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BLOG vom 17.01.2016


Zschokke: Mehr als eine Denkmalfigur

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH

 


Heinrich Zschokke
(Quelle: wikipedia.org)
 

Red. Heinrich Zschokke, geboren 1771 in Magdeburg, verstorben im Verfassungsjahr 1848 in Aarau, setzte als einer der erfolgreichsten Schweizer Autoren aller Zeiten Massstäbe. Er ist zu würdigen als Kosmopolit, Politiker und Begründer von Bürgerkultur.

Seiner zu gedenken ist im Jahr des 150. Todestages des Luzerner Staatsphilosophen Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) ebenso aktuell wie aus Anlass des 150. Todestages von Jacques Bartélemy Micheli du Crest (1690 – 1766), dessen 250. Todestag Ende März ebenfalls fällig ist. Es gibt nach Pirmin Meiers Auffassung kaum eine Biographie über einen Schweizer, die so gründlich und sorgfältig erarbeitet wurde wie das Standardwerk über Heinrich Zschokke von Werner Ort. Textatelier-Autor Pirmin Meier wird am 6. März in Aarau die Gedenkansprache zum 150. Todestag von Troxler halten, desgleichen sich in einer Dokumentarsendung des Fernsehens SRF im nächsten Juni über Troxler und Zschokke äussern. Auf den Gemeinplatz, die beiden grossen Männer seien vergessen, ist zu verzichten. Er würde auf Pirmin Meier wohl bedeutendste biographisch erarbeitete Gestalt, den Landesvermesser und Frühdemokraten Micheli du Crest, 19 Jahre lang Gefangener auf der Aarburg, in noch höherem Ausmass zutreffen.

 „Bürger Pestaluz“, „Bürger Stapfer“, „Bürger Zschokke“, „Bürger Direktoren“ – so pflegte man einander zu den revolutionären Zeiten der in Aarau begründeten Einen und Unteilbaren Helvetischen Republik anzureden. So ging es zu von 1798 bis etwa 1801, als dieses zentralistische System in der Schweiz auszulaufen begann. Nie vorher und nie nachher in seiner Geschichte wurde das Land auf vergleichbare Weise von Visionen, Emanzipationen, Manipulationen und permanenten Reformmassnahmen heimgesucht; einmal zentralistisch-unitarisch, ein anderes Mal mehr föderalistisch. Dazu von fremden Armeen überfallen, die unser Land als Kriegsschauplatz benützten und dann und wann auch vor Massakern an Menschen oder an Vieh nicht zurückschreckten. Nie gab es mehr Befreiung, aber auch nie mehr „Insurrektionen“, also Volksaufstände; nie auch mehr politische Gefangene als damals. Das System des Einheitsstaates passte zur Schweiz wie die Faust aufs Auge. Auf der positiven Seite waren die Enquêten des Ministers Stapfer und seine Massnahmen zur Bildungspolitik etwas vom Fortschrittlichsten, was es bei einer Revolution in Europa je gegeben hat. Und in Aarau, der ersten Hauptstadt dieser schnelllebigen Republik, war das „Büro für Nationalkultur“ beheimatet. Sein Chef: der seit 1795 in der Schweiz lebende Preusse Johann Daniel Heinrich Zschokke (1771 – 1848). Er lebte nicht von Visionen. Dauernd musste er irgendwo zum Rechten sehen. Am nachhaltigsten in der Innerschweiz, wo das Chaos, auch die Menschenopfer des verordneten Fortschritts, am höchsten waren.

Wer von den Generationen über 40 kennt nicht das Schulwandbild vom Waisenvater Pestalozzi in Stans? Wer wissen will, wie es wirklich war, lese das Kapitel „Regierungskommissär in Stans“ S. 269 bis 292 in Werner Orts grosser Zschokke-Biographie, die ich drei Jahre nach ihrem Erscheinen umso mehr bewandere, als dieses Jahr der 150. Todestag von Zschokkes Weggefährten Ignaz Paul Vital Troxler fällig ist, mit einer hoffentlich schönen Feier am 6. März in Aarau.

