
Der Aufklärer
Vor diesem Hinüberschwenken in eine unbekannte Sphäre war es die irdische Welt gewesen, die während seines recht langen Lebens ihre volle Aufmerksamkeit auf ihn gezogen hatte. Der promovierte Geograf (Dr. phil. II) war der Landschaft, ihrer Geschichte, ihren Formen und alledem was darauf wuchs, sich darauf bewegte und sie umgestaltete, vollkommen zugetan. Seine ausgeprägten Qualitäten der Neugier, des Sammelns von Wissens aufgrund des Erkennens an Ort und Stelle war mit einem ausgeprägten Drang zum Weitervermitteln gepaart. Sein Beruf als Kantonsschullehrer für Geografie an der berühmten Kantonsschule Aarau und an der Aargauischen Töchterschule findet darin die Rechtfertigung. Seine Lehrtätigkeit erstreckte sich allerdings weit über die Schulräume hinaus. Er schuf verschiedene Fachbücher, so vor allem solche über die Entwicklung der Kartografie, der sein besonderes Augenmerk galt. Und er schrieb viele Zeitschriftenartikel, veranstaltete private Exkursionen für seine Freunde und weitere Interessierte, die er jeweils im Galeggehof in Suhr AG mit hochwertigen, gleich dort erzeugten Bioprodukten abzurunden pflegte.
 
10 Jahre lang war Ammann ab 1974 Präsident des Aargauischen Naturschutzbunds (heute: Aargauischer Bund für Naturschutz ABN), und er fand in Heiner Keller einen würdigen Nachfolger. Beide versuchten durch eine unermüdliche Aufklärungsarbeit, weitere Naturzerstörungen zu verhindern; beruflich und mit aufrüttelnden Publikationen tut das Heiner Keller noch heute.
 
Ich habe Gerhard Ammann zu meiner Zeit als Redaktor des „Aargauer Tagblatts“ (heute: az) kennen und schätzen gelernt, weil ich bei jener Zeitung unter anderem für Naturschutzfragen zuständig war. Jede Begegnung und jede Exkursion mit Gerhard war für mich eine Weiterbildung in Ökologie draussen in der Natur, und da ich den überreichen Lehrstoff journalistisch aufarbeiten durfte, war ich zu einer eingehenden Behandlung, zum zusätzlichen Recherchieren und Nachfragen gezwungen, mit dem dadurch verstärkten Lerneffekt.
 
Die Kunst des weisen Reisens
Gerhard Ammann kannte nicht allein sein eigenes Biotop, in dem sich der wesentliche Teil seiner Lebensreise abspielte, sondern die weite Welt überhaupt. Und auf mein Drängen hin verfasste er 1985 für die Zeitschrift „Natürlich“ eine Reportagenserie über das Reisen, den Tourismus (Rubriktitel „Reise weise“) , beginnend mit der thematisch breiten Reportage „Ferien – da stimmt doch etwas nicht“. Er untermauerte seine Arbeiten philosophisch und argumentierte geistreich.
 
Den Massentourismus zu Retorten-Feriendestinationen verglich er mit Viehtransporten, und er wälzte die Frage, ob dieser Tourismus nicht seine eigenen Grundlagen, die Landschaft und die Ökologie, zerstöre. Wörtlich schrieb Gerhard Ammann über das organisierte Reisen im „Natürlich“ 1985-06: „Die heutige Reisewelle trägt auch wenig zum Verständnis der Denk- und Lebensweise anderer Menschen und Völker bei. Kontakte zur Realität fremder Länder fehlen. Der Tourist wird Fassaden entlang geführt – und er lässt sich führen. Er müsste das Szepter selber in die Hand nehmen und hinter die Fassaden blicken.“ Ammann vertrat in diesem Sinn und Geist die Auffassung, dass sich jeder junge Mensch längere Zeit möglichst frei und ungebunden im Ausland aufhalten sollte, um die Kultur mit der speziellen Lebensweise, die Mentalitäten, das Denken, die Sprache mitzuerleben, so dass er davon ein Leben lang zehren kann.
 
Die Erfindung der Ferien (des Urlaubs) erkannte der Autor als eine Begleiterscheinung der Neuzeit. Einst war jedermann ortsgebunden; der heimatliche Horizont war die Begrenzung des Lebensraums. Doch dann erschienen im 19. Jahrhundert reiche Ausländer, insbesondere Engländer, die enorme Veränderungen in der Schweiz bewirkten, die zum Touristen- und Ferienland wurde, in dem sich der Lebensstandard verbesserte und die neue Grundlagen für Wohlhabenheit gelegt wurden.
 
