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BLOG vom 06.04.2016


Die Entzauberung der Welt

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Ich benutze diese Metapher von Max Weber nicht nur hinsichtlich der Magie, die er in religionshistorischer Entwicklung als  „zurückgedrängt“ ansieht, sondern will sie auch auf andere Bereiche beziehen.

Ich blättere in einem kleinen Prospekt für Gruppenreisen, die von der „taz“ veranstaltet werden. Die Reisen führen in europäische, nahöstliche, afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Länder. Einige der Reiseziele kenne ich aus eigener Erfahrung, in einzelnen war ich nicht nur als Tourist, sondern habe dort gearbeitet oder mich sonst wie betätigt, andere interessieren mich weniger.

Mir geht es nicht anders als viele Menschen, die nicht wenige Länder der Erde bereist haben. Welches Land, welche Kultur, welche Sehenswürdigkeiten, welche Naturschönheiten „reizen“ mich noch?

Ich schaue mir gern Reportagen über ferne Länder im Fernsehen an. Sie führen zu fremden, fast unbekannten Volksstämmen und ihrer Lebensweise, zu Naturlandschaften mit ihren wilden Tieren und Pflanzen, in ferne Städte und zu einzelnen Bewohnern dieser Städte, zu Menschen, die sich einer bestimmten Aufgabe gewidmet haben, sei es kulturell oder in der Natur.

Ich lese Berichte und Bücher über andere Lebensauffassungen, Denkweisen, Rituale, Nöten und Ängste der Menschen mit Kriegserfahrungen und Leid. Und ich frage mich: sollte ich selbst dorthin reisen, um mir eine eigene Meinung darüber bilden?

Viele Macher von Reisereportagen nutzen Kanäle, die ihnen die Möglichkeiten eröffnen, besondere Interviews mit Fachleuten und Spezialisten zu führen oder ganz besondere Aufnahmen der Lebensweise von Tieren und Menschen zu machen, die mir vermutlich verwehrt wären. Sie ermöglichen Einblicke, die ein reisender Tourist so nie machen könnte, weil ihm sowohl die Verbindungen als auch die (filmische) Ausstattung und Erfahrung dafür fehlt.

Ausserdem sind die gefilmten Situationen und Gegebenheiten immer auch sehr individuell. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst Einheimische feststellen, dass sie ihr eigenes Land nicht „(wieder-) erkennen“, wenn sie die Reportagen sehen.

Wenn ich mir beispielsweise eine Dokumentation über Bangalore ansehe, einer indischen Stadt, in der ich selbst 4 Monate gelebt und gearbeitet habe, erkenne ich zwar das eine oder andere Gebäude, die eine oder andere Strasse wieder, aber das meiste, was gezeigt wird, ist aus einer Sicht und Auffassung heraus berichtet, die mir oft völlig fremd ist. Dabei bin ich oft durch die Stadt gezogen, habe viel beobachtet, mit Menschen aller Schichten und Kasten gesprochen, über Probleme diskutiert und darüber in meinen Blogs berichtet. Ebenso ergeht es mir bei Filmen und Reportagen über die indischen Bundesstaaten Rajasthan, Kerala und Goa, und nicht nur über Indien und Sri Lanka, sondern auch über andere Länder wie die Ukraine, die Niederlande, die Schweiz, Groß-Britannien, in denen ich auch über längere Zeit gelebt oder die ich öfters besucht habe.

Und so stellt sich mir die Frage, und ich denke, ich bin nicht der Einzige: welches Land, welche Reise könnte mich noch bezaubern? Bei jeder Reise kann ich etwas Neues entdecken, aber bei jeder Reise nehme ich mich selbst auch mit. Damit meine ich meine Interessen, meine Vorlieben, meine Auffassungen (und auch mögliche Vorurteile), meine Abneigungen gegen besondere Verhaltensweisen, fremde Nahrungsgewohnheiten, meine Ekelschwelle, meine Ängste und meine Kritik mit auf die Reise. Ich meine von mir selbst sagen zu können, dass ich für vieles „offen“ bin, ich lasse die Dinge auf mich zukommen, beurteile sie nicht sofort, sondern frage mich, warum sie so sind. Aber ganz freisprechen und ganz unabhängig von meiner Enkulturation in Europa bin ich nicht und kann ich nicht sein. Jeder sieht die Welt aus seiner eigenen Sichtweise und die hat sich im Laufe des Lebens gebildet und oft auch unveränderlich gefestigt. Wir alle haben unsere Normen verinnerlicht und diese bilden die Grundlage unserer Lebensauffassung und -weise.

Meine Faszination gilt vor allem den ganz fremden Kulturen mit anderen Religionen und anderen Lebensauffassungen als die in Deutschland. Was machen sie aus? Nicht nur die natürliche Umgebung, die Bauwerke, die Geschichte des Landes, die Lebensformen, sondern auch die andere Denkweise. Und ich stelle fest, dass ich sie zwar wahrnehmen kann, aber niemals begreifen. Alles dies gehört zum Leben der Menschen, sie sind dadurch geformt und geprägt, so wie ich mit meiner Lebensweise in einem europäischen Land.

Was macht denn „den Zauber“ aus? Die Website wiktionary.org zeigt 3 Bedeutungen des Wortes auf:

[1] übernatürliche Wirkung, magische Manipulation, die nicht den Naturgesetzen unterliegt; unerklärlicher Vorgang
[2] Reiz, Faszination
[3] Unsinn

Was ebenso interessant ist, sind die weiteren Synonyme zum Begriff „Zauber“:
[1] Magie, Wunder
[2] Anziehungskraft, Aura, Ausstrahlung, Charisma, Charme, Strahlkraft, Strahlung, Wirkung

Die Bedeutungen, die ich dem Begriff und den Synonymen in Bezug auf das Reisen zuordne, stehen jeweils unter [2].

Der Reiz für eine fremde Kultur lässt nach einigen Besuchen in diesem Kulturkreis nach. Ich habe viel davon gesehen, viel darüber gelesen, Reportagen und Nachrichten gesehen. Mit einigen Aspekten war ich einverstanden, mit anderen nicht oder nur teilweise.
Ich sehe immer noch den Charme der Länder, aber die Strahlkraft, die Faszination hat nachgelassen. Nicht die Welt ist „entzaubert“, nur bestimmte Sichtweisen auf Teile dieser Welt.

Es gibt noch einige Länder in dieser Welt, die einen Besuch Wert sind, für die ich mich besonders interessiert habe, die in mir Fragen geweckt haben, deren Antworten ich suchen möchte.
Äthiopien ist so ein Land. Während meiner Studienzeit habe ich mich im Fach Politik/Geschichte damit länger beschäftigt, habe den Weg von einer Monarchie zu einer Militärdiktatur beobachtet und darüber eine Examensarbeit verfasst.
Vanuata ist so ein Inselstaat, in dem sich so viele verschiedene Sprachformen entwickelt haben.
Thailand ist so ein Land, in dem so viele Ehen zwischen  einheimischen Frauen und europäischen, vor allem auch deutschen, Männern geschlossen werden, weil die Thailänderinnen aus ihrer Armut herauskommen wollen.

Diese Länder werfen bei mir Fragen zu Sachgebieten auf, mit denen ich mich beschäftigt habe. Ein Besuch könnte reizvoll und faszinierend sein und vielleicht meine Fragen beantworten. Ob der Besuch dann auch zur „Entzauberung“ beitragen wird?

 


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