Dank dem Verwaltungsgenie des Aargauers Albrecht Rengger wurde erstmals nach einer Schlacht oder einem Massaker eine genaue Opferstatistik aufgenommen. Kommissar Zschokke hatte alle Hände voll zu tun, das, was der organisatorisch überforderte „Bürger Pestaluz“ in Stans ungeschickt anstellte - es war ziemlich viel - , in nutzbringende Bahnen zu lenken. Nicht als Helfer wurde Pestalozzi in Stans wahrgenommen. Eher schon als Gespött des Fleckens. Dazu Zschokke, S. 78 bei Werner Ort: „Man hielt ihn für einen gutmütigen Halbnarren, oder armen Teufel, Darum spazier‘ ich öfters Arm in Arm, recht absichtlich und den Spiessbürgern zum Trotz, mit ihm; verrichte Kammerdienerarbeit bei ihm, bürste Hut und Rock, oder mahne ihn an die schiefgeknöpfte Weste, ehe wir im Publikum erscheinen.“ Es ging Zschokke aber nicht um Selbstdarstellung verhasster Funktionäre. Stärker als Philosophen und Ideologen der damaligen Zeit sah er sich gedrängt, anstehende praktische Probleme zu lösen, so im „Aufruf zum Erbarmen für die leidende Menschheit in den verheerten Gegenden des Cantons Waldstätten“. Dieses Flugblatt „löste in der ganzen Schweiz eine beispiellose Welle der Solidarität aus“ (W. Ort, S. 305). Dankbarkeit durfte Zschokke als Vertreter einer Besatzungsmacht nicht erwarten. Umso weniger, als er „aufmüpfige Weiber“ (nämlich gegen die neue Obrigkeit) in Stans zum Wischen des Kirchplatzes verknurrte; eine nützliche Massnahme. Gefängnisplätze waren kaum vorhanden. 

Pestalozzi, 2003 zum wichtigsten Aargauer gewählt, und Zschokke als Freunde und Brüder Arm in Arm in Stans? Das setzte wohl eher Steinwürfe ab als Applaus. Für das Volk von Nidwalden waren es zwei „Sidiane“. Der Ausdruck „Sidian“, in der Innerschweiz bis in die neueste Zeit geläufig, ist ein ehemaliges katholisch-konservatives Schimpfwort. Pfarrer Franz Joseph Stalder, später Chorherr in Beromünster, gemäss Werner Ort ein Bekannter Zschokkes, hat in den Jahren 1812 und 1819 das erste Deutschschweizer Mundartwörterbuch initiiert. „Sidian“ kommt von „Citoyen“ und meinte ursprünglich einen Franzosenfreund beziehungsweise ein demagogisches Grossmaul. Zschokke ein „Sidian“? Stellen Sie sich vor: dieser dahergelaufene 28jährige helvetische Kommissar mit Doktortitel hatte in Deutschland schon mehr als ein Dutzend Dramen, Romane und sonstige Bücher veröffentlicht und konnte sich um Welten flüssiger ausdrücken als irgendein Deutschschweizer der damaligen Zeit, und dies mit sächsischem Akzent!

So also muss man sich einen „Sidian“ im damaligen Nidwalden vorstellen. Es war vierzig Jahre später im freiämtlichen Muri wohl nicht viel anders, als der „Sidian“ Zschokke zur bürokratischen Vorbereitung der Aufhebung des Benediktinerklosters im Auftrag des Kantons Aargau eine kritische Statistik aufnahm. Dass indes Zschokke die Umwandlung des Klosters und Wallfahrtsortes Einsiedeln in ein sogenanntes Irrenhaus vorgeschlagen haben soll, wird in der vorliegenden Biographie weder bestätigt noch erörtert. Die humanitär gemeinte Massnahme wäre noch heute, zum Beispiel in Rom oder in Mekka, kaum ohne Komplikationen umsetzbar. Dabei hat Zschokke, wie der von ihm nicht ganz unkritisch verehrte Napoleon, die Jahrhunderttendenz der Säkularisierung richtig verstanden, im Einzelfall das Beste daraus gemacht. Einsiedeln musste kein „Irrenhaus“ werden. Aber zum Beispiel das ehemalige Frauenkloster Olsberg eine noch heute dem Kanton Aargau dienliche Stätte der Sonderpädagogik.

