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BLOG vom 17.10.2015


Der Antiquitätenhändler auf Abwegen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Herr Sturgess war ein angesehener Antiquitätenhändler. Er trat pompös auf, fuhr den neuesten Mercedes mit dem persönlichen Nummernschild “ST111”. Seine Kollegen nannten ihn deshalb “der Saint”. Er lebte auf grossem Fuss und war viel geschäftlich unterwegs.

Herr Sturgess wurde ausserdem als Berater bei kniffligen Erbschaften (in England 'probate valuation' genannt) herbeigezogen und bewertete wertvolle Antiquitäten. Die Erben waren darauf erpicht, der hohen Erbschaftssteuer, soweit als möglich, zu entkommen. Herr Sturgess wusste Rat und schlug den direkten Verkauf eines Objekts an ihn vor. “Damit verhindern Sie erst noch die Kommission der Auktionshäuser mitsamt der Mehrwertsteuer”, köderte er die ahnungslosen Erben, die den Wert eines wertvollen Stückes aus dem Nachlass verkannten. Mit diesem Manöver, das an Betrug, genauer an Vertrauensbruch, grenzte, florierte sein Geschäft auf Hochtouren.

Seine Frau führte die Buchhaltung und bemerkte, dass sich seine Spesen stetig erhöhten. Dank einer Bekannten kam sie ihrem Mann auf den Schlich: Er tafelte in teuren Restaurants, abwechselnd von Frauen mit zweifelhaftem Ruf begleitet. Zur Rede gestellt, bestritt er ihre Anklage. Aber sie hatte sich vergewissert, dass er Liebschaften unterhielt. Die Ehe war zerrüttet, und sie bestand auf Scheidung auf der Grundlage der Gütergemeinschaft. Der Haushalt wurde aufgelöst.

Wendig wie er war, räumte Herr Sturgess die besten Antiquitäten aus seinem Lager und versteckte sie in einer gemieteten Lagerstätte in Schottland. Der Familienbesitz umfasste auch einige feudale Villen in Südfrankreich und Sardinien. England ist das Paradies der Anwälte. Kein Laie findet sich allein im Paragraphendschungel der englischen Gesetze zurecht. Mit der Beihilfe seiner Advokaten gelang es ihm, den Verkaufserlös der Villen in Steueroasen zu verschieben, mittels Geldwäscherei (money laundering).

Seine drei erwachsenen Kinder schlugen sich zur Seite ihrer Mutter. Auch sie sicherten sich Advokaten. Ein langer und erbitterter Kampf begann, der auf dem Gericht ausgefochten wurde. Das Gerangel dauerte Jahre. Dabei schmolz das Vermögen wie Schnee im März. Etappenweise wurden Herrn Sturgess' betrügerische Machenschaften entblösst. Der “Saint” musste büssen.

 


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