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BLOG vom 11.10.2015


Eine ganz andere psychologische Verfassung

Autor: Dr. H. L. Wessling, Osteuropahistoriker und Slawist, Deutschland

 

Zur Vergabe des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch

 

Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch


Die wirklich Grossen der Weltliteratur werden niemals Literaturnobelpreisträger!  Dieser Allgemeinplatz schwebt wie ein Menetekel über der alljährlichen Preisvergabe durch die Schwedische Akademie in Stockholm. Das besondere Gefühl einer berechtigten Zufriedenheit mit der Auswahl der Laureaten/innen gehörte in den zurückliegenden Jahren eher zu den selteneren Emotionen innerhalb des literarisch interessierten Fachpublikums.

Eine offensichtlich als Kotau vor den chinesischen Machthabern  gedachte Preisvergabe,  wie etwa die an den chinesischen Parteischriftsteller Mo Yan (2012), Vertreter eines längst untergegangen geglaubten Sozialistischen Realismus – im Jahre 2000 hatte der politisch verfolgte chinesische Dissident Gao Xingjan den Preis erhalten – oder an, bei allem Respekt, doch eher zweitrangige Schriftsteller wie den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer (2011) oder an „Nischenautoren“ wie die Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio (2008) und Patrick Modiano (2014) haben eher Kopfschütteln als Zustimmung ausgelöst.

Die Preisträgerin 2015 ist die 67-jährige belarussische Dissidentin Swetlana Alexijewitsch  und die grosse Mehrheit der Feuilletonisten klatscht zurecht Beifall. Alexijewitsch, die bereits 2013 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, ist die wohl namhafteste Chronistin des Leids und Alltagshorrors in der zerfallenden Sowjetunion. Der Tenor ihres vielschichtigen Werkes liesse sich in Anlehnung an einen Bertolt-Brecht-Titel mit „Not und Elend des Sowjetstaates und seiner totalitären Nachfolger“, namentlich Russland und Belarus, treffend beschreiben.

In den vergangenen 30-40 Jahren hat sich die immer wieder von Zensur und Unterdrückung heimgesuchte Autorin damit beschäftigt, das Individuum der Post-Sowjet-Zeit zu kartographieren, in einer sehr „weiblichen“, eher emotional als kühl-rational angelegten Sichtweise. „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ ist der Titel eines 1983 vollendeten und erst in der Glasnost-Ära 1985 veröffentlichten Buches über die Schicksale der sowjetischen Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für ihr vielleicht bedeutendstes Werk „Zinkjungen“ (1989, auf Deutsch erschienen 1992) – der Titel ist eine Anlehnung an die Zinksärge, in denen gefallene Soldaten heimgebracht werden - interviewte Alexijewitsch mehr als fünfhundert Veteranen aus dem sowjetischen Afghanistankrieg und Mütter von gefallenen Soldaten. 1997 (dt. 2001) folgte ihre Dokumentation über die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl mit erschütternden Berichten über die vom Unglück betroffenen Menschen.

Swetlana Alexijewitsch hat einen eigenwilligen dissoziativen literarischen Stil, der aus Collagen und „Stimmen“ zusammengesetzt ist und so die Befindlichkeit des homo sovieticus sowie die Ohnmacht eines Lebens unter Willkür, Unfreiheit und Unterdrückung mit einer fast protokollarischen Methode beschreibt. Ähnlich wie in den Romanen Herta Müllers, der der Nobelpreis im Jahre 2009 zuerkannt wurde, findet eine Verbindung des Visuellen mit dem Sprachlichen statt. Bilder entstehen und verfestigen sich in einem summarisch angelegten Prozess  quasi puzzleartig durch Einzelstatements und Erfahrungsberichte zu einem letztendlich aufschreckenden Ganzen.

Die 1948 in der Westukraine als Tochter einer Ukrainerin und eines Belarussen geborene Autorin hat nicht den „bequemen“ Weg eines dauerhaften Aufenthalts im westeuropäischen Exil vorgezogen. Sie lebt seit 2011 wieder in der belarussischen Hauptstadt Minsk, inmitten der mittelalterlich anmutenden Diktatur des Präsidenten Aljaksandr Ryhorawitsch Lukaschenka, hat öffentliches Auftrittsverbot, ihr Telefon wird abgehört, ihre Texte werden zensiert.

