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BLOG vom 07.02.2016


Fortsetzung "Kriegskind"

Autorin: Susan Casadei


Das war ein schwieriger Anfang für den armen Freddy, bis er mich endlich treffen konnte. Eigentlich hatte sich in St. Moritz ein anderes Mädchen in den gutaussehenden, sportlichen Freddy verliebt. Aber Freddy hatte anscheinend nur Augen für mich. Er ist zusammen mit einem Freund mit in unseren Zug eingestiegen und hat so getan, als ob sie den Ausstieg verpasst hätten. Er überreichte mir zum Abschied sogar eine Tafel Schweizer Schokolade, die ich gar nicht beachtete. An der nächsten Station mussten die beiden Herren dann doch aussteigen und breiteten ein grosses weisses Leintuch aus, um zum Abschied zu winken. Dies alles ging an mir wirklich völlig interesselos vorbei, ich fand es zwar lustig, aber hatte nicht das Gefühl, dass dies alles für mich gedacht war.

Freddy kam dann tatsächlich kurz nachher einmal nach München, hatte aber nur die Adresse meiner sehr an ihm interessierten Freundin, die ihm ungern dann doch meine Telefonnummer gab. Aber ich war für eine Woche in Paris. Freddy rief mich dann am Abend seiner Abreise doch noch an, aber da ich weiterhin kein Interesse hatte und gerade erst aus Paris zurückkam, wollte ich ihn noch an diesem Abreisetag dann doch nicht sehen. Er musste traurig und erfolglos wieder abreisen. Mit meiner Freundin hatte er anstandshalber einige Zeit in München verbracht, sich aber doch weiterhin nicht für sie erwärmen können.

Meine Freundin, die immer noch sehr interessiert an einem Wiedersehen mit Freddy war, brachte mich dazu, ihn zu einer Party im Turm von Rosenheim dann doch nochmal einzuladen. Er kam prompt und erst als er unerwartet länger in München bleiben musste weil der schöne alte MG seiner Mutter eine Autopanne hatte, hat es dann bei mir doch endlich auch gefunkt.
 
Wir waren dann fast 4 Jahr in einer sogenannten Fernbeziehung. Freddy studierte an der ETH in Zürich Elektrotechnik und ich arbeitete in München als Direktionssekretärin beim Oldenburg Verlag. Wir hatten uns ja in München nur eine Woche gesehen und verliebt, aber das reichte uns natürlich noch nicht für den grossen Schritt eines Umzuges. Ich war gerne in München, hatte viele gute Freundinnen und Freunde und die Schweiz war eigentlich damals keine Option für mich, auch wenn es mir in Neuchâtel damals sehr gut gefallen hat.

Wie schon erwähnt, hatte ich mich 1961 ganz rasch entschlossen, eine flüchtige Bekannte abzulösen, die bei einer Französisch-Schweizer Familie als Au-pair-Mädchen arbeitete und zurück nach München wollte. Meine Mutter war sehr gegen diesen Ortswechsel, hatte ich doch schon einen gutbezahlten Job und eine gute Schulausbildung genossen. Sie kannte mich wohl besser als ich mich selbst und prophezeite mir, dass ich mich in der Rolle einer schlecht bezahlten Haushaltshilfe nicht wirklich wohlfühlen würde. Zwei halbwüchsige, aufmüpfige Kinder warteten in Neuchâtel auf mich und "Madame" erwartete natürlich eine relativ unterwürfige Arbeitskraft, die brav im Haushalt auch niedrigste Arbeiten mit Freude verrichtet. Ich wollte hingegen nicht verstehen, dass ich in einem fast den ganzen Tag unbewohnten Haus jeden Tag sämtliche Zimmer saugen musste und täglich mehrmals die schicken Schuhe von Madame putzen sollte, die nur auf einem Gartenweg vom Haus bis zur kleinen Fabrik getragen wurden. Hinzu kam, dass im obersten Stock auch noch die Schwiegermutter sehr genau aufpasste, was das junge Ding da unten wohl anstellen würde.

Na ja, es gelang mir trotzdem, mich bei laufendem Staubsauger in irgend eine bequeme Ecke zu setzen und zu lesen. Ich wollte schon unbedingt in diesem Jahr die französische Sprache erlernen und muss hier meiner Madame ein Kränzchen winden. Sie war wirklich sehr geduldig und stand mit den Diktionär mit mir am Küchenherd. Obwohl sie sehr gut deutsch sprach, hat sie meinem dringenden Wunsch entsprochen und mit mir nur französisch geredet. Auch die Kinder taten das und haben mich rücksichtslos korrigiert, wenn ich wieder ganz rudimentäre Fehler machte. Das war wirklich die beste Schule, um sich möglichst rasch zumindest verständigen zu können.
Auch wenn ich einmal dem Mann meiner Madame zum Abendessen einen "cul au fromage" anstatt einer "croute au fromage" anbieten wollte, so lernte ich doch im Laufe der Zeit mich ganz gut zu verständigen. Abends ging ich in eine Abendschule, musste dafür mit dem Fahrrad einige Kilometer weit in die Stadt radeln oder das klapprige Tram benutzen, zu dem ich aber einen recht langen Fussweg zu absolvieren hatte.

