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BLOG vom 14.06.2015


Verkehrsmedizinische Untersuchung für Alte: das Auto-Billett
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Der Normalfall: Man freut sich auf die Pensionierung (hierzulande mit 65 Jahren fällig): frei von allen Pflichten, von arbeitsdominanten Tagesabläufen. Der Konstruktionsfehler daran ist bloss, dass diese Auszeit, wie man heute zu sagen pflegt, ausgerechnet mit dem beginnenden Greisenalter zusammenfällt. Dem endgültigen Aus.
 
Natürlich soll man zuerst einmal arbeiten, denn erst daraus ergibt sich die Berechtigung zum Ruhen. Und mag man im Alter noch so viele Aktivitäten pflegen, welche die Vitalität verbessern – die Jugend lässt sich nicht zurückzwingen und auch nicht konservieren. Irgendwann wird man schneller müde als früher, wie man zur Kenntnis nehmen muss. Das Ruhebedürfnis wächst. Eine Wohltat ist es, zu ruhen, wenn man müde ist und Zeit dafür hat.
 
Dass mit zunehmendem Alter organische Veränderungen stattfinden, erkennen wir Schweizer Automobilisten mit gültigem Führerausweis ab dem 70. Geburtstag alle 2 Jahre. In diesem Zeitabstand legt einem das kantonale Strassenverkehrsamt (das aargauische ist in Schafisheim domiziliert; man lese nicht: Schlafisheim) eine ganze Dokumentation mit dem Betreff-Vermerk „Führerausweis; periodische verkehrsmedizinische Untersuchung“ ans Herz. Dazu gehören lange Listen von zuverlässigen Amts- und Vertrauensärzten, die für solche Untersuchungen eingerichtet sind. Die freie Arztwahl ist somit gewährleistet. Für mich ist jeweils Dr. med. Rolf Hugentobler in der Nachbargemeinde Küttigen AG die geeignete, naheliegende Lösung, ein erfahrener Mediziner, dessen Diagnose schon festzustehen scheint, wenn man die Schwelle des Untersuchungsraums überschritten hat. Er ist gross, schlank, trägt eine weisse Schürze und beobachtet exakt, wie das die Hausärzte alter Schule schon immer taten. Diagnose auf hohem Niveau. Milde, Einfühlungsvermögen und auch eine gewisse Strenge sind aus seinem Gesicht zu lesen. Er kennt auch meine Familie mit ihren Lebens- und Befindlichkeitsstörungen, betreute zum Beispiel auch meine Mutter in der Endphase. Die grosse pflegerische Arbeit erledigte meine Frau in unserem Hause. Und auch andere Familienmitglieder suchen notfalls bei unserem Hausarzt Zuflucht.
 
Gewiss, ich bin persönlich nicht, was sich ein Arzt unter einem Traumpatienten erster Güte vorstellt, schon eher ein (zwar etwas aufgeweichter) Arztabstinenzler, der alles kritisch hinterfragt und sich als Widerspenstiger kaum zähmen lässt. Wenn mich mein Herr Dr. Hugentobler eines Tages aus seiner Kundenliste streichen würde, könnte ich ihm das nicht einmal verübeln. Denn es gibt sicher angenehmere Patienten als mich, ansonsten der Arztberuf längste ausgestorben wäre. Doch unser Arzt des Vertrauens hält tapfer durch, nicht ohne mir diesmal eingangs einen gehörigen, wohlverdienten Rüffel erteilt zu haben. Im Mai 2014 sei ich zum letzten Mal in seiner Praxis gewesen, ohne mich seither wieder zu melden, obschon wird das doch seinerzeit vereinbart hätten. Ich stotterte irgendeine Ausrede zwischen „vergessen“ und „Missverständnis“ zusammen (hatte gemeint, ich würde aufgeboten) und versprach Besserung. Es gehe ihm nur um meine Gesundheit, sagte der freundliche Arzt, und diese persönliche Anteilnahme beeindruckte mich tief.
 
Die Hugentobler-Praxis ist mit mehreren, grossformatigen Flugaufnahmen des Jurasüdfusses und des angrenzenden Aaretals dekoriert, was sie voluminöser erscheinen lässt; es geht hier also um den Überblick.
 
Und während ich den Sehtest mit den in alle Himmelsrichtungen weisenden E-Haken mühelos identifizieren konnte, bei geschlossenen Augen mit den Zeigefingern die Nasenspitze punktgenau traf (ich weiss schon lange, wo sie sich befindet, insbesondere wegen des Schnäuzens) und auch die Wahrnehmung am Rande beidseits des Gesichtsfelds nichts zu wünschen übrig liess, machte ich mir Selbstvorwürfe. Lässt mein Gesundheitsbewusstsein zu wünschen übrig? Doch die Untersuchung nahm mit der gebotenen Gründlichkeit ihren weiteren Verlauf. Kognitive Defizite (im Denken, Wahrnehmen und Erkennen) waren bei mir nicht auszumachen. Und auch ein Diabetes oder eine Schlafapnoe liegen nicht vor. Ich schlafe wie ein Murmeltier, wenn auch nicht hinter dem Steuer.
 
Das Billett (Synonym für Führerausweis) darf ich für 2 weitere Jahre behalten. Sollte ich in dieser Zeitspanne selber erkennen, dass ich der Hektik des Verkehrsgewühls nicht mehr gewachsen bin, würde ich den Ausweis aus eigenem Antrieb nach Schafisheim zurückschicken. Vorerst werde ich aber meine über 50 Jahre unfallfreien Fahrens hoffentlich fortsetzen können.
 
Mit zunehmendem Alter lassen die Leistungsfähigkeiten der Sinnesorgane und des Körpers insgesamt nach, wie eingangs angetönt. Alte Leute kompensieren dies gern durch ein vorsichtiges, d. h. langsameres Fahren … ein Betrag zur Entschleunigung des Verkehrs. Sie leisten also einen aktiven Beitrag zur Unfallverhütung.
 
Die Alten werden mir zustimmen … und sonst niemand.
 
 
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