Das Buch liegt vor uns: ZSCHOKKE 1771 – 1848 – EINE BIOGRAPHIE. Der Verfasser, Dr. Werner Ort, Historiker und Germanist, hat diesem Projekt rund zehn Jahre seines Lebens gewidmet, seine wissenschaftliche Existenz in dieses Projekt investiert. Von der Doktorarbeit über Editionstätigkeit, unzählige Artikel, Zeitschriftenaufsätze und Vorträge. Vor 13 Jahren wurde Werner Orts wertvolles Buch „Der modernen Schweiz entgegen – Heinrich Zschokke prägt den Aargau“vorgestellt. Soweit einige Präliminarien zu dieser Biographie.

Die Textsorte Biographie wird für den Verfasser umso schwieriger, je mehr einer von der Sache weiss und versteht. Der beste lebende Rousseau-Kenner, Prof. Eigeldinger (Neuenburg), hat dickleibige Bücher geschrieben wie „Rousseau von Tag zu Tag“ und „Dictionnaire Jean-Jacques Rousseau“. Für solche Publikationen betreffend Zschokke hätte Werner Ort seinerseits alle Voraussetzungen. Er weiss so viel über Zschokke, dass er selber und die Lesenden jederzeit im gigantischen Stoff ertrinken könnten.

Beim Risiko, dass selbst im kleingedruckten Personenverzeichnis von zwölf Kolonnen bei weitem nicht jede einigermassen wichtige Figur vorkommt, die irgendwann mal direkt oder indirekt in Bezug zu Zschokke stand (z.B. nicht Pater Marian Herzog, Iwan von Tschudi, Heinrich Hössli), bringen die incl. Einleitung 20 äusserst knappen Kapitel das Porträt eines Autors, dem Aufklärung und Unterhaltung des Publikums lebenslang ein Anliegen waren. Es handelte sich bei Zschokke um eine wissenschaftlich, auch populärwissenschaftlich und sozial engagierte Persönlichkeit mit einem unerhörten, meistenteils erfolgreich umgesetzten Reformwillen. Eine Persönlichkeit der europäischen Kulturgeschichte, die im „Naturalienkabinett“ des schweizerischen und deutschen Bürgertums ihresgleichen sucht. Es ist auch ein Stück hochrelevanter Literaturgeschichte geworden. Kann man den Schweiz-Aufenthalt von Kleist, auch die berühmteste Komödie in deutscher Sprache, den „Zerbrochenen Krug“, ohne Zschokke angemessen würdigen?

Selbst Goethe als Dramatiker, Romanautor, Sachbuchautor, universal dilettierender Gelehrter, praktischer Politiker und Geschäftsmann ist ohne den einen oder anderen Seitenblick auf Zschokke, mit dem er in brieflichem Kontakt stand, literatursoziologisch kaum optimal zu erfassen. Zschokke kam in Magdeburg auf die Welt. Damals schrieb, gemäss den Tagebuchdaten, Goethe in Frankfurt seinen „Werther“ nieder. Und Goethe war es, der eine Zschokke-Bearbeitung von Molière in Weimar zweimal auf die Bühne brachte. Auch das vernehmen wir bei Werner Ort. Was Goethe und Zschokke betrifft, so sind nicht nur die gelbe Vertünchung der Villa Blumenhalde in Aarau und diejenige des Hauses am Frauenplan in Weimar Gemeinsamkeiten. Beide Persönlichkeiten wurden, in unterschiedlichen Proportionen, gleichsam zu Institutionen der Kulturgeschichte und erhielten in ihrer jeweiligen „Residenz“ noch und noch Besuche von Persönlichkeiten aus dem Geistesleben, manchmal schlicht nur von Neugierigen.

Bei etlichen der 20 Kapitel bei Werner Ort steht die Bildungsgeschichte im Vordergrund. Ich denke an die Ausführungen über das richtungweisende Seminar in Graubünden, den Aarauer Lehrverein die epochale Rolle Zschokkes für das Aargauer Schulgesetz von 1835. Was die Pressegeschichte betrifft, den „Schweizerboten“ und Kulturzeitschriften wie „Isis“ und „Erheiterungen“, so zeigt Werner Ort Zschokkes Kampf gegen die Zensur exemplarisch. Ein Buch, das im Verlag „hier+jetzt“ erscheint, muss daran erinnern, dass die Presse- und Meinungsfreiheit von jeder Generation wieder neu erarbeitet werden muss, will man sie nicht verlieren.

