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BLOG vom 06.10.2016


Prächtiger Fliegenpilz: Giftig nicht nur für Fliegen

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 


Fliegenpilz
 

Das Kinderlied von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben „Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm…“ haben wir früher ab und zu gesungen. Das 1843 verfasste Lied war für uns kein Rätsel, sondern wir wussten, dass der Aut0r den Fliegenpilz gemeint hat.
Der Musikwissenschaftler Hans-Josef Irmen ist der Ansicht, es könnte sich um die Hagebutte oder auch um den Fliegenpilz handeln.

Hans-Josef Irmen:  „Tatsächlich wächst die Hagebutte nicht im Wald allein, sondern zumindest am Waldesrand, ‚am Rain‘, und ihre Früchte stehen zahlreich beisammen. Hoffmann weist dem Ratenden in der ersten Strophe einen falschen Weg, jedermann denkt zuerst an den Fliegenpilz. Erst wenn als weiteres Indiz der zweiten Strophe das ‚schwarze Käppelein‘ bekannt wird, ist klar, dass es sich um die Hagebutte handelt. Der Widerspruch zwischen beiden Strophen lässt darauf schließen, dass der Dichter inkompatible Vorlagen zu vereinigen suchte.“
 
Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist auch ein Glückssymbol und Symbol für Wohlergehen und Erfolg. Gut kann ich mich noch an Aufnahmen von Fliegenpilzen auf Postkarten, Gratulationskarten und in bebilderten Märchenbüchern erinnern. Auch als Werbeträger musste der Pilz herhalten. Die Firma Waldner baute in den 1950er Jahren 50 Kioske in Fliegenpilzform, die ursprünglich zum Verkauf von Milchprodukten gedacht waren und auch exportiert wurden. Heute existieren laut Wikipedia noch einige Exemplare, die unter Denkmalschutz stehen.

Der Fliegenpilz ist bei den Schamanen, Zauberern und Heilkundigen eine bekannte Zauberpflanze.

Der Name wird mit der Fliege oder der Kröte verbunden. So sind u.a. folgende Namen gebräuchlich: Fliegenpilz, Mückenschwamm, Mückenpfeffer, Fliegenschwamm, Fliegenteufel, Sunneschirmche, bunte Poggenstool, Narrenschwamm, Krötenstuhl. Die Verbindung mit Fliegen erklärt sich aus der insektiziden Wirkung, bei der Krötenbezeichnung könnte die Ähnlichkeit der getrockneten  Pilzhaut mit der Krötenhaut eine Rolle spielen.

Der Fliegenpilz wurde früher als Insektizid zur Bekämpfung von Fliegen verwendet. Landwirte legten Fliegenpilzstücke, die mit Wasser oder Milch erwärmt oder gemixt wurden, auf einen Teller. Verantwortlich für die schwache insektizide Wirkung sind die Inhaltsstoffe Ibotensäure und Muscimol. Diese Stoffe kommen hauptsächlich in der Huthaut des Pilzes vor.

In manchen Gegenden (Hamburg) wurde nach Entfernung der Huthaut der Pilz auch verzehrt. In Teilen Japans gilt er als Spezialität.
Beim Verzehr können Unverträglichkeiten oder Vergiftungssymptome auftreten. Da diese auch bei einer speziellen Vorbehandlung nicht ausgeschlossen werden können, ist vom Genuss abzuraten.
Vergiftungserscheinungen äussern sich  in Schwäche, Schwindel, Rauschzuständen.
„Der Arzt wird Gegenmassnahmen treffen und der Patient sich bald wieder wohl fühlen. Ist kein Arzt zu erreichen, sollte das Erbrechen des Mageninhaltes durch lauwarmes Salzwasser (1-2 Esslöffel Salz auf ¼ Liter Wasser) gefördert werden“, schreibt die Pilzexpertin Rose Marie Dähncke.