In der Neuen Zürcher Zeitung vom 14.03.2015 („Rückfall in unselige Zeiten“) beklagt sie die Resowjetisierung und Remilitarisierung der russischen Gesellschaft unter Wladimir Putin und stellt fest, dass dieser seine Landsleute anlüge und seine Macht auf deren „Sklavenmentalität“ aufbaue.  In einem SPIEGEL-Interview stellt sie fest: "Die Menschen im Westen vergessen immer, dass die Russen eine ganz andere psychologische Verfassung haben, als sie selbst. Sie vergessen, dass sie es mit einer Gesellschaft zu tun haben, die in ihrer ganzen Geschichte immer nur Gewalt erlebt hat." (DER SPIEGEL, 17/2014)

Die neue Literaturnobelpreisträgerin ist der lebende Gegenbeweis zu den insbesondere in Deutschland immer lauter werdenden sog. „Putinverstehern“ und Russland„freunden“, die auf der Basis eines kruden Antiamerikanismus abstruse Verschwörungstheorien pflegen, seien sie nun von Gazprom „gekaufte“ Ex-Politiker, Wirtschaftsbosse, denen Geschäft vor Moral geht, oder fehlgeleitete Ideologen am rechten und (!!) linken Rand der Gesellschaft. Ihre „Saat“ sind dann die hirnlosen Kommentare von Halb- bis Ungebildeten in Internetforen, in denen dem Westen die Schuld an Putins neoimperialistischer Expansionspolitik sowie an der Besetzung von Krim und Ostukraine durch russische Truppen zugeschustert werden soll.

Der renommierte Berliner Historiker Heinrich August Winkler hat in seinem Essay „Die Spuren schrecken“ (DER SPIEGEL, 16/2014, S.28/29) in überzeugender Weise analysiert, wie „Sowjet-/Russlandfreundschaft“ in der deutschen historischen Tradition nahezu durchgängig ein Privileg der äussersten Rechten und Linken war. Selbst Joseph Goebbels „träumte“ 1926 von einem „starken Sowjetrussland ohne Juden“ als „dem uns von Natur gegebenen idealen Bundesgenossen gegen die Korruption des Westens“. Hans-Ulrich Jörges bestätigt Winklers Thesen (STERN, 05.02.2015) aus aktueller Sicht am Beispiel der stillschweigenden „Koalition“ von Vertretern der deutschen „Linken“ und der rechtsradikalen AfD in zahlreichen aussenpolitischen Kernfragen.

 Der alte Kampf innerhalb der russischen Intelligenzija des 19. Jhd., zwischen den Bewahrern der Orthodoxie und den „Westlern“, der sich beispielhaft an der Biographie Fjodor Dostojewskis und seinem „Wandel“ vom spielsüchtigen Bohemien zum tiefgläubigen Nationalisten darstellen lässt, ist nicht ein russisches Spezifikum. Die deutschen Russlandfreunde der Gegenwart, rechts wie links, propagieren die gleiche ablehnende Diffamierung demokratisch-aufklärerischer (westlicher) Errungenschaften in einer offenen Gesellschaft als dekadent und die Apotheose eines nach „Führerstruktur“ klar geordneten Systems, wie sie die politischen Extreme der Weimarer Republik betrieben haben.

„Die Geschichte lehrt uns, dass wir aus der Geschichte nichts lernen“ soll Mahatma Gandhi einmal gesagt haben!

 
WERKAUSGABEN (deutsch)
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Henschel, Berlin 1987, ISBN 978-3-362-00159-5.  Neuauflage, erweiterte und aktualisierte Neuausgabe; übersetzt von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin, München 2013, ISBN 978-3-446-24525-9.
Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen.
Fischer, Frankfurt am Main 1992,ISBN 978-3-10-000816-9
Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft.
Aufbau, Berlin 2006, ISBN 3-7466-7023-3.

Website der Autorin


Porträt Swetlana Alexijewitsch in SPIEGEL ONLINE KULTUR
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/swetlana-alexijewitsch-portraet-ueber-literaturnobelpreis-traegerin-2015-a-1056900.html
Felix Ackermann
 Eine kollektive Biographie des Verlustes. Die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
http://zeitgeschichte-online.de/kommentar/eine-kollektive-biographie-des-verlustes

 
Heinrich August WinkleDie Spuren schrecken
In: DER SPIEGEL, 16/2014, S.28/29
 


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