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BLOG vom 14.01.2016


Utopia und Utopie: Ein Streifzug durchs Thema

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Im Wachtraum zwischen Nacht und Morgen überfallen mich immer wieder Begriffe, die sich in Essays umsetzen lassen. Das geschah mir gestern mit dem Wort Utopie. Damit habe ich mich in ein Spinnennetz verstrickt.

Wo ist Utopia? In Absurdistan. Schriftsteller haben sich dazu geäussert, wie Aldous Huxley in “Brave New World” und “Island”. Die Insel der Glückseligkeit ist in keinem Atlas verzeichnet. H.G. Wells ist ebenfalls ein wesentlicher Autor in diesem Genre. Auch der Mann im Mond ist eine Utopie.

Somit lassen sich Utopien zwischen “was noch nicht ist versus was unmöglich ist” scheiden. Utopisches Denken entspringt der Fantasie. George Orwells “1984” hat jedoch in diesem Werk viele der heutigen Missstände vorweg genommen und mutig angeprangert: der Überwachungsstaat, die Verfolgung der Individualität, die Fälschung von sensitiven Dokumenten, der Personenkult und die damit verbundene Selbstverherrlichung der Politiker. Er hatte eine Spürnase für Tendenzen.

Grundsätzlich sind Utopien zukunftweisend, oft von Mythen, Sagen und Fabeln gespiesen. Dieser Begriff lässt sich in religiöse Utopien aufspalten, worunter “das Paradies”, gefolgt von gesellschaftlichen, wie die utopische Vorhersage einer “Freizeitgesellschaft “, die weitgehend ein Wunschtraum geblieben ist. Stattdessen verlängert sich die Arbeitszeit, hauptsächlich in Grossbritannien. Meine Söhne sind diesem Arbeitsdruck ausgesetzt und müssen erst noch unter Termindruck viele Wochenende ans Bein streichen. Immerhin gewinnen sie ihren Aufgaben Freude ab. Väter und Mütter sind gezwungen, Arbeitsplätze zum Unterhalt der Familie zu sichern. Die Kinder werden in Tagesheimen untergebracht. Ein normales Familienleben in westlichen Ländern wird zur Utopie.   

Etliche einstige Utopien technologischer Art haben sich inzwischen in der Wirklichkeit verankert, wie die Errungenschaft der Raumfahrt. Der Mensch sucht im Weltall nach Bodenschätzen oder für Menschen bewohnbare Gestirne. Der Vorschlag, zuerst auf der Erde für Ordnung und Gerechtigkeit zu sorgen, bleibt vorderhand eine Utopie, die sich konzeptionell schrittweise verwirklichen liesse.

Robotik und künstliche Intelligenz (artificial intelligence) entwickeln sich sprunghaft. Wie werden sie unser Leben beeinflussen? Das ist keine Science Fiction mehr.     

Die ausserordentlichen Fortschritte der Gentechnik, um Krankheiten und Seuchen beizukommen, hat Fuss gefasst. Das mag als willkommener wissenschaftlicher Durchbruch gewertet werden. Wieweit sind Genmanipulationen statthaft, bleibt eine offene und umstrittene Frage. Dr. Mengeles skrupellose Versuche in dieser Richtung sind abscheulich.

Dem Humanismus sind, trotz ihrer Schrittmacher, allerengste Grenzen gesetzt. Der Machttrieb herrscht vor: Scheussliche Kriege und Genozide entflammen weiterhin. Sie hinterlassen Schutt und Asche. Das Waffenarsenal wird aufgestockt. Nordkorea habe eben eine H-Bombe getestet, entnehme ich den Nachrichten. Abertausende von Flüchtlingen suchen gegenwärtig verzweifelt Zufluchtsstätten, vorzugsweise in Europa. Viele von ihnen darben in armseligen Auffanglager. Die Caritas lässt auf sich warten und wird rationiert. Die Politiker debatieren, wer und wieviele der Flüchtlinge in den EU-Staaten Unterkommen und Auskommen finden sollen. Deutschland hat sie willkommen geheissen, sehr im Gegensatz zu Grossbritannien.  

Meine Fundgruben zu Utopien finde ich in der Literatur, besonders in Werken, die Hoffnung für eine bessere Zukunft verheissen. Fabeln und Märchen mit gutem Ende erfreuen mich allezeit. Sie sind eine Quelle der Inspiration. 

Aber ich muss gestehen, dass ich kein Utopist bin, wiewohl ich in meinen Kurzgeschichten versöhnlich gestimmt bleibe und das Positive hervorhebe. Das mag seinen Hintergrund in meiner Vorliebe für klassische Musik haben. Dissonanzen sind mir zuwider. Ich verabscheue Brutalität und Machtmissbrauch. Das versuche ich auch in meinen Aphorismen kapern.

Ich verstehe den Drang der Menschen, die sich massenhaft in den sozialen Medien einnisten. Dort kann sich jeder, mit gewissen Einschränkungen, nach seinem Gutdünken äussern. Das ist recht so. Ich würde in solcher Meinungsflut kläglich ertrinken. Zudem ringt eine Unmenge von “Apps” um Vormacht auf elektronischen Geräten in Taschenformat. Ich suche fallweise, wenn zwingend erforderlich, die Apps im Internet auf, ohne ihr Sklave zu werden.

Lässt sich der elektronische Zauber als eine dauerhaft verwirklichte Utopie einstufen? Ist er ein Surrogat, eine Sucht, die uns vom Leben, eigenem Erleben, Empfinden, und selbstständigem Denken ablenkt? 

Ich stelle lediglich fest, dass die Benutzer elektronischer Geräte vorwiegen – auf den Strassen, in der U-Bahn, in Imbissecken, eigentlich überall. Entmündigen sich damit die Leute fortzu im Äther schwebend? Der  Idealismus serbelt dahin in der Massengesellschaft – und wird vielerseits als utopische Illusion abgestempelt. Dagegen stemme ich mich als ausgeprägter Individualist.



Hinweise auf informative Übersichten zu den Stichwörtern “Utopie” und  “utopische Literatur” in Wikipedia.

23.09.2015     Werden wir von Robotern ersetzt?
03.09.2015     England: Einbrüche in die Privatsphäre
30.07.2015     Der westliche Kulturverfall
07.02.2015     Was bleibt vom Pazifismus übrig? Eine Friedensillusion
14.01.2015     Sensiblen Werten Sorge tragen: Freiheit, kein Freibrief
11.12.2014     US-Extraordinary Rendition: Folter, nicht ungewöhnlich
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11.03.2012     Im IT-Universum – oder: Wie man auf den Hund kommt
02.07.2011     Soziale Zustände in London: Aus der Hüfte geschossen
23.04.2010     Die PC-Spielsucht: Am wirklichen Leben vorbei leben

 


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