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BLOG vom 29.03.2005


Immer im Frühjahr, wenn der Putzwahn ausbricht

Autor: Heinz Scholz

Immer, wenn nach einem langen Winter die ersten warmen Sonnenstrahlen die Menschen euphorisch stimmen, packt unsere Nachbarin ihre Putzsachen zusammen, schwingt freudig erregt auf dem Balkon ihren Putzlappen und reinigt wie eine Wilde die Fenster. Nun weiss ich mit sicherem Gespür, der Frühlingsanfang ist nicht mehr weit. Ähnliche Aktivitäten beobachte ich regelmässig in ganz Schopfheim D, wo ich wohne.

Warum sind besonders Frauen von einer solchen Putzlust befallen? Männer entdecken oft auch die Putzlust, aber nur bei ihrem Auto, das sie dann auf Vordermann bringen. Autoren der „Badischen Zeitung“, die in der Ausgabe vom 26. März 2005 die Lust am Putzen beleuchteten, mutmassten, es könnten die Hormone sein oder die „Sehnsucht nach Licht und der Drang zur Erneuerung“. Es gibt jedoch auch eine ganz banale Erklärung: Durch die Lichteinstrahlung sieht man auf den Fenstern jede Menge Schlieren, und die müssen jetzt weg.

Aber nicht nur Fenster werden geputzt. Auch die Wohnung, die Balkone, Terrassen oder Gartenwege erfahren eine Generalreinigung. Da blinkt und blitzt es bald, dass es eine wahre Freude ist, auf diesen Wegen und Flächen zu laufen.

Der Kölner Psychotherapeut Gerhild von Müller meint, der Zustand einer Wohnung sage auch über den inneren Zustand seines Besitzers einiges aus: „Wenn wir die Umgebung neu ordnen, ordnen wir auch unser Seelenleben neu.“ Wer die Wohnung entrümpelt, wirft seinen inneren Ballast ab. So die Erklärung des Psychologen. Da ich in den letzten Tagen einen Schrank mit Büchern, Schriften und andere Dinge entrümpelt habe, kam mir jetzt in den Sinn, dass ich dabei auch mein Seelenleben geordnet habe. Dies ist natürlich Unsinn. Ich hatte nämlich die Aufräumaktion lange auf die Bank geschoben, überwand nun meinen „inneren Schweinehund“ und fing an, einiges zu ordnen. Ich hätte diese Aktion auch im Winter durchführen können.

Es gibt jedoch Menschen, die von einer krankhaften Putzsucht befallen sind. Dazu ein Beispiel: Vor Jahren waren wir einmal bei einer Tante zu Besuch. Wir wandelten auf ihren frisch geputzten Fliesen ins Wohnzimmer, wo alles blitzblank gewienert war. Kaum sassen wir auf dem Sofa, kam der „Putzteufel“ – meine Tante – mit einem Wischmopp herangebraust und wischte den von unseren Füssen entweihten Boden nass auf. Wir mussten die Beine anheben, damit sie auch das letzte Staubkorn entfernen konnte. Von anderen Verwandten hörte ich, dass sie bei Besuchen von ihr „fast weggewischt“ wurden.

Als sie einmal in unserer früheren Wohnung in Biberach an der Riss – damals arbeitete ich noch bei der Firma Thomae – zu Besuch war, inspizierte sie unsere Wohnung mit Argusaugen. Sie schien mit der Sauberkeit zufrieden zu sein. Dann musterte sie sämtliche Vorhänge. Plötzlich rief sie aus: „Da ist ja eine Motte“, sprang auf und fing diese ein.

Wer noch nicht richtig putzen kann, dem seien Seminare und Vorträge von Katharina Zaugg, Völkerkundlerin aus Basel, ans Herz gelegt (Infos unter www.mitenand-putzen.ch). Da kann jedermann lernen, wie man lustvoll putzt, wie „beseelter Glanz“ entsteht und wie man als Frau seinen Mann dazu bringt, zu putzen. Da kommt Freude auf (vielleicht nur bei der Frau, da jetzt ja der Mann putzt). Nach diesen Seminaren und Vorträgen wird jeder mit Lust putzen und den Frust vergessen. Aber die rührige Frau bietet noch mehr an. In den Kursen erfährt der Teilnehmer alles über ökologische Putzmittel. Es werden Bewegungsübungen gelehrt, damit sich der Putzende nicht überanstrengt und müde in die Arme des Partners sinkt oder wie erschlagen auf dem Sofa dahindöst.

Auch Männer können putzen, wie die Internetplattform www.frag-mutti.de beweist. Es ist ein Nachschlagewerk (nicht nur) für Junggesellen. Wer diese Infos liest, der braucht nicht mehr bei Mutti nachzufragen, wie und mit was man putzt. So rät ein Putzer beispielsweise bei starken Ablagerungen im Klo den Einsatz von Cola und Essig-Essenz. Er bekam diesen Tipp von seinem Opa, der 50 Toiletten im Haus hat (keine Angst, er sammelt keine Toiletten, sondern ist Hotelbesitzer). Beate, eine Internetnutzerin, meinte dazu: „Hört sich interessant an! Dann stelle man sich vor, dass viele dieses Zeug (Cola) trinken!“

Nicole Hüvelmeyer empfiehlt im Internet Apfelsinenschalen zur Badreinigung, und „BellaLu“ reinigt Spiegel mit einer angeschnittenen rohen Kartoffel (anschliessend erfolgt das Trockenreiben mit einem Tuch oder einer alten Tageszeitung). (Unter der angegebenen Internetadresse findet man übrigens 1527 Tipps und 10 428 Kommentare in 82 Kategorien).

Professor Franz Dieter Daschner, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Uniklinik Freiburg, meinte zum Frühjahrsputz Folgendes: „Der Frühjahrsputz ist für mich eine mystische hygienische Handlung, die auf nichts anderem beruht, als auf grossmütterlicher Tradition.“ Er ist überzeugt, dass dies nur mit den weiblichen Hormonen zu tun hat, denn er hat noch nie Männer gesehen, die „im Frühjahr derart zu putzen anfangen“. Er rät den Frauen, nicht gleich mit „chemischen Haushaltskeulen“ zu reinigen, denn die verursachen Allergien und belasten die Umwelt. Es gibt ja genügend Alternativen.

Nun müssen wir unsere Frauen nur überzeugen, dass Putzen Freude macht. Wenn das uns Männern nicht gelingt, dann schicken wir sie zu einem Kurs oder helfen mit beim schwungvollen Frühjahrsputz.

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