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BLOG vom 27.06.2015


Was sich aus Gesichtsfurchen ablesen lässt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London

 

Auf der Stirne graben sich im Verlauf der Jahre die Falten tiefer, so auch die Lachfalten, auch Krähenfüsse genannt, bei den Augenwinkeln, und jene rund um den Mund. Honoré Daumier sie trefflich und treffsicher in seinen Karikaturen festgehalten, etwa im Sammelband “Musée pour Rire”. Ich beschränke mich hier auf eine amüsante Illustration: “Auctionnaires des Mines faisant une drole de mine” (2 Spekulanten sind vom Kurssturz arg betroffen), wie von ihrer Mimik ablesbar, als Auftakt zu meiner spielerischen Betrachtung, die an Mumpitz grenzt.

Wieweit sind Fotos von berühmten Menschen aufschlussreich?

Albert Schweizer hat ein vier- bis fünfstöckiges wellig geformtes Netz von Querfalten in seiner Stirne eingegraben, das auf der linken Stirnhälfte ausgeprägter ist als auf der rechten. Hinzu gesellen sich 2 von der Nasenwurzel hochstrebende Runzeln. Er hat bemerkenswert viele Lachfalten, wohl von seinem anerkannten Mutterwitz geprägt. Seine wellige Falten bezeugen, dass sein Denken ihn zeitlebens regsam belebt hatte, wie es einem genialen Forscher zukommt.

Die Stirnfalten des Philosophen Artur Schopenhauer verlaufen geradlinig, 6 auf der rechten Seite, 4 auf der linken. Dem Nasenansatz entsteigt eine tief gekerbte Falte. In seinen Schriften äussert er sich scharfsinnig klipp und klar auf fundierte Erkenntnisse abgestützt, sehr im Gegensatz zu vielen philosophischen “Wellenschläger”.

Der Violinist Yehudi Menuhin ist von Lachfalten beherrscht, seine Querfalten sind mit Notenlinien vergleichbar. Diese sind hauptsächlich auf der linken Stirnhälfte augenfällig. Musik stimmt frohsinnig, folgere ich.

Thomas Manns Foto zeigt drei Querfalten, mit einer markant tief gekerbten Falte aus der Nasenwurzel entwachsen. Gewann er diesen Einschnitt von seinem ironischen Spiel seiner Brauen, das in seinen Prosatexten immer wieder durchschimmert?

Des Nazischergen Hermann Görings vorherrschendes Kennzeichen war ein tief gefrorenes, kaltes Lächeln, das er mechanisch zur Schau trug und Schaudern erweckt.

Nein, auf Deutungen von Fotoaufnahmen ist kein Verlass. Erst aus der verlebendigten Mimik lassen sich Gesichtsfalten behelfsmässig deuten. (Am verlässlichsten sind ihre Werke.) Sorgenfalten prägen die Stirne, Fantasie beleben die Querfalten auf der Stirn wellenartig, Neid frisst sich um die Mundwinkel ein, Frohsinn und Gelassenheit hinterlassen weniger Falten. Eitle Frauen mögen Falten nicht und vertreiben sie, soweit möglich, mit der Kosmetik.

Ich lasse davon ab, meine Gesichtsbahnen zu deuten. Mein Gesicht ist mir lieb und recht, wie es ist. Es ist anerkannt, dass sich aus der Körpersprache gewisse Rückschlüsse ableiten lassen. Auch die Gedankenbahnen hinterlassen ein aufschlussreiches Schienennetz von Falten im Gesicht, das instinktiv auf uns einwirkt: Wer erstaunt oder betroffen ist, zieht die Augenbrauen automatisch hoch. Knifflige Fragen senken und ziehen die Brauen zusammen und vertiefen Falten beim Nasenansatz. Musik lockert alle Falten. Der Austausch von Zärtlichkeiten entspannt sie.

Nachdem ich diesen Text verfasst habe, bin ich entspannt, aber erst, wenn ich mit meiner Arbeit zufrieden bin.

 

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