In der Abendschule habe ich nicht sehr viel gelernt, aber sehr bald schon machte ich Bekanntschaft mit jungen Leuten, ja einer ganzen kleinen Jazz-Band, und da habe ich zusätzlich meine Französischkenntnisse vervollkommnet. Da ich zum ersten Mal von zuhause weg war, hatte ich doch recht Heimweh und eine meiner Freundinnen hat sich erbarmt und sich für dieses Jahr dann, in einer mit Madame befreundeten Familie, um eine Au-pair-Stelle beworben. Das hat mir dieses Auslandsjahr sehr erleichtert und wir zwei jungen, nicht ganz hässlichen Mädchen, haben das kleine Städtchen ganz schön aufgewirbelt. Da wir, was den Sex anbelangt, Gott sei Dank sehr zurückhaltend waren, haben wir schnell bei den jungen Franzosen "les 2 Frigidaires" (die beiden Kühlschränke) geheissen. Das hat uns aber gar nichts ausgemacht. Wir blieben trotzdem viele Abende in den verschiedenen Jazz-Kellern gut gelitten. Madame hat schnell gemerkt, dass mir der Haushalt nicht allzu viel Freude macht und mich mit in ihre Fabrik genommen, um dort ihre Lohnbuchhaltung und andere Büroarbeiten von mir erledigen zu lassen. Natürlich ohne zusätzlichen Lohn, aber das war mir egal. Es war wieder eine Gelegenheit, mit französisch sprechenden Mitarbeitern meine Sprachkenntnisse zu erweitern.

Jetzt im Nachhinein, da ich seit vielen Jahren zeitweise in Frankreich lebe, bin ich sehr froh, dieses Auslandsjahr durchgestanden zu haben. Es hat mir, obwohl ich 25 Jahre lang nicht mehr viele Gelegenheiten hatte, die französische Sprache weiter zu üben, doch sehr geholfen. Ich war selbst erstaunt, wie viel in meinem Gedächtnis plötzlich wieder auftauchte.

Das war jetzt ein kleiner Abstecher in die Vergangenheit, aber es hat eine gewisse Rolle in unserer neuen Verbindung gespielt, dass ich die Schweiz schon ein bisschen kannte. In den 4 Jahren unserer Bekanntschaft bin ich dann viel zwischen München und Zürich hin und her gefahren und Freddy war einmal 3 Monate auch in München, wo er bei Siemens einen Kurzaufenthalt, der für sein Studium wichtig war, absolvierte. Natürlich konnten wir bei dieser Gelegenheit auch unsere Freundschaft vertiefen. Diese Zeit der ständigen Trennung war zwar recht spannend, aber am Ende war ich dann doch entschlossen, mein geliebtes München zu verlassen und zu Freddy nach Basel zu ziehen.

Durch Ferienaufenthalte in St. Moritz, wo Freddy viele Jahre auch weiterhin Lagerleiter spielte, hatte ich auch Freddy's Schwester Eva kennengelernt. So hatte ich doch schon eine weitere Verbindung zu Basel, der Heimatstadt von Freddy, nur seine Mutter war nicht allzu begeistert von meiner Anwesenheit. Sie hat mich am Anfang ihren Freunden mit den Worten vorgestellt: "Das ist die Frau, die mir meinen Sohn wegnimmt". Das war nicht gerade die Begrüssung, die ich mir gewünscht hatte. Aber einige Jahre später hat meine Schwiegermutter dann wieder all ihren Freunden erzählt "ich hätte mir keine bessere Schwiegertochter wünschen können".

So ist das halt manchmal im Leben, man muss kleine Rückschläge auch verdauen können. Meine Mutter hat immer gesagt "was mich nicht umwirft, das macht mich stark" oder noch deftiger, im bayrischen Sinne, "ein guter hält es aus und um einen schlechten ist es nicht schade". Offenbar habe ich es gut überstanden und viele glückliche Jahre in Basel verbracht. Im Hause meiner Schwiegermutter, die eine sehr hübsche stadtbekannte Boutique besass, waren immer viele Freunde versammelt. So hatte ich das grosse Glück, gleich in einen Freundeskreis mit einbezogen zu werden und gar keine Zeit für Heimweh zu haben. Es hat dann aber doch noch 3 Jahre gedauert, bis wir endlich, nach 7 Jahren Bekanntschaft, geheiratet haben. Unserer langjährigen Ehe hat diese Probezeit jedenfalls nicht geschadet. Freddy hat kurz nach unserer Heirat mal zu mir gesagt "wenn ich gewusst hätte, wie schön das ist, dann hätte ich schon viel früher geheiratet".


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