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BLOG vom 15.10.2015


Herrenhüte unterwegs
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London

Der alte Filzhut, wie ihn mein Vater trug, erlebt seine Wiedergeburt und ist wieder modisch geworden. Vorne gekniffen, lüften Herren unterwegs den Hut, wenn sie Bekannte begegnen, etwas höher, gilt ihr Gruss einer Frau. Von dieser Pflicht sind Frauen entbunden. Ihre Frisur muss erhalten bleiben.

Hüte gewinnen ihr Eigenleben im Wind. Er entrollt auf der Strasse, und der Mann muss ihm nachspringen. Das sieht komisch aus. Regnet es obendrein, treibt der Regenschirm sein Unwesen. Mit einer Hand hält der Mann seinen Hut, mit der anderen seinen Schirm. Das sieht noch komischer aus.

Ich selbst bin kein Hutträger, denn ich trage einen dichten Haarschopf, der sich bis heute nicht gelichtet hat. Den Hüten habe ich ein Eigenleben zugestanden. So überlasse ich den Hüten das Wort.

*
Wie zwei Hüte dem Elend entkamen

Ein Filzhut krempelte sich vorne hoch, als er einem anderen begegnete. “Wie geht es dir, mein Bruder?” wollte er wissen.

“Ich bin gestern unterm Regen ganz schlapp geworden”, klagte er, “und wurde zuhause achtlos vom Hausherr am Haken 'erhängt'. Die Frau meines Besitzers war sehr aufgebracht, weil ich aufs Parkett tröpfelte. Du wirst mir nicht glauben: Sie rückte mir mit dem glutheissen Bügeleisen auf den Leib. Wie das mir auf dem Filz brannte! Und jetzt regnet es schon wieder … Was soll ich tun?”

“Jetzt stecken wir beide in der gleichen Patsche”, sagte der Bruderhut. Ich will nicht wie du gebügelt werden und du gewiss auch nicht zum zweiten Mal. Dort drüben unter der Arkade ist es trocken.”

Ein guter Wind pfiff aus der Ecke und wirbelte im rechten Winkel die beiden Hüte genau dorthin, wo sie sein wollten, über die Autos hinweg, stracks vor die Füsse eines Bettlers unter der Arkade. Der Verkehr war dicht, und die Hutbesitzer konnten ihnen nicht nachspringen.

Erfreut empfing der Bettler beide Hüte. Er stülpte einen über den Kopf. Mit einem Hut in der Hand lässt sich besser betteln als mit einer Kartonschachtel, befand der Bettler. So war allen bestens gedient, was nicht oft im Leben vorkommt.

 


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