Auf unserer Wanderwoche im Pfälzerwald vom  24.09. bis 01.10.2016 sahen wir an einem Wegesrand 2 wunderschöne Fliegenpilze (s. Foto). Ich nannte sie „Mutter und ihr Kind“. Die leuchtend roten Hüte waren mit weissen Pusteln besetzt. Es war für uns alle ein herrlicher Anblick, zumal wir schon lange keine Fliegenpilze mehr gesehen hatten.
Ein Glück, dass dieses Pärchen nicht von Banausen zerstört wurde. Auf früheren Wanderungen sah ich manchmal Pilze, die zerstört am Boden lagen.

Anhang: Sprüche über Pilze, Fliegenabwehr und eine Sängerin

Einige Sprüche über Pilze:

„Alle Pilze sind essbar: Manchmal sogar öfter.“

„Früher haben wir vor jedem Essen gebetet, heute nur noch, wenn es Pilze gibt.“

Frage: „Wie lässt sich das Einladen und Gegeneinladen beenden?“
Antwort: „Einmal Pilze!“
(Aus der ehemaligen Ärztezeitschrift „Selecta“)

Die letzten Worte des Pilzessers: „Die Art hatte ich noch nicht.“
Zum Glück gab es beim Verzehr von Fliegenpilzen noch keine Todesfälle.

Böse Überraschung bei der Fliegenabwehr
Eine Nachbarin wollte keinen Fliegenpilz zerstören und für die Fliegenabwehr verwenden. Sie hatte ein anderes Mittel, nämlich Nelkenöl.  Hier die wahre Geschichte: Immer, wenn die Stechmücken ihr Unwesen trieben, rieb sich die Frau mit einer Lotion ein, die Nelkenöl enthielt. Als eine Bekannte dieser Frau davon hörte, wollte sie dieses Mittel auch anwenden. Sie rieb sich mit dem selbst zusammengemixten „Hausmittel“ kräftig ein, setzte sich auf dem Balkon und wollte sich ungestört sonnen. Aber oh je: Ein Schnakenschwarm flog Attacken auf die arme Frau, die wild um sich schlagend ins Haus flüchtete. Sie warf das Hausmittel in den Kehrichteimer. Als unsere Nachbarin nach der Wirkung dieser Komposition fragte, bekam sie eine nicht gerade freundliche Antwort. „Bei mir hat das Mittel geholfen. Sie müssen etwas falsch gemacht haben“, meinte die „Erfinderin“ der Lotion. Bald klärte sich auf, warum das Mittel nicht wirkte. Die Nachahmerin hatte nämlich nur den 10. Teil der empfohlenen Menge Nelkenöl in die Lotion gemischt. Die zu geringe Dosierung hatte also den gegenteiligen Effekt bewirkt. Mir ist nicht bekannt, ob die Frau einen erneuten Versuch gewagt hat. Vielleicht sollte sie in Zukunft Fliegenpilzextrakt oder ein anderes Insektizid auf einen Teller geben. Dann könnte sie ungestört auf ihrem Balkon sich sonnen.

Angriff der Plagegeister
Ein Bad Säckinger lauschte gebannt der famosen Sängerin Montserrat Cabale auf der Insel Mainau. Plötzlich begann die Spanierin um sich zu schlagen und fing an zu lächeln. Der Grund dieser ungewöhnlichen Aktion war ein Schnakenschwarm, der auf die Sängerin niederging und sie aus ihren Sangeskünsten riss.
Kommentar des Bad Säckingers: „Sonst kommen die Biester immer zu mir. Jetzt haben sie ein neues Opfer erwischt. Die arme Montserrat!“

Internet
https://de.wikipedia.org/wiki/Fliegenpilz
www.natur-lexikon.com
www.bing.com

Literatur
Dähncke, Rose Marie: „200 Pilze“, AT Verlag, Aarau/Schweiz 1994.
Rätsch, Christian: „Lexikon der Zauberpflanzen“, Adeva Verlag, Graz 1988.

 


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