Auch der Frage, ob der Mensch denn ein Zugvogel sei, nahm sich Gerhard Ammann an; viele Menschen waren gern unterwegs, oft auch grundlos. Der Zeit der Sammler und Jäger folgten der Nomadismus, saisonale Wanderungen, Völkerwanderungen, Entdeckungen, Handel, Eroberungen und Kriegszüge und – damit verbunden – fremde Kriegsdienste, Forschungsreisen, Auswanderungen, Gastarbeiter, Fluchtbewegungen, die heute (2015) nach den Kriegseinsätzen der USA aus Macht- und Rohstoffgier und ihren Untergebenen) intensiver denn je sind.
 
Für intensive Wanderbewegungen sorgen heute auch die Ferien-Menschentypen, die gern in der Nähe bis in fernste Länder unterwegs sind, die komfortabel oder auf einfache Weise reisen wollen, individuell oder in der Obhut einer Gruppe geführt, und hinzu kommen Kuraufenthalte, die eine lange Tradition, gerade auch in der Schweiz, haben. Heute sind die Ferien für viele Leute das Hauptereignis in ihrem Leben … und entsprechend belastend wirkt sich jeweils das nahende Ferienende aus. Reiseziele und -erlebnisse sind heute käuflich, oft zum Aktionspreis; viele sind mit einem erhöhten Prestige verbunden.
 
Man kauft Reisen und organisierte Abenteuer wie Ware. Süden. Sonne. Sand. Das sind die Lockangebote, die auch leibliche Genüsse und Sex einschliessen. Für viele Länder kann das Ausbleiben des Tourismus existenzbedrohend werden, was die USA bei ihren Feldzügen gegen unbotmässige Länder, denen sie möglichst viel Schaden zufügen möchten, ins Kalkül ziehen. Dann ergiessen sich die Massen eben an andere Strände. Eine gebräunte Haut ist der sichtbare Beweis, dass man in einem tropischen Land war. Dabei bedeutet das Reisen mit den langen Fahrten und Unzulänglichkeiten wie den Zeitzonenunterschieden, dem Klimawechsel und den Gesundheitsgefährdungen eine körperliche und geistige Anstrengung; mit einiger Erfahrung können die Beschwerden zum Glück gemildert werden. Erst nach einer gewissen Zeit der Anpassung am Ferienort können sich das Auftanken und Erholen einstellen.
 
Das Fazit Gerhard Ammanns: „Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. Man sollte in dieser Heimat Ferien machen; denn in den Ferien sollte es einem wohl sein.“
 
Eine weitere Folge seiner Reiseserie galt den Auswirkungen des Tourismus in Entwicklungsländern. Er lieferte keine Rezepte, wie man die Ferien zu gestalten habe, sondern vermittelte durch viele Denkanstösse die Grundlagen, den eigenen, auf die persönlichen Bedürfnisse abgestimmten Stil zu entwickeln, um Freuden, Erholung und Wissensbereicherung zu gewährleisten.
 
Landkarten-Faszination
Sein Schreibstil war einfach, nicht aber banal, sondern präzise. Ammann war bei aller philosophischer und ökologischer Breite, in der er sich ohne weiteres zurechtfand, auch ein nach dem beweisbaren Sachverhalt suchender Wissenschaftler, der wusste, dass es durchaus auf das Detail ankommt. Der Beweis dafür findet sich in der Erforschung der Geschichte der Landkarten, der Kartografie überhaupt. So hat er beispielsweise 2005 in einer für die Aargauische Naturforschende Gesellschaft verfassten Schrift das Thema „Der junge Kanton Aargau auf Karten 1803‒1861 (1876)“ mit wissenschaftlicher Gründlichkeit dargestellt.
 
Diese Arbeit beginnt mit dem 1802, also 1 Jahr vor der Aargauer Kantonsgründung, in Aarau fertiggestellten „Atlas Suisse“ von Johann Rudolf Meyer Vater und seinen Mitarbeitern; der Atlas besteht aus 18 Blättern. Dieser zwar noch unreife Atlas war aufgrund exakter Vermessungen entstanden und umfasste das gesamte schweizerische Territorium. Der Kupferstecher Johann Jakob Scheurman veröffentlichte auf dieser Grundlage schon 1803 die erste Aargauer Kantonskarte. Der Aargau kannte also seine Grenzen bei seiner Gründung schon.
 
Gerhard Ammann nahm sich der Geschichte der Schweizer Kartographie mit Inbrunst an. Hinter den einzelnen Karten wie der berühmten Dufourkarte, im Aargau vertreten durch die Michaeliskarten mit ihren Schraffuren, welche die beabsichtigte Höhen- und Tiefenwirkungen hervorbringen, standen oft jahrhundertelange Anstrengungen, Kosten und Opfer; es sind weitgehend vollendete Meisterwerke. Auch die heutigen Landeskarten der Schweiz von Swisstopo in den Massstäben 1:25 000, 1:50 000 und 1:100 000, die zu meinen Arbeitsinstrumenten gehören, sind unübertroffene Glanznummern.
 
