Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     20. Juni 2018, 09:31 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 
BLOGs nach Datum sortiert Alle BLOGS zum Zurückblättern
BLOG vom 16.07.2016


Verbrauchertäuschung: 0,5 % Huhn in der Fertigsuppe

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 

In der SWR/SR-Fernsehsendung „Marktcheck checkt…“ vom 12.07.2016 wurde  aufgedeckt, wie der Verbraucher von der Lebensmittelindustrie getäuscht wird. In einem Text auf einem Marktplatz in einer Stadt wurden Verbraucher gefragt, wie viel Huhn in einer Fertigsuppe steckt. Die meisten waren der Meinung, da wäre ein hoher Gehalt drin. Als sie dann erfuhren, dass nur 0,5 % Trockenhuhn in der Packung ist, waren alle erstaunt. Als ein Manager des betreffenden Herstellers gefragt wurde, warum das so sei, antwortete er, das ist ausreichend. „Wenn Sie ein Huhn in der Brühe kochen und dann herausnehmen ist auch  nicht mehr drin“, sagte er gut gelaunt (was soll er als Firmenangehöriger anderes sagen!). Die findigen Hersteller zaubern jedoch Geschmack in die Fertigsuppe, indem sie das Produkt mit Aromen und Geschmacksverstärker bzw. Hefeextrakt aufpäppeln.
Auf jeden Fall soll der Verbraucher in Zukunft bewusster einkaufen und auf solche „Gaumen-Illusionen“ nicht mehr hereinfallen.

Schon in meinem  im Verlag Textatelier.com 2005 publizierten Buch „Richtig gut einkaufen“ (Die moderne Lebensmittelkunde für den Alltag) wies ich auf die Erfahrungen einer Ernährungsberaterin von einer Verbraucherzentrale hin. Während einer Schulung mit Interessierten in einem Supermarkt griff sie ins Joghurtregal und förderte einen Kirschjoghurt zu Tage. „Dieser Joghurt hat nie eine Kirsche gesehen, da ist nur Kirscharoma drin“, bemerkte die Fachfrau. Es gibt jedoch auch Joghurts, die Kirschen enthalten, aber zusätzlich auch Aroma und Farbstoffe. Denn sonst würde der „geschmacksgeile“ Verbraucher, der hier hinters Licht geführt wird, die Produkte nicht kaufen. Der Verkaufsleiter einer deutsch-schweizerischen Früchteverarbeitungs-Firma in Konstanz erklärte sogar: „Wenn da kein Aroma hineinkommt, dann schmeckt das wie eingeschlafene Füsse.“ Hat der Mann eine Ahnung. Es gibt nämlich ausgezeichnete Bio-Joghurts, die nur Früchte und keine Aromastoffe enthalten.

Es gibt Produkte, die so geworben werden: „Mit natürlichen Zutaten, ohne künstliche Aromen, ohne Geschmacksverstärker, ohne Konservierungsstoffe“. Aber Vorsicht, oft ist Hefeextrakt drin, der auch auf  die Geschmacksknospen einwirkt.

Natürliche Aromastoffe werden oft nicht aus der Frucht gewonnen, sondern mittels Schimmelpilz- und Bakterienkulturen produziert. Wer auch die natürlichen Aromen nicht will, kann sich Joghurt selbst bereiten oder einen Naturjoghurt kaufen und Früchte selbst hineinmischen. Da weiss man, was man hat.

9000 Produkte mit irreführenden Angaben
Es gibt ein Internetportal (www.lebensmittelklarheit.de) bei dem der Verbraucher irreführende Produktaufmachungen beanstanden kann. In der Vergangenheit gab es Fruchtbonbons ohne Frucht oder Holundertee ohne eine einzige Blüte des Strauches. Bis 2010 konnte eine Kalbsbleberwurst ohne Anteil an Kalbfleisch verkauft werden (heute ist mindestens 50 % Kalb vorgeschrieben). Solche irreführende Werbung wurde inzwischen verbannt. Aber es gibt jedoch noch genügend Täuschungen. Innert 5 Jahren haben Kunden rund 9000 Produkte mit irreführender Verpackung oder nicht richtigen Inhaltsangaben der Lebensmittelklarheit gemeldet.

Klaus Müller, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV) meldete, dass inzwischen Hersteller reagiert haben und irreführend angeprangerte Produkte veränderten. Müller räumt jedoch ein, dass Vieles in der rechtlichen Grauzone liegt. Es ist ein Unding, wenn zum Beispiel Chips mit „feinen Kräutern“ angeboten werden und nur Salz, Zucker und Hefeextrakt drin ist. Der Gipfel der Unverschämtheit ist ein „ungesüsster“ Capuccino mit 46,6 % Zucker (bedingt durch die Verwendung von Süssmolkenpulver). Der Hersteller meinte, er könne das so deklarieren, weil er ja keinen zusätzlichen Kristallzucker verwendet hat.

Heute melden wöchentlich Verbraucher 13 neue Produkte, die irreführend aufgemacht sind.  So werden beispielsweise Produkte aus der Region angeboten, obwohl die Zutaten ganz wo anders herkommen. So bot eine Freudenstädter Firma ihren Honig mit „Grüsse aus dem Schwarzwald“ an. Laut Inhaltsangabe stammte die Honigmischung aus EU-Ländern.

Weitere Täuschungen: Joghurt Vanille, nur Aroma drin, aber keine echte Vanille.
Getränk mit exotischem Erdbeergeschmack, kein Erdbeersaft, nur Aroma.
Deutscher Käse aus Kuhmilch im griechischen Design.
Honig-Walnuss-Joghurt mit nur 1 % Honig und 0,6 % Walnuss.

Manche Firmen haben ihre Aussagen geändert, z. B. enthielt ein Couscous-Salat mit Bulgur keinen Couscous, die neue Bezeichnung: Bulgursalat mit Kichererbsen.
Bio-Früchte-Joghurt Vanille enthielt gar keine Früchte, heisst jetzt Bio-Vanille-Joghurt.
Beispiel einer geänderten Verpackung: Der Verbraucher erfährt nun auf der Vorderseite der Verpackung, dass die Rindswurst auch Schweinefleisch enthält.

Weitere Täuschungen und Änderungen sind unter www.lebensmittelklarheit.de nachzulesen. Hier werden die Produkte namentlich genannt.

Müller fordert, dass die wichtigsten Angaben auf der Produktvorderseite zu finden sein sollen. Auch müssten die Aussagen klar und deutlich und fernab von Täuschungen sein.

Bis Ende 2018 darf das durch Bundeszuschüsse finanzierte Inernetportal weiter machen. Hoffentlich sind dann alle Unklarheiten und Falschaussagen beseitigt.
Dies dürfte jedoch ein frommer Wunsch von mir sein.

Internet
www.lebensmittelklarheit.de
www.badische-Zeitung.de

 

Literatur
Mulke, Wolfgang: ‚Ungesüsster’ Cappuccino mit 50 Prozent Zucker“, „Badische Zeitung“ vom 14.07.2016.
Scholz, Heinz: „Richtig gut einkaufen“, Verlag Textatelier.com, Biberstein 2005.

 


*
*    *

Ihre Meinung dazu?

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier