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BLOG vom 22.06.2016


Johanniskraut: Wundkraut mit antidepressiver Wirkung

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Nahaufnahme der Johanniskrautblüte
 

Warum ich gerade jetzt über das Johanniskraut schreibe, liegt auf der Hand. Erstens blüht diese Pflanze mit den schönen gelben Blüten im Juni und zweitens ist der 24. Juni ein besonderer Tag, der Johannistag (Fest des Johannes des Täufers). An diesem Tag soll nach dem Volksglauben das gesammelte Johanniskraut eine besondere Heilkraft haben.

Im Feldberggebiet und im Wiesental stecke man getrocknetes Johanniskraut in Kopfkissen, um Krankheiten abzuwehren. Johanniskräuter, also Kräuter, die um Johanni blühen, werden auch Dundermaie, Dundernägeli, Blitzblueme genannt. Diese Kräuter wurden unters Dach oder an die Fenster gesteckt. Dadurch sollten Haus und Hof vor Blitzschlag geschützt werden. In Oberösterreich pflückte man das Kraut am 24. Juni vor Sonnenaufgang oder in der Mittagsstunde, trocknete es zwischen 2 Brotschnitten und verfütterte es dem Vieh gegen allerlei Krankheiten. Auf der Ostseeinsel Fehmarn diente das Kraut als „Smökels“ (Räucherwerk) gegen Zahnweh, Gicht oder Rheuma.
Das Johanniskraut spielte auch bei der Teufelsabwehr eine Rolle. Die folgenden Beispiele sollen auf diesen Brauch hinweisen.

Wütend durchstach er das Kraut
Vom Volk besonders verehrt wurde das Johanniskraut. Dem Teufel waren diese Verehrung und die Heilkraft ein Dorn im Auge. Er wollte die Pflanze zerstören. Er durchstach die Blätter mit einer feinen Nadel und glaubte, die Pflanze würde verdorren. Aber sie hatte einen solchen starken Überlebenswillen, dass sie weiterwuchs. Nach einer anderen Sage verfolgte Satan ein Mädchen, das sich ihm verschrieben hatte. In ihrer Not erblickte sie eine „Hartna“ (Volksname für das Johanniskraut) und setzte sich darauf. Der Teufel schrie erzürnt: „Hartna, du verfluchtes Kraut, du hast mir entführt meine Braut.“ Er geriet in furchtbare Wut und rächte sich an der Pflanze, indem er die Blätter mit einer Nadel durchstach.

Im Volk hiess die Pflanze „Hexenkraut“ oder „Teufelskraut“. Die Namen weisen darauf hin, dass das Johanniskraut bei der Teufels- oder Dämonenaustreibung Verwendung fand.

Seltene Gabe
Im Badischen erzählte einst eine Tochter ihrer Mutter, sie habe von der Patin gelernt, wie man Mäuse und Gewitter macht. Die Mutter war über diese Gabe nicht erfreut. Zum Glück wusste sie ein Gegenmittel. Sie nähte heimlich ihrer Tochter Dost und Johanniskraut in die Kleider. Als das Mädchen zur Patin schlich, erwartete sie schon der Teufel, um sie zu holen. Als der Teufel jedoch die Pflanzen roch, schrie er wild auf und sagte voller Zorn:
„Dosten und Johanniskraut,
verführen mir meine Braut!“

Der Teufel fuhr von dannen. Von nun an hatte er keine Gewalt mehr über das Mädchen.

 


Johanniskraut
 

Johanniskraut im Kräuterbüschel
An Maria Himmelfahrt (15. August) flechten Frauen in verschiedenen Gegenden von Baden-Württemberg farbenprächtige Kräuterbüschel. Die Kräuterbüschel oder Kräuterbuschel bestehen aus Johanniskraut, Tausendguldenkraut, Wermut, Schafgarbe, Kamille, Fuchskreuzkraut, Pfefferminze, Meisterwurz, Holunder, Königskerze, Salbei, Baldrian, Rittersporn und farbenprächtige Gartenblumen.
Die Büschel werden in der Kirche geweiht, und die schönsten von einer Jury prämiert. Nach der Weihe kommen Teile des Büschels unters Kruzifix, in den Stall oder auf den Dachboden. Haus und Hof sind dann vor Blitzschlag geschützt. Tiere bekommen bestimmte Heilpflanzen ins Futter. Einzelne geweihte Heilpflanzen des Büschels nutzt auch der Mensch als Medizin.
Der Tag Maria Himmelfahrt und die damit verbundene Kräuterweihe wurde übrigens 813 in Deutschland eingeführt.

Helle und dunkle Punkte
Hält man die Blätter des Echten Johanniskrauts gegen das Licht, dann erscheinen viele helle Punkte. Es sind Ölzellen, die die Blätter perforiert aussehen lassen. Daneben weisen die Blätter, die Blütenblätter und der Stängel dunkle Farbflecke aus. Es sind einzelne Zellen oder kleine Zellgruppen, die den Hauptwirkstoff des Krautes, das Hypericin, in solcher Konzentration enthalten, dass sie schwarz erscheinen. Zerreibt man die Blätter oder Blütenblätter zwischen den Fingern, dann werden diese dunkelrot. Deshalb nannte man den roten fluoreszierenden Farbstoff volkstümlich Johannisblut, Christi Kreuzblut, Herrgottsblut oder auch St.-Johannis-Blut.

Was Paracelsus empfahl
„Es ist nicht möglich, dass es eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird“, schrieb Paracelsus Rühmliches über das Johanniskraut. Die zur Familie der Hartheugewächse zählende Pflanze empfahl er auch bei „tollen Phantasien“ und bei Würmern. Paracelsus war jedoch nicht der erste, der von diesem Gewächs begeistert war. Schon die klassischen Ärzte Griechenlands und Roms kannten das Johanniskraut und verwendeten es als „Wundkraut“ bei inneren Eiterungen und bei Lungenerkrankungen. Die Heilkundigen des Mittelalters rühmten die Wirkung der Pflanze auf Geschwüre, Nieren, Herz und Leber. Sebastian Kneipp empfahl das Johanniskrautöl gegen Leibschmerzen. Erst der Regensburger Arzt Weinmann zog die Pflanze im 18. Jahrhundert zur Nervenstärkung heran.

Antidepressive Wirkung
Das Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) entfaltet auch eine antidepressive Wirkung. Verantwortlich für diesen Effekt ist der rote, lichtwirksame Farbstoff Hypericin.
Bei depressiven Störungen wird eine höhere Dosierung empfohlen. Fertigarzneimittel eignen sich auch für die Umstellung von synthetischen Antidepressiva auf Johanniskrautpräparate. Vorteil: Johanniskrautauszüge machen nicht abhängig und nicht süchtig.
Weitere Inhaltsstoffe sind Pseudohypericin, Flavonoide und das antibiotisch wirksame Hyperforin.

Innerliche und äusserliche Anwendung
Innerliche Anwendung (Tee, Tropfen, Pflanzensaft, Dragees, Ampullen): Psychovegetative Störungen, depressive Verstimmungszustände, Angst, nervöse Unruhe und bei depressiven Störungen.
Kombinationsmittel: Dragees mit Johanniskraut und Hopfendrüsen bei nervöser Unruhe und Einschlafschwierigkeiten.

Äusserliche Anwendung (Johanniskrautöl): Wunden, Quetschungen, Geschwüre, rheumatische Beschwerden, Neuralgien.

Johanniskrautöl, Arnika, Rosmarin bei Rückenschmerzen: Warme Auflagen mit Johanniskraut, Heilerde, Kartoffelbrei; körperwarme Auflagen mit Senf oder Zwiebeln. Temperaturansteigende Vollbäder mit Rosmarinextrakt, Einreiben mit Arnikatinktur oder Propolissalbe.

Teebereitung: 1 – 2 TL Johanniskraut mit 150 ml kochendem Wasser übergiessen, nach 10 Minuten abseihen; morgens und abends 1 – 2 Tassen trinken.
Frank Hiepe empfiehlt  bei nervösen Störungen die folgende Mischung: Je 20 g Johanniskraut, Baldrianwurzel, Passionsblume, Melissenblätter, Pfefferminzblätter.

Gibt es Nebenwirkungen?
Johanniskraut zeigt eine lichtsensibilisierende Wirkung. Dieser Effekt wurde hauptsächlich bei Tieren beobachtet. Es wird deshalb besonders empfindlichen Personen (Rotblonde, Blonde) nahegelegt, nach Aufnahme von Johanniskraut eine starke Sonnenbestrahlung zu meiden. Vereinzelt zeigten sich sonnenbrandähnliche Hautreizungen.
In höherer Dosierung können Präparate mit Johanniskraut Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingehen. Fragen Sie dann Ihren Arzt oder Apotheker.

Bewährte Hausmittel
Herstellung von Johanniskrautöl: Frische oder einige Tage an der Luft getrocknete Johanniskrautblüten in eine weithalsige Flasche mit Schraubverschluss (z.B. Milchflasche) füllen, mit kaltgepresstem Sonnenblumenöl übergiessen. Die verschlossene Flasche an einen sonnigen Ort stellen. Je nach Sonneneinstrahlung bleibt die Flasche 3 bis 6 Wochen stehen. Das rubinrote Öl über ein sauberes Leinentuch filtrieren, in Flaschen abfüllen und dunkel lagern (Haltbarkeit ca. 1 Jahr). Das Öl wird pur oder als Salbengrundlage verwendet.

Anwendungen: Es eignet sich als Einreibemittel bei Neuralgien, Rheuma, Nierenbeschwerden (Öl in der Nierengegend einreiben!), Sonnenbrand, Geschwüren, Quetschungen.

Einschlafstörungen: Marlene Müller aus Ibach-Unteribach („Haus Tannenhof“) verwendet Johanniskrautöl bei Kindern, die nicht einschlafen können. Sie reibt eine kleine Menge des Öls auf den Fusssohlen und im Nacken ein (die Nackenmassage erfolgt im Uhrzeigersinn).

Gegen Stress: Auch für Manager oder sonstige Gestresste hat die Expertin Müller ein wirksames Mittel zur Beruhigung der Nerven parat: Eine Einreibung des ganzen Rückgrates mit Johanniskrautöl.

Ölkompresse: Die Schweizer Wickelexpertin Maya Thüler empfiehlt eine Ölkompresse mit Johanniskrautöl bei Musekelverspannungen und Neuralgien. Es wird eine sanfte Durchwärmung und eine Schmerzlinderung erzielt. Man kann die Kompresse mehrere Stunden oder über Nacht einwirken lassen.

Literatur
Hiepe, Frank: „Achtung Pflanze: Johanniskraut“, Badische Zeitung (www.badische-zeitung.de).
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2013.
Scholz, Heinz: „Johanniskraut gegen Depressionen“, „Kosmos“ 07/1980.
Thüler, Maya:  „Wohltuende Wickel“,  Maya Thüler Verlag, 11. Auflage 2013.

 


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