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BLOG vom 26.02.2016


1866 war ein wichtiges Jahr für die Schweizer Juden

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH


Im Januar 1866 wurde mit dem Handelsvertrag mit Frankreich, durchgesetzt vom damaligen Bundesrat Emil Welti, ein bedeutendes Kapitel Schweizer Judengeschichte insofern abgeschlossen, als der Aargauer Konflikt von 1862, der zur Abberufung des Grossen Rates geführt hatte, im Sinn der Einbürgerung der Juden beigelegt wurde. Diskriminierungen, wie sie gemäss Verfassung von 1848 immer noch möglich waren, mussten aufgrund von ausländischem Druck aufgehoben werden. Dabei gibt es um die Geschichte immer noch beträchtliche Missverständnisse.

 

Bei der Werbung um einen vor einiger Zeit gesendeten Fernsehdokumentarfilm SRF über die Juden im Surbtal wurden zum Teil gravierende Ungenauigkeiten verbreitet, zum Beispiel: „Bis im Jahre 1866 durften sich Schweizer Juden nur in Endingen und Lengnau niederlassen. Sie führten ein ärmliches Leben als Händler und Hausierer, die auferlegten Gewerbeverbote liessen keinen sozialen Aufstieg zu.“ Das ist in dieser Form falsch.

1866 ging es um die in der Bundesverfassung von 1848 noch nicht garantierten vollen Bürgerrechte der Juden, konkret im Surbtal um die ihnen 1862 (Grossratsabberufung) noch verweigerte Einbürgerung. Dies hing u.a. mit dem Christen vorbehaltenen Ortsbürgerrecht (u.a. „Bürgerchnebel“) zusammen. Die Einbürgerung ohne Sonderregelung hätte in Endingen und Lengnau noch 1862 eine teilweise Enteignung der christlichen Bevölkerung mit sich bringen können. Zumindest wurde es in der „Botschaft“ so gesehen. Besonders wegen dem Ausmessen eines jüdischen Gemeindebannes durch Aarauer Geometer gab es Unruhen. U.a. wehrte sich ein einheimischer Endinger, Jakob Blum, genannt Garibaldi, für die Interessen der christlichen „Urbevölkerung“. Später einigte man sich auf separate Ortsbürgergemeinden für die Juden: Neu-Lengnau und Neu-Endingen.

Die Surbtaler Juden, oft recht gut gebildet, waren im Vergleich zu den Christen in Endingen und Lengnau keineswegs eine proletarische ärmliche Unterschicht, sondern formierten den damaligen Mittelstand. Politisch standen sie den Badener und Aarauer Freisinnigen nahe. Alt-Nationalrat Dr. Andreas Müller hat in seinem Buch zur Wirtschaftsgeschichte von Lengnau gezeigt, dass wegen ihres Wohlstands der Auszug der Juden aus Endingen und Lengnau nach 1866 zu Konkursen und Verarmungen in den beiden Gemeinden führte. Selbstverständlich gab es auch vor 1866 fast in der ganzen Schweiz Juden, nicht bloss in Endingen und Lengnau.

Die jüdische Besiedlung von Endingen und Lengnau vor 1798 (Napoleon brachte bereits eine Judenemanzipation, die nur teilweise rückgängig gemacht werden konnte) repräsentierte kein gesamtschweizerisches Judengetto. Es hing mit den Herrschaftsverhältnissen in den gemeinen Herrschaften der Grafschaft Baden zusammen, wo ab 1712 Zürich, Bern und Glarus das Sagen hatten. Trotz der antijüdischen Schikanen gab es aber sowohl im Surbtal wie auch in den Schweizer Städten, erst recht in der Westschweiz, auch vergleichsweise wohlhabende Juden, die den christlichen Antisemitismus dann freilich erst recht zu spüren bekamen. Was die Juden im Surbtal betrifft, so spielte u.a. die Nähe zum Messeflecken Zurzach im 17. und 18. Jahrhundert eine Rolle. Entlang des Rheins gab es in Basel, Rheinfelden, Schaffhausen, Gailingen, Wangen (Höri), Konstanz usw. ein mehr oder weniger stattliches jüdisches Leben. Vor Phasen der Schikanierung und Verfolgung waren die Israeliten freilich nie sicher.

Die Verhältnisse im Surbtal waren bei weitem komplizierter, als sie in der Filmwerbung dargestellt werden. Es gab bei uns ein Nacheinander von eher friedlichem Zusammenleben mit Phasen von Konflikten und Verfolgungen, so der schlimme Stecklikrieg von 1802, auf den der Lengnauer Schriftsteller Karl Kloter in seinem Buch „Restbestände“ zu sprechen kommt. Eine bekannte Rolle spielte in den 1860-er Jahren die damals in Klingnau erscheinende „Botschaft“ des Politikers und Journalisten Johann Nepomuk Schleuniger, die vor allem 1862 auf die judenfeindliche Pauke haute. Es ging um die Veränderung der Mehrheitsverhältnisse im Kantonsparlament, auch Volksmitsprache in dieser Frage. Die Zeitung hat sich in Sachen Antisemitismus bald wieder gemässigt. Nach 1866 und vor allem auch zur Zeit des Nationalsozialismus findet man in der „Botschaft“ keine Judenpolemik mehr. (Ausgenommen sind dabei freilich noch gewisse Nachklänge in der Zeit des Kulturkampfes um 1870.)

Wie die sozialen Verhältnisse zur Zeit der Judenemanzipation um 1866  wirklich waren, kann man mit Gewinn im Buch von Andreas Müller: „Franz Jakob Müller – Eine kleine Wirtschaftsgeschichte von Lengnau 1848 – 1890“ nachlesen, erhältlich im Dorfmuseum Lengnau. Es zeigt sehr gut die sozialen Unterschiede der damaligen Zeit, aber auch, dass die Juden von Lengnau in der damaligen Zeit für einen noch recht bescheidenen Wohlstand im Surbtal massgeblich waren. In dem Ausmass, da sie das Tal verliessen, erfolgte eine Verarmung, wovon u.a. auch die Vorfahren von Andreas Müller betroffen waren. Selber habe ich in meinem Buch über den letzten Geräderten der Schweiz, Franz Desgouttes )“Mord, Philosophie und die Liebe der Männer“) die Hungersnot im Jahre 1817 dargestellt. Eine nicht kleine Rolle spielten damals jüdische Geldverleiher, und in Langenthal zum Beispiel gehörte eine Vieh- und Pferdehändler namens Weil klar zu den Reichen, die nicht hungern mussten. Es gab also in den wirtschaftlich entwickelten Gebieten der Schweiz durchaus Juden, die aber, von der Zeit Napoleons abgesehen, in den bürgerlichen Rechten den in der Schweiz lebenden Christen in den meisten Kantonen nicht gleichgestellt waren. Bei der Gleichstellung der Juden 1866 spielte der Handelsvertrag mit Frankreich eine Rolle, und bei dessen Durchsetzung war der epochale Zurzacher Staatsmann Bundesrat Dr. Emil Welti (1825 – 1899) der starke Mann. Immerhin hat das Schweizer Volk seinen Kurs in einer Abstimmung bestätigt.

 
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