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BLOG vom 18.03.2005


Wal-Mart-Firmenkultur: Nicht lieben, dafür anschwärzen

Autor: Heinz Scholz

„O wie lieb ist die Arbeit, wenn man dabei an etwas Liebes zu denken hat und sicher ist, am Sonntag mit ihm zusammen zu sein“, so schwärmte Gottfried Keller in seinem Werk Der grüne Heinrich. Dieses Zitat hat nichts an Aktualität verloren. Auch heute noch sind Frischverliebte oder Arbeitnehmer, die gerne flirten und auch in einer angenehmen Gemeinschaft ihren Lebensunterhalt verdienen, beschwingt, fröhlich und arbeitsam. Es läuft ihnen alles besser aus der Hand. Viele Paare haben sich am Arbeitsplatz kennen gelernt. Sie entdecken ihre Zuneigung, sprechen Einladungen aus – und schon ist die tollste Liebensbeziehung im Gange.

Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Sie verlieben sich in eine Kollegin oder einen Kollegen und bauen eine Beziehung auf. Von diesem Verhältnis erfährt Ihr Arbeitgeber. Sogleich packt dieser den „Hammer“ aus. Gewissermassen als Prophylaxe erhalten alle Mitarbeiter zusammen mit der nächsten Gehaltsabrechnung ein Schreiben, in dem die Firmenleitung zum Ausdruck bringt, dass Liebesbeziehungen im Betrieb zu unterlassen seien.

Diese „Verordnung“ ist kein vorgezogener Aprilscherz, nein, sie wurde beim Weltmarktführer Wal-Mart tatsächlich entwickelt. Diese US-Firma will das Liebesleben ihrer Mitarbeiter streng regeln. „Sie dürfen nicht mit jemandem ausgehen oder in eine Liebesbeziehung mit jemandem treten, wenn Sie die Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können oder der Mitarbeiter Ihre Arbeitsbedingungen beeinflussen kann“, dies schreibt der Kodex vor, wie Spiegel online am 15. März 2005 berichtete.

In meinem Arbeitsleben sah ich des Öfteren Verliebte bei der Arbeit. Diese Verhältnisse wurden nie von Firmenchefs kritisiert. Nur in einem Fall, als sich Verheiratete am gemeinsamen Arbeitsplatz immer heftiger stritten, schritt der Abteilungschef ein und trennte die Streithanseln. Sie arbeiteten von nun an in verschiedenen Abteilungen. Das war richtig, denn nun war der Arbeitsfrieden wieder hergestellt. Von nun an durften auch andere Ehepaare nicht mehr in derselben Abteilung arbeiten. Diese Regelung wurde auch von etlichen Firmen übernommen.

Kehren wir wieder zu Wal-Mart zurück: Diese amerikanische Firma, die im letzten Jahr mehr als 10 Milliarden Dollar weltweit verdient hat und für ihre rüden Attacken bekannt ist, packte noch einen weiteren Hammer aus. Die Mitarbeiter wurden angehalten, ihre Kollegen bei Verletzung eines Firmengesetzes anzuschwärzen. Wer sich nicht daran hält, dem droht die Entlassung.

Die merkwürdigen „Ethik-Richtlinien“ waren nicht mit dem Betriebsrat abgesprochen worden. Die Arbeitnehmervertreter wollen jetzt den Gang zum Arbeitsgericht in Angriff nehmen.

Als meine Frau Paula von diesen Arbeitsbedingungen hörte, meinte sie: „Ich würde eine solche Firma verlassen. Was ein Mitarbeiter privat tut, geht die Firma nichts an. Und Kollegen anzuschwärzen, ist wohl das Schlimmste, was man im Arbeitsleben tun kann.“

Als ich vor einigen Jahren in Diensten einer Pharmafirma stand, versuchte eine junge Frau, andere bei der Chefin anzuschwärzen. Die Folge war, dass sie von nun an – besonders von der holden Weiblichkeit – geschnitten wurde. Auch wurde ihr 2-jähriger Zeitvertrag nicht verlängert. Das Anschwärzen kann für den Betreffenden also auch in die Hose gehen.

Ich persönlich finde das Verhalten des genannten US-Konzerns unakzeptabel. Die Herumschnüffelei im Privatleben von Firmenangehörigen ist menschenunwürdig. Aber die Firma hatte noch mehr zu bieten: Sie bedrohte Mitarbeiter, die nicht spurten, mit Entlassungen und der Schliessung von Filialen. Der Konzern wies dies anschliessend natürlich zurück. „Drohungen sind nicht Bestandteil unserer Kommunikation“, sagte eine Firmensprecherin, und sie betonte weiter, dass es vorrangige Pflicht sei, Standorte profitabel zu gestalten.

Auch in Kanada hat die Firma Wal-Mart einen schlechten Ruf. Dort wurde eine Filiale geschlossen, weil sich die Angestellten von einer Gewerkschaft vertreten lassen wollten. Auch im Heimatland USA kam Wal-Mart wegen Lohndumping und Exporten aus Ländern, in denen keine anständigen Löhne bezahlt werden, in Verruf. Nachdem weibliche Angestellte bei Beförderungen nicht berücksichtigt worden waren, platzte den Arbeitnehmern der Kragen. Sie wollen nun eine Sammelklage einreichen. Da wird den Firmenbossen wohl das Lachen und Geldzählen vergehen – oder auch nicht! In den USA kommen ja vor allem ausländische Firmen an die Kandare.

Vielleicht geht eines Tages den Konzernbossen ein Licht auf, dass nur glückliche und zufriedene Mitarbeiter auch motiviert sind und nur dann hervorragende Arbeit leisten.

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