Für die Literaturgeschichte scheinen die Frühwerke Zschokkes, seine Dramen und Romane, so sein einst vielgespielter „Abällino“, von einzelnen reizvollen nach wie vor vergnüglich spielbaren Szenen abgesehen, bloss noch von historischer Bedeutung zu sein: im Umfeld von wichtigeren Werken anderer Autoren. Der bis heute bedeutendste Aargauer Schriftsteller hat geflügelte Worte geprägt wie „Hans Dampf in allen Gassen“ und, für die KMU im Aargau besonders passend: „Handwerk hat goldenen Boden“.

Für den schweizerischen Realismus, vor allem Gotthelf, bleibt der wieder zugängliche erste Genossenschaftsroman der Weltliteratur, „Das Goldmacherdorf, oder wie man reich wird“, ein epochales Werk. Jede Generation sollte sich mit dem Genossenschaftsgedanken auseinandersetzen. (Im Jahre 2012  hatten wir das „Uno-Jahr der Genossenschaften“.) Und die „Brannteweinpest“, Vorbild für eine Gotthelf-Erzählung, hängt mit einer nie definitiv in den Griff zu bekommenden Volksseuche zusammen.
 
Mehrmals verweist Werner Ort auf Zschokkes Meistererzählung aus der Zeit der Restauration: „Eros“. Innerhalb der Biographie musste er auf eine detaillierte Interpretation verzichten. Es bleibt aber dabei, dass Zschokke hier erstmals in der schweizerischen Volksliteratur, mit Bildern, die an E.T.A. Hoffmann und an Kafka erinnern, so der Gestalt eines „Wassermenschen“, auf die ungeheure Einsamkeit des damaligen Homosexuellen aufmerksam macht. Für dessen Neigung gab es nicht einmal einen angemessen Namen. Wenn Werner Ort die patriarchalisch-konservative Einstellung des Familientyrannen Zschokke dann und wann kritisch moniert, wäre hier kompensatorisch auf eine überraschende Perspektive des 21. Jahrhunderts zu verweisen gewesen. Beim jungen Zschokke geht die Zukunftsperspektive gemäss Darstellung von Werner Ort (S. 115) bis ins Jahr 2222. Für den Magdeburger ein Zeitalter der Luftschiffe, Deckenlampen und einer Religion namens „Salomonismus“, die alles Irrationale meidet.

Wir verdanken Werner Ort Einblicke in den Erzähler Zschokke, auch in den für die Schule einflussreichen Geschichtsschreiber in der Tradition eines Johannes Müller. Wie wichtig der Sachbuchautor Zschokke nebst grundlegenden Werken über das Forst- und Bergwesen und die Meteorologie geworden ist, kann man sich heute schwer vorstellen. Sein vielgedrucktes bibliophiles Hauptwerk „Die klassischen Stellen der Schweiz“ begründete in der Geschichte unseres Tourismus den Kanon dessen, was ein Chinese und Japaner heute von der Schweiz gesehen haben wollen. Kaum ein Gründer des Schweizer Alpenclubs war nicht von Zschokke und dessen geodätisch versierten Freunden Tralles, Gruner, Johann Rudolf Meyer und anderen beeinflusst. Diese Gründung erfolgte vor 153 Jahren im Bahnhof Olten (19. April 1863).