Die Bedeutung von Landkarten auch für die Tätigkeit der Regierungen war schon früh erkannt, so etwa von Johannes Feer (1763‒1823), ein Zürcher Ingenieur, Astronom, Vermesser und Kartograph. Er wies auch auf ihre Funktion für militärische Zwecke hin; jede „wohl Organisierte Regierung“ könne nur aufgrund eines solchen Werks funktionieren, war für ihn klar.
 
Karten zeigen den Blick von oben auf den dargestellten Raum, müssen aber die dreidimensionalen Ausprägungen dieses Gebiets erkennen lassen,  sozusagen auf den Betrachter eine plastische Wirkung ausüben. Es galt also, die erdgebundenen Erkundungssituationen zu überwinden. Franz Xaver Bronner (1758‒1850), Kanzleichef des helvetischen Regierungsstatthalters Philipp Albert Stapfer, erkannte im Relief des Suhren- und Wynentals und den umgebenden Mittelland-Hügelzügen eine „regellos durchfurchte, ungeheure Hirngestalt.“ Hinzu kamen höchste Anforderungen an die Vermessungsgenauigkeit, die schon damals Bewunderung abverlangte.
 
Ammann ging den einzelnen Ausprägungen der Landkarten-Geschichte mit Akribie nach; er wollte allem auf den Grund gehen, war unendlich breit interessiert, auch an den Menschen, die seinen Weg kreuzten und denen er von dem mitgab, was er in reicher Fülle besass: Wissen.
 
Audiopfad im Rohrer Schachen
Gerhard blühte förmlich auf, wenn er sein Publikum vor sich hatte und die Landschaft aus dem Stegreif beschrieb, in der sich die Gesellschaft gerade aufhielt. Für ihn war sie ein offenes Erdgeschichtebuch. Und mit dem genau gleichen Engagement geschah dies, wenn er sein Publikum, wenn auch bloss virtuell, vor sich hatte. So verfasste er die Texte für den Audiopfad der Aargauischen Naturforschenden Gesellschaft über die Auen um Rohrer Schachen (östlich von Aarau). Seine mitreissende Begrüssung: „Chömmed, mer göhnd jetz mitenand i Schache abe! Freuet ech, was der alles z’gseh überchömed!“ (Kommt, wir gehen jetzt zusammen in den Schachen hinunter. Freut euch darauf, was ihr alles zu sehen bekommen werdet!“)
 
Und bald wird’s fachlich: „Am Ausgangspunkt der interessanten Rundwanderung stehen wir am Rande einer Terrasse und blicken in den Jura. Dort erkennen wir die eindrückliche Jurakette mit der Wasserfluh und der Gislifluh. 20 Meter unter uns sehen wir die Ebene des Rohrer Schachens. Wir stehen hier aber auch auf dem Talboden, in welchem die Aare am Ende der letzten Eiszeit (Würm) vor rund 10 000 Jahren ihre Flussschlaufen zog. Seither hat die Aare weggeschafft, was heute fehlt. Eben die 20 Meter Material: Kies und Sand.“
 
Der Auenschutz-Pionier
Die Auenerhaltung oder aber ihre Wiederherstellung im ganzen Aargau war sein Herzensanliegen. Zusammen mit Vogelschützern, Fischern und Förstern und allen anderen, denen die Naturdynamik ein ehrliches Anliegen bedeutete, lancierte Gerhard Ammann 1994 die Volksinitiative für einen Auen-Schutzpark im Aargau. „Die Idee, ein Prozent der Kantonsfläche in Auenlandschaften zu verwandeln, schien mir eigentlich überrissen zu sein“, erinnerte sich Ammann. Doch im aufgeklärten Kanton Aargau mit der ausgezeichneten Breitenbildung gelang das Kunststück, an dem noch heute gearbeitet wird, problemlos und sogar im Sinne eines Vorbilds. In den letzten gut 20 Jahren flossen 50 Millionen Franken in alte und neue Naturreservate, die sich aus 22 Abschnitten entlang der grossen und kleinen Flüsse des Wasserkantons Aargau zusammensetzen. Gut investiertes Geld.
 
Der Verstorbene, ein unermüdlicher, tatkräftiger Visionär und Schaffer, hinterliess ein grossartiges Lebenswerk, das an dieser Stelle nur rudimentär nachgezeichnet werden konnte. Jede Lebensbeschreibung ist fragmentartig, darauf ausgerichtet, was dem Verfasser wichtig zu sein scheint.
 
Gerhard hat die Veränderungen im Aargau, der einst ein tropisches Meer war, nachvollzogen und jene der jüngsten Zeit kritisch begleitet und auch beeinflusst. Nach meiner persönlichen Beurteilung war das sehr wichtig.
 
 
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