Eine grosse Biographie – und die von Werner Ort verdient diese Benennung in jeder Beziehung des Wortes – „lebt“ davon, wie ein Mensch seine Kindheit erfährt: seine Bildung durch Zeichen, Sachen, Menschen. Wie er sich sozialisiert, wie er seine Beziehung zum anderen Geschlecht, zur Familie, zu jeder Art von Gemeinschaft und zuletzt seine Beziehung zu Gott findet beziehungsweise zu dem, was für ihn den höchsten Wert darstellt. Grosse Biographie zeigt, wie ein Mensch seine Ziele erreicht und wie und wo er scheitert. In der Zeit der Helvetik zum Beispiel ist der Universalreformer Zschokke mehrmals auf Grund gelaufen. Nicht nur in Graubünden, auch in der Zusammenarbeit mit Stapfer, zu schweigen von der Volkserziehungsresistenz der alpinen Dickschädel. Auch Zschokkes frühe Liebesgeschichte mit einer romantischen Amazone aus Basel, Sibylla Heitz, endete im Fiasko. Als Ehemann der Pfarrerstochter Nanny Nüsperli und Vater von zwölf Buben und einem Mädchen vermag er - Werner Ort zu scheint es zu bedauern - rückwirkenden Ansprüchen der heutigen Frauenwelt nicht zu genügen.
Ein kleines Meisterwerk der Historiographie von Literaturgeschichte, Bildungsgeschichte und allgemeiner Kulturgeschichte scheint mir die Jugendgeschichte von Zschokke zu sein, wie sie Werner Ort wie bisher keiner zu erzählen verstand. Lange stützte man sich kritiklos auf die „Selbstschau“ des Magdeburgers, ohne zu bedenken, wie stark Autobiographien stilisiert zu sein pflegen und speziellen Zwecken der Eigenrepräsentation dienen. „Hier irrte Goethe“, sagt der Forscher, der aufgrund von Quellendokumenten nachweisen kann, dass der Meister sich falsch oder ungenau erinnert. Nach diesem Prinzip wurde die Lebensgeschichte von Zschokke musterhaft aufgearbeitet.

Die Kunst liegt indes nicht in der romanhaften Verwandlung des Stoffes (was nicht zulässig wäre). Aber man spürt eine modellhafte Annäherung der Faktenvermittlung an den bedeutendsten Text in der Bildungsgeschichte des deutschen Kleinbürgertums: „Anton Reiser“ (1785 – 1790), die nur wenig verfremdete Lebensgeschichte von Karl Philipp Moritz (1756 – 1793). Das Leben von Karl Philipp Moritz und dasjenige von Zschokke zeigen frappante Parallelen in psychologischer Durchdringung: Armut, autoritäre Verhältnisse, Zurücksetzung, Bigotterie, unübertreffliche Tyrannei in der Schule, Verkennung und Isolation eines Hochbegabten und bei der Hauptperson die bewegende Differenz zwischen einem fast unendlichen Innenleben und der Niederhaltung durch äussere Schikanen. Ein Schicksal, repräsentativ für Millionen und doch erschütternd am Beispiel eines einzigen, einmaligen Menschen.

Trotz all dieser Widerstände kommen Anton Reiser einerseits und Zschokke andererseits zu hoher Gelehrsamkeit, zu akademischer Bildung, zum Theater. Eine Art realer Wilhelm Meister und seine theatralische Sendung, um abermals den Leitstern der deutschen Kulturgeschichte, Goethe, zu bemühen.
Die Jugend- und Bildungsgeschichte von Zschokke könnte vielleicht einmal zu einem Jugendbuch bearbeitet werden.

Beeindruckend bleibt bei Zschokke die zwanglose Verbindung zwischen Kosmopolitismus und Patriotismus. Einer begeisterten Liebe zur Schweiz, und zwar nicht nur zu landschaftlichen Schönheiten wie den Nebelbildern auf der Rigi, hat er an unzähligen Stellen seines Werks gehuldigt, bei Werner Ort ausreichend zitiert. Der Kosmopolitismus, das Weltbürgertum, war bei ihm nicht einseitig europäisch zentriert. „Die Gründung von Maryland“ lautet der Titel einer repräsentativen Erzählung, und man spürt: Zschokke hätte seinen Weg als Pionier bürgerlicher Kultur sowie von Freiheit und personaler Selbstbestimmung bei Beibehaltung von patriarchalischen Werten und Gottvertrauen jenseits des Grossen Teichs wohl erst recht gehen können. Vielleicht wäre er in den Vereinigten Staaten ein Vorläufer von Henry David Thoreau geworden.

Nur als Selbstversorger in eine Waldhütte hätte er sich nicht zurückgezogen. Er war ein ausgesprochener Gesellschaftsmensch, nicht nur als Freimaurer in Frankfurt an der Oder 1795 oder in Aarau ab 1810. Eine führende Rolle spielte er in der Helvetischen Gesellschaft, in verschiedenen Naturforschenden Gesellschaften und als Gründer und Hauptträger der Aargauischen Gesellschaft für Vaterländische Kultur. Vaterländisch hiess damals bürgerlich, und bürgerlich wiederum hiess sozial verantwortlich. Auch in diesem Bereich auf der Basis von Eigeninitiative, nicht mit Forderungen, sondern konkreten Gründungen, zum Beispiel die pionierhaften Institutionen zugunsten von Taubstummen und anderen Handicapierten. Seinen Sinn für Humor demonstrierte Zschokke nicht bloss als Mitglied des Stadt-Cölnischen Karnevalsvereins; nachdrücklicher in seinen Schriften, dann und wann auch im „Schweizerboten“, nach Werner Ort der ältesten Boulevardzeitung der Schweiz.

Der selbstverantwortlich handelnde mündige Mensch steht nicht als Individuum für sich allein. Der Mensch steht bei den Leuten. Ein Schmiermittel der Kommunikation, um es mit einem heutigen Ausdruck zu sagen, war für Zschokke die Bildung. Das von ihm geprägte Schlagwort „Volksbildung ist Volksbefreiung“ wird in Festreden so schnell und unverbindlich zitiert wie vergleichbare Sprüche bei Gotthelf, Keller, Max Frisch. Der Slogan wäre auf auf eine kritische Fragestellung zu reduzieren. Man findet diese bei Werner Ort auf S. 561:
„Woran erkennen wir die Tüchtigkeit und Weihe eines Volkes zu seiner Selbstherrschaft und zur Freiheit? – An der Stufe der Bildung!“

 


Zschokke-Denkmal im Stadtpark Aarau
(Quelle: wikipedia.org)
 

In Aarau hat es ausser Verfassungsratsvizepräsident Heinrich Zschokke noch Oberst Arnold Künzli, der Vater der Verfassung von 1885, zu einem Denkmal gebracht. Nicht zu vergessen der Kulturkämpfer Augustin Keller, der als Pädagoge und Bildungspolitiker letztlich weit langfristiger wirkte wie als Politiker. Auch er verstand sich als Schüler von Zschokke und Ignaz Paul Vital Troxler, dessen Büste unbegreiflicherweise aus dem einstigen Rekreationszimmer des  Aargauer Grossen Rates entfernt worden ist, entsorgt in die Rumpelkammer des Kunsthauses. Als ob es sich der Kanton Aargau leisten könnte, auf das Erbe eines so grossen Geistes zu verzichten. Der Zschokke-Büste im Eingang zum selben Raum im Grossratsgebäude soll es gleich ergangen sein.

Das wahre Denkmal aber für einen bedeutenden Autor und eine kolossale geistig-politische Persönlichkeit ist und bleibt eine bestmögliche Biographie. Diese hat Werner Ort, der am sorgfältigsten arbeitende mir bekannte Verfasser einer Biographie vorgelegt. Daran zu erinnern ist mir auch im Gedenkjahr von Ignaz Paul Vital Troxler ein Anliegen, nicht zu vergessen der 250. Todestag des am längsten eingesperrten politischen Gefangenen der Schweiz, Jacques Bartélemy Micheli du Crest, verstorben in Zofingen am 29. März 1766. Gerne hoffe ich, dass meine wiewohl unvollkommene, mit der Leistung von Werner Ort keineswegs vergleichbare Biographie über diesen einzigartig mutigen Thermometerbauer, Landesvermesser und Kämpfer für die Demokratie eines Tages neu aufgelegt wird. Die Existenz einer demokratischen Zivilisation ist aufgebaut auf dem Erbe einiger Männer, im Einzelfall auch Frauen, die das Salz, das Licht und den Tau bezahlt haben, dem das Land Schweiz jenseits der Berge (Micheli du Crest hat sie vermessen, Zschokke beschrieben) seine geistige Substanz und sozusagen die Temperatur der Freiheit verdankt.

Heinrich Zschokke 1771 – 1848  - Eine Biographie. Verlag Hier+Jetzt, Baden/Schweiz 2